Wir Tiere – Justin Torres

Das Autorenbild von Justin Torres erinnert entfernt an Clemens Meyer, zumindest die tätowierten Arme. Der 1980 geborene Autor gilt als einer der interessantesten Stimmen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Er hat einen kunterbunten Lebenslauf und nicht nur als Lehrer für kreatives Schreiben gearbeitet, sondern auch als Landarbeiter, Hundeausführer und Buchhändler. “Wir Tiere” ist ein schmaler, aber eindrücklicher Debütroman, der weltweit begeisterte Kritiken erhalten hat. Peter Torberg hat den Roman ins Deutsche übertragen.

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“Wir waren sechs schnappende Hände, sechs trampelnde Füße; wir waren Brüder, Jungs, drei kleine Könige im Kampf um mehr.”

“Wir Tiere” ist ein schmales Büchlein; auf gerade einmal 170 Seiten erzählt Justin Torres die Geschichte von drei Brüdern. Der namenlose Erzähler wächst gemeinsam mit seinen beiden Brüdern Manny und Joel auf. Ihre Eltern – der Vater ist Puerto Ricaner, die Mutter weiß – sind selbst noch Kinder, als sie schon eigene Kinder bekommen. Niemand hatte ihnen gesagt, dass dies passieren könnte. Sie wurden ins Leben der Erwachsenen gestoßen, als sie selbst noch lange nicht erwachsen waren. Die drei Brüder bewegen sich durch eine Kindheit, die weit ab der Norm liegt – es ist eine ungewöhnliche Kindheit, die geprägt ist von Armut und Gewalt, doch die drei wissen sich zu helfen: aus Müllsacken basteln sie Drachen; mit einem Gummihammer hauen sie auf eine Tomate ein. Paps und Ma schreien sich manchmal an, dann verstecken die drei sich – manchmal lieben sich die Eltern auch, dann schauen die Kinder leicht befremdet weg.

“Aber es gab auch Zeiten, ruhige Augenblicke, wenn unsere Mutter schlief, nachdem sie zwei Tage lang nicht geschlafen hatte und jedes Geräusch, jede knarzende Treppenstufe, jedes Türklappern, jedes unterdrückte Lachen, jede Stimme sie vielleicht aufschreckte, kristallklare Vormittage, wenn wir sie, diesen verwirrten Vogel von einer Frau, beschützen wollten, diese stolpernde Schwärmerin mit ihren Rückenschmerzen, ihrem Kopfweh und ihrer ganzen müden, müden Art, dieses entwurzelte Geschöpf aus Brooklyn, sie, die Tacheles mit einem redete, immer voller Tränen, wenn sie uns sagte, sie würde uns lieben, ihre verworrene Liebe, ihre bedürftige Liebe, ihre Wärme […].”

Das Haus der Familie pulsiert, trotz der widrigen Umstände ist die gegenseitige Wärme und Liebe spürbar. Doch neben all der Liebe füreinander, existiert auch eine dunkle Seite: die Eltern enttäuschen und verletzen sich gegenseitig, aber auch ihre Kinder. Mal verschwindet der Vater für mehrere Wochen, mal flüchtet die Mutter gemeinsam mit ihren drei Söhnen. Und doch: die Familie bleibt miteinander verbunden, als gäbe es irgendwo zwischen ihnen ein unsichtbares Band, das alle immer wieder zusammenführt. Gegen alle Enttäuschungen, gegen alle erlittenen Verletzungen.

“Wir schauten zu; sie sahen einander in die Augen, neckten und lachten; ihre Worte waren warm und weich, und wir schmiegten uns an die Sanftheit ihrer Unterhaltung. Wir alle waren zusammen im Bad, in diesem Augenblick, und nichts war falsch. Meine Brüder und ich waren sauber und satt und hatten keine Angst vor dem Großwerden.”

Die schrecklichste Szene des Romans ist ein Moment, in dem der Vater seinem Sohn das Schwimmen beibringen will und ihn in schwärzester Nacht im tiefen Wasser zurücklässt. Er lässt den Erzähler los und schwimmt davon. Ich habe selten zuvor etwas gelesen, das mich so intensiv berührt hat, wie dieser grausame Moment. In Szenen wie dieser zeigt Justin Torres vor allem auch literarisch, warum er zu den interessantesten Stimmen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur gehört.

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“Wir schlugen immer weiter; wir durften sein, was wir waren, verängstigt, rachsüchtig – kleine Tiere, die sich an das krallten, was brauchten.”

Die drei Brüder – Manny, Joel und der namenlose Erzähler – sind eine Einheit, die in all dem Ungewissen, in dem sie aufwachsen, zusammenhält. Doch irgendwann wird das, was vorher eng gewesen war, auseinander gerissen. Es ist der Erzähler, der aus dem Gespann ausbricht – während seine älteren Brüder Gefahr laufen, von der Schule geworfen zu werden, ist der Erzähler ein wissbegieriger Schüler, der gerne lernt und Interesse an vielem hat. Er bricht aus seiner Familie aus, weil er einen Hang zur Sprache entwickelt – er führt Tagebuch, etwas, worauf seine Brüder angewidert und neidisch reagieren, aber irgendwie sind sie auch ein bisschen stolz. Diese Entwicklung des Erzählers scheint den Roman zu spalten und förmlich in zwei Teile zu teilen. Zuvor las sich “Wir Tiere” wie ein Coming of Age Roman über drei Brüder, die unter widrigen Umständen aufwachsen. Später scheint der Roman immer mehr zu einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte von Justin Torres zu werden.

“Wir Tiere” ist ein wilder Roman. Justin Torres erzählt die intensive Geschichte einer Familie in all ihren Facetten: er erzählt von Liebe, Enttäuschungen und Verletzungen und davon, was passieren kann, wenn einer aus dem familiären Gefüge ausbricht. Ich habe “Wir Tiere” als einen zutiefst autobiographischen Roman gelesen; je autobiographischer er wurde, desto wilder und ungezügelter las sich auch der Text. Ich habe das Gefühl, mit Justin Torres eine außergewöhnliche literarische Stimme entdeckt zu haben und bin gespannt darauf, was wir von ihm in den nächsten Jahren noch lesen werden.

10 Comments

  • Reply
    wildgans
    January 3, 2014 at 10:04 pm

    Wie geht wildes, ungezügeltes Lesen? Ich stelle es mir vor, vielleicht mit Hin- und Her-Rennen im Raum, flattrigen Umblätterhänden, roten Backen – und so. ?

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      January 4, 2014 at 2:16 pm

      Wie wildes, ungezügeltes Lesen geht? Da schlägt das Herz plötzlich schneller, manchmal muss man wieder zurückblättern, weil die Angst da ist, den Faden verloren zu haben … na, wild und rasant eben! 🙂

  • Reply
    (Die Sonntagsleserin) KW #01 – Januar 2014 | Bücherphilosophin.
    January 5, 2014 at 7:01 am

    […] Roman, der eine “außergewöhnliche, literarische Stimme” erkennen lässt und bei buzzaldrins Bücher erfährst Du […]

  • Reply
    Wörterdieb
    January 13, 2014 at 5:49 pm

    Den Zitaten entnehme ich, dass Sie die deutsche Fassung gelesen haben. Wer hat sie übersetzt? Wo ist das Buch erschienen? Die üblichen bibliographischen Angaben, bitte!
    So viel Zeit darf, nein, MUSS sein.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      January 15, 2014 at 1:03 pm

      Das Buch wurde von Peter Torberg übersetzt, dies habe ich auch in meinen einleitenden Worten angemerkt – dennoch danke für den Hinweis und die Erinnerung an die bibliographischen Angaben. In meiner Begeisterung vergesse ich dies immer mal wieder. 🙂

  • Reply
    masuko13
    January 31, 2014 at 8:10 am

    Liebe Mara, danke für deine großartige Besprechung. Seit Anfang Januar hat sie mich nicht losgelassen. Und nun, vier Wochen später, habe ich “Wir Tiere” gerade ausgelesen, dieses wilde wütende Buch. Bin begeistert. Danke dir!!!
    Masuko

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 1, 2014 at 8:27 am

      Liebe Masuko,

      ich freue mich so sehr darüber, dass auch dir das Buch gefallen hat! 🙂 Wild und wütend ist es auf jeden Fall und ich bin schon gespannt, was wir von diesem Autor in Zukunft noch erwarten dürfen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    birtheslesezeit
    February 1, 2014 at 8:48 am

    Dieses Buch muss ich mir unbedingt merken – Danke für diese aussagekräftige Rezension! :-). LG

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 1, 2014 at 8:53 am

      Gerne, mich hat die Lektüre wirklich sehr beeindruckt und ich würde dem Autor und seinem Buch gerne so viele Leser und Leserinnen wie möglich wünschen. 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 2, 2014 at 8:50 am

      Gerne, ich wünsche dir viel Spaß bei der Lektüre, falls du es lesen solltest! 🙂

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