Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – D.T. Max

Am 12. September 2008 hat sich der Schriftsteller David Foster Wallace das Leben genommen, er erhängte sich in seiner Garage, nachdem er jahrelang mit schweren Depressionen gekämpft hatte. Seinen Büchern gemein ist eine überbordende Phantasie und eine alles durchdringende Traurigkeit. D.T. Max legt, sechs Jahre später, eine Biographie vor, die versucht alles nach zu erzählen: angefangen von einer scheinbar glücklichen Kindheit, bis hin zu den dunkelsten Stunden eines schwerkranken Mannes.

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Jede Geschichte hat einen Anfang, und so fing die Geschichte von David Wallace an: Er wurde am 21. Februar 1962 in Ithaca, New York geboren.

D.T. Max ist Absolvent der Harvard University, Stipendiat der Guggenheim Foundation und schreibt regelmäßig für den New Yorker. D.T. Max hat David Foster Wallace nie kennengelernt, er hat ihn nur ein einziges Mal auf einer Verlagsparty getroffen. Da es keine eigenen Erinnerungen gibt, auf die er zurückgreifen kann, greift er auf die Erinnerungen von Freunden und Familienangehörigen zurück, in diesem Sinne ist die vorliegende Biographie weniger ein Werk eines einzelnen Autors, als eine Form des kollektiven Gedächtnisses, in das Erinnerungen zahlreicher Begleiter und Weggefährten von David Foster Wallace eingeflossen sind. Für diese Biographie hat sich D.T. Max auf eine komplexe Suche begeben, auf die Suche nach dem wahren David Foster Wallace: dabei hat er nicht nur in den Texten dieses vielschichtigen Autors gesucht, sondern auch in dessen Kindheit und in dessen Beziehungen.

Flüssig und mitreißend erzählt D.T. Max vom Leben dieses außergewöhnlichen Schriftstellers, der in einem behüteten Elternhaus aufwächst, in dem ihm jedoch viele Freiheiten gewährt werden. Erst spät in seinem Leben beginnt Wallace damit, seine Kindheit zu hinterfragen und nimmt dabei besonders seine Mutter in den Blick. Die Schwierigkeiten, die Jahre später schließlich zu seinem Selbstmord führen, beginnen bereits, als David Foster Wallace ein Teenager ist und seinen ersten Zusammenbruch erlebt. Von diesem Moment an schwankt er immer wieder zwischen Genialität, er wird beispielsweise als bester Student bezeichnet, den die Universität Amherst je gehabt hat und Momenten der absoluten Zerstörung und Verzweiflung. Der glücklichen Kindheit steht das Leben eines jungen Mannes gegenüber, das geprägt ist von Zusammenbrüchen.

Seine Qualen, schrieb er, strömten aus verschiedenen Quellen, von der Angst vor dem Ruhm bis zur Angst vor dem Scheitern. Hinter den gewöhnlichen Ängsten lauerte die Angst, gewöhnlich zu sein.

Aus einem notorischen Kiffer wird ein schwerkranker Alkoholiker, aber auch diese Sucht überwindet David Foster Wallace – nur diese alles überwältigende Traurigkeit, die kann er sein ganzes Leben lang nie wirklich abschütteln. Das Leben von David Foster Wallace ist auch geprägt von Beziehungen, die er immer wieder nach kurzer Zeit beendet. Es wäre zu leicht, all dies auf seine Kindheit zurückzuführen, die glücklich erscheint und doch geprägt gewesen ist, von den unterschiedlichen Persönlichkeiten seiner Eltern. Doch die Wurzeln der immensen Traurigkeit, wurden sicherlich damals schon gelegt und konnten nie mehr gekappt oder aus der Erde gerissen werden. Von all dem erzählt D.T. Max auf eine Art und Weise, dass man glaubt, einen Roman zu lesen: mitreißend und unterhaltsam. Doch unter dieser Oberfläche lauert eine beständige Traurigkeit, der man sich beim Lesen immer bewusst ist.

Ein Mittel, das in dieser Biographie immer wieder gewählt wird, ist das des Briefes: D.T. Max zitiert aus zahlreichen Briefen, die David Foster Wallace an Freunde und Bekannte geschrieben hat. Besonders eindrücklich ist mir ein Brief im Gedächtnis geblieben, den er an seinen Freund Jonathan Franzen schrieb:

Ich kann nur sagen, dass ich das vielleicht vor zwei, drei Jahren für Dich war und vielleicht in 16 Monaten oder zwei oder 5 oder 10 Jahren wieder sein kann, aber im Moment bin ich ein kläglicher und sehr verwirrter junger Mann, mit 28 ein gescheiterter Schriftsteller, der so eifersüchtig ist, so scheußlich neidisch auf Dich […], dass ich die Selbsttötung als logische – wenn auch im Moment nicht wünschenswerte – Lösung des ganzen jämmerlichen Problems betrachte.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte, das hervorragend von Eva Kemper ins Deutsche übertragen wurde, ist ein wahres Leseerlebnis, denn es ist nicht nur eine Annäherung an den Menschen David Foster Wallace sondern auch an seine Texte. Leicht beschämt muss ich an dieser Stelle gestehen, dass ich – bis auf Das ist Wasser – noch nichts von Wallace gelesen habe. All denen, denen es genauso geht wie mir, kann ich diese Biographie nur ans Herz legen, denn sie macht Lust darauf, dieses vielschichtige Werk, das David Foster Wallace hinterlassen hat, zu erkunden. Die Seiten der Biographie sind dicht befüllt mit zahlreichen Verweisen und Informationen, die das Buch jedoch an keiner Stelle zu einer zähen oder langatmigen Lektüre machen.

Seligkeit – eine jede einzelne Sekunde erfüllende Wonne und Dankbarkeit über das Geschenk, am Leben zu sein und Bewusstsein zu haben – ist das Gegenteil der niederschmetternden Langeweile.

Der Titel der Biographie fängt die Essenz des Lebens von David Foster Wallace perfekt ein: die Biographie ist eine Liebesgeschichte, denn sie erzählt von einer unbändigen Liebe zur Sprache, zu Worten, zur Literatur und zum Schreiben. Gleichzeitig ist sie jedoch auch eine düstere Geistergeschichte, die von dunklen Stunden und einem schwarzen Loch mit Zähnen erzählt. Vielleicht ist genau das auch die Essenz, die ich aus dieser Lektüre mitnehme: das Leben kann häufig aus beidem bestehen, aus Liebe und aus Geistern. Man sollte das Geschenk am Leben zu sein solange genießen, wie man kann, denn manchmal lauern die Geister schon im Hintergrund.

21 Comments

  • Reply
    Bri
    December 12, 2014 at 12:37 pm

    Das hört sich sehr verlockend an … da muss ich doch tatsächlich wieder etwas auf meine Liste packen … Danke für die tolle Rezension!

    • Reply
      Mara
      December 15, 2014 at 2:02 pm

      Liebe Bri,

      unbedingt! 🙂 Ich weiß nicht, ob du schon mal etwas von David Foster Wallace gelesen hast, für mich war diese Biographie eine perfekte Möglichkeit der Annäherung an einen sehr spannenden Schriftsteller. Mal schauen, wann ich mich nun an “Unendlicher Spaß” wagen werde.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Bri
        December 15, 2014 at 9:25 pm

        Ich habe bisher “Der Besen im System” gelesen und das war sehr witzig, schräg, Ideenreich, aber auch ein bißchen viel auf einmal. Ich finde die Person sehr interessant … deshalb absolut auf der Must – Read – Liste gelandet. Liebe Grüße, Bri

        • Reply
          Mara
          December 17, 2014 at 11:16 am

          Liebe Bri,

          dann bin ich schon sehr gespannt darauf, wie dir die Biographie gefallen wird – du wirst auf jeden Fall einiges über diese spannende Person erfahren.

          Liebe Grüße
          Mara

          • Bri
            December 17, 2014 at 11:23 pm

            ich muss aber erst mal meine Stapel abarbeiten … mehr Lesezeit, das wär schön ;)))
            LG, Bri

          • Mara
            December 21, 2014 at 3:11 pm

            Oh ja, kann man darauf irgendwo einen Antrag stellen? 😉

          • Bri
            December 21, 2014 at 8:22 pm

            Vielleicht beim … ähem, Weihnachtsmann ;))) Ich glaube, man / frau muss sich einfach die Zeit nehmen … Herzliche Grüße, Bri

  • Reply
    J. Kienbaum
    December 12, 2014 at 2:00 pm

    Liebe Mara,
    danke für Deine Eindrücke zur Biographie. Du warst es ja, die mich überhaupt erst auf das Buch gestoßen hat.
    Meine Lektüre liegt gewissermaßen in den letzten Zügen, ich habe die letzten 10-20 Seiten angebrochen… DFW war eine Persönlichkeit mit vielen Häuten und Gesichtern, platt gesagt, ein schwieriger Mensch; Max wird ihm (soweit ich das beurteilen kann) durchaus gerecht.
    An einigen Stellen habe ich aber auch meine Schwierigkeiten mit dem Buch; es ist mir manchmal zu sehr der angelsächsich-journalistischen Tradition verhaftet, unterm Strich aber kann auch ich nur eine Empfehlung aussprechen. Mehr dazu in einigen Tagen in meinem Blogartikel, wenn nichts dazwischen kommt. Du warst einfach schneller.
    lg_jochen

    • Reply
      Mara
      December 15, 2014 at 2:00 pm

      Lieber Jochen,

      dann warte ich mit großer Vorfreude und Spannung auf deine Besprechung dieser Biographie. 🙂 Ich wusste vor der Lektüre des Buches kaum etwas über David Foster Wallace und hatte ja auch nur “Das ist Wasser” gelesen – da war dieses Buch eine großartige Annäherung an diesen spannenden Autor, den ich wohl immer noch nicht so ganz durchdrungen habe.
      Als spannend habe ich auch die Tatsache empfunden, dass Wallace zu seinen Lebzeiten zwar bereits Achtungserfolge gefeiert hat, aber auch immer wieder von Selbstzweifeln geplagt gewesen ist. In meiner Wahrnehmung ist er erst nach seinem Selbstmord präsent gewesen und ich war dem Eindruck erlegen, er sei ein großer Schriftsteller. In gewisser Hinsicht ist er das auch sicherlich, doch er selbst ist vor seinem Tod ja nie frei von Selbstzweifeln und Versagensängsten gewesen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    julesiswriting
    December 12, 2014 at 2:21 pm

    Ein wundervoller Tip! So gut wie gekauft… Stürmische Grüße, Julia

    • Reply
      Mara
      December 15, 2014 at 1:54 pm

      Liebe Julia,

      deine stürmischen Grüße erinnern mich daran, dass auch ich letzte Woche Angst hatte, mir könnte das Buch aus der Hand geweht werden … 😉 Ich freue mich sehr, dass ich dich neugierig machen konnte und wünsche dir ganz viel Lesefreude mit dieser Biographie.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    dj7o9
    December 13, 2014 at 2:26 pm

    Tolle Rezension und ich bekomme sofort Lust das Buch auf meine Wunschliste zu packen. Habe auch noch nichts von ihm gelesen, streiche bislang noch furchtsam um seine dicken schwierigen Bücher herum, aber irgendwann wird das was – und warum nicht mit dieser Biographie beginnen ? 🙂

    • Reply
      Mara
      December 15, 2014 at 1:52 pm

      Mir geht es da ja ganz ähnlich wie dir – “Unendlicher Spaß” steht hier seit Jahren im Regal, bisher aber noch ungelesen, irgendwie traue ich mich nicht heran. Die Biographie war da eine erste Annäherung an die literarische Welt von David Foster Wallace und wer weiß, ich hoffe, ich werde nun demnächst auch mal einen Blick in seine umfangreicheren Werke werfen …

  • Reply
    Frank O. Rudkoffsky
    December 13, 2014 at 7:08 pm

    Das Buch hatte ich – obwohl großer Wallace-Fan – gar nicht auf dem Schirm, danke für den Tipp! Obwohl das jetzt nach billiger Eigenwerbung klingt: Tatsächlich rein zufällig habe ich heute ein Interview mit Wallace-Übersetzer Blumenbach über seine Arbeit an “Unendlicher Spaß” und “Der bleiche König” gepostet. Es lohnt sich übrigens, sich insbesondere an ersteres zu wagen; aller Anstrengung zum Trotz (und ich meine nicht nur, aber auch das Gewicht des Buches…) haben mich nur wenige Bücher in meinem Leben stärker bereichert!

    • Reply
      Mara
      December 15, 2014 at 1:49 pm

      Hallo Frank,

      erst einmal: herzlichen Willkommen auf meinem Blog! Wie schön, dass ich dich doch noch auf ein Buch aufmerksam machen konnte, das dir ansonsten vielleicht entgangen wäre. Ich habe das nun schon häufiger gehört und finde es schade, dass an vielen diese Biographie ein bisschen “vorbeigegangen” ist.
      Billige Eigenwerbung sieht übrigens ganz anders aus, ich freue mich über deinen Hinweis und werfe gleich gerne mal einen Blick in das Interview. Vielleicht wandert “Unendlicher Spaß” nun doch noch in den Koffer mit der Urlaubslektüre.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Frank O. Rudkoffsky
        December 16, 2014 at 8:21 am

        Guten Morgen, Mara – das Buch ist schon auf dem Weg zu meinem Gabentisch!

        Auch, wenn du für den Roman eigentlich einen eigenen Koffer und einen sehr langen Urlaub (eine einsame Insel wäre wohl nicht verkehrt) bräuchtest, solltest du dich einmal heranwagen. Ich gebe zu, dass er manchmal etwas schwierig ist und es durchaus Stellen gibt, an denen man kämpfen muss; trotzdem ist er eine wahre Schatzkiste voll skurriler und berührender Figuren und ein Sammelsurium an Geschichten, die an manche Stellen das lustigste, an manchen aber auch das traurigste sind, was ich je gelesen habe. Allein das machte es die Mühe für mich wert. Zudem hat es meinen Sprachkosmos ungemein erweitert.

        Was das Verständnis des Romans deutlich erleichtert, ist das leider vergriffene Zusatzbüchlein, dass Blumenbach damals herausgebracht hat. Darin schreiben Weggefährten, u.a. sein bester Freund Jonathan Franzen (mit einem bewegenden Nachruf), aber auch Autorenkollegen wie Dave Eggers über das Buch. Klingt nach wissenschaftlicher Sekundärliteratur, ist aber tatsächlich ungemein lesenswert, wenn man sich für Wallace interessiert. Vielleicht gibt es das kurze Buch ja irgendwo gebraucht, ich hab es auch aus zweiter Hand gekauft.

        Liebe Grüße
        Frank

        • Reply
          Mara
          December 17, 2014 at 11:15 am

          Hallo Frank,

          ich verbringe fast zwei Wochen auf einer Insel, da scheint der “Unendliche Spaß” auf jeden Fall die geeignete Lektüre zu sein, ich werde es auf jeden Fall schon mal auf den Tisch der Bücher legen, die mit in den Urlaub kommen sollen. Schade, dass es das Zusatzbüchlein nur noch gebraucht zu kaufen gibt, ich halte auf jeden Fall mal die Augen danach offen – vor allem der Nachruf von Jonathan Franzen interessiert mich sehr. Vielleicht schaffe ich es, dass Bücherlein noch vor dem Urlaub zu erwerben.

          Dir danke ich auf jeden Fall sehr darauf, dass du mich so neugierig gemacht hast auf den “Unendlichen Spaß”, mal schauen, ob mein Spaß an dieser Lektüre auch unendlich ist. Und wie schön, dass die Biographie schon auf dem Weg zu dir ist.

          Liebe Grüße
          Mara

  • Reply
    Maren Wulf
    December 13, 2014 at 9:01 pm

    Und ab auf die Leseliste – feine Rezension, Mara!

    • Reply
      Mara
      December 15, 2014 at 1:43 pm

      Danke dir, wie schön, dass ich dich neugierig machen konnte! 🙂

  • Reply
    Wörterrätsel mit David Foster Wallace | Schöner Schein
    March 26, 2017 at 5:33 pm

    […] „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ – Eine Rezension von Mara Giese auf ihrem schönen Literaturblog Buzzaldrins Bücher […]

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