The pink and blue project – JeongMee Yoon

The pink and blue project ist ein Bildband, der aus einem Fotoprojekt der südkoreanischen Künstlerin JeongMee Yoon hervorgegangen ist. JeongMee Yoon fotografierte für ihr Buch Kinder in ihren Kinderzimmern – um die Kinder herum sind ihre Spielsachen angerichtet und wie stark sich die Fotos der Mädchen und Jungen unterscheiden ist faszinierend, skurril, erschütternd.

Die Idee für das Pink and Blue Project bekam JeongMee Yoon durch ihre eigene damals fünf Jahre alte Tochter, die sich irgendwann nur noch für die Farbe pink begeistern konnte. Sie liebte die Farbe so sehr, dass sie nur noch pinke Kleidung trug und ausschließlich pinke Gegenstände besitzen wollte. JeongMee Yoon fand damals heraus, dass die Leidenschaft ihrer Tochter von vielen anderen Mädchen geteilt wird – doch woher kommt eigentlich diese Prägung? Liegt die Präferenz für eine Farbe in unseren Genen? In der kulturellen Prägung? Oder ensteht sie durch die Erziehung? Eine große Rolle sielt sicherlich auch Werbung und Marketing: es gibt immer mehr gegenderte Produkte: die pinke Version ist für Mädchen, die blaue für die Jungen.

Interessanterweise war das nicht immer so: einst wurde die Farbe pink mit Maskulinität assoziiert. 1914 gab die amerikanische Zeitung Sunday Sentinel Müttern noch den Rat, pink für Jungs zu verwenden und blau für Mädchen – wenn man den Konventionen folgen wollte. Dass die Farbe pink eher Mädchen zugeschrieben wird, änderte sich erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und kippte zu Beginn des 21. Jahrhunderts dann in das komplette Gegenteil.

Ergänzt wird der Bildband durch zwei kurze Essays, die Hintergrundinformationen zu den Bildern bieten. JeongMee Yoon analysiert, dass uns Geschlechterrollen heutzutage weitgehend diktiert werden – von Werbung, gegendertem Marketing und dem Produktangebot. Kindern wird schon sehr früh beigebracht, welches Geschlecht sie angeblich haben und was sie mögen müssen, um diesen Geschlechtssterotypen zu entsprechen. Aus meiner Arbeit als Buchhändler kann ich ihre Thesen nur bestätigen: fast täglich werde ich nach Mädchen- und Jungenbüchern gefragt. Erst kürzlich erklärte mir ein kleines Kind, dass sie das Buch nicht von mir eingepackt haben möchte, weil wir kein Mädchenpapier haben. Als ich fragte, was Mädchenpapier sei, erklärte sie, dass auf Mädchenpapier unbedingt entweder Einhörner oder Prinzessinnen sein müssen. Mein Eindruck ist, dass es immer mehr Menschen schwer fällt zu sagen, was ihren Kindern eigentlich wirklich gefällt – stattdessen soll es einfach ein Buch für Mädchen sein oder eben für Jungen. Als wäre das Interesse an bestimmten Inhalten genetisch bedingt oder geschlechtsabhängig.

Wenn ich darüber spreche oder schreibe, denke ich immer, dass diese Erkenntnisse doch eigentlich relativ offensichtlich sein müssten – aber ich glaube, dass es zahlreiche Menschen gibt, die überzeugt davon sind, dass es sich hier tatsächlich um so etwas wie eine genetische Präferenz handelt. Eltern bekommen deshalb manchmal Angst, wenn ihre Tochter ein Buch über Bagger lesen möchte oder dem Sohn das pinke T-Shirt am besten gefällt. Ich wünsche mir mehr Eltern, die den Mut haben, sich diesem erdrückenden Gendermarketing nicht zu beugen und ihren Kindern den Freiraum lassen, um selbst herauszufinden, was sie mögen und präferieren.

Interessanterweise ist mit der Farbe auch immer ein gewisser Inhalt verknüpft: pinke Bücher drehen sich häufig um die Themen Mode, Schmuck, Styling – während blaue Bücher sich mit wissenschaftlichen Themen beschäftigen. Ich finde es erstaunlich, absurd, schockierend, wie viele Eltern und Kinder, sich ihren Geschmack und ihre Interessen von Firmen diktieren lassen – und ich weiß nicht, ob Projekte wie das von JeongMee Yoon es schaffen können, daran etwas zu ändern. Aber ich hoffe, dass die Fotos die Kraft haben, Perspektiven aufzubrechen und Konventionen in Frage zu stellen.

The pink and blue project ist letztes Jahr im Hatje Cantz Verlag erschienen, das Fotoprojekt ist auf der Website der Künstlerin zudem komplett dokumentiert. Wer sich gerne darüber hinaus mit Gendermarketing für Kinder beschäftigen möchte, dem empfehle ich die Rosa-Hellblau-Falle: es gibt sie auch auf Facebook, auf Twitter. Ebenfalls empfehlenswert ist Pinkstinks.

JeongMee Yoon: The pink and blue project. Hatje Cantz Verlag, 2018. 176 Seiten, 40€.

 

 

3 Comments

  • Reply
    Helma
    February 9, 2019 at 8:02 am

    Ich finde die Bilder richtig, richtig unheimlich. Sowohl die Mädchen- als auch die Jungsbilder. Diese Beschränkung auf zwei Farben…puh.

    • Reply
      Linus
      February 13, 2019 at 12:35 pm

      Ich finds in dem Ausmaß auch ziemlich gruselig – vielleicht ist das auch mein einziges kleines Problem mit diesem Buch, dass man bei den Fotos irgendwie automatisch sagt: das kann doch nicht sein, das muss doch gestellt sein – einfach, weil es so übertrieben erscheint.

  • Reply
    josara01
    February 15, 2019 at 1:13 pm

    Ich unterrichte an einer Grundschule und führe fast täglich mit den Kindern meiner Klasse Gespräche darüber, was angeblich Mädchen- und Jungsfarben sind oder welche Frisuren Mädchen oder Jungen haben müssen bzw. wie sie aussehen sollen. Immer wieder aufs Neue schauen wir uns unsere Umgebung an, sprechen über Farben, Kleidung, Hautfarben, Vorlieben und Spielideen. Immer wieder merken die Kinder von selbst, dass sie mit sehr geschlechtertypischen Brillen unterwegs sind. Es ist erstaunlich, wie offen und reflektiert die Kinder darüber nachdenken.
    Deshalb fällt es mir sehr schwer zu glauben, dass die fotografierten Kinder ihre Farbpräferenzen wirklich komplett selbst gewählt haben sollen. Bei mir lösen diese Bilder ebenfalls ein großes Schaudern aus.
    Viele frühlingshafte Grüße nach Berlin,
    Kathrin

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