Bloodlands – Timothy Snyder


“Diese Studie bringt das Nazi- und das Sowjet-Regime zusammen, die jüdische und die europäische Geschichte zusammen und die Nationalgeschichten zusammen. Sie beschreibt die Opfer und Täter. Sie erörtert die Ideologien und Pläne, die Systeme und Gesellschaften. Dies ist eine Geschichte von Menschen, die durch die Politik ferner Machthaber getötet wurden. Die Heimatländer der Opfer lagen zwischen Berlin und Moskau; sie wurden zu den Bloodlands nach dem Aufstieg Hitlers und Stalins.”

Dies ist für mich bisher mit Abstand eine der  am schwierigsten zu schreibenden Rezensionen auf diesem Blog. Um das Buch überhaupt angemessen bewerten zu können, fehlen mir sowohl geschichtliches Wissen als auch umfassendes geschichtliches Verständnis. Es ist für mich selbst fraglich, wie aussagekräftig meine Rezension sein kann, wenn ich das Buch nur aus meiner eingeschränkten Perspektive bewerten kann.

Trotzdem wage ich den Versuch einer Rezension:

Timothy Snyders Buch ist randvoll an Informationen. Gedrängt und in einer für den Leser kaum zu ertragenen Dichte und Häufigkeit, prasseln die Zahlen auf einen nieder. Schreckliche Zahlen. Unvorstellbare Zahlen. Zahlen, die mich fassungslos gemacht haben. Insgesamt 14 Millionen Menschen wurden in den Bloodlands ermordet.

“Die Fotografien und Filme von deutschen Konzentrationslagern waren das, was die meisten Menschen im Westen jemals vom Massenmord sahen. So schrecklich sie auch sind, waren sie doch nur eine Andeutung der Geschichte der Bloodlands. Sie sind nicht die ganze Geschichte; sie sind nicht einmal eine Einführung.

Ausgangspunkt von Timothy Snyders “Bloodlands” (auf deutsch sicherlich am besten mit dem Terminus “blutige Erde” übersetzt) ist die These, dass Auschwitz zwar im kulturellen Gedächtnis und in der öffentlichen Erinnerungskultur verankert ist, dass die (zumindest zahlenmäßig) viel schlimmeren Verbrechen jedoch in einem Gebiet begangen wurden, das als Bloodlands bezeichnet wird.

“Der Ort, wo alle Opfer starben, die Bloodlands, erstreckt sich von Zentralpolen bis Westrussland, einschließlich der Ukraine, Weißrusslands und der baltischen Staaten. […] Von den vierzehn Millionen Menschen, die zwischen 1933 und 1945 in den Bloodlands mit Bedacht ermordet wurden, geht ein Drittel auf die Rechnung der Sowjetunion.”

In diesen sogenannten Bloodlands wohnten die meisten europäischen Juden und der Großteil von ihnen wurde im Zuge eines politischen Massenmords umgebracht. Viele sogar noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Für Snyder handelt es sich nicht um Kriegsopfer; unter den 14 Millionen Toten befindet sich kein einziger Soldat ist. Es handelt sich um Zivilisten, die Opfer einer mörderischen Politik geworden sind. Die meisten der 14 Millionen Toten sind an Hunger gestorben. Snyder konzentriert sich in seiner Analyse  hauptsächlich auf die Zeitspanne 1933 bis 1945, bezieht jedoch auch die Zeit danach mit ein. Er zeigt sehr eindrücklich und nachvollziehbar auf, wie Adolf Hitler und Stalin zunächst an einem Strang ziehend und später gegeneinander agierend, eine unvorstellbare Anzahl an Menschen tötete. Dieses geschah in einer häufig unfassbaren (unmenschlichen) Brutalität. Von 1933 bis 1938 war vor allem die Sowjetunion für einen Großteil der Massenmorde verantwortlich. Zwischen 1939 und 1941 gab es einen Pakt zwischen Stalin und Hitler und beide Regime töteten gemeinsam eine Vielzahl an Menschen. In der letzten Phase von 1941 bis 1945 waren wiederum die Deutschen verantwortlich für ein Großteil der begangenen Verbrechen.

Doch nicht nur Zahlen, auch Namen – einzelne Schicksale von Menschen – spielen bei Timothy Snyder eine Rolle. In den Momenten, in denen ich als Leser die Zahlen nicht mehr begreifen konnte, nicht mehr aufnehmen wollte, führt Timothy Snyder immer wieder die schrecklichen Einzelschicksale an; zitiert aus Tagebüchern, Briefen, Gedichten. In diesen Momenten wird aus Zahlen ein Name, eine Person, ein wirklicher Mensch.  Timothy Snyder zitiert Gedichtzeilen von der russischen Dichterin Anna Achmatova, die mich sehr berührt haben: “Ich wollte sie alle mit Namen nennen,/Doch man nahm mir die Liste, wer kennt sie noch.” Diese Schicksale von einzelnen Menschen haben mich beinahe mehr berührt und erreicht, als die ungeheure Menge an Zahlen, die das Verbrechen zwar beschreiben, es aber kaum bewusst machen können. Am schlimmsten zu ertragen waren für mich die Passagen über die Hungersnot in der Ukraine, die ganze Familien auseinandergerissen und zerstört hat und nicht nur in einzelnen Fällen zu Kannibalismus geführt hat.

In abschließenden Worten beschreibt Timothy Snyder genau diesen Punkt noch einmal, der auch ihm selbst sehr wichtig ist:

“Das NS- und das Sowjetregime machten Menschen zu Zahlen, von denen wir manche nur schätzen, andere recht präzise rekonstruieren können. Es ist unsere Aufgabe als Wissenschaftler, diese Zahlen zu suchen und in den richtigen Zusammenhang zu stellen. Es ist unsere Aufgabe als Humanisten, diese Zahlen wieder zu Menschen zu machen. Wenn uns das nicht gelingt, haben Hitler und Stalin nicht nur unsere Welt, sondern auch unsere Menschlichkeit geprägt.”

In einzelnen Passagen setzt sich Timothy Snyder auch immer wieder mit Literatur auseinander, besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die Abschnitte, die sich mit Hanna Arendt  [3] und dem Schriftsteller Wassili Grossmann [2] beschäftigen.

Timothy Snyder ist mit “Bloodlands” ungeheuerliches gelungen. Auch wenn Snyder Professor für Geschichte ist, schreibt er nicht zu wissenschaftlich. Im Gegenteil, ohne populärwissenschaftlich zu werden, ist “Bloodlands” in einer gut lesbaren Sprache geschrieben, auch wenn es sich immer wieder um einen kaum auszuhaltenden Inhalt handelt.

Snyder lenkt den Fokus auf ein in der öffentlichen Auseinandersetzung mit Erinnerung und Geschichte häufig vernachlässigtes Gebiet, in dem unfassbare Verbrechen verübt worden sind. Ich hoffe, dass dieses Buch viele Leser finden wird, damit diese Thematik nicht in Vergessenheit gerät, sondern weiter im Gespräch bleibt.

Einige interessante Links, die ich für eine weitere Auseinandersetzung empfehlen kann:

[1]: http://www.eurozine.com/articles/2010-02-18-snyder-de.html (ein deutschsprachiger Artikel von Timothy Snyder)

[2]: http://de.wikipedia.org/wiki/Wassili_Grossman (Informationen zu Wassili Grossmann)

[3]: http://de.wikipedia.org/wiki/Hanna_Arendt (Informationen zu Hanna Arendt)

6 Comments

  • Reply
    Petra Gust-Kazakos
    January 18, 2012 at 5:36 pm

    Das klingt ja ungeheuer interessant – danke!

  • Reply
    Bücherliebhaberin
    January 19, 2012 at 1:46 pm

    Liebe Mara,

    nicht umsonst wird Timothy Snyder dieses Jahr zusammen mit dem britischen Historiker Ian Kershaw der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen. Ihr Verdienst um die Geschichtsschreibung des 2. Weltkrieges ist nicht hoch genug zu würdigen. Ich glaube der Kalte Krieg ist/war ein wesentlicher Grund dafür, dass sich Westeuropa zu wenig mit der Geschichte Osteuropas beschäftigt hat. Leider stelle ich dieses Desinteresse heute immer noch fest. Daher ist es gut, dass solche Bücher geschrieben UND gelesen werde. Danke für die Vorstellung.

    • Reply
      maragiese
      January 20, 2012 at 12:06 pm

      Liebes Glasperlenspiel,
      ich freue mich sehr über deinen Kommentar und die zusätzlichen, mir bis dahin unbekannten, Informationen. Von Ian Kershaw habe ich bisher leider noch nichts gelesen, auch wenn der Name mir bekannt vorkommt.
      Auch Timothy Snyder reflektiert – vor allem auch zum Ende des Buches hin – darüber, dass der Kalte Krieg eine Auseinandersetzung unmöglich gemacht hat. Viele Informationen, die er für sein Buch hat, konnte er auch erst sehr spät, als die Archive wieder geöffnet wurden, einsehen. Entsetzt haben mich vor allem die Vorkommnisse in der Ukraine, in der es während der Hungersnot wiederholt zu Kannibalismus gekommen ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie diese Menschen gelitten haben müssen.
      Ich freue mich über deinen Kommentar und hoffe, dass ich mit meiner Rezension zumindest ein paar wenige Menschen dazu anregen kann, dieses Buch zu lesen.
      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Kaffeehaussitzer
    October 2, 2013 at 9:14 am

    Das Buch wollte ich schon lange mal lesen. Deine Rezension bestärkt mich in diesem Wunsch, vielen Dank dafür.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      October 2, 2013 at 9:51 am

      Gern geschehen, ich freue mich, dass ich dein Interesse wecken konnte und bin gespannt auf deine Meinung, wenn du es lesen solltest! 😀

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    August 10, 2015 at 3:25 pm

    Liebe Mara,
    mit gut dreieinhalb Jahren habe ich, durch den Link vom Kaffeehaussitzer nun diese wichtige Besprechung auch schon entdeckt und soeben mit wachsendem Interesse gelesen. Und Deinen zu Beginn des Posts angemerkten Bedenken zum Trotz finde ich, dass diese Besprechung eine Deiner allerbesten ist – und es sind so viele saugute dabei.
    Warum? Weil Du Dich einlässt aufs Thema, weil Du auch Dein Erschrecken aufzeigst und natürlich, weil das Thema selbst so wichtig ist. Und wie der Kaffeehaussitzer in seinem aktuellen Post so gut aufzeigt, leider immer aktueller wird. Wir müssen unsere Vergangenheit, unsere Geschichte kennen, eben und besonders auch die grauenhaftesten Seiten, damit wir eine Zukunft haben können, die wirklich besser ist. Eine zeitlang (so Mitte der 60er bis in die frühen 80er schien das zumindedt in D’land auf einemganz guten Weg. Inzwischen kann davon die Rede nicht mehr sein. Wir sind auf der einen Seite eine furchtbar hasserfüllte und gewaltbereite Gesellschaft geworden, in der wieder Flüchtlinge hemmungslos bedroht und in letzter Konsequenz getötet werden – und der sndere Teil der Gesellschaft inkl. unserer Regierung kuckt bloss schweigend zu, bestenfalls mit Kopfschütteln, schlechtestenfalls mit dem Gedanken, das geht mich alles nix an, lasst mich bloss in Ruhe damit. Und genau deshalb ist dieses Buch so wichtig, denn es geht uns eben doch was an. Und es ist wichtig, zu wissen, was draus werden könnte. Zu befürchten steht, dass sowohl Deinen Post hier, den aktuellen Post vom Kaffeehaussitzer als auch das Buch mal wieder nur dijenugen lesen, die eh schon auf dem Weg sind. Und trotzdem, das darüber Reden und Schreiben und daraus Schlüsse ziehen, die hoffentlich wieder in eine aktivere Handlungsweise gegen die aktuelle Verschweigungsstarre münden, darf nicht aufhören.
    So, quasi aus dem nichts so ein ellenlanger Kommentar, ich hoffe, Du entschuldigst das, aber das Thema ist Teil dessen, was mich momentan besonders bewegt – und so habe ich meinen Senf einfach mal hier abgeladen. Nicht böse sein…
    Liebe Grüsse
    Kai

  • %d bloggers like this: