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    Elena Ferrante: auf den Spuren des großen Hypes

    Wenn ich auf die vergangenen Lesewochen und -monate zurückblicke, dann muss ich feststellen, dass Meine geniale Freundin von Elena Ferrante zu den Büchern gehört, die mich am meisten beeindruckt haben. Die Geschichte von Lina und Elena hat mich sehr bewegt, über viele kleine Facetten dieser Geschichte musste ich auch noch lange nach dem Zuklappen der letzten Seite nachdenken. Als ebenso interessant empfinde ich die Diskussion, die um dieses Buch herum entstanden ist – ich habe es selten zuvor erlebt, dass Meinungen soweit auseinander gehen. Wie kann nur das, was ich so faszinierend fand, für andere belanglos und langweilig sein?

    Ich habe mit Karin Krieger, der Übersetzerin von Meine geniale Freundin, und mit Frank Wegner, dem Lektor des Romans, gesprochen, um diesem literarischen Hype mal auf den Grund zu gehen.

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    Liebe Frau Krieger, Sie sind die Übersetzerin von Elena Ferrante, was war für Sie als Übersetzerin das Besondere an der Arbeit mit “Meine geniale Freundin”?

    Der sehr zurückgenommene, kontrollierte Stil der Autorin hat mir viel Disziplin abverlangt. Denn die Autorin beschreibt sehr beeindruckende, teils auch erschütternde Szenen aus dem Leben der beiden Protagonistinnen mit fast nüchternen Worten. Die Gefühlsintensität der Handlung nicht auch auf die Sprache zu übertragen, ist schwierig und für mich als Übersetzerin nicht leicht auszuhalten.  Aber gerade diese Nüchternheit in der Form, die uns eben nicht in eine bestimmte Richtung drängt, die uns eben nicht schon eine bestimmte Sichtweise aufzwingt,  ist ein wesentliches Kennzeichen der Erzählhaltung der Autorin. Sie muss  unbedingt respektiert werden.

    Lina und Elena wachsen in einem ärmeren Viertel in Neapel auf, inwieweit war es schwierig für Sie, den Slang und die Sprache der beiden Mädchen ins Deutsche zu übertragen? Und wie sind Sie dabei vorgegangen?

    Das war gar nicht schwierig, da die Mädchen bei Ferrante so gut wie keinen Slang sprechen. Nur sehr vereinzelt tauchen dialektale Wörter auf und immer nur bei Beschimpfungen. Die Autorin meidet den aggressiven, vulgären neapolitanischen Dialekt, als wollte sie ein großes  Entsetzen vermeiden. Für sie ist dieser Dialekt mit Gewalt verbunden, nie mit etwas Zärtlichem, was Dialekte sonst durchaus auch transportieren können.  Zwar erwähnt sie oft, dass im Dialekt (oder eben Italienisch) gesprochen wird, doch sie formt dies absichtlich nicht aus. Die italienische Sprache ist für sie eine Art Schutzschild – oder wie die „Unità“ schrieb: „ein Staudamm gegen den schlammigen, ungestümen Strom des Dialekts“.

    Und allgemeiner gefragt: hat es Ihnen die Sprache von Elena Ferrante leicht gemacht, sie zu übersetzen? Haben Sie sich mit Ihrem Text wohl gefühlt oder spielen solche Aspekte für die Arbeit des Übersetzens keine Rolle?Ein Teil des großen Interesses an Elena Ferrante stammt auch daher, dass man nicht weiß, wer genau hinter dem Pseudonym steckt. Inwieweit hat dies Ihre Arbeit beeinflusst? Wie eng haben Sie überhaupt mit der Autorin zusammengearbeitet?

    Ja, ich fühle mich sehr wohl mit Elena Ferrantes Sprache. Weil sie authentisch ist. Weil sie nicht manipuliert. Weil sie ausgerechnet heute, da wir durch die Medien, durch Politik und Werbung, mit Superlativen, mit künstlich aufgeblasenen Wörtern nur so überschüttet werden, angenehm ruhig, klar und durchdacht ist. Die Erzählerin dieser Bücher macht kein Hehl daraus, dass hier eine alte Frau erzählt – Elena – und dass alles, was wir über Lila erfahren, „nur“ ihrer Sicht auf die Dinge entspringt. Wir wissen nicht, wie Lila ist. Wir erfahren nur, wie Elena sie sieht.

    Hand aufs Herz: Machen Sie sich Gedanken darüber, wenn Ihnen der (sachliche?) Wetterbericht im Radio „nur 10 Grad“ für den Tag ankündigt?

    Immer und immer wird mit einer bestimmten Wortwahl, wird mit Sprache gelogen, verfälscht, diffamiert. Wie oft werden mehr oder weniger unauffällig Befindlichkeiten statt Fakten mitgeteilt. Dass Elena Ferrante dagegenhält, begeistert mich.

    Und ja, sie ist ein Phantom. Ich kann sie nicht, wie ich es bei meinen anderen Autoren gern tue, bitten, eine Seite ihres Romans für mich zu lesen, damit ich ihren ganz persönlichen Ton erfassen kann. Aber ich habe ihre Bücher, ihre Texte. Die sind sehr stark.

    Und ich kommunizierte per E-Mail mit ihr. Sie versteht meine Fragen sofort (ein seltenes Glück) und beantwortet sie umgehend und freundlich.

    Im übrigen respektiere ich ihren Rückzug vor jeder Form von Öffentlichkeit. Er ist mir sehr sympathisch. Es geht nicht um Superstars, nicht um Eitelkeiten. Es geht um Bücher.

    Mich hat beim Lesen von Meine geniale Freundin das Ferrante-Fieber schnell gepackt. Warum glauben Sie, dass es weltweit so eine große Begeisterung für diese Bücher gibt?

    Wir können uns alle  – Männer wie Frauen – mit den Nöten, Ängsten, Entwicklungen, Verwicklungen und auch mit den Hoffnungen der dargestellten Figuren identifizieren, weil es keine Schwarz-Weiß-Malerei und auch keine moralisierenden Korsetts gibt. Neapel und die südländische leggerezza mögen ein schöner Sehnsuchtsort für die novembernieselregengeplagte deutsche Seele sein, aber die hier angesiedelten Themen sind darüber hinaus universal.

    Elena Ferrante hat mich neugierig auf die italienische Literatur gemacht. Können Sie ein bisschen darüber erzählen, welcher italienischen Tradition die Autorin entstammt?

    Für mich ist Elena Ferrante – eben Elena Ferrante. Sie ist originell. Nicht vergleichbar mit anderen Autoren.

    Aber gewiss ist sie einer tapferen, realistischen Erzähltradition verhaftet, wie die italienischen Nachkriegsautoren von Morante bis Pasolini sie anstrebten. Das ist besonders faszinierend, weil sie in dieser Tradition erstmals die Zeit bis in unsere Gegenwart beschreibt. Das hat es so noch nicht gegeben.


    frank-3George Bernhard Shaw hat einmal gesagt: Der Mensch lässt sich lieber durch Lob ruinieren als durch Kritik verbessern. Entspricht dieser Satz auch Ihrer Erfahrung als Lektor. Falls ja, wie gehen Sie damit um?

    Das kann ich nicht bestätigen. Vielleicht arbeite ich unter glücksverwöhnten Bedingungen, aber in meiner Erfahrung sind alle Beteiligten stets gern bereit, die Kraft des besseren Arguments auf sich wirken zu lassen. Und in den seltenen Fällen, da man das bessere Argument einfach nicht hören und sein eigenes Ding durchziehen will, versucht man es mit höflicher Penetranz.

    Sie waren verantwortlich für das Lektorat von Meine geniale Freundin – können Sie diesen Arbeitsprozess ein wenig beschreiben.

    Die Redaktionsarbeit selbst hat etwa anderthalb Wochen gedauert, das fühlte sich an wie Bildungsurlaub, ich habe das sehr gründlich durchgesehen, dabei Original und Übersetzung Wort für Wort miteinander verglichen. Anschließend haben Karin Krieger und ich alles ausführlich miteinander diskutiert, es ging dabei um eine grundsätzlichere Frage – die nach angemessenen Registern – und um ein paar orthographische Details, das hat, glaube ich, noch einmal anderthalb Tage gedauert.

    Das Buch zu akquirieren, im Haus zu positionieren, den Pitch zu justieren, die flankierenden Vermittlungsbotschaften zu überlegen, die ganze Kampagne zu entwerfen, die vielen, vielen Einzelmaßnahmen zu planen und zu implementieren etc. – das hingegen hat gut zwei Jahre gedauert. (Meine Frau und die Kinder dachten irgendwann, dass ich nicht mehr ganz intakt wäre, weil ich jeden Abend, auf ihre Frage, woran ich denn tagsüber im Büro so gearbeitet hätte, wahrheitsgemäß antwortete: „Ferrante!“)

    Inwieweit hat es Ihre Arbeit beeinflusst, dass nicht bekannt ist, wer hinter dem Pseudonym Elena Ferrante steckt? Oder anders gefragt: wie betreut man einen Autor, der nicht erkannt werden will?

    In vielen Hinsichten vollzieht sich hier die Betreuung genauso wie die von Autoren, die vollumfänglich am öffentlichen Leben teilnehmen. Es gibt immer ein paar zustimmungspflichtige Aspekte der Zusammenarbeit – das ist vertraglich vereinbart –, beispielsweise die Frage des Titels oder der Coverabbildung, für beides müssen die Autoren uns in der Regel grünes Licht geben, und das läuft nicht nur im Falle Ferrantes über die jeweils zwischengeschaltete Agentur. Verständigung in den wesentlichen technischen Fragen findet deshalb so oder so vermittelt statt.

    Natürlich wäre es schön, ich könnte Elena Ferrante die Weihnachtskarte direkt schicken oder sie persönlich anrufen, um ihr zu sagen, dass ihr Buch auf Platz 1 der Bestsellerliste steht. Aber das wird sie dann eben auf anderen Wegen erreichen. Und offensichtlich braucht sie ja auch den unmittelbaren Kontakt zu ihrem deutschen Lektor nicht, um fantastische Bücher zu schreiben.

    Es gibt schon jetzt eine große Begeisterung für die Romane von Elena Ferrante. Nach dem Erscheinen von Meine geniale Freundin wird sich das auch in Deutschland fortsetzen. Haben Sie eine Erklärung für dieses Phänomen?

    Es gibt nach meinem Dafürhalten ein paar textimmanente und einige äußerliche Gründe, und daraus ergeben sich eine markante Merkmalskombination, mit der man produktiv umgehen, und eine Story, die man gut erzählen kann.

    Das Frauenfreundschaftsthema wird eine tragende Rolle spielen – und die in diesen Romanen in aller Drastik beschriebenen Geschlechterrollenverhältnisse sind uns selbst ja leider noch nicht völlig unvertraut geworden –, das lebenspralle Neapel-Setting auch, das beeindruckende zeitgeschichtliche Panorama, das diese Bücher aufspannen, ebenfalls.

    Ferrante ist eine versierte Erzählerin, sie hat einen einnehmenden Ton gefunden, und dramaturgisch ist das Ganze – ob es sich nun an den großen Fernsehserien der letzten paar Jahre oder bestimmten epischen Mustern des 19. Jahrhunderts orientiert – ziemlich raffiniert gebaut. Und Ferrante schreibt so, dass Leserinnen und Leser die in diesen Büchern verdichteten Erfahrungen unweigerlich auf sich selbst beziehen. Man kommt diesen Figuren also recht nah, und mit der Zeit stellt sich ein Vertrautheits-, geradezu ein Intimitätsgefühl ein.

    Diese vier Bände, das ist ein Roman von 2000 Seiten, den man eben einfach prima wegschmökern kann. Zugleich kommen aber auch Leserinnen und Leser auf ihre Kosten, die stärkere literatur- oder kunstgeschichtliche Neigungen verspüren und in diesem diskreten Anspielungsreichtum schwelgen mögen, den Ferrante geschaffen hat. Mit anderen Worten: Meine geniale Freundin ist breit anschlussfähig.

    Das Thema „Wer ist Elena Ferrante?“ spielt aufmerksamkeitsökonomisch offensichtlich eine Rolle, bemerkenswert, welches Ausmaß an Interesse das provoziert. (Ich persönlich finde die Frage, wer diese Bücher geschrieben hat, nicht sonderlich spannend oder weiterführend aufschlussreich.)

    Der Vorlauf – Presse, Verkaufszahlen etc. – aus den USA, aus Italien, aus Skandinavien war spektakulär, das kommt uns sicherlich zupass, es gab ja hier bereits Monate vor Erscheinen des ersten Bandes große Hintergrundgeschichten, die das ´Phänomen Ferrante` beschrieben und damit natürlich wiederum potenziert haben.

    Und nicht zuletzt vergrößern #ferrantefever und das, was da in den sozialen Medien zusammenschießt, die Bekanntheit des Ganzen auf erhebliche Weise.

    Dadurch, dass die Autorin anonym bleiben möchte, wird es ja auch keine Lesereisen mit ihr geben. Sind Alternativen dazu geplant und wie könnten sie aussehen?

    Das wäre dann eben – nach dem sehr erfolgreichen US-amerikanischen Vorbild der „authorless events“ – ein abgabefreies Veranstaltungsformat ohne Autorin. Veranstaltungen dieses Typs hätten den offenkundigen Vorteil, dass theoretisch zeitgleich fünfzehn an unterschiedlichen Orten stattfinden könnten. Dazu braucht es je eine oder zwei Personen: jemand liest vor und jemand erzählt etwas, das könnte aber natürlich auch beides von ein und derselben Person geleistet werden. Wir erarbeiten gerade eine Art Material- und Infobaukasten, den wir den Buchhandlungen im Falle ihres Interesses zur Verfügung stellen wollen.


    Wie ergeht es euch mit dem #ferrantefever? Wer von euch hat den Roman mittlerweile gelesen? Wer hat sich ebenfalls infiziert? Und wer konnte so gar nicht mit dieser Geschichte anfangen?

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