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    Garp und wie er die Welt sah – John Irving

    John Irving begleitet mich schon seit vielen Jahren – für mich wirken seine Bücher wie gute Medizin: Sie können Trost spenden, Kraft geben und mich für ein paar Tage in eine völlig fremde Welt entführen. Garp und wie er die Welt sah habe ich vor einigen Jahren zum ersten Mal gelesen und nun wieder hervorgeholt, um zu überprüfen, ob es mir immer noch genauso gut gefällt.

    Garps Mutter, Jenny Fields, wurde 1942 in Boston festgenommen, weil sie einen Mann in einem Kino verletzt hatte. Es war kurz nachdem die Japaner Pearl Harbor bombardiert hatten, und die Leute ließen den Soldaten viel durchgehen, weil plötzlich jeder Soldat war, Jenny Fields aber ließ Männern im Allgemeinen und Soldaten im Besonderen nichts durchgehen.

    Ich weiß noch ganz genau, wie alt ich war, als ich Garp und wie er die Welt sah zum ersten Mal las: ich war 18 Jahre alt und gerade einmal quer durch Deutschland gereist, um mein Studium zu beginnen. Ich hatte ein winzigkleines Zimmer, das ich Stück für Stück mit Büchern füllte. Zweimal im Jahr gab es die sogenannten Taschenbuchtage: Mängelexemplare wurden zum Kilopreis verkauft. Ich trug Taschen voller Bücher nach Hause und las mich durch sie hindurch. In einer dieser Taschen befand sich auch der Roman von John Irving – ich verschlang ihn damals, begeistert von diesem Universum skurriler Charaktere und fasziniert von dieser besonderen Mischung aus Tragik und Komik.

    Vor ein paar Wochen kam mir die Idee, das Buch noch einmal zu lesen. Garp und wie er die Welt sah wurde im Original bereits 1974 veröffentlicht, ich las es dann 2005. Würde das Buch dem Test der Zeit standhalten können? Würde ich immer noch begeistert sein? Das waren die Fragen, die ich mir vor der Lektüre stellte.

    Es gab nicht viele Witze, die Jenny lustig fand, und dieser gehörte gewiss nicht dazu; Peter-Witze waren nichts für Jenny, die sich von dem Thema fernhielt. Sie hatte erlebt, welche Schwierigkeiten so ein Peter machen konnte; Kinder waren noch nicht das Schlimmste. Natürlich sah sie Frauen, die keine Kinder wollten und über ihre Schwangerschaft unglücklich waren. Diese Frauen sollten kein Kind bekommen müssen, fand Jenny – obwohl ihr in erster Linie die Kinder leidtaten, die unter solchen Umständen geboren wurden. Sie sah auch Frauen, die sich auf ihr Kind freuten, und wünschte sich dann selber eines. Eines Tages, dachte Jenny Fields, will ich ein Kind – nur eins. Das Problem war nur, dass sie möglichst wenig mit einem Peter zu tun haben wollte und mit einem Mann gleich gar nichts.

    Nach dem zweiten Lesen, war ich nicht überrascht davon, dass mir das Buch schon damals so gut gefiel: in Garp und wie er die Welt sah bin ich zum ersten Mal einer asexuellen oder besser aromantischen Figur begegnet – und ich lernte in dem Buch eine trans Frau kennen, die nicht nur sympathisch war, sondern auch mutig und selbstsicher. Es ist überhaupt ganz erstaunlich, wie weit voraus das Buch seiner Zeit gewesen ist – das fängt schon bei der Figur Jenny Fields an: Jenny ist eine selbstbewusste Frau, die unbedingt ein Kind möchte, aber bloß keinen Mann. Sie arbeitet in einem Krankenhaus und schläft dort mit einem komatösen Soldaten, der mit schweren Kriegsverletzungen eingeliefert wurde – sie nimmt sich sein Sperma und seinen Nachnamen: Garp, so wird sie später seinen Sohn nennen. Sie zieht ihren Sohn an einer Privatschule groß, in der sie vor seiner Einschulung alle Kurse besucht, um herauszufinden, welche davon Garp später am meisten gefallen würden.

    Jenny fängt an zu schreiben und veröffentlicht schließlich ihre Autobiographie Eine sexuell Verdächtige. Es wird ein Riesenerfolg, sie hört auf als Krankenschwester zu arbeiten und kümmert sich fortan um hilfsbedürftige Frauen, die Zuflucht und Unterstützung brauchen. Eine dieser Frauen ist Roberta Muldoon, mit der sich Jenny und Garp im Laufe der Jahre anfreunden. Roberta ist eine trans Frau, die früher als Linebackerin professionell Football gespielt hat.  Roberta ist ein warmherziger Mensch, sie wird von allen gemocht – sie ist eine gute, selbstsichere, begehrenswerte Frau und für Garp ist sie darüber hinaus eine tolle Partnerin beim Squashspielen.

    “Ich habe immer gewusst, dass ich eigentlich ein Mädchen hätte sein sollen”, erzählte sie Garp. “Ich träumte davon, geliebt zu werden, von einem Mann, aber in meinen Träumen war ich immer eine Frau; ich war nie ein Mann, der sich von einem anderen Mann lieben ließ.”

    Garp und wie er die Welt sah ist unglaublich facettenreich – es geht um den Tod von Kindern, den auch Elten nicht verhindern können. Es geht um das Schreiben. Es geht um all die Arbeit und Kompromisse, die man in Ehen und Beziehungen stecken muss. Beim zweiten Lesen rückte für mich noch einmal besonders der Gegensatz von Feminismus und toxischer Männlichkeit in den Fokus. Im Roman selbst wird natürlich nicht das Wort toxische Männlichkeit verwendet, aber Jenny wird im späteren Verlauf des Buches von einem Mann erschossen, der voller Hass auf Frauen ist. Auf Frauen wie Jenny, die selbstständig, selbstsicher und mutig sind. Auf Frauen, die nein sagen. Auf Frauen, die eigene Wünsche, Bedürfnisse und Vorstellungen haben. Der Feminismus ist auch allgegenwärtig: als Garp und seine Mutter in Wien auf eine Hure treffen, sagt Jenny “Warum soll eine Frau mit ihrem Körper nicht machen können, was sie will?” Und als Garp heiratet und Kinder bekommt, ist er derjenige, der zu Hause bei den Kindern bleibt, um zu kochen und den Haushalt zu machen.

    Das Erstaunliche an diesem Buch ist, dass es bereits 40 Jahre alt ist, aber in  so vielen Aspekten erstaunlich progressiv und fortschrittlich wirkt. Natürlich gibt es mittlerweile Männer, die die Hausarbeit machen, aber wie viele davon kommen in Büchern vor? Natürlich gibt es tolle trans Frauen, aber wie viele davon kommen in der Literatur vor? Natürlich gibt es Menschen, die asexuell sind, aber wie viele davon kommen in der Literatur vor? Ist es nicht irgendwie auch furchtbar deprimierend, dass John Irving bereits vor vierzig Jahren eine Welt porträtiert hat, die wir uns auch 2020 immer noch erkämpfen müssen, weil sie noch längst nicht zur sogenannten Normalität gehört?

    “Er und Helen bekamen fast sofort ein erstes Kind. Es war ein Junge, der den Namen Duncan erhielt. Garp scherzte oft, dass Duncan der Grund sei, weshalb sein erster Roman aus so vielen kurzen Kapiteln bestehe, Garp schrieb in den Pausen, wenn er nicht gerade das Kind füttern oder ihm die Windeln wechseln musste.

    Ich habe es ganz und gar nicht bereut, das Buch ein zweites Mal gelesen zu haben. Es ist immer noch eine tolle, unterhaltsame, mitreißende und sehr lehrreiche Lektüre. Wer Garp und wie er die Welt sah noch nicht kennt, sollte es unbedingt noch lesen.

    John Irving: Garp und wie er die Welt sah. Aus dem Englischen von Jürgen Abel. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 680 Seiten, €13.

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