Die Hotlistbücher 2014!

Collage Hotlist

Heute wurde sie bekannt gegeben, die Hotlist 2014 – aus einer langen Liste von 30 Titel aus unabhängigen Verlagen wurden die zehn besten Bücher ausgewählt. Online wurde über drei der zehn Titel entschieden. Insgesamt haben übrigens 7197 mitabgestimmt, entschieden haben Sie sich für die folgenden Titel:

Über die restlichen sieben Titel entschied die Jury:

James Hanley: Fearon - Carl Nixon: Settlers Creek - Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz - mawi: Kinderland - Andri PolMenschen am CERN - Günter Saalmann: Fiedlerin auf dem Dach - Lydia Davis: Kanns nicht und wills nicht

Die zehn Bücher auf der Hotlist haben nun die Chance, einen der Hotlistpreise zu gewinnen: den mit 5.000€ dotierten Hauptreis und den Melusine-Huss-Preis, der von Buchhändlern und Buchhändlerinnen bestimmt wird. Der Gewinner wird während der Buchmesse bekannt gegeben. Wir dürfen also weiter gespannt sein!

Karen Köhler im Gespräch!

Zu Beginn der Woche ist im Hanser Verlag ein Buch erschienen, das quer durch die Literaturblogs getourt ist und für Furore gesorgt hat. Vollkommen zu Recht, wie ich finde! Ich habe das große Glück gehabt, die Debütantin zum Gespräch bitten zu dürfen

© Julia Klug
© Julia Klug

Eigentlich wollte ich dich nach deinen Erfahrungen beim Bachmann-Preis fragen, doch dann kamen die Windpocken dazwischen. Dass du nicht lesen konntest, muss eine große Enttäuschung für dich gewesen sein, oder?

Klar. Was für ein beschissenes Timing. Ich hab geheult, als das Laborergebnis der Blutuntersuchung kam. Ich konnte das gar nicht fassen. Ich hatte die Windpocken schon als Kind gehabt, ein Großteil der Menschen entwickelt dann Antikörper. Ein winzig kleiner Teil der Menschen aber nicht…

Ich meine, wie groß ist bitte die Wahrscheinlichkeit, die Windpocken zweimal zu bekommen? Und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, zum Bachmannpreislesen eingeladen zu sein und gleichzeitig die Windpocken zu haben? Verrückt.
Wir (mein Verlag und ich) haben dem ORF echt alles angeboten: Skypelesung, Liveschaltung zum NDR nach Hamburg, im Auto runterfahren und vor Ort in einem Quarantänestudio lesen… Aber die wollten das alles nicht. Letztlich bin ich ja nur weggeblieben, um die Gesundheit der anderen zu schützen, weil die Krankheit hochansteckend ist. Ich hab mich eigentlich relativ gut gefühlt und hätte allemal lesen können.
Ich hab jetzt von der Gesundheitsbehörde einen Meldezettel bekommen wegen der Erkrankung, wo ich genau beschreiben musste, mit wem ich im Kontakt war und wo ich mich aufgehalten habe…

Wie stehen denn die Chancen, dass du stattdessen im nächsten Jahr dabei sein wirst?

Keine Ahnung.

In deiner Biografie steht, dass du Kosmonautin werden wolltest und Fallschirmspringen gelernt hast, klingt ungewöhnlich – was genau hat es damit auf sich?

Als ich acht, neun Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal Aufnahmen aus dem Weltraum von der Erde und dem Mond gesehen. Das hat mich tief beeindruckt. Wunderschöne und verstörende Bilder. Ich kannte Land- und Weltkarten von der Erde, aber da war plötzlich alles anders: Afrika stand Kopf und war „oben“. Ich begriff, dass es im Weltraum kein Oben und kein Unten gibt, dass es nur eine Frage der Perspektive ist. Das fasziniert mich bis heute. Ich war später gut in Mathe und Physik. Ich wollte da unbedingt hin, in den Weltraum. Auf Bayern3 liefen spätabends Raumfahrtaufnahmen. Und die Kosmonauten schienen mir so viel sympathischer als die Astronauten, ich wollte unbedingt Kosmonautin sein. Dann hieß es: Mit Plomben kann man das vergessen. WHAT!? Ein kleiner Traum zerbröselte, die Mauer fiel, die Sowjetunion zerbröselte auch und schwupp hatte ich einen Irokesenhaarschnitt und hörte Punk und mein Weltraum war auf einmal auf der Erde.

Du schreibst für das Theater und veröffentlichst diesen Herbst einen Erzählungsband – woraus ist bei dir der Impuls entstanden, zu schreiben?

Ich bin ins Schreiben reingeraten und konnte nicht mehr aufhören. Jetzt ist das Schreiben mein Schwimmflügel, um irgendwie mit dieser Lebensunverschämtheit klarzukommen. Es ist ein auch Weg, Ohnmacht zu überwinden. Die Ohnmacht, mit all dem klarzukommen, was ist.

„Wir haben Raketen geangelt“ ist deine erste Prosaveröffentlichung – ist dir die Arbeit daran schwer gefallen?

Nicht mehr als das Schreiben anderer Texte. Klar ringe ich. Zweifle ich. Immer wieder. Suche nach Worten. Suche nach Wegen, das auszudrücken, frage mich, was ich zu sagen habe. Ich scheitere auch. Versuche es neu. Anders. Besser. Ich lerne. Ich übe. Ich bin eben auch noch eine Anfängerin.

Du bist Mitglied im Forum Hamburger Autoren und Autorinnen – wie wichtig ist die damit verbundene Möglichkeit, sich auszutauschen und gemeinsam an Texten zu arbeiten, für dein Schreiben?

Als ich anfing zu schreiben, war mir der Austausch sehr wichtig, weil ich gar nichts wusste. Da war ich sehr froh, dass die mich aufgenommen hatten und dass die anderen Autoren dann auch was zu meinen Texten sagen wollten. Ich kann mit konstruktiver Kritik auch sehr viel anfangen. Mittlerweile ist es mir manchmal zu viel, wenn sehr viele unterschiedliche Leute aus einem Impuls heraus etwas zu einem Text sagen. Da frage ich mittlerweile lieber gezielter einzelne Autoren, ob sie mal was lesen würden und hole mir die Kritik von einzelnen, die sich etwas länger mit einem Text beschäftigen mochten.

Du schreibst auch Theaterstücke, sowohl für Erwachsene als auch für Kinder – wie gelingt es dir, dich beim Schreiben in die Vorstellungswelt von Kindern zu versetzen?

Ich nehme Kinder ebenso ernst wie Erwachsene. Es macht eigentlich keinen großen Unterschied für mich, ob ich für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene schreibe. Der Unterschied liegt vielleicht nur darin, wie ich Themen verpacke. Wichtig ist mir, meine Zielgruppe zu kennen, wenn ich für sie schreibe. Ich meine, was weiß ich über Teenager aus einer Kleinstadt von heute? Ich muss hingehen und sie kennen lernen, mich mit ihnen beschäftigen, ihnen zuhören, sie ernst nehmen, ihnen Fragen stellen und Möglichkeiten geben, sich mir anzuvertrauen. Ich möchte offen bleiben, von ihnen zu lernen und mir nicht mit einem vorgefertigten Bild Sachen für sie ausdenken.

Und letztlich: Selber Kind sein. Das hört sich nach Selbsthilfebuch an, soll es sich gar nicht, aber ich habe mir irgendwie ein paar innere Kinder bewahren können. Mit Musik finde ich sehr leicht zu meinem inneren Teenager zurück. Da muss ich nur eine Dead Kennedys-LP auflegen. Zack: Wieder 15.

Du bist ja nicht nur Autorin, sondern auch Schauspielerin und Illustratorin. Gibt es etwas, das du lieber machst als das andere?

Nein. Das, was ich tue, tue ich mit Hingabe. Ich erzähle Geschichten.

Hast du schon Pläne für die Zukunft? Arbeitest du vielleicht sogar schon an einem neuen Projekt?

Für die nächsten zwei Spielzeiten habe ich Schreibaufträge von verschiedenen Theatern, für sie entwickele ich neue Jugenstücke. Ich habe aber auch Lust, mich einem längeren Prosatext zu widmen. Es gab mehrere Anfänge von etwas, die ich allesamt verworfen habe, weil ich gerade sehr kritisch mit mir bin. Nun gibt es eine Ahnung von etwas Neuem, und ich frage mich gerade: Was kann-soll-muss überhaupt von mir geschrieben werden? Es kommen so überwältigend viele Bücher auf den Markt, da wird mir immer ganz anders, wenn ich das beobachte. Ich frage mich, was für Literatur kann ich überhaupt noch mit gutem Gewissen schreiben? Welche Themen sind meine? Warum muss diese Geschichte erzählt werden? Und wie muss sie erzählt werden? Ich will nicht Teil einer Maschinerie werden, ich will etwas zu sagen haben.

Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr – Franz Friedrich

Franz Friedrich legt mit Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr einen komplexen und seltsam verstörenden Debütroman vor, in dem er eine Geschichte erzählt, die nicht nur mehrere Jahrzehnte umspannt, sondern auch den ganzen europäischen Kontinent. Im Zentrum des Romans steht ein unscheinbarer Singvogel und das Rätsel um dessen Verstummen.

franz friedrich

Franz Friedrich steht mit seinem Roman nicht nur auf der diesjährigen Longlist, sondern ist auch noch einer der jüngsten Teilnehmer dieses Jahrgangs. Seinem Roman merkt man jedoch an keiner Stelle an, dass es sich dabei um einen Debütroman handelt: hochkomplex erzählt Franz Friedrich mit leichter Hand eine Geschichte, die in einer Welt spielt, die nicht mehr die unsere ist. Der Autor verschränkt dabei mit großem Einfallsreichtum unterschiedliche Zeit- und Handlungsebenen.

Er stand hinter dem Projektor im Kabuff, der Vorführkabine des kleinen Kinos im Keller des Instituts. Es war mitten in der Nacht, und er war allein. Staub auf den Armaturen, der Geruch von eingetrocknetem Bier und ein gebündeltes Licht, das seine Hand, wenn er sie gegen den Strahl erhob, wie ein Feuer wärmte. Er hatte keine Ahnung von dem, was er hier tat, und mit dem Einsetzen des Ratterns wurde er von einer Aufregung ergriffen, wie ein Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, der zum ersten Mal einen Film sah.

Erzählt wird in diesem Roman die Geschichte von drei Menschen, einer Insel und den Lapplandmeisen von Uusimaa, die jahrelang gesungen haben, bis sie dann plötzlich verstummt sind. Die Gründe für dieses Verstummen sind rätselhaft. An der Seite der Dokumentarfilmerin Susanne Sendler erkundet der Leser die finnische Insel. Es ist 1997 und Susanne Sendler ist nach Finnland gereist, um das Leben der Vögel zu dokumentieren. Während ihres Aufenthalts auf der finnischen Insel entsteht der Film Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr - es ist der einzige Naturfilm, den sie je gedreht hat.  Danach verschwindet sie spurlos. Zehn Jahre später begleiten wir die amerikanische Doktorandin Monika durch ein Berlin, das wenig mit der Stadt zu tun hat, die wir heute kennen. Die Welt befindet sich im Umbruch, Amerika hat den Krieg gegen den Irak verloren und amerikanische Schulen müssen schließen, weil die Kommunen sie nicht mehr finanzieren können. Monika hält sich in Deutschland auf, um ihre Doktorarbeit zu schreiben – und lebt damit in dem Land, in dem alle leben wollen. Einen Grund nach Hause zurückzukehren hat sie nicht, es wäre eine Rückkehr in die Armut und Mittellosigkeit. Mitten in Berlin trifft Monika auf einen mysteriösen Chor, der finnische Lieder singt und fühlt sich davon magisch angezogen. Es vergeht ein weiteres Jahrzehnt: 2017 lässt ein junger Vater und Filmemacher seine Familie zurück, nachdem er den Film von Susanne Sendler gesehen hat, um nach Uusimaa zu reisen. Die Meisen auf der Insel haben wieder angefangen zu singen.

Um ein digitales Bild zu erzeugen, musste das aufgenommene Objekt zerstückelt und letztlich ausgelöscht werden, ein Massaker an der Welt. Das analoge Bild hingegen war nichts weiter als ein höflich entnommener Abdruck, Licht gebannt durch Staub und Chemie.

Der Autor entwirft in seinem Roman eine Welt, die von unserer heutigen Welt abgerückt ist. Im Zentrum dieser Welt steht eine Insel, die es in der Realität nicht gibt: Uusimaa. Uusimaa ist eine Insel, die von Franz Friedrich im Bottnischen Meer verortet wird. Eine Insel, auf der Meisen leben, die ganz plötzlich aufgehört haben zu singen. Die Gründe für das Verstummen sind ebenso rätselhaft, wie die Tatsache, dass die verstummten Meisen zwei Jahrzehnte später plötzlich wieder lossingen.

Die Lapplandmeisen von Uusimaa sangen wieder. Vor einundzwanzig Jahren war es in den Brutgebieten still geworden. Von 1996 bis 2017 zwitscherte keine einzige Meise auf der Insel im Bottnischen Meer. Dieses Verstummen ereignete sich ausschließlich auf Uusimaa und an keinem anderen Ort in dem über das nördliche Russland bis nach Alaska reichenden Lebensraum des nordeurasischen Vogels.

Die drei Erzählstränge funktionieren wie drei eigenständige Erzählungen und sind doch auf eine lose Art miteinander verbunden. Der Roman lebt dabei von seiner offenen Form, die viel Spielraum für die eigene Phantasie lässt und wenig erklärt und deutet. Franz Friedrich spielt dabei immer wieder mit der Wirklichkeit, die er verzerrt, verbiegt und in eine neue Form presst. Am augenfälligsten geschieht dies beim Handlungsort des Romans, denn die Insel Uusimaa gibt es in der Realität gar nicht. Doch auch darüber hinaus, schraubt Franz Friedrich an der Welt und entwickelt dabei ein Szenario irgendwo zwischen Sciencefiction und Dystopie. Er erzählt von einer Welt, in der kaum noch Flugzeuge fliegen, weil die Kerosinpreise explodiert sind. Er erzählt von einem Kerneuropa (Kerneuropäische Union), zu dem Deutschland noch nicht gehört. Er erzählt von trojanischen Flaschen, für die man kein Pfandgeld bekommt, sondern Lebensmittelmarken.

Umgeben von Land ist das Wasser, umspült von Wasser ist der Himmel, umfasst von Himmel ist die Sonne, beherrscht von Sonne sind die Menschen, nur die Vögel hält nichts. (Sprichwort der Uusimaaer)

Franz Friedrich erzählt eine Geschichte von Suche und Getriebenheit. Alle seine Figuren werden beinahe schon magisch von der finnischen Insel Uuisimaa angezogen, ohne, dass klar wird, was sie dort suchen oder zu finden hoffen. Vielleicht geht es genau darum: um das Verlassen von gewohnten Pfaden, um Antworten auf Fragen zu finden, die man noch nicht einmal kennt.

 

LongListLesen 2014 auf Buzzaldrins Bücher

Logo LLL 2014Letzte Woche habe ich an dieser Stelle Kruso verlost, das Romandebüt von Lutz Seiler – heute verlose ich den nächsten Roman von der Longlist und zwar Das Sandkorn von Christoph Poschenrieder. Erschienen ist der Roman bereits im Frühjahr 2014 im Diogenes Verlag.

Und darum geht es:

Ein Mann streut Sand aus Süditalien auf den Straßen von Berlin aus. In Zeiten des Kriegs ist solch ein Verhalten nicht nur seltsam, sondern verdächtig. Der Kommissar, der den kuriosen Fall übernimmt, stößt unter dem Sand auf eine Geschichte von Liebe und Tabu zwischen zwei Männern und einer Frau. Ein Zeitbild von 1914, aus drei ungewöhnlichen Perspektiven.

Besprochen wurde der Roman auch schon begeistert, unter anderem auf dem Blog Feiner Reiner Buchstoff, der zu dem Fazit kommt: allerfeinster Buchstoff. Klingt das nicht reizvoll?

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Wenn ich euch für das Buch von Christoph Poschenrieder begeistern konnte, dann hinterlasst mir bitte bis zum 03.09.2014 einen kurzen Kommentar und erklärt, warum ihr den Roman unbedingt lesen wollt. Mit dem Gewinn ist die Verpflichtung verbunden, einen kurzen Leseeindruck zu schreiben – der kann auf deinem eigenen Blog veröffentlicht werden, oder auch (wenn du keinen eigenen Blog haben solltest) bei mir. Der Gewinner wird von einer hündischen Losfee ausgelost. Ich wünsche viel Erfolg!