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    4 3 2 1 – Paul Auster

    Paul Auster erzählt in 4321 eine grandiose und meisterhafte Geschichte: Das Leben von Archibald Ferguson, dem jungen Helden des Romans, wird uns gleich in vierfacher Variation präsentiert. Ganz nach dem Motto, wie ein Leben war und wie es hätte gewesen sein können, wenn man an bestimmten Punkten doch anders entschieden hätte. Es mag sich platt anhören, aber für mich ist 4321 die ganz große Erzählkunst!

    Was für ein interessanter Gedanke, dachte Ferguson: sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe.

    Paul Auster wagt in 4321 ein literarisches Experiment, das ich so noch nicht gelesen habe: Der Held seines Romans ist Archibald Ferguson, der am 3. März 1947 in New Jersey geboren wird. Dem Leser wird das Leben von Archibald Ferguson in vier Variationen präsentiert – die einzelnen Kapitel, die ein wenig für die Lebensabschnitte des jungen Mannes stehen, sind also immer in vier Unterkapitel aufgeteilt. In den vier Unterkapiteln werden vier Variationen eines möglichen Lebens beschrieben. Der Gedanke, der dabei über allem schwebt, ist der Gedanke an Zufall und Schicksal. Wie sehr wird unser Leben von beidem bestimmt? Was geschieht, wenn man an einer Kreuzung lieber die Haupt- und nicht die Nebenstraße nimmt? Die Lebensgeschichte von Archibald Ferguson in vier Variationen ist eine Parabel über das menschliche Schicksal und die sich endlos gabelnden Wege, die ein Mensch im Laufe seines Lebens einschlagen kann.

    Was, wenn zum Beispiel sein Vater immer noch Großwildjäger wäre und sie alle in Afrika leben würden? Was, wenn seine Mutter eine berühmte Filmschauspielerin wäre und sie alle in Hollywood leben würden? Was, wenn er einen Bruder oder eine Schwester hätte? Was, wenn sein Großonkel Archie nicht gestorben wäre und er jetzt nicht Archie heißen würde?

    Paul Auster macht deutlich, wie lebensverändernd jede Entscheidung, die man trifft, sein kann. In allen vier Variationen liebt Archibald Ferguson Baseball, Bücher und Filme und wird als Erwachsener irgendwann Schriftsteller – doch es sind seine Lebensumstände, die sich voneinander unterscheiden: mal bleiben seine Eltern verheiratet, mal stirbt der Vater, mal trennen sich beide um sich jeweils neue Partner zu suchen. Auch die finanziellen Verhältnisse, in denen er aufwächst, variieren. Genauso wie seine eigene Sexualität: mal liebt er Amy, mal liebt er beide Geschlechter und mal ist er überzeugt davon, homosexuell zu sein. Besonders faszinierend ist auch, dass wichtigen Menschen im Leben von Ferguson je nach Verlauf eine unterschiedliche Rolle zufällt: Amy ist mal seine Freundin, mal seine Cousine und mal seine Stiefschwester.

    Als Leser begleite ich Archibald Ferguson durch die sechziger und siebziger Jahre, durch die politischen Wirren – vom Vietnamkrieg, über die Studentenaufstände bis hin zu den Rassenunruhen – und die persönlichen Höhen und Tiefen. Auch wenn der Roman dick, dicht und prallgefüllt ist, bleiben die Lebensgeschichten des jungen Mannes doch  leicht lesbar. Die Art und Weise des Erzählens – die vier Variationen eines einzigen Lebens – bedürfen allerdings einiges an Konzentration. Da sich die Lebensverläufe trotz aller Unterschiede ähneln, ist es für mich manchmal nicht einfach gewesen, den Überblick zu behalten und genau zu wissen, in welchem Leben von Archibald Ferguson ich mich eigentlich gerade befinde – ich habe mir als Gedächtnisstütze Notizen gemacht und kann euch dieses Vorgehen nur empfehlen.

    Voriges Jahr hat Mr. Dempsey uns dauernd etwas von Richtig und Falsch erzählt – weißt du noch? Bei Mathe und Physik mag es das ja geben, aber nicht bei Büchern. Man schreibt sie auf seine eigene Weise, und wenn die gut ist, kann man ein gutes Buch. Ich finde es interessant, dass ich nicht sagen kann, welches mir am besten gefallen hat. Man könnte denken, ich müsste das wissen, aber ich weiß es nicht. Mir haben alle drei gefallen. Vielleicht bedeutet das, jede gute Weise ist die richtige. Ich bin richtig froh, wenn ich an all die Bücher denke, die ich noch nicht gelesen habe – Hunderte, Tausende. So viel, worauf ich mich freuen kann!

    4321 – den Titel muss man übrigens als 4-3-2-1 lesen, denn es ist nur noch eines der vier Leben, das am Ende übrig bleibt -, hat mich sehr tief beeindruckt. Da ist natürlich zum einen die Macht des Schicksals und Zufalls, die so virtuos von Paul Auster beschrieben wird und die mir wiedermal vor Augen geführt hat, wie sehr ein Leben von scheinbar unbedeutenden Momenten und kleinen Entscheidungen abhängen kann. Ebenso begeistert haben mich die vielen kulturellen Referenzen: Archibald Ferguson liest und liebt Literatur und ist ein begeisterter Kinogänger. All die Bücher und Filme, die ihn in seinem Heranwachsen prägen, finden auch Eingang in dieses Buch. Er erhält sogar eine Liste mit 100 klassischen Werken der Literatur, durch die er sich arbeitet – bildungs- und bücherhungrig. In dieser Begeisterung und den vollgestellten Bücherregalen habe ich mich sehr wiedergefunden. Natürlich hat mich auch die Struktur des Romans beeindruckt: Paul Auster hat seinen Roman von  der ersten bis zu letzten Seite durchkomponiert – es ist also kein Zufall, dass die Erzählung auch dort endet, wo sie begonnen hat.

    Schuld und Sühne war der Blitzschlag, der aus dem Himmel herniederkrachte und ihn in hundert Teile zerbrach, und als er sich wieder zusammengesetzt hatte, war er über die Zukunft nicht mehr im Zweifel, denn wenn ein Buch so sein konnte, wenn ein Buch so auf Herz und Verstand und innerstes Wertgefühl eines Menschen einwirken konnte, dann war das Romanschreiben mit Sicherheit das Beste, was man im Leben tun konnte.

    Mit mehr als 1200 Seiten hat Paul Auster nicht nur einen sehr langen Roman vorgelegt, sondern auch einen sehr ambitionierten – der eine oder andere Satz erstreckte sich gar über mehr als eine ganze Seite und doch bleibt der Roman in all seiner Komplexität leicht verständlich. 4321 hat mich mehr als drei Wochen lang begleitet. Drei Wochen lang war ich Teil von Archibald Fergusons Leben, Teil seiner Familie, Teil seiner Leidenschaften. Als ich die letzte Seite zu geklappt habe, war ich fast ein wenig wehmütig darüber, dass sich unsere Wege nun trennen müssen. Für mich ist 4321 vieles in einem: es ist ein historischer Roman, eine Coming-of-Age-Geschichte, ein Buch für Buchliebhaber und – um es ganz schlicht zu formulieren – ein literarisches Meisterwerk. Ich wünsche Paul Auster und Archibald Ferguson ganz viele Menschen, die die Angst vor dem Umfang des Romans ablegen und sich auf diese großartige Geschichte einlassen!

    Paul Auster: 4321. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Hamburg 2017. 1258 Seiten, 29,95€. Weitere Rezensionen auf: Literaturblog Günter Keil und lustauflesen.

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