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    Gott, hilf dem Kind – Toni Morrison

    Die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison hat mit Gott, hilf dem Kind einen beeindruckenden Roman geschrieben: sie erzählt von einer starken Frau, der Last einer Lebenslüge, einem komplizierten Mutter-Tochter-Verhältnis und schwarzem Selbsthass.

    So ließ ich die Beschimpfungen und die Schikanen wie Gift, wie tödliche Viren in mich eindringen, ohne dass es ein Antibiotikum gegeben hätte. Was, von heute aus betrachtet, eine gute Sache war, weil ich ein so starkes Immunsystem entwickelte, dass mir nichts weiter zu erreichen blieb als nur das eine – kein “Nigger Girl” mehr zu sein.

    Es ist mir schon lange nicht mehr passiert, dass mich ein Roman von der ersten Seite an so gepackt und bis zum Ende nicht mehr los gelassen hat. Gott, hilf dem Kind habe ich in einem Rutsch gelesen, ich konnte es einfach nicht mehr zur Seite legen. Auf knapp 200 Seiten erzählt Toni Morrison die Geschichte von Lula Ann Bridewell, die als tiefschwarzes Baby zur Welt kommt und deshalb von ihrer Mutter Sweetness, die eine deutlich hellere Hautfarbe hat, verabscheut wird. In einem Moment des überwältigenden Wahnsinns denkt die Mutter sogar darüber nach, das neugeborene Kind zu ersticken. Während ihre Mutter ihr Kind zwar verabscheut, doch bei ihr bleibt, verlässt der Vater das teerdunkle Mädchen.

    Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab’s nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte. Kaum eine Stunde hat es gebraucht, nachdem sie sie zwischen meinen Schenkeln herausgezogen hatten, um zu merken, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz. Ich habe eine hellere Haut und gutes Haar, so wie die von uns, die wir die Gelben nennen, und Lula Anns Vater ist genauso.

    Als erwachsene Frau entflieht Lula Ann ihrer Kindheit, ihrer Mutter und der verordneten Angepasstheit und zieht nach Kalifornien. Sie gibt sich selbst einen anderen Namen und nennt sich fortan nur noch Bride. Als Kontrast zu ihrer dunklen Hautfarbe beginnt sie damit schneeweiße Kleidung zu tragen. Bride, die ihrer Mutter als Kind noch peinlich gewesen ist, wird plötzlich von den Männern als eine exotische Schönheit gesehen und kann sich über mangelnde Verehrer nicht beklagen. Außerdem ergattert sie in Kalifornien einen gut bezahlten Job und macht Karriere bei einer Kosmetikfirma. Sie muss aber auch erfahren, dass man der Vergangenheit nie ganz entrinnen kann und dass man – auch wenn man Wohnort, Namen und Kleidung wechselt – die Erinnerungen und Dämonen überall mit hin nimmt.

    Es ist mir egal, wie oft sie ihren Namen ändert. Ihre Farbe ist ein Kreuz, das sie immer zu tragen haben wird. Aber es ist nicht meine Schuld. Ich kann nichts dafür. Ich kann nichts dafür. Ich nicht. 

    Toni Morrison erzählt ihren Roman aus mehreren Perspektiven: neben einem Erzähler kommen auch einige weibliche Stimmen zu Wort, darunter Bride, ihre Mutter Sweetness, das kleine Mädchen Rain oder auch ihre beste Freundin Brooklyn, die hellhäutig ist. Auf den 203 Seiten gibt es keinen überflüssigen Satz und kein Wort zu viel. Es hat mich tief beeindruckt, mit wie wenig Worten es Toni Morrison gelingt, die Geschichte von Bride zu erzählen.

    Ein zentrales Thema des Romans ist natürlich das Thema Rassismus: wie kann es sein, dass Sweetness ihre Tochter ablehnt, weil sie zu dunkel auf die Welt gekommen ist? Wie kann es sein, dass man sich in farbigen Schulen je nach Tönung der Haut – je heller, desto besser – zusammenschließt? Wie kann es sein, dass die Hautfarbe darüber entscheidet, wie sehr einen die eigene Mutter lieben oder – wie in diesem  Fall – hassen kann? Doch Gott, hilf dem Kind ist für mich nicht nur ein Buch über Rassismus, sondern auch ein Buch über die Liebe, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern und die Tatsache, wie sehr ein Kindheitstrauma ein ganzes Leben formen kann. Die Tatsache, dass sie von ihrer eigenen Mutter abgelehnt wurde, hat Auswirkungen auf das gesamte Leben von Bride. Es hat mir fast das Herz gebrochen, dass sie dennoch alles versucht, sich diese Liebe zu erkämpfen. Bride kämpft mit unlauteren Mitteln um diese Liebe und wächst deshalb mit der Bürde einer fürchterlichen Lüge auf – einer Lüge, die auch durch einen neuen Namen nichts an Schwere und Gewicht verliert.

    Ich habe Angst. Etwas Schlimmes passiert mit mir. Es kommt mir vor, als würde ich wegschmelzen. Ich kann es nicht erklären, aber ich weiß genau, wann es anfing. Es begann, nachdem er gesagt hatte: “Du bist nicht die Frau, die ich will.”

    Toni Morrison hat einen berührenden und kraftvollen Roman geschrieben – sie erzählt von Lügen und Geheimnissen, von dem, was Eltern ihren Kindern antun und von der überwältigenden Verzweiflung eines Kindes, das nicht geliebt wird. Gott, hilf dem Kind ist ein Buch, das mich wohl noch einige Zeit lang begleiten wird und dem ich viele Leser und Leserinnen wünsche. Eine große Empfehlung!

    Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind. Aus dem Englischen von Thomas Piltz. Rowohlt, Hamburg 2017. 203 Seiten, €19,95.

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