Jäger – James Salter

Beinahe 30 Jahre sollte es dauern, bis im vergangenen Jahr endlich wieder ein Roman von James Salter erschien, Alles, was ist  habe ich  als große und großartige Geschichte in Erinnerung. Nun legte der Berlin Verlag nach und veröffentlichte in diesem Herbst den Debütroman Jäger, der im Original bereits 1956 erschien. Jäger ist ein eindrücklicher Roman über den Krieg, der in der Luft geführt wird.

DSC_2818

Er bewegte sich allein gegen den Strom. So war es immer gewesen, überlegte er, das Gefühl, zu spät zu kommen, nachdem alles vorüber war.

Geschrieben wurde Jäger bereits 1956, kurz nach dem Ende des Koreakriegs. James Salter war damals selbst für mehrere Monate als Kampfpilot im Kriegseinsatz gewesen, stationiert an der Kimpo Air Base in Korea. Aus dem Tagebuch, das er damals geführt hat, entstand der vorliegende Roman und man kann davon ausgehen, dass  in dem, was die Hauptfigur Cleve Connell erlebt, viel von den Erfahrungen, Gefühlen und Gedanken des Autors stecken.

Und er hatte den Punkt erreicht, an dem ihn ein Gefühl von verlorener Zeit beschlich. Das ständige Zählen künftiger Tage, mit denen er früher so verschwenderisch umgegangen war. Er merkte, dass er zu oft an unglückliche Ereignisse dachte. Er dachte daran, dass er nicht sterben wollte, was etwas anderes war als der Wunsch zu leben. Es war eine düstere Krankheit, ein Zwang, der am Ende die Seele zersetzen konnte.

James Salter schildert in seinem Roman in nüchternen Worten den Alltag des Krieges aus der Perspektive eines Kampfpiloten. Cleve Connell ist einunddreißig Jahre alt, als er nach Korea kommt. Er ist zuvor sieben Jahre lang für die Air Force geflogen, hat viel Erfahrung und die Erwartungen, die die anderen an ihn richten, sind groß. Die Welt der Kampfpiloten ist eine harte Welt, unnachgiebig und ohne Mitleid. Wieviele gegnerische Flugzeuge abgeschossen werden ist das Einzige, was in dieser Welt zählt. Rücksicht nimmt man dabei weder auf sich selbst noch auf seine Kameraden. Schnell fühlt Cleve sich in seinem neuen Leben in Korea zu Hause und seine immer gleichen Tage werden einzig und allein davon bestimmt, in die Luft zu steigen und andere Flugzeuge abzuschießen. Tage, an denen er auf dem Boden bleiben muss weil das Wetter zu schlecht ist, sind verlorene Tage. James Salter beschreibt einen schrecklichen Krieg, der von jungen Männern geführt wird, die vergessen zu haben scheinen, dass der Krieg kein Spiel ist und dass sie mit ihren Flugzeugen über Menschenleben entscheiden können.

Es gibt eine Handvoll Männer, die weiter gehen als alle anderen. Und wenn man dazugehört, dann ist das so. Dann gibt es keinen anderen Weg. Wenn du mich also noch meinem Ziel fragst, dann ist es das. Nicht zu scheitern.

James Salter erzählt von Konkurrenz, Sehnsucht, Neid und Verrat und er beschreibt, wie Cleve Connell an all dem zerbricht, denn anders, als alle erwarten, wollen Cleve einfach keine Abschüsse gelingen. Die Sehnsucht nach dem ersten Abschuss und die Verzweiflung angesichts der Tatsache, dass seine Kameraden Flugzeug um Flugzeug abschießen, überwältigt Cleve irgendwann.

salter (1)

James Salter, vor einem Einsatz als Kampfpilot

In Jäger geht es jedoch nicht nur um Männergetue und Kriegshelden, zwischen den Zeilen dringt James Salter noch tiefer in die Köpfe seiner jungen Helden ein – auf lakonische Art und Weise aber auch mit viel Mitgefühl. Sprachlich befindet sich der Roman, typisch für James Salter, auf sehr hohem Niveau und genau da, zwischen den Zeilen, geht es eben auch um die dunklen Schattenseiten des Krieges: um die Verzweiflung und Einsamkeit, um die Angst um das eigene Leben und den Verlust jeglicher Menschlichkeit, die irgendwo in den Kriegsmaschinerien verloren geht.

In einer Staffel zu sein war wie der Abriss eines ganzes Lebens. Man war ein Kind, wenn man eintrat. Es gab endlose Möglichkeiten, und alles war neu. Nach und nach, fast unbemerkt, zogen die Tage der schmerzlichen Lehre und Freuden an einem vorbei; man erreichte das Mannesalter; und dann plötzlich war man alt, zwischen neuen Gesichtern und Beziehungen, die man nicht verstand, die stetig um einen wuchsen, bis man sich schließlich in ihrer Mitte nicht mehr willkommen fühlte; die Männer aber, die man gekannt, mit denen man gelebt hatte, waren verschwunden, und der Krieg kaum mehr als die Erinnerung an Zeiten, die man mit niemandem mehr teilen konnte.

James Salter legt mit Jäger einen einfühlsamen Roman vor, dem es gelingt, auf hohem sprachlichem Niveau alle Facetten des Krieges einzufangen: das heroische Männergehabe, aber auch die dunklen Schattenseiten. Die Schilderungen der Kampfhandlungen in der Luft sind von einer beeindruckenden Intensität, genauso wie die Beschreibungen der einsamen und traurigen Stunden, die jeder Pilot mit sich allein verbringt, denn wer zu viel Schwäche zeigt, fällt heraus aus der Gemeinschaft. Jäger ist im Original vor sechzig Jahren erschienen, doch bis heute hat der Roman nichts von seiner Aktualität eingebüßt: ein Krieg ist kein Spiel, sondern bitterer Ernst, der geprägt ist von schrecklichen Verlusten auf beiden Seiten.

Franz Friedrich im Gespräch!

AF_Friedrich_Franz__0005_Web

Foto: Jörg Steinmetz

Die Diskussionen rund um die Longlist des Deutschen Buchpreis liegen mittlerweile schon wieder ein paar Monate zurück, doch sie sind mir im Gedächtnis geblieben. Mit Franz Friedrich habe ich genau darüber gesprochen: über den Deutschen Buchpreis, sexistische Diskussionen und die Angst davor, auf der Shortlist zu stehen.

Erst einmal Glückwunsch dazu, dass du mit deinem Roman „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreis standst – wie hast du von der Nominierung erfahren?

Ich weiß gar nicht genau, ob man das sagen darf, aber die Verlage wissen das meistens schon am Abend vor der Bekanntgabe und ich habe die Nachricht dann von meinem Lektor erfahren, der mich angerufen hat, um mir zu sagen: Du bist drauf.

Und dann war die Freude wahrscheinlich groß, oder?

Ja, schon – die Freude war groß. Es hat mir aber auch ein bisschen Angst gemacht. Auf der Longlist zu stehen, ist natürlich super, aber ich hatte dann irgendwie Angst davor, dass ich auf die Shortlist komme.

Angst, warum denn Angst? Wäre das nicht eher ein Grund zur Freude gewesen?

Ich hatte Angst davor, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, dass ich diese nicht mehr kontrollieren oder beherrschen kann. „Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr“ ist mein erstes Buch gewesen und ich habe noch gar keine Erfahrung. Wenn man schon ein paar Bücher rausgebracht hat, dann kann man all das vielleicht besser einschätzen oder kanalisieren. Ich kann das noch nicht und da habe ich im ersten Moment gedacht: „Oh je!“. Ich hatte Angst davor, wenn ich auf der Shortlist stehe, dass ich irgendetwas Blödes in einem Interview sage und das wird dann gleich ganz komisch multipliziert und verfremdet. Über die Longlist habe ich mich aber gefreut, weil die Aufmerksamkeit nicht nur für das Buch gut ist, sondern auch für den Verlag, der es dann leichter hat, das Buch zu verkaufen.

Dieses Jahr war der Buchpreis ja auch von vielen Diskussionen geprägt: zu wenig Frauen, zu viel alte Autoren – hast du diese Diskussionen verfolgt?

Ja, ich habe diese Diskussionen verfolgt, die – als die Longlist da war – ja relativ schnell losgingen. Es haben sich ja auch alle möglichen Leute dazu geäußert und positioniert. Da ich in diesen Dingen relativ unerfahren bin, habe ich das alles schon irgendwie persönlich genommen. Im Nachhinein war es natürlich nicht persönlich gemeint, es gibt immer Debatten, die losgetreten werden müssen, aber ich habe mir zwischendurch schon gedacht: „Bin ich jetzt falsch?“ Wenn man sagt, dass es zu wenige junge Frauen auf der Liste gibt, sagt man ja auch gleichzeitig, dass zu viele Männer da sind. Ich bin ein Mann, also bin ich zu viel. Irgendwie gehöre ich da nicht drauf, weil es gibt da eine begrenzte Zahl. Das hat mich dann schon ein bisschen getroffen. Alles in allem muss ich sagen, dass ich diese Debatte nicht wirklich gut fand. Sie ist relativ schnell entglitten und mir hat die Art und Weise der Diskussion nicht gefallen. Ich würde mich selber als Feministen bezeichnen, wenn es aber nur darum geht, junge Frauen auf dieser Liste sehen zu wollen, rutscht das schnell in einen Sexismus ab. Nach dem Motto: hier gibt es zu wenige sexy Bitches. Ich finde es grundsätzlich total wichtig, darüber zu reden, wie der Sexismus im Literaturbetrieb funktioniert, weil dieser nach wie vor von Männern beherrscht wird. Die meiste Literatur wurde von Männern geschrieben und hat einen männlichen Blick. Eigentlich ist das ein richtig interessantes Thema und es würde sich lohnen, ernsthaft darüber zu diskutieren und eine wirklich gute Debatte zu führen. So wie die Debatte dann aber geführt wurde, empfand ich sie jedoch komischerweise nicht als emanzipatorisch feministisch, sondern fast schon als sexistisch.

Da kann ich dir nur zustimmen. Mir selbst haben auf der Longlist Bücher gefehlt, ob diese von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurden, war für mich dabei zweitranging.

Ja genau. Es gibt sicherlich im Literaturbetrieb Strukturen, die es Frauen schwerer macht – darüber kann man gerne reden. Es gibt aber gleichzeitig auch eine ganze Reihe anderer ausschließender Strukturen. Man könnte ja auch sagen, es gibt zu wenig Arbeiterkinder auf der Liste, zu wenig Migranten oder zu wenig Homosexuelle. Das ist alles interessant, aber es ist eine Art der Debatte, bei der ich mich frage, was das bringt.

Kannst du – losgelöst von dieser Diskussion – denn sagen, ob es etwas in deinem Leben gibt, das sich nach der Nominierung verändert hat?

Dass das Buch nun draußen ist, das hat natürlich viel verändert. Mit der Nominierung hat sich aber eigentlich nichts geändert. Es war eine schöne Sache, auch mit der Lesung – es gab eine Blinddatelesunge und da war ich in Marburg eingeladen und das war gleichzeitig auch meine erste Lesung mit dem Buch und ich war total nervös und aufgeregt. Ich dachte: „Schrecklich, die kennen mich gar nicht!“ Das Buch war ja relativ neu und ich hatte keine Ahnung, wie die nun reagieren. Dann waren dort aber total viele nette Leute und der Moderator war super, genauso wie die Buchhandlung, die die Lesung betreut hat. Es war einfach eine ganz spannende Erfahrung, die ich da machen durfte und es ist mir ganz viel Freundlichkeit dabei entgegengekommen.

Was bedeuten dir Preise und Auszeichnungen überhaupt beim Schreiben?

Ich glaube, dass das Gute an Preisen immer das Preisgeld ist, denn Geld schafft Sicherheit. Insofern sind Preise natürlich wichtig. Es ist aber gar nicht möglich, auf einen Preis hin zu schreiben. Ich glaube, dass macht auch keiner.

Wenn man sich deine Biographie anschaut, sieht man, dass du Schreiben in Leipzig am Literaturinstitut studiert hast – kannst du noch sagen, wann genau ist in dir der Wunsch entstanden zu schreiben?

Das klingt vielleicht eitel, aber eigentlich wollte ich schon immer schreiben – obwohl ich eine schlechte Rechtschreibung hatte und man mich schon fast als Legastheniker hätte bezeichnen können. Ich war sowieso kein guter Schüler, zumindest im Fach Deutsch. Aber sobald ich – auch wenn das jetzt kitschig klingt – als Erstklässler ein Alphabet zur Verfügung hatte, habe ich angefangen Geschichten zu schreiben. Das war damals natürlich noch nicht der seriöse Wunsch Schriftsteller zu werden, aber diese Möglichkeit, Bücher zu schreiben, war für mich immer da. Damals hatte ich sicherlich noch andere Lieblingsberufe, die dann mit der Zeit weggefallen sind.

Wenn wir abschließend noch einmal über deinen Roman sprechen: du hast ja nicht nur Schreiben studiert, sondern auch Experimentalfilm und auch in deinem Roman spielt der Film eine wichtige Rolle. Was verbindet Film und Literatur miteinander? Gibt es Dinge, die man im Film nicht machen kann, dafür aber in der Literatur?

Bei mir ist das so, dass ich beides gleichzeitig studiert habe. Ich war in Leipzig eingeschrieben und habe gleichzeitig am UDK Experimentalfilm studiert. Für mich lief also beides parallel nebeneinander her. Das Schöne an der Beschäftigung mit Film für mich ist die Tatsache, dass die Literatur mir manchmal etwas beengt vorkommt. Man zensiert sich selbst: das geht nicht, das geht nicht, das geht nicht. Auch beim Film gibt es Grenzen, aber andere Grenzen. Und da merke ich dann immer, dass durch die Vermischung beider Gattungen eine Öffnung entsteht. Eine Öffnung des Raums oder auch der Möglichkeiten. Das Andere, das am Film interessant ist, ist, dass es dort eine andere Art der Genauigkeit gibt. Das ist die Genauigkeit des Blicks oder auch des Bildes. Bei der Literatur funktioniert diese Genauigkeit eher über das Wort, die Sprache muss das sozusagen alles richten und im Film ist es das Bild. Diese Genauigkeit in die Literatur wieder mit zurückzunehmen, finde ich immer wieder spannend und befruchtend.

Der große Trip – Cheryl Strayed

Der große Trip trägt den Untertitel Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst und in der Tat könnte man das Buch nicht besser beschreiben. Cheryl Strayed hat ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, die sie quer durch Kalifornien geführt hat, bis hin zu der Brücke der Götter. Es ist die Geschichte einer Reise, einer Reise zu sich selbst und einer Reise zurück zu dem Menschen, der man mal gewesen ist. Eine Reise, einer jungen Frau, die von ihrer Trauer erzählt, aber auch von ihrem Weg zurück ins Leben.

DSC_2819

Was kann man tun, wenn man glaubt, dass das eigene Leben auseinander bricht? Cheryl Strayed ist gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alt, als sie das Gefühl hat, alles verloren zu haben, was ihr etwas bedeutet hat. Vier Jahre zuvor stand sie kurz vor ihrem Universitätsabschluss, als bei ihrer Mutter Lungenkrebs im fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert wird. Der Arzt gibt ihr noch ein Jahr zu leben, doch nur wenige Wochen später ist die Mutter bereits tot. Cheryl Strayed bleibt zurück mit einem Stiefvater, der sich bereits kurz danach eine neue Familie sucht und zwei Geschwistern, zu denen sie kaum Kontakt hat. In kürzester Zeit gelingt es ihr, ihr bis dahin geordnetes Leben zu zerstören, das, was zuvor heil gewesen ist, ist nun in tausend Scherben zersplittert: sie zerstört ihre Ehe, greift zu Drogen und bricht ihr Studium ab, ohne Abschluss.

Ich war allein. Ich war barfuß. Ich war sechsundzwanzig Jahre alt und ebenfalls eine Waise. Eine richtige Rumtreiberin, wie mich ein Fremder ein paar Wochen zuvor genannt hatte, als ich ihm meinen Namen nannte und erklärte, wie verlassen ich auf der Welt war. Mein Vater verschwand aus meinem Leben, als ich sechs war. Meine Mutter starb, als ich zweiunzwanzig war.

Während die Abwärtsspirale immer rasanter Fahrt aufnimmt, fällt Cheryl Strayed eines Tages bei einem Einkauf ein Reiseführer in die Hände, der die Route des Pacific Crest Trails (PCT) beschreibt – einem Wanderweg, der von der Grenze Mexikos bis nach Kanada führt, mehr als 4000 Kilometer, die hinweg über sieben Gebirgszüge führen und quer durch die Wüste, Indianerreservate und Nationalparks. Sie stellt den Reiseführer erst einmal wieder zurück ins Regal, doch da ist die ausgefallene Idee schon in ihr gereift: statt ihr Leben weiter wegzuwerfen, möchte sie diese fremde Welt erwandern: eine Welt, die gut einen halben Meter breit und 4284 Kilometer lang war. Cheryl Strayed fasst den Beschluss, ihr altes Leben in Kisten zu packen und stattdessen los zu wandern, 100 Tage lang – in der Hoffnung nicht nur bei der Brücke der Götter anzukommen, sondern auch wieder bei sich selbst.

Jeden Tag hatte ich das Gefühl, in einem tiefen Brunnen zu sitzen und nach oben zu blicken. Aber auf dem Grund dieses Brunnens machte ich mich daran, eine Solo-Wildnis-Trekkerin zu werden. Und warum auch nicht? Ich war schon so vieles gewesen. Eine liebende Frau und Ehebrecherin. Eine geliebte Tochter, die ihre Feiertage allein verbrachte. Eine ehrgeizige Streberin und ambitionierte Autorin, die sich von einem Verlegenheitsjob zum nächsten hangelte, gefährlich mit Drogen experimentierte und mit zu vielen Männern schlief.

Der große Trip, der von Reiner Pfleiderer ins Deutsche übertragen wurde, erzählt von dieser Wanderung und man kann es vielleicht an dieser Stelle schon ahnen: Cheryl Strayed ist nicht wirklich gut vorbereitet. Ihr Rucksack ist so schwer, dass sie ihn selbst kaum hochheben kann, die Schuhe sind so klein, dass sie sich wunde Füße läuft und für ihren Kocher hat sie das falsche Öl gekauft. Es gibt zahlreiche Momente, die zum Schmunzeln einladen: im Gedächtnis geblieben ist mir der Versuch von Cheryl Strayed, im Motelzimmer zum allerersten Mal ihren Rucksack aufzusetzen, den sie auf den Namen Monster getauft hat. Auch das Tagespensum, das sie sich vornimmt, stellt sich schnell als unrealistisch heraus. Cheryl Strayed ist zuvor nie gewandert und sonderlich fit ist sie auch nicht. Doch trotz mangelnder Planung und fehlender Fitness ist die Solo-Wildnis-Trekkerin unfassbar zäh, auch wenn sie zweifelt und kämpft, durch Hitze und Schnee wandert und ihr zwischendurch immer wieder das Geld ausgeht: ans Aufgeben denkt sie zwar immer mal wieder, doch sie tut es nie. Sie erwandert sich die ruhige und wunderschöne Welt des Pacific Crest Trails und sie erwandert sich diese Welt ganz auf sich allein gestellt. Auch wenn sie immer mal wieder auf andere Wanderer trifft, schließt sie sich diesen nur für kurze Zeit an. Ihr großes Ziel ist es, diesen Weg allein zu beschreiten und dabei vielleicht auch etwas für ihr eigenes Leben zu lernen, das sie fast zerstört hat.

Ich blickte nach Norden, in ihre Richtung – der bloße Gedanke an die Brücke war mir ein Ansporn. Ich blickte nach Süden, wo ich herkam, in das wilde Land, das mich vieles gelehrt und mich demütig gemacht hatte, und erwog meine Möglichkeiten. Mir war klar, dass es nur eine gab. Es gab immer nur eine. Weitergehen.

Cheryl Strayed hat aber natürlich nicht nur ein Wanderbuch geschrieben, sondern gleichzeitig auch ein Buch über sich selbst und ihre Vergangenheit. In Rückblicken erzählt sie immer wieder von Momenten der Trauer und des Schmerzes, von dem frühen Tod ihrer Mutter, von ihrem leiblichen Vater, von ihrer Kindheit, die angefüllt war mit Liebe, aber auch mit viel Verwirrung und Einsamkeit. Ich habe einen Moment gebraucht, bis mir diese Frau, die Kondome in den Wanderrucksack packt, um auf dem Weg vielleicht den einen oder anderen Mann abzuschleppen, sympathisch geworden ist, doch irgendwann konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen: ich habe mitgelitten, mitgefiebert.

Der große Trip hat sicherlich keinen hohen literarischen Anspruch, den braucht dieses Buch aber auch nicht. Es ist auch kein Buch für Menschen, die wirklich am Wandern interessiert sind, denn die Autorin macht fast alles falsch, was man falsch machen kann. Mich hat Der große Trip aufgrund der Lebensgeschichte von Cheryl Strayed fasziniert: auch wenn ich immer wieder schmunzeln musste über ihre Unbedarftheit, hat sie mich doch beeindruckt mit ihrem Durchhaltewillen. Als sie die ersten Schritte auf dem Pacific Crest Trail geht, ist Cheryl Strayed am Boden, doch sie findet auf ihrem Weg nicht nur zur Brücke der Götter, sondern auch zu den Wurzeln ihrer Probleme und zu sich selbst. Der große Trip ist ein Buch, das mich nicht nur unterhalten sondern auch begeistert hat, das mich mutig und nachdenklich gemacht hat. Darüber hinaus ist es ein Buch, das eine ganz andere Art und Weise aufzeigt, wie man mit tiefer Trauer umgehen kann.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – D.T. Max

Am 12. September 2008 hat sich der Schriftsteller David Foster Wallace das Leben genommen, er erhängte sich in seiner Garage, nachdem er jahrelang mit schweren Depressionen gekämpft hatte. Seinen Büchern gemein ist eine überbordende Phantasie und eine alles durchdringende Traurigkeit. D.T. Max legt, sechs Jahre später, eine Biographie vor, die versucht alles nach zu erzählen: angefangen von einer scheinbar glücklichen Kindheit, bis hin zu den dunkelsten Stunden eines schwerkranken Mannes.

DSC_2626

Jede Geschichte hat einen Anfang, und so fing die Geschichte von David Wallace an: Er wurde am 21. Februar 1962 in Ithaca, New York geboren.

D.T. Max ist Absolvent der Harvard University, Stipendiat der Guggenheim Foundation und schreibt regelmäßig für den New Yorker. D.T. Max hat David Foster Wallace nie kennengelernt, er hat ihn nur ein einziges Mal auf einer Verlagsparty getroffen. Da es keine eigenen Erinnerungen gibt, auf die er zurückgreifen kann, greift er auf die Erinnerungen von Freunden und Familienangehörigen zurück, in diesem Sinne ist die vorliegende Biographie weniger ein Werk eines einzelnen Autors, als eine Form des kollektiven Gedächtnisses, in das Erinnerungen zahlreicher Begleiter und Weggefährten von David Foster Wallace eingeflossen sind. Für diese Biographie hat sich D.T. Max auf eine komplexe Suche begeben, auf die Suche nach dem wahren David Foster Wallace: dabei hat er nicht nur in den Texten dieses vielschichtigen Autors gesucht, sondern auch in dessen Kindheit und in dessen Beziehungen.

Flüssig und mitreißend erzählt D.T. Max vom Leben dieses außergewöhnlichen Schriftstellers, der in einem behüteten Elternhaus aufwächst, in dem ihm jedoch viele Freiheiten gewährt werden. Erst spät in seinem Leben beginnt Wallace damit, seine Kindheit zu hinterfragen und nimmt dabei besonders seine Mutter in den Blick. Die Schwierigkeiten, die Jahre später schließlich zu seinem Selbstmord führen, beginnen bereits, als David Foster Wallace ein Teenager ist und seinen ersten Zusammenbruch erlebt. Von diesem Moment an schwankt er immer wieder zwischen Genialität, er wird beispielsweise als bester Student bezeichnet, den die Universität Amherst je gehabt hat und Momenten der absoluten Zerstörung und Verzweiflung. Der glücklichen Kindheit steht das Leben eines jungen Mannes gegenüber, das geprägt ist von Zusammenbrüchen.

Seine Qualen, schrieb er, strömten aus verschiedenen Quellen, von der Angst vor dem Ruhm bis zur Angst vor dem Scheitern. Hinter den gewöhnlichen Ängsten lauerte die Angst, gewöhnlich zu sein.

Aus einem notorischen Kiffer wird ein schwerkranker Alkoholiker, aber auch diese Sucht überwindet David Foster Wallace – nur diese alles überwältigende Traurigkeit, die kann er sein ganzes Leben lang nie wirklich abschütteln. Das Leben von David Foster Wallace ist auch geprägt von Beziehungen, die er immer wieder nach kurzer Zeit beendet. Es wäre zu leicht, all dies auf seine Kindheit zurückzuführen, die glücklich erscheint und doch geprägt gewesen ist, von den unterschiedlichen Persönlichkeiten seiner Eltern. Doch die Wurzeln der immensen Traurigkeit, wurden sicherlich damals schon gelegt und konnten nie mehr gekappt oder aus der Erde gerissen werden. Von all dem erzählt D.T. Max auf eine Art und Weise, dass man glaubt, einen Roman zu lesen: mitreißend und unterhaltsam. Doch unter dieser Oberfläche lauert eine beständige Traurigkeit, der man sich beim Lesen immer bewusst ist.

Ein Mittel, das in dieser Biographie immer wieder gewählt wird, ist das des Briefes: D.T. Max zitiert aus zahlreichen Briefen, die David Foster Wallace an Freunde und Bekannte geschrieben hat. Besonders eindrücklich ist mir ein Brief im Gedächtnis geblieben, den er an seinen Freund Jonathan Franzen schrieb:

Ich kann nur sagen, dass ich das vielleicht vor zwei, drei Jahren für Dich war und vielleicht in 16 Monaten oder zwei oder 5 oder 10 Jahren wieder sein kann, aber im Moment bin ich ein kläglicher und sehr verwirrter junger Mann, mit 28 ein gescheiterter Schriftsteller, der so eifersüchtig ist, so scheußlich neidisch auf Dich […], dass ich die Selbsttötung als logische – wenn auch im Moment nicht wünschenswerte – Lösung des ganzen jämmerlichen Problems betrachte.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte, das hervorragend von Eva Kemper ins Deutsche übertragen wurde, ist ein wahres Leseerlebnis, denn es ist nicht nur eine Annäherung an den Menschen David Foster Wallace sondern auch an seine Texte. Leicht beschämt muss ich an dieser Stelle gestehen, dass ich – bis auf Das ist Wasser – noch nichts von Wallace gelesen habe. All denen, denen es genauso geht wie mir, kann ich diese Biographie nur ans Herz legen, denn sie macht Lust darauf, dieses vielschichtige Werk, das David Foster Wallace hinterlassen hat, zu erkunden. Die Seiten der Biographie sind dicht befüllt mit zahlreichen Verweisen und Informationen, die das Buch jedoch an keiner Stelle zu einer zähen oder langatmigen Lektüre machen.

Seligkeit – eine jede einzelne Sekunde erfüllende Wonne und Dankbarkeit über das Geschenk, am Leben zu sein und Bewusstsein zu haben – ist das Gegenteil der niederschmetternden Langeweile.

Der Titel der Biographie fängt die Essenz des Lebens von David Foster Wallace perfekt ein: die Biographie ist eine Liebesgeschichte, denn sie erzählt von einer unbändigen Liebe zur Sprache, zu Worten, zur Literatur und zum Schreiben. Gleichzeitig ist sie jedoch auch eine düstere Geistergeschichte, die von dunklen Stunden und einem schwarzen Loch mit Zähnen erzählt. Vielleicht ist genau das auch die Essenz, die ich aus dieser Lektüre mitnehme: das Leben kann häufig aus beidem bestehen, aus Liebe und aus Geistern. Man sollte das Geschenk am Leben zu sein solange genießen, wie man kann, denn manchmal lauern die Geister schon im Hintergrund.