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Die Tage danach – Erika Fatland

Erika Fatland hat ein beeindruckendes Buch über die Terroranschläge in Norwegen geschrieben. Die Lektüre von Die Tage danach ist nur schwer zu ertragen, ich habe es atemlos und mit großem Entsetzen gelesen. Es ist ein Buch über das Böse, das uns überall und zu jeder Zeit treffen kann. Es ist ein Buch über die Opfer, aber auch über den Täter. Es ist ein wichtiges und erschütterndes Buch, das man lesen sollte.

Fatland 2

In den 189 Minuten zwischen 15:25 Uhr und 18:34 Uhr am 22. Juli 2011 erlebte Norwegen nicht nur die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, der Zeitraum hat auch unsere friedliche, nahezu idyllische Gesellschaft verändert. Jeder Norweger wird sich für immer daran erinnern, wo er an jenem Tag war und was er gerade tat.

Vor kurzem jährten sich die Terroranschläge in Norwegen zum vierten Mal. Im Regierungsviertel in Oslo zündete Anders Behring Breivik eine Bombe, auf der Insel Utøya machte er Jagd auf Jugendliche, die ein Sommercamp besuchten. Erika Fatland hat sich dazu entschieden, darüber zu schreiben. Über den Tag, der Norwegen in seinen Grundfesten erschütterte, aber auch über die Tage danach. Über den Täter, aber vor allen Dingen über seine Opfer. Nicht nur die siebenundsiebzig Toten gehören zu seinen Opfern, sondern auch die vierhundert traumatisierten Überlebenden und all diejenigen, die in Oslo und auf Utøya ihre Angehörigen verloren haben. Die Autorin reist von Longyearbyen im Norden Norwegens bis nach Mandal im Süden, um mit den Hinterbliebenden und den Überlebenden zu sprechen. In Die Tage danach erzählt sie ihre Geschichten. Es sind erschütternde und tief berührende Geschichten. Geschichten, die mich gefangen genommen und nicht mehr losgelassen haben.

Erika Fatland wurde 1983 geboren und arbeitet als Sozialanthropologin. Sie studierte in Lyon, Helsinki, Kopenhagen und Oslo und spricht sieben Sprachen. Spezialisiert hat sie sich auf Opfer und Überlebende von Terroranschlägen. Ihre Masterarbeit schrieb sie über das Massaker an der Schule 1 in Beslan. Zu den Terroranschlägen in Norwegen hat sie einen besonderen Bezug, nicht nur, weil das Land ihre Heimat ist, sondern auch weil sie persönlich betroffen ist: ihr jüngerer Cousin Lars hat sich politisch engagiert und die Ferien auf Utøya verbracht, im Sommercamp der AUF (Arbeidernes Ungdomsfylking). Anders Behring Breivik hat ihm in den Rücken geschossen, ein Lungenflügel wurde zerstört. Das Leben des jungen Mannes hing am seidenen Faden. Er hat überlebt, viele andere sind an diesem Tag auf der Insel gestorben.

Mit jeder neuen Geschichte scheinen die Zuhörer im Saal ein wenig mehr abzustumpfen. Während ein junger AUFler, der die für Schulabgänger typische Latzhose trägt, dem Gericht von der Knallerei erzählt, die er zunächst für Chinaböller gehalten habe, checken die Journalisten ihre E-Mails oder lesen im Internet die neuesten Nachrichten. Einige schauen sich den Langzeitwetterbericht an, andere spielen am Laptop Karten. Abgestumpft nach zehn, zwanzig, dreißig dramatischen Utøya-Geschichten. 

Erika Fatland reist durch ganz Norwegen, um Opfern und Hinterbliebenen eine Stimme zu geben. Dem Buch gelingt es dennoch, frei von jeglichem Betroffenheitskitsch zu sein, denn die Autorin bewahrt auch immer eine gewisse Distanz. So geht es in diesem Buch nicht nur um die Geschichten der Opfer, die einen tief betroffen machen, sondern auch um die Frage nach dem Warum. Erika Fatland betreibt Ursachenforschung, sie schaut sich den Täter ganz genau an und zieht Vergleiche zu anderen Tätern und Taten. Hat die Tat von Anders Behring Breivik Ähnlichkeiten mit einem Schulamoklauf? Was verbindet ihn mit dem Una-Bomber? Die Autorin fährt nach Deutschland, um die Stadt Winnenden zu besuchen und nach Amerika, um auch dort mit Opfern von Terroranschlägen zu sprechen.

In diesem Buch gelingt es, beide Ebenen – die persönliche und die sachliche – miteinander zu verbinden. Erika Fatland erzählt einerseits vom Tod, von unbegreiflichen Schmerzen, vom Schrecken, von Angst und Panik und vom Kampf ums Überleben. Andererseits lässt sie nüchterne Fakten einfließen, erzählt vom Prozess gegen den Angeklagten, von Gutachten und von vergleichbaren Taten und Täterprofilen. Erika Fatland klammert auch die Kritik am Polizeieinsatz nicht aus. An diesem Tag ist vieles schief gelaufen, einige Kinder hätten nicht sterben müssen, wenn Polizei und Behörden besser vorbereitet gewesen wären, besser zusammengearbeitet hätten. Sinnbildlich dafür steht das gekenterte Polizeiboot, das viel zu schwer beladen gewesen war.

“Ich hatte nicht gedacht, dass es möglich sei, noch einmal ein Kind verlieren, wenn man schon eins verloren hat”, sagt sie. Die Tränen laufen ihr über die Wangen. Sie lässt sie laufen. “Es ist ein großer Unterschied, ob man ein Baby oder ein 16-jähriges Mädchen verliert. Manchmal ziehe ich Astas Sachen an, ihre Pullis, ihre Socken, weil ich sie so sehr vermisse.”

Obwohl die Autorin sich selbstverständlich auch mit Anders Behring Breivik beschäftigt, stellt sie doch die Geschichten der Überlebenden und Angehörigen in den Mittelpunkt. In vielen medialen Berichterstattungen ist das genau umgekehrt: wir wissen, wie der Täter heißt und wir wissen, dass er siebenundsiebzig Menschen getötet hat, doch wir kennen von keinem Opfer den Namen. So ergeht es einem auch mit vielen anderen Amokläufen und Terroranschlägen: wir kennen Tim Kretschmar und Robert Steinhäuser, doch keines ihrer Opfer. Karl Ove Knausgard hat in einem vielbeachteten Essay einen wichtigen Satz dazu geschrieben: Die Henker haben Namen, ihre Opfer sind Zahlen.

Erika Fatland ist ein einfühlsames Buch gelungen, das sich kompetent und sachlich mit den Fakten beschäftigt und gleichzeitig eine Geschichte von Schmerz, Trauer, Wut und Zorn erzählt. Den Leser lässt sie alles miterleben: die Trauer der Überlebenden, die Angst der Opfer und die kaum vorstellbare Brutalität des Täters. Das ist nicht leicht zu lesen und nicht leicht zu ertragen und dennoch ist Die Tage danach ein ganz wichtiges Buch. Ein wichtiges Buch, dem ich viele Leser wünsche.

Erika Fatland. Die Tage danach. Erzählungen aus Utøya. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Stephanie Elisabeth Baur. btb Verlag, München 2012. 512 Seiten, €21,99.

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