Petra Hartlieb im Gespräch!

Petra Hartlieb

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Literarisch bekannt geworden ist Petra Hartlieb vor allen Dingen als Teil eines Krimiduos, nebenbei betreibt sie aber auch noch zwei Buchhandlungen mitten in Wien und hat jetzt sogar noch darüber geschrieben. Doch wie kam es eigentlich dazu? Genau darüber habe ich mit ihr gesprochen: über Buchhandlungen und den Mut, den eigenen Traum zu leben.

Ursprünglich haben Sie angefangen Psychologie und Geschichte studiert, um dann viele Jahre im Literaturbetrieb tätig zu sein. Wie ist aus Ihnen schließlich eine Buchhändlerin geworden?

Ein bisschen durch Zufall. Ich bin wegen der Liebe nach Hamburg gezogen – mein Mann war bei Rowohlt und ich war bei einem kleinen Verlag in Wien und bin dann zu ihm nach Hamburg gezogen. In eine fremde Stadt und ohne Job. Da ich nichts fertig studiert habe, konnte ich nichts und habe lange überlegt, was ich nun machen könnte. In Wien war ich sehr aktiv in der literarischen Szene und viele Leute haben mich gekannt, in Hamburg hatte ich dann plötzlich das Gefühl, dass mich niemand kennt, dass niemand weiß, wie toll ich bin. Mein Mann kennt viele Buchhändler, deshalb habe ich dann begonnen in einer kleinen Buchhandlung zu jobben. Erst einmal nur einen Tag die Woche, irgendwann dann zwei Tage die Woche und ich habe relativ schnell gemerkt, dass ich das gut kann: ich kann gut mit Leuten, ich kann gut Geschichten erzählen.

Mittlerweile betreiben Sie seit 2004 mit Ihrem Mann eine Buchhandlung in Wien und erzählen in Ihrem neuen Buch „Meine wundervolle Buchhandlung“ von ihrem Leben als Buchhändlerin. Woher kam die Idee, ein Buch darüber zu schreiben?

Ich muss an dieser Stelle immer gestehen, dass die Idee nicht von mir ist. Die Idee ist eigentlich von Jo Lendle gekommen, dem ehemaligen Verleger des DuMont Verlags. Das ist ein guter Freund von mir, der auch eigene Bücher schreibt, die er dann immer bei uns in der Buchhandlung vorstellt. Er kennt unser Leben, unsere Wohnsituation über der Buchhandlung und wie das alles immer so ein bisschen chaotisch ist. Die eigentliche Idee kam dann von ihm: magst du nicht mal eine Geschichte über eine verrückte Buchhändlerin schreiben, die über ihrer Buchhandlung wohnt? Darüber habe ich lange nachgedacht, ohne etwas zu schreiben und irgendwann hatte ich dann doch das Gefühl: „Warum eigentlich nicht, ich kann das doch mal versuchen“.

In Ihrem Buch kann man dann auch herauslesen, dass es eher eine spontane Entscheidung gewesen ist, die Buchhandlung zu übernehmen. Haben Sie den Schritt zur eigenen Buchhandlung jemals bereut?

Ich bereue die Entscheidung jedes Jahr wieder im Weihnachtsgeschäft. Nein, im Ernst: bereuen tue ich es nicht. Ich bin kein Mensch, der in hätte ich und wenn ich denkt. Es ist das passiert, was wir gemacht haben. Es ist gut gegangen, wir haben viel Glück gehabt und machen einen guten Job. Ob mein Leben besser oder anders wäre, wenn wir uns vor zehn Jahren dagegen entschieden hätten, weiß ich nicht. So etwas weiß man nie. Ich bereue es nicht, auch wenn die ersten zwei Jahre schon sehr, sehr hart gewesen sind. Wenn mir jemand am Anfang gesagt hätte, wieviel ich dort in den ersten zwei Jahren – mit einem kleinen Kind – arbeiten werde, dann hätte ich wahrscheinlich gesagt: das kann ich nicht, das geht nicht. Ich habe es dann aber einfach durchgezogen.

Es gibt diesen etwas abgegriffen Satz, wenn Beruf von Berufung kommt … würden Sie sagen, dass Sie mit dem, was Sie machen, Ihren Traum leben?

Das auf jeden Fall! In einer Buchhandlung zu arbeiten, war auf jeden Fall immer ein Traum von mir, vielleicht sogar von meinem Mann und mir. Für uns beide war immer völlig klar, dass wir etwas mit Büchern machen möchten. Es gibt nichts anderes. Ich bin keine geborene Verkäuferin und könnte nichts anderes verkaufen. Es sollten Bücher sein, ob in einem Verlag oder in einer Buchhandlung, war erst einmal egal. Dass es dann eine Buchhandlung wurde, ist auch ein großer Zufall gewesen. Natürlich ist eine Buchhandlung, wie wir sie haben, eine alte Buchhandlung mit hohen Decken schon ein Traum. Manchmal fühle ich mich bei uns wie in einer Filmkulisse. Es ist ein echter Traum, dass es uns noch gibt, dass wir uns behaupten können und dass wir erfolgreich: Dieser Traum hat aber auch einen hohen Preis.

Die Geschichte von Hartliebs Büchern ist mehr als ungewöhnlich, denn Sie arbeiten nicht nur in einer Buchhandlung, sondern leben auch darin. Wie lebt es sich in einer Buchhandlung und wie häufig laufen Sie nach Feierabend die Wendeltreppe doch noch mal runter?

Die ersten Jahre haben wir immer durchgearbeitet. Das hat damals aber auch unser Familienleben gerettet. Wir haben immer bis sechs Uhr gearbeitet, dann zugesperrt, Familienleben gehabt und wenn das Kind geschlafen hat, haben wir das Babyphone angemacht und sind wieder runtergegangen und haben weitergearbeitet. So schlimm ist es mittlerweile nicht mehr, aber es ist nach wie vor so, dass wir im Weihnachtsgeschäft wirklich die halbe Nacht arbeiten. Du gehst nicht schlafen, wenn du weißt, dass sich da unten die Kisten türmen, die eigentlich noch ausgepackt werden müssen. Inzwischen schaffe ich es besser – wenn ich mal einen freien Tag habe, dann gehe ich da auch wirklich nicht runter.

Mittlerweile haben Sie bereits eine zweite Buchhandlung eröffnet. Woher nehmen Sie den Mut und die Zeit dafür?

Mein Mann und ich sind beide sehr ähnlich: wir lassen uns immer sehr von unserem spontanen Gefühl und von unserem Herzen leiten. Wenn wir das Gefühl haben, dass wir etwas unbedingt machen müssen, weil sich das irgendwie gut anfühlt, dann machen wir das. Das machen wir im Privatleben so, aber auch im Arbeitsleben. Ich habe meinen Mann auf der Buchmesse in Leipzig kennengelernt, im Oktober bin ich zu ihm gezogen und im November haben wir geheiratet. Genauso treffen wir auch die Entscheidung für neue Mitarbeiter. Wir machen keine siebentausend Auswahlrunden, sondern wenn sich jemand vorstellt, bei dem wir das Gefühl haben, dass passt, dann lassen wir den zwei Tage zur Probe arbeiten und nehmen ihn dann. So machen wir es auch im Geschäft, da gibt es kein großes Konzept. Die zweite Buchhandlung war vom Zusperren bedroht, wir fanden den Raum toll und zufälligerweise wurde sie uns dann sehr günstig angeboten. Wir haben dann gesagt: „Komm, dass schaffen wir doch noch.“

Eigentlich müsste man ja annehmen, dass die Zukunft des Buchhandels düster aussieht. Macht Ihnen die aktuelle Entwicklung Angst oder sehen Sie auch positive Zeichen, die Sie weitermachen lassen?

Ich bin eher ein Mensch, der relativ im Augenblick lebt. Wenn ich danach gefragt werde, wie ich das sehe und ob es in zehn Jahren noch Buchhandlungen geben wird, dann kann ich nur sagen, dass ich das nicht weiß. Ich kann das einfach nicht beantworten. Wir arbeiten von Jahr zu Jahr, wir gucken, dass wir das Jahr positiv abschließen und das Geld verdienen, um unser Personal und unsere Miete zu bezahlen und auch noch die Schulden zurückzuzahlen. Was aber in zwei oder drei Jahren sein wird, das kann ich nicht beeinflussen. Es macht mir aber natürlich auch Angst. Ich kann nur schauen, dass ich die richtigen Entscheidungen treffe, dass ich das richtige Konzept fahre und meine Kunden nicht verliere. Ob es uns in fünf Jahren noch geben wird, dass weiß ich nicht, aber ich denke, dass überlege ich mir dann. Ich bin aber ganz sicher keine, die in ihrem eigenen Laden sitzt und dabei zuschaut, wie das alles immer schlechter wird. Lieber ein Schrecken mit Ende, dann muss ich mich eben mit 55 Jahren noch einmal neu erfinden. Oder ich werde reiche Bestsellerautorin.

Ja, warum denn nicht? Sie arbeiten mittlerweile seit mehr als zehn Jahren in Ihrer eigenen Buchhandlung. Inwieweit haben sich in dieser Zeit die Anforderungen an Buchhändler verändert? Sehen Sie da eine Entwicklung?

Vor zehn Jahren ist es noch so gewesen, dass die Feinde der kleinen Buchläden die großen Buchhandelsketten gewesen sind. Da war mein Albtraum immer, dass ein Thalia gegenüber aufmachen wird und wir dann zusperren müssen, weil alles ganz schrecklich wird und die dort eine riesige Filiale mit fünf Stockwerken hinbauen. Davor habe ich inzwischen keine Angst mehr.

Das hat sich eher umgedreht, oder?

Ja, das hat sich total verändert. Die tun mir nix mehr. Die Leute, die zu mir gehen, die würden nicht in einen Thalia gehen. Dafür hat sich alles ins Internet verschoben. Das haben wir vor ein paar Jahren gemerkt, als man plötzlich das Gefühl hatte, Amazon ist die Richtschnur für alles geworden. Ich hatte dann als Buchhändlerin plötzlich ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich ein Buch nicht da hatte und dann ein Kunde kommt und sagt: „Aber bei Amazon gibt’s das.“ Man macht sich dann ganz klein und hat das Gefühl, man genügt nicht, während Amazon so toll ist, sind wir nur eine verstaubte und blöde Buchhandlung. Das wiederum hat sich im letzten Jahr total geändert. Durch das schlechte Image und die schlechte Presse, die Amazon sich selbst zuzuschreiben hat, hat man im Buchmilieu schon das Gefühl, dass die Kunden doch eher Leute sind, die denken, intellektueller sind und durchaus Dinge in Frage stellen. Wir merken einfach, dass immer wieder neue Kunden kommen und es für viele nicht mehr so sexy ist, bei Amazon zu bestellen.

Meine wundervolle Buchhandlung – Petra Hartlieb

Meine wundervolle Buchhandlung ist ein wundervolles Buch über Bücher und Buchhandlungen und darüber was man mit einer großen Portion Begeisterung, Durchhaltewillen und Energie alles schaffen kann. Es geht um eine Schnapsidee, eine Buchhandlung in Wien und einen gelebten Traum.

Petra Hartlieb

Wir haben eine Buchhandlung gekauft: In Wien. Wir haben eine Mail mit einer Zahl geschrieben, ein Gebot, einen Betrag, den wir gar nicht hatten, und nach einigen Wochen kam die Antwort: Sie haben eine Buchhandlung gekauft!

Es gibt Bücher, die nimmt man in die Hand und legt sie erst wieder weg, wenn man sie ausgelesen hat. Genauso erging es mir mit dem Buch Meine wundervolle Buchhandlung, in dem Petra Hartlieb die Geschichte ihres Ladens erzählt. Genau genommen gehört Hartliebs Bücher, so heißt die Buchhandlung, auch ihrem Mann. Es war eine gemeinsame Schnapsidee, ein spontaner Entschluss aus dem dann Wirklichkeit wurde. Es war die Idee etwas gemeinsam zu machen, etwas zusammen aufzubauen. Beide leben eigentlich in Hamburg als sie auf die Buchhandlung bieten. Mit Geld, das sie nicht haben. Doch dann bekommen sie die Buchhandlung und statt vor lauter Schreck einen Rückzieher zu machen, brechen beide ihre Zelte ab, packen ihr Hab und Gut und die Kinder ein und gehen nach Wien. Beide lassen einen guten Job zurück – Petra Hartlieb war Literaturkritikerin und ihr Mann in einem Verlag tätig – und ziehen in eine ungewisse Zukunft. Doch das tun sie mit ganz viel Mut, Lust und Energie im Gepäck.

Ich verspüre plötzlich eine große Müdigkeit und denke an mein Latte-Macchiato-Leben in Hamburg. Statt Halbtagsstelle, schicker Wohnung und freier Zeiteinteilung nun also Tag und Nacht arbeiten, zunächst mal kein eigenes Zuhause und Schulden für die nächsten zehn Jahre. Oder länger? Wie gut, dass meine Vorstellungskraft dafür nicht ausreicht. 

Petra Hartlieb erzählt die Geschichte ihrer Buchhandlung, die sie erst einmal herrichten musste und über der sie später mit ihrer Familie eingezogen ist. Eine Wendeltreppe verbindet den Ort der Arbeit mit dem Wohnbereich. Es ist eine Geschichte voller Rückschläge, voll von Ängsten und Zweifeln. Es ist aber auch eine Geschichte, die von helfenden Händen erzählt und von dem Mut, die eigenen Träume zu leben. Petra Hartlieb hätte es wohl nie alleine geschafft, die Buchhandlung zu renovieren und bezugsfertig zu machen, auch das Weihnachtsgeschäft hätte sie in den ersten Jahren wohl kaum alleine überstanden – doch ihr Glück ist es, keine Hemmungen dabei zu haben, um Hilfe zu bitten.

Was ich so wunderbar an diesem Buch fand, ist die Tatsache, dass Mut belohnt wird. Eigentlich ist das ambitionierte Projekt zum Scheitern verurteilt, es gibt keinen ausgereiften Businessplan, es gibt nicht einmal eine ausreichende Finanzierung. Doch irgendwie wurtscheln sich die Hartliebs auf unkoventionelle aber herrlich charmante Art und Weise durch die ersten Monate.

Wir wohnen plötzlich in unserer Arbeit. Die Wendeltreppe, die das Hinterzimmer der Buchhandlung mit dem Vorzimmer unserer Wohnung verbindet, wird zum zentralen Dreh- und Angelpunkt unserer Lebens.

Doch auch die Zeit nach den ersten Monaten wird nicht unbedingt leichter, denn eine Buchhandlung zu führen bedeutet ein stetiger Kampf darum, neue Kunden zu gewinnen und alte Kunden zu halten. Dazu muss man im besten Fall innovativ und aufgeschlossen sein: Lesungen müssen organisiert werden und ein Webshop sollte aufgebaut werden. Petra Hartlieb beschreibt all die Menschen, die mit ihr in dieser Buchhandlung werkeln, die mit 40 Quadratmetern übrigens ziemlich klein geraten ist, mit so viel Liebe und Wärme, dass ich irgendwann das Gefühl hatte, selbst mit dabei zu sein. Als ein neues EDV-System ausprobiert wird und die Mitarbeiter regelmäßig zur Verzweiflung bringt, habe ich fast am eigenen Leibe mitgelitten. Auch die Beschreibungen der Weihnachtszeit, in der die Hartliebs noch bis spät in die Nacht hinein im Laden stehen und Bücher einsortieren, hat mein Mitgefühl geweckt. Es sind die Weihnachtsmonate, in denen sie ihr Geld verdienen. Wirkliches Geld, das nicht nur für die Miete und die Personalkosten draufgeht.

Irgendwann steht mitten in Wien die nächste Buchhandlung leer und wider des besseren Wissens – sollte man zumindest meinen – erwerben die Hartliebs auch diese. Doch anders als dem ersten Buchhandlungskauf liegt diesem ein ausgereiftes Konzept zugrunde. Beim ersten Mal hat es auch ganz spontan funktioniert, doch warum sollte man nicht auch einmal ein bisschen planen? Und so betreiben die Hartliebs mittlerweile gleich zwei Buchhandlungen in Wien und das wohl sogar ganz erfolgreich. Wer weiß, was da noch so kommen wird …

Das Bedarf einiger Fantasie, denn vierzig Quadratmeter sind keine Großfläche. Es ist und bleibt ein kleiner Raum, auf dem wir große Buchhandlung spielen, und die Lösung sieht so aus, dass jeder Verkaufspsychologe uns als Negativbeispiel in seinem Seminar anführen würde: Nach oben.

Meine wundervolle Buchhandlung ist ein wundervolles Buch darüber, wohin einen Mut und Begeisterung bringen können. Es ist ein wundervolles Buch darüber, dass es sich lohnt auch mal ein Risiko einzugehen oder etwas zu wagen. Petra Hartlieb lebt ihren Traum, weil sie immer daran geglaubt hat, dass sich dieser erfüllen könnte. Neben allem anderen ist ihr Buch also vielleicht auch ein guter Ratgeber dafür, häufiger auf das eigene Herz zu hören und den Träumen und Wünschen nachzuspüren – bevor es zu spät ist, denn schließlich haben wir nur dieses eine Leben.

[…] wir verkaufen das schönste Produkt, das es gibt. Wir verkaufen Geschichten. Und ich kann mich für einen guten Unterhaltungsroman genauso begeistern wie für die sogenannte ernsthafte Literatur, und manchmal finde ich diese Unterscheidung im deutschen Sprachraum sehr mühsam.

Meine wundervolle Buchhandlung ist aber auch ein wundervolles Buch über Bücher und ein flammendes Plädoyer für die kleinen und inhabergeführten Buchhandlungen. Genau das, wäre auch mein Wunsch, dass uns die kleinen und individuellen Buchläden noch lange erhalten bleiben.

Lieber Mr. Salinger – Joanna Rakoff

Joanna Rakoff legt mit Lieber Mr. Salinger ein wunderbares Buch vor, das von ihren eigenen Erlebnissen in einer New Yorker Literaturagentur erzählt. Das, was sie zu erzählen hat, ist nicht nur unterhaltsam und spannend, sondern auch höchst lesenswert. Nicht nur dann, wenn man mehr über Mr. Salinger erfahren möchte …

Lieber Mr Salinger

Dieses Buch erzählt die Wahrheit und nichts als dir Wahrheit, so gut wie ich sie erzählen konnte. 

Vor einigen Wochen habe ich euch bereits erzählt, dass dieses Frühjahr ganz im Zeichen von J. D. Salinger steht. Mit großer Spannung habe ich nun den ersten dieser zahlreichen Romane gelesen, die sich alle irgendwie um das Leben des mysteriösen Schriftstellers drehen.

In Lieber Mr. Salinger erzählt Joanna Rakoff die wahre Geschichte ihres Salinger-Jahres. 1996 kehrt sie mit einem abgeschlossenen Studium, aber ohne Perspektive, nach New York zurück. Ihren Eltern erzählt sie, dass sie sich eine Wohnung mit einer Freundin teilt, doch in Wahrheit schläft sie bei Don. Don ist ein mehr oder weniger erfolgloser Romanautor, der in einer Wohngemeinschaft mit zwielichtigen Gestalten lebt. Rakoff gibt ihre große College-Liebe auf, um zu Don zu ziehen. Es ist eine Beziehung mit Schwierigkeiten, die auch nicht besser wird, als beide in eine gemeinsame Wohnung ziehen – dort ist die Stimmung manchmal genauso frostig, wie die Temperaturen. Beide haben beim Einzug nämlich nicht darauf geachtet, dass es keine Heizung gibt. Eine Spüle gibt es übrigens auch nicht. Aber auch wenn die Lebensumstände von Joanna Rakoff immer wieder eine Rolle spielen, geht es in Lieber Mr. Salinger eigentlich um etwas ganz anderes: es geht um ein einziges Jahr. Ein Jahr in einer Literaturagentur.

Irgendwo müssen wir alle anfangen. In meinem Fall war es ein dunkles, bis unter die Decke mit Büchern vollgestopftes Zimmer: Regale über Regale voller Bücher, sortiert nach Autoren aus allen erdenklichen Epochen des zwanzigsten Jahrhunderts, Bücher, deren Umschlagsgestaltung sofort verriet, in welchem Jahrzehnt man sie in die Welt geschickt hatte.

Dass sie den Job in der Agentur erhält, ist ein großer Zufall. Auch wenn Joanna Rakoff an keiner Stelle schreibt, wie der Ort heißt, an dem sie arbeitet, findet man mithilfe von Google schnell heraus, dass sie bei der Harold Ober Agentur angestellt ist. Es handelt sich dabei um eine Literaturagentur, die zahllose Autoren und Autorinnen vertritt – die meisten davon sind schon lange verstorben. Doch der berühmteste Autor, der von Phyllis Westberg (der Chefin der Literaturagentur) vertreten wird, ist  noch quicklebendig, auch wenn er nicht mehr schreibt. Auf den Fluren der Harold Ober Agency wird er von allen nur Jerry genannt, doch dem Leser wird schnell klar, dass es sich dabei um J. D. Salinger handelt. Bereits an ihrem ersten Arbeitstag bekommt Joanna Rakoff detaillierte Anweisungen für den Umgang mit Salinger: Sie dürfen niemals, auf keinen Fall seine Adresse oder Telefonnummer weitergeben.

Joanna Rakoff wird dem berühmten Autor während ihres Salinger-Jahres nur ein einziges Mal begegnen, dafür hat sie ihn umso häufiger am Telefon, wo er immer wieder einen etwas schwerhörigen Eindruck macht. Auch in anderer Hinsicht ist er nicht mehr aus ihrem Arbeitsalltag wegzudenken: eine der zahlreichen Aufgaben der jungen Frau ist nämlich das Beantworten seiner Fanpost. Dafür gibt es einen vorformulierten Standardbrief, von dem Joanna Rakoff jedoch zunehmend abweicht: die häufig tragischen Briefe von Menschen, die irgendetwas in den Texten von Salinger gefunden haben, gehen ihr sehr zu Herzen.

Salinger war nicht annähernd so, wie ich gedacht hatte. Nicht annähernd. Salinger war knallhart. Knallhart, witzig und sehr genau. Ich war Feuer und Flamme für ihn und für alles, was er geschrieben hatte.

Nicht nur diese tragisch verzweifelten Briefe von Menschen, die Halt und Trost in Salingers Büchern gefunden haben, sondern auch die Antworten von Joanna Rakoff, gehören zu den beeindruckendsten Stellen dieses Erinnerungsbuchs. Doch es geht nicht nur um die Briefe, sondern auch um einen schmalen Text von Salinger, der unter dem Titel Hapworth im New Yorker erschienen ist und nun noch einmal in Buchform veröffentlicht werden soll.

Salinger und seine Bücher, die Joanna Rakoff übrigens erst für sich entdeckt, als sie beginnt bei Harold Ober zu arbeiten, stehen natürlich im Zentrum des Buches. Doch das wahre Highlight ist für mich – neben dem schwerhörigen Salinger mit den großen Händen – die Agentur selbst. Trotz der technologischen Möglichkeiten, die das Jahr 1996 bereits zu bieten hatte, wird unter der Regie von Phyllis Westberg weiterhin mit Schreibmaschinen und Karteikarten gearbeitet. Die Büroräume, in denen Joanna Rakoff Tag für Tag verbringt, um mit Diktafon und der Selectric zu arbeiten, wirken herrlich aus der Zeit gefallen. Einen wahrlich traumhaften Ort voller Bücher, habe ich mir beim Lesen vorgestellt. Das Klappern der Schreibmaschinen hatte ich dabei fast schon im Ohr.

Haben Sie Salinger gelesen? Wahrscheinlich schon. Können Sie sich daran erinnern, wie es war, als Sie Holden Caulfield zum ersten Mal begegnet sind? Wie es Ihnen den Atem verschlug, als Sie erkannten, dass dies ein Roman war, eine Stimme, eine Persönlichkeit, eine Art, Geschichten zu erzählen, und ein Blick auf die Welt, wie er Ihnen bis dahin noch nie begegnet war?

Genau das ist vielleicht der wunderbare Charme dieses Buch, der Lieber Mr. Salinger für mich zu einer ganz besonderen Lektüre gemacht hat: Joanna Rakoff beschreibt eine Zeit und eine Art und Weise mit Literatur zu arbeiten, die längst vergangen scheinen – ohne nun kulturpessismistisch klingen zu wollen. Lieber Mr. Salinger ist das Porträt einer Kultur, die verschwunden ist. Joanna Rakoff lebt ein Leben, das dem geschriebenen Wort gewidmet ist. Mit großer Ernsthaftigkeit liest sie sich durch die Bücher von Joan Didion und William Faulkner, liest an einem Tag Unendlicher Spaß von David Foster Wallace und entdeckt später an nur einem einzigen Wochenende das Gesamtwerk von J. D. Salinger.

Lieber Mr. Salinger ist ein wunderbares Buch, voller altmodischer Begeisterung für Literatur. Es ist ein großartiges Buch über Salinger und die Arbeit in einer Literaturagentur. Am Ende ist es aber vor allen Dingen auch ein bewegendes Buch darüber, wie eng die Literatur manchmal mit dem eigenen Leben verknüpft sein kann. Was bleibt mir anderes übrig, als eine nachdrückliche Leseempfehlung auszusprechen.

Verlosung 227Unter allen die Lust haben, diese Besprechung zu kommentieren, verlose ich 3 Exemplare von Lieber Mr. Salinger, die mir vom Knaus Verlag zur Verfügung gestellt wurden.

Ausgelost wird am 2. März. 

Liebe im Miniaturformat

Es ist mittlerweile bekannt, dass ich mich gerne begeistere und mich auch immer wieder Hals über Kopf in Bücher verlieben kann. Meine größte Freude dabei ist, andere mit meiner Begeisterung anzustecken. Nicht immer gelingt das – aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Manchmal gelingt zwar die Ansteckung, das Buch wird anschließend aber dennoch nicht erworben. Ein häufiger Grund dafür ist sicherlich die Tatsache, dass Hardcoverausgaben, die ich häufig bespreche, nicht gerade günstig sind – mittlerweile kosten gebundene Bücher in den meisten Fällen zwischen 20 und 25€ und sind damit nicht unbedingt etwas, das man sich schnell mal nebenbei erlauben kann. Aus diesem Grund habe ich mich in dieser Woche mal durch die Vorschauen gewühlt, um nach ganz bestimmten Büchern Ausschau zu halten. Nach Büchern, die ich vor vielen Monaten gerne gelesen habe und die nun in der schmalen und kostengünstigeren Taschenbuch-Variante erschienen sind oder noch erscheinen werden. Bücherliebe im Miniaturformat, quasi.

Wenn die literarische Ansteckung damals noch gescheitert ist, funktioniert sie vielleicht jetzt – ich würde es allen neun Büchern wünschen, die einen ganz besonderen Platz in meinem literarischen Herzen haben.

Teil 1 Teil 2 Teil 3

Tom Liehr – Leichtmatrosen (am 13. Februar erschienen)

Sarah Moss – Schlaflos (am 16. Februar erschienen)

Dina Nayeri – Ein Teelöffel Land und Meer (am 16. Februar erschienen)

Lena Gorelik – Die Listensammlerin (erscheint am 27. Februar)

Amity Gaige – Schroders Schweigen (erscheint am 1. März)

Maggie Shipstead – Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit (erscheint am 1. März)

Svenja Leiber – Das letzte Land (erscheint am 7. März)

Anna Funder – Alles was ich bin (erscheint am 26. März)

Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur (erscheint am 27. März)

Viel Spaß beim Stöbern – vielleicht entdeckt ihr ja das eine oder andere Buch, bei dem ihr euch von meiner Begeisterung anstecken lasst. :-)