Die talentierte Miss Highsmith – Joan Schenkar

Patricia Highsmith war eine Schriftstellerin mit Ausnahmetalent, die bekannt wurde durch ihre doppelbödigen Kriminalromane. Doch Joan Schenkar wirft in dieser monumentalen Biographie auch einen Blick auf die Schattenseiten dieses Lebens. Das ist nicht nur unheimlich gut recherchiert, sondern auch sehr vergnüglich zu lesen.

Pat Highsmith

Sie war nicht nett. Sie war selten höflich. Und niemand, der sie gut kannte, hätte sie großzügig genannt.

Das sind die ersten Sätze dieser fast tausendseitigen Biographie (wobei 200 Seiten davon den umfangreichen Anhang ausmachen) und sie machen bereits ganz am Anfang deutlich, dass Patricia Highsmith kein einfacher Mensch gewesen ist. Sie war eine unkonventionelle Künstlerin mit Ausnahmetalent, aber als Mensch war sie ganz und gar nicht nett: sie war krankhaft selbstbezogen, alkoholabhängig, beziehungsgestört und antisemtisch.

So widersprüchlich Miss Highsmith im Leben wie in der Kunst war, so eindeutig bestimmte sie ihr eigenes Ende. Eine letzte treue Besucherin schickte sie aus dem Krankenzimmer – ‘Du sollst gehen’, sagte sie immer wieder, um dann unbeobachtet zu sterben. Alles Menschliche war ihr fremd.

Joan Schenkar spürt der Autorin Patricia Highsmith nach, aber auch dem Menschen – häufig nennt sie die Autorin nur Pat und schreibt in fast schon unglaublicher Detailfülle über deren Leben. Erzählt von den Anfängen einer außergewöhnlichen Karriere: Zwei Fremde im Zug und Der talentierte Mr Ripley machen die Autorin berühmt. Ein anderes Buch hätte sie fast auch berühmt gemacht, doch Salz und sein Preis – ein Buch über lesbische Leidenschaften – wurde damals unter einem Pseudonym veröffentlicht. Zu sehr schämte sich die Autorin ihrer heimlichen Obsessionen.

Patricia Highsmith hat ein langes und ausgefülltes Leben gelebt, die Liste ihrer veröffentlichten Bücher ist ebenso umfangreich wie die ihrer zahlreichen Liebhaberinnen (es ist nicht überraschend, dass das Kapitel über Pats Liebesleben das mit Abstand umfangreichste in diesem Buch ist). Joan Schenkar konnte beim Schreiben dieser Biographie auf eine Flut an Informationen zurückgreifen; bedient hat sie sich vor allen Dingen bei Patricia Highsmith selbst.

Verbissen, gewissenhaft und auf achttausend Seiten, die sie niemandem zeigte, hielt sie ihre Stimmungslagen fest, die Haarfarbe ihrer aktuellen Geliebten, Eigenschaften und Wert einer beendeten Beziehung, den Preis eines Hotelfrühstücks in Paris, die Zahl der Ablehnungen, die sie von ihren Verlagen bekam, Finanzen, Ängste, Falschheiten – daneben Tausende von Seiten mit Notizen für Erzählungen, Romane, Gedichte und Buchkritiken.

In der Einleitung erklärt Joan Schenkar, dass es nicht möglich ist, Pat Highsmith mit einer herkömmlichen, chronologischen Biographie beizukommen. Stattdessen ist diese Biographie geordnet nach den Obsessionen, die das Leben von Patricia Highsmith bestimmt haben. Da gibt es zum Beispiel ihr Spiel mit Identitäten, die Beziehung zur geliebten und gehassten Mutter oder auch ihre zahlreichen Liebschaften, die sie immer wieder nach dem gleichen Muster beginnt und beendet. Es ist jedes Mal erneut ein großes Drama. Diese Obsessionen haben das Schreiben und das Leben der Autorin bestimmt und Joan Schenkar macht sie zum Ordnungsprinzip ihrer Biographie. Das ist spannend und ungewöhnlich, führt beim Lesen aber auch dazu, dass man manchmal Gefahr läuft, den Überblick zu verlieren: aufgrund der fehlenden Chronologie gibt es immer wieder zeitliche Sprünge oder Verweise auf spätere Kapitel. Um es ganz unverblümt zu sagen: manchmal erschien mir das beim Lesen alles wie ein großes Durcheinander. Als Leserin bin ich es zu sehr gewöhnt, dass eine Biographie ganz klassisch und in chronologischer Ordnung erzählt wird, doch hier werden die Fakten in den Anhang verbannt und Pats Leben ganz unkoventionell erzählt. Das ist trotz allem vergnüglich und spannend zu lesen, doch daran musste ich mich erst einmal gewöhnen.

Pat Highsmith Cover

Es ist ein Versuch, den ständigen Wechsel der Identitäten zu fassen – von der Autorin, die am Schreibtisch saß, zu der Frau, die vom Schreibtisch aufstand; von der massiv gespaltenen Persönlichkeit zu den symbolischen Schritten, die es brauchte, sich von dieser Last zu befreien -, aus dem sich die Geschlossenheit, die grimmige Individualität und die sperrig-bizarre Originalität ihres Werkes speisten.

Es ist nicht leicht in der Flut an Informationen den Überblick zu behalten und ich muss gestehen, dass ich ihn ab und an verloren habe. Doch das liegt nicht allein an Joan Schenkar und der Ordnung ihrer Biographie, sondern auch am unsteten Leben von Patricia Highsmith: es gibt kaum einen Monat, in dem sie nicht irgendwo hinreist. Sie ist ständig unterwegs, hat überall Liebschaften, in die sie sich Hals über Kopf verliebt, um sich kurz darauf bitterböse zu zerstreiten und eine Affäre mit der nächsten Frau zu beginnen. Interessanterweise kennen sich die meisten der Frauen auch noch untereinander, so das ein heilloses Durcheinander vorprogrammiert ist und der Leser Gefahr läuft den Überblick zu verlieren bei all den Virginias, Jeans, Jeannes, Joans, Anns, Annes, Ellens, Katherines, Kathryns, Catherines, Carolines, Diones, Sheilas, Helens, Marions, Lynns, Moniques, Marias, Mickeys, Billies oder Marys. Allen Beziehungem, egal wie kurz oder lang sie gewesen sind, ist gemein, dass es Patrica Highsmith eigentlich unmöglich ist, dauerhaft zu lieben.

Sie war grundsätzlich unglücklicher darüber, glücklich zu sein, als dass sie glücklich darüber war, unglücklich zu sein. Anders ausgedrückt: Selbst wenn Highsmith todunglücklich war, war sie gar nicht so unglücklich darüber, unglücklich zu sein – solange sie darüber schreiben konnte.

Wenn man über Patricia Highsmith spricht, muss man natürlich über ihre Kriminalromane sprechen, in denen sie eine häufig grausame Welt entwirft, die von Joan Schenkar auch als Highsmith-Country bezeichnet wird. Man muss auch über ihre Alkoholsucht sprechen, über ihre sexuelle Orientierung und über ihre ein Leben lang andauernde Hassliebe zu ihrer Mutter, denn all dies hat ihr Werk und ihr Schaffen maßgeblich mitgeprägt. Man muss aber auch über ihre weniger angenehmen Seiten sprechen: da gibt es Mordgelüste, Antisemitismus und Rassismus. Im Gegensatz zu vielen ihrer Zeitgenossen interessiert sich Patricia Highsmith während des Zweiten Weltkriegs und auch danach überhaupt nicht für die politische Lage der Welt. Als sie ein Lager für Displaced Persons besucht, lässt sie das seltsam kalt. Im Gegenzug fühlt sie sich wie die Insassin eines Konzentrationslagers, als eine Geliebte sie verlässt. Um es wohlwollend zu formulieren: Pat kreist vor allen Dingen um sich selbst; Juden, Neger oder dicke Frauen sind da eher lästig. Das ist ganz und gar nicht nett und überhaupt nicht sympathisch und doch gelingt es Joan Schenkar auch, Sympathien für diese gequälte, gespaltene und ganz und gar unglückliche Autorin zu wecken.

Mein Toast auf das neue Jahr: An all die Teufel, Lüste, Leidenschaften, an die Gier, an Neid, Liebe, Hass, an seltsame Begierden, Feinde, geisterhafte und reale, an die Armee der Erinnerungen, mit denen ich kämpfe – mögen sie mich niemals ruhen lassen. 

Die talentierte Mrs Highsmith ist ganz sicherlich keine einfache Lektüre, die Detailfülle kann stellenweise erschlagend wirken. Doch Joan Schenkar gelingt es aus dem überbordenden Recherchematerial eine spannende, vergnügliche und mitreißende Lebenserzählung zu machen, die sich stellenweise liest wie ein Roman. Wie ein Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Kunst aus Büchern

Vor fast einem Jahr habe ich euch zum ersten Mal vom Upcyling erzählt: Upcycling funktioniert so ähnlich wie das Recycling. Um Müll zu vermeiden, wird Abfall als Material zur Herstellung neuer Produkte wiederverwendet. Was für eine schöne – und sinnvolle! – Idee! Auch Bücher kann man natürlich upcyclen. Bücher, die man nicht mehr lesen wird oder noch nie gelesen hat, können so in eine neue Form transformiert werden. Ich habe damals aus einem alten und zerfledderten Geschichtsbuch ein neues Notizmäppchen erstellt.

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Während es beim Upcycling um eine Wiederverwertung eines abgenutzten Gegenstandes geht oder gar manchmal auch um eine Aufwertung, geht es in Art made from books tatsächlich um richtige Kunst. Während für mich Bücher in den meisten Fällen ein Ort der Geschichten sind, ein Ort des Glücks, der Traurigkeit oder der guten Unterhaltung, wird in diesem Buch deutlich, dass Bücher auch schlichtweg gegenständliche Objekte sein können. In diesem Fall nicht nur irgendwelche Objekte, sondern wunderschöne Kunstobjekte. Als ich die Einleitung las, habe ich übrigens erfahren, dass es schon fast eine kleine Buchkunstbewegung gibt, die alte Bücher in Kunst verwandelt: es wird gemalt, ausgeschnitten, es entstehen Skulpturen oder sogar Schmuckstücke. Ein halbwegs offizieller Begriff für diese Tätigkeit ist übrigens die Wendung altered books – vielleicht so viel wie verwandelte Bücher. Die Idee dahinter ist übrigens nicht neu, bereits im 18. Jahrhundert hat man – überwiegend in Großbritannien – mit Büchern gearbeitet und dabei ihre Form und Struktur verwandelt.

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Art made from books wurde von Laura Heyenga zusammengestellt, das Vorwort stammt von Brian Dettmer (einem der Buchkünstler) und die Einführung hat Alyson Kuhn geschrieben. Das Buch versammelt Werke von insgesamt siebenundzwanzig Künstlern, die hochwertig fotografiert wurden und kurzen wissenschaftlichen Texten gegenübergestellt werden, die sich darum bemühen, die Kunstwerke einzuordnen. Zusätzlich gibt es unter den Fotos Informationen zu den Kunstwerken: der Name, das Entstehungsdatum und das Material, mit dem gearbeitet wurde, werden erwähnt. Es ist erstaunlich, wie unglaublich unterschiedlich all die Buchkunstwerke sind. Es gibt literarische Schmuckstücke: Ringe, Armbänder oder Halsketten, die aus endlosen Schichten Papier entstanden sind. Eine andere Künstlerin, Jennifer Collier, nutzt einzelne Seiten aus alten Kochbüchern und Bedienungsanleitungen, um damit Schuhe, Kleidungsstücke oder auch Haushaltsgegenstände aufzuwerten. Auch alte Telefonbücher können in Kunst verwandelt werden. Viele der fotografierten Kunstwerke sind in gewisser Hinsicht atemberaubend, da es ihnen gelingt, den Betrachter in die Bücher hineinzuziehen. Die Künstler lassen durch ihre eigenen Hände und ganz unterschiedliche Werkzeuge Geschichten lebendig werden.

Laura Heyenga hat ein wunderbares Kaffeetischbuch zusammengestellt: die Werke der siebenundzwanzig Künstler sind allesamt ganz und gar unterschiedlich in ihrer Form, ihrer Größe und ihrem Umfang. Es gibt kleine zierliche Schmuckstücke, aber auch riesige Skulpturen, die aus über hunderten von Büchern bestehen. Das Buch lädt dazu ein, immer wieder durchgeblättert und neu entdeckt zu werden. Art made from books ist ein wunderbares Buch für Bücherliebhaber – wer Bücher, Worte und Kunst liebt, der wird auch dieses Buch lieben.

Neues

Wer nun übrigens auf den Geschmack gekommen ist, der kann auch zunächst einmal ausgiebig im Internet weiterstöbern: bei Pinterest gibt es das wunderbare Board Old Books into Artauch auf Inspiration Green gibt es eine schöne Zusammenstellung aus Buchkunst. Wer gleich losbasteln möchte und eine Anleitung sucht, wird hier fündig oder auch bei Flavorwire, dort werden 10 Bastelideen vorgestellt. Darüber hinaus gibt es einen interessanten TED Talk mit Brian Dettmer, einem der im Buch vertretenen Künstler. Auch zwei deutsche Buchempfehlungen gibt es: in Neues aus alten Büchern und Kunst aus Büchern sind ganz viele tolle Ideen versammelt.

Makarionissi – Vea Kaiser

Vea Kaiser erzählt in ihrem neuen Roman Makarionissi eine Familiengeschichte über fünf Generationen, die nicht nur auf einer griechischen Insel spielt, sondern auch in Hildesheim, St. Pölten, Chicago und der Schweiz. Makarionissi ist ein gleichzeitig witziger und berührender Familienroman und eine Geschichte von Helden und Herzensbrechern.

Vea Kaiser

Loslassen heißt nicht verdrängen und nicht vergessen. Sondern einfach vergeben und akzeptieren, dass manchmal die Dinge so sind, wie sind, selbst wenn sie scheiße sind.

Es ist bereits drei Jahre her, dass Vea Kaiser mit ihrem Debütroman Blasmusikpop nicht nur mich begeistert hat, sondern auch viele andere Kritiker. Die Autorin war damals gerade einmal dreiundzwanzig Jahre alt und hatte einen Roman vorgelegt, der sich durch eine unbändige Fabulierlust auszeichnete. Auf diese Lust am Fabulieren trifft man auch in Makarionissi. Da Vea Kaiser nach ihrem Debütroman immer wieder vorgeworfen wurde, dass Dinge nicht so gewesen sein können, wie sie das geschrieben hat, hat sie sich bemüssigt gefühlt, dem neuen Buch noch einen kleinen Hinweis voran zu stellen:

[…] Ebenso gilt bei gewissen Abweichungen zwischen historischen Ereignissen und der Geschichte dieses Buches, dass der Roman der Fiktion verpflichtet ist. Nicht der Realität. Geben Sie, geschätzte Leser, dem Fabulieren eine Chance! Denn bereits Herodot meinte: Oftmals erzählt ein G’schichterl besser, als es die Ereignisse in ihrem echten Ablauf je könnten.

Zu Vea Kaisers Erzähllust gesellt sich aber auch eine große Erzählkunst, die sie auch in diesem Roman wieder unter Beweis stellt: erzählen kann die Autorin und zwar mitunter so mitreißend, dass ich das Buch nur sehr schwer wieder aus der Hand legen konnte. Makarionissi – das den Untertitel Oder die Insel der Seeligen trägt – ist ein fast fünfhundert Seiten starker Roman, der ganze fünf Generationen umfasst. Die Geschichte nimmt ihren Ausgangspunkt in einem kleinen Bergdorf an der griechisch-albanischen Grenze und endet auf Makarionissi, einer bettelarmen (fiktiven) Fischerinsel im Westen Griechenlands. Dazwischen verschlägt es die Figuren in die niedersächsische Provinz nach Hildesheim, die österreichische Stadt St. Pölten, das griechische Viertel nach Chicago und schließlich auch noch in die Schweiz.

Im Mittelpunkt des Romans stehen Eleni und Lefti, die gemeinsam aufwachsen. Sie sind Cousine und Cousin, doch während Lefti als Stammhalter der Familie gesehen wird, wurde Eleni nachträglich gezeugt, um beide miteinander verheiraten zu können. Die Auswahl an Frauen ist in Varitsi nämlich begrenzt. Das war zumindest der Plan von Großmutter Maria, doch Eleni beschließt bereits früh in ihrem Leben niemals zu heiraten: Heiraten werde ich niemals! Ich werde als Heldin durch die Welt reisen und Bestien töten. Statt zu einer tugendhaften Ehefrau heranzuwachsen, die den Fortbestand der Familie sichert, wird Eleni zu einer politischen Aktivistin. Cousine und Cousin heiraten trotz allem, doch eigentlich ist schon vorher klar, dass diese Ehe nicht auf einem festen Fundament gebaut ist.

Lefti glaubte an all das hier nicht mehr. Er saß vor dem Haus, von dem er sich immer gewünscht hatte, er könnte es sein Eigen nennen – und dachte zum ersten Mal, dass es viel zu groß, zugig, dunkel, altmodisch und baufällig war. Er stand kurz vor der Hochzeit mit der Frau, die er immer hatte heiraten wollen, und merkte, dass er sie gar nicht begehrte. Lefti fühlte sich so sanierungsbedürftig wie der Dachstuhl.

Eleni und Lefti gehen nach der Heirat gemeinsam nach Hildesheim, dort wohnen sie zwar zusammen in einer Wohnung, doch leben ansonsten zwei getrennte Leben. Wie es der Zufall, der in diesem Buch eine nicht immer unwichtige Rolle spielt, so will, finden beide fast gleichzeitig in der niedersächsischen Provinz ihre große Liebe. Lefti verliebt sich in Trudi, seine Deutschlehrerin mit österreichischen Wurzeln und Eleni in Otto, einen bayrischen Musiker. Doch ein langes Glück in Deutschland bleibt den beiden verwehrt, während Lefti und Trudi den Versuch wagen, sich eine gemeinsame Existenz in St. Pölten aufzubauen, geht Eleni zurück in ihr Heimatdorf. Doch sie geht nicht alleine, denn sie ist schwanger.

Eleni hasste viele Dinge an Deutschland, doch am meisten hasste sie das deutsche Nein. Das deutsche Nein war absolut. Man konnte nicht darüber diskutieren. Und es wurde nicht begründet. Selbst wenn das Nein keinen Sinn ergab und jeglicher Vernunft widersprach. Eleni empfand es wie das rote Licht einer Ampel. Mit ihm konnte man auch nicht verhandeln.

Die Geschichte ist an dieser Stelle noch längst nicht zu Ende, sondern wird Seite um Seite fortgeführt, Generation über Generation. Entstanden ist dabei ein proppenvoller Roman, der sowohl unfassbar unterhaltsam ist, als auch wunderbar mitreißend. Vea Kaiser webt ihre Erzählung wie einen bunten Teppich, der aus ganz viel Familie besteht, aus Liebe und Glück, Schicksal und Zufall, alten Mythen und der Weigerung sich zu entschuldigen. Es geht um Familien, in denen die Großmütter noch das Geschehen bestimmen – im Falle von Lefti und Eleni wurde die falsche Entscheidung getroffen, denn beide wurde von ihrer Familie nicht mehr als Individuen gesehen, sondern nur noch in ihrer Funktion, die Familie zu erhalten und weiterzuführen.

Makarionissi endet mitten in der griechischen Krise der heutigen Zeit, doch das Buch sollte nicht als politischer Text gelesen werden – für mich ist Makarionissi einfach ein unglaublich unterhaltsamer Familienroman, voller Esprit und ganz und gar mitreißend erzählt. Ähnlich wie in Blasmusikpop wird auch in diesem Roman so einiges durch den Kakao gezogen – ich habe nicht selten herzhaft lachen müssen. Natürlich geht es hin und wieder auch um ernstere Themen, es geht z.B. um die Frage, wie stark die Familie das eigene Leben eigentlich bestimmen darf. Vor allem geht es aber darum, das Loslassen zu lernen und akzeptieren zu lernen, dass manchmal die Dinge einfach so sind wie sind. Der Sommer wagt sich im Moment langsam hervor und passend dazu ist Makarionissi mein Buch des Sommers und eine unbedingt Leseempfehlung.

Vea Kaiser: Makarionnissi oder die Insel der Seeligen. Roman. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2015. 460 Seiten, €19,99. Ein Interview mit der Autorin findet sich hier. Eine weitere Besprechung gibt es auf Leseschatz, dem Blog von Hauke Harder.

Liebe im Miniaturformat (2)

Vor fast drei Monaten habe ich euch auf Bücher aufmerksam gemacht, die ich viele Monate zuvor gelesen und geliebt habe und die nun endlich auch im Taschenbuch erscheinen. Ich habe das damals Liebe im Miniaturformat genannt. Ich liebe Literatur und ich liebe es, andere Menschen mit meiner Begeisterung für bestimmte Bücher anzustecken. Doch manchmal liest man zwar eine Besprechung, kann (oder möchte) sich ein gerade erschienenes Hardcover aber eben nicht sofort leisten, setzt den Titel nur auf die Wunschliste und vergisst das Buch dann irgendwann wieder. Aus diesem Grund habe ich mich in der vergangenen Woche erneut durch die Vorschauen gewühlt, um nach Büchern Ausschau zu halten, die ich vor vielen Monaten gerne gelesen habe und die nun in der schmalen und kostengünstigeren Taschenbuch-Variante erschienen sind oder noch erscheinen werden.

Es macht mir eine große Freude, euch ganz besondere Bücher auf diesem Weg noch einmal ans Herz legen zu können, es ist gleichzeitig aber auch für mich spannend, mich an Bücher zurückzuerinnern, die ich vor vielen Monaten gerne gelesen habe. Meinen Blog bezeichne ich ja auch immer wieder als literarisches Gedächtnis und es ist schön, auf diesem Weg noch einmal in Geschichten einzutauchen, die einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben.

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Elliot Perlman – Tonspuren (erscheint am 15. Juni 1015)

Jens Steiner – Carambole (erscheint am 21. Mai 2015)

Karl Ove Knausgård – Spielen (erscheint am 11. Mai 2015)

Anthony Marra – Die niedrigen Himmel (erschien am 9. Mai 2015)

Sarah Stricker – Fünf Kopeken (erschien am 14. April 2015)

Aleksander Hemon – Buch meiner Leben (erschien am 14. April 2015)

Ich finde es, gerade auch weil momentan so viele mit kribbeliger Begeisterung durch die neuen Vorschauen blättern, wichtig noch einmal an Bücher zu erinnern, die es ebenfalls verdienen, entdeckt und gelesen zu werden. Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern!