Lesesommer 2014

DSC_1438Der Sommer hat sich zwar schon etwas verzogen, ist aber (hoffentlich) noch nicht vorbei und es gibt sicherlich noch viele, die sich auf ihren Sommerurlaub freuen dürfen. Bei Urlauben gibt es für echte Leseratten natürlich das leidige Platzproblem – ich fahre zwar nicht in den Sommerurlaub, aber der Winterurlaub ist bereits geplant. Statt vielen gedruckten Büchern, werde ich einen vollgepackten E-Reader mitnehmen – ich könnte nicht in den Urlaub fahren, ohne das Gefühl zu haben, alles dabei zu haben, was ich theoretisch lesen könnte.

Diejenigen, die mit ihrem E-Reader noch in den Sommerurlaub düsen, sollten dringend noch einmal einen Blick in das neue Thalia Magazin tolinos welt  werfen – dort gibt es 44 Leseideen für einen perfekten Lesesommer. Die Lesetipps reichen von lesenswerten Büchern aus älteren Tagen (ich habe mich sehr über die Erwähnung von Middlesex gefreut), bis hin zu brandaktuellen E-Books aus allen möglichen Genres: vom Krimi bis zum Thriller, vom Inselroman bis zum Liebesroman – es ist alles dabei. Zwischen all den Buchtipps finden sich noch einige lesenswerte Interviews. tolinos welt liegt kostenlos in allen Thalia Buchläden aus und es lohnt sich, einen Blick reinzuwerfen und sich inspirieren zu lassen!

Mein persönlicher Lesetipp für die letzten Sommertage ist der Roman Sommer in Maine von J. Courtney Sullivan – eine großartige Sommerlektüre mit genau der richtigen Mischung aus Leichtigkeit und Tiefgang.

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Wer den Sommerurlaub bereits geplant hat, aber noch keinen E-Reader besitzt und bereits den ersten Ehestreit wegen Übergepäck hinter sich gebracht hat, der hat jetzt die Chance darauf, bei mir einen E-Reader zu gewinnen und zwar den neuen tolino vision. Dafür müsst ihr nicht viel tun: hinterlasst mir einfach bis zum 27.08.2014 einen Kommentar und verratet mir darin, was euer Lesetipp für diesen Sommer ist. Ich wünsche euch viel Glück!

LongListLesen 2014 auf Buzzaldrins Bücher

Logo LLL 2014Es ist bereits eine Woche her, dass die Longlist bekannt gegeben wurde – diskutiert wird immer noch, bisher aber leider vor allem über diejenigen, die nicht dabei sind und weniger über die, die nominiert wurden. Das wollen wir mit unserem Bloggerprojekt LongListLesen ändern! Wir wollen, dass die nominierten Bücher von möglichst vielen Lesern und Leserinnen gelesen und diskutiert werden.

Den Anfang macht heute Lutz Seilers Roman Kruso. Kruso ist der erste – langersehnte – Roman des Schriftstellers, der 1963 geboren wurde und für seine Erzählungen und Gedichte bereits vielfach prämiert und ausgezeichnet wurde.

Und darum geht es:

Als das Unglück geschieht, flieht Edgar Bendler aus seinem Leben. Er wird Abwäscher auf Hiddensee, jener legendenumwogten Insel, die, wie es heißt, schon außerhalb der Zeit und »jenseits der Nachrichten« liegt. Im Abwasch des Klausners, einer Kneipe hoch über dem Meer, lernt Ed Alexander Krusowitsch kennen – Kruso. Eine schwierige, zärtliche Freundschaft beginnt. Von Kruso, dem Meister und Inselpaten, wird Ed eingeweiht in die Rituale der Saisonarbeiter auf Hiddensee und die Gesetze ihrer Nächte, in denen Ed seine sexuelle Initiation erlebt. Geheimer Motor dieser Gemeinschaft ist Krusos Utopie, die verspricht, jeden Schiffbrüchigen des Landes (und des Lebens) in drei Nächten zu den Wurzeln der Freiheit zu führen. Doch der Herbst 1989 erschüttert die Insel Hiddensee. Am Ende steht ein Kampf auf Leben und Tod – und ein Versprechen.

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Wenn ich euch für Kruso begeistern konnte, dann hinterlasst mir bitte bis zum 27.08.2014 einen kurzen Kommentar und erklärt, warum ihr den Roman unbedingt lesen wollt. Mit dem Gewinn ist die Verpflichtung verbunden, einen kurzen Leseeindruck zu schreiben – der kann auf deinem eigenen Blog veröffentlicht werden, oder auch (wenn du keinen eigenen Blog haben solltest) bei mir. Der Gewinner wird von einer hündischen Losfee ausgelost. Ich wünsche viel Erfolg!

#aufschrei

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Die letzte #aufschrei-Debatte liegt mehr als ein Jahr zurück, Ausgangspunkt war damals ein Artikel der Journalistin Laura Himmelreich, die dem Politiker Rainer Brüderle sexistisches Verhalten vorwarf. Es folgte eine monatelange Debatte über Sexismus, die vor allem  auch auf Twitter geführt wurde.

Jetzt ruft die Journalistin und Schriftstellerin Dana Buchzik zu einer erneuten Debatte auf, denn ihrer Meinung nach ist der nächste #aufschrei fällig.

Dass auf der Longlist des Deutschen Buchpreises keine Frauen stehen, ist kein Zufall. Der Literaturbetrieb ist sexistisch.

Grund dieser Debatte ist die Tatsache, dass in diesem Jahr viele junge Frauen auf der Longlist fehlen: Nino Haratischwili, Olga Grjasnova, Karen Köhler. Doch fehlen diese Autorinnen nur auf der Longlist, oder werden sie auch darüber hinaus zu wenig beachtet, vom Literaturbetrieb gar ignoriert?

Der Staffelstab der Debatte wurde bereits von Jan Drees aufgegriffen, der auf seinem Blog (Lesen mit Links) Stimmen von Männern und Frauen aus dem Literaturbetrieb zu genau diesem Thema sammelt. Lustigerweise sind in diesem Jahr sogar vier Frauen in der Jury tätig, aber nur drei Männer – aber das nur am Rande …

The Doors und Dostojewski – Susan Sontag

Susan Sontag, die 1933 geboren wurde und 2004 starb, wurde vor allem bekannt durch ihre zahlreichen Essays, sie arbeitete aber auch als Regisseurin und setzte sich als politische Aktivistin immer wieder für Menschenrechte ein. Unter dem Titel The Doors und Dostojewski wurde nun im Verlag Hoffmann & Campe ein Interview herausgegeben, das sie 1978 Jonathan Cott, einem Journalisten des Rolling Stone, gegeben hat.

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 Wenn ich zwischen den Doors und Dostojewski wählen müsste, dann würde ich – selbstverständlich – Dostojewski wählen. Aber muss ich denn wirklich wählen?

Susan Sontag ist eine Autorin, die ich vom Namen her natürlich kenne, von der ich bisher aber leider noch nie etwas gelesen habe. Ihre Tagebücher stehen bereits in meinem Regal, jedoch noch ungelesen. Gelesen habe ich bisher einzig und allein ein Buch über sie: die Auseinandersetzung ihres Sohnes David Rieff mit dem Tod seiner Mutter (Tod einer Untröstlichen). Als ich nun diesen schmalen Band in der Verlagsvorschau entdeckte, wusste ich sofort, dass ich The Doors und Dostojewski lesen muss.

Sie haben gesagt, dass wir der Literatur fast alles schulden, was wir sind und was wir gewesen sind. Wenn Bücher verschwinden, wird die Geschichte verschwinden, und die Menschen werden ebenfalls verschwinden. Ich bin sicher, dass Sie recht haben. Bücher sind nicht nur die beliebige Summe unserer Träume und unser Gedächtnis. Sie bieten uns auch das Vorbild für Selbsttranszendenz. Manche Leute halten Lesen bloß für eine Art von Flucht: eine Flucht aus der ‘wirklich’ Welt des Alltags in eine imaginäre Welt der Bücher. Bücher sind viel mehr. Sie sind eine Art und Weise, ganz und gar Mensch zu sein.

Jonathan Cott, der als Journalist für den Rolling Stone arbeitete und Susan Sontag bereits aus dem Studium kannte, führte das Interview 1978, kurz nach der überstandenen Krebserkrankung der Autorin. In der Zeitung selbst erschien damals nur ein Drittel des insgesamt zwölfstündigen Gesprächs, nun erscheint es auf Deutsch zum ersten Mal in voller Länge. Im lesenswerten Vorwort liefert Jonathan Cott einige Hintergründe zum Interview, das in Paris seinen Anfang nahm und in New York endete. Er erzählt von seinen Eindrücken und auch von seiner Begeisterung: “Anders als die meisten anderen Menschen, die ich interviewt habe [...], redete Susan nicht in Sätzen, sondern in wohlüberlegten Absätzen.” 

Susan Sontag hatte viele Lebensthemen, die sie durchdachte und über die sie immer wieder schrieb: sie setzte sich mit der Fotografie auseinander (obwohl sie selbst nie als Fotografin tätig gewesen ist), schrieb über die Schwierigkeit der Interpretation, den Umgang mit Metaphern, ihre eigene Krebserkrankung und den Feminismus. Sie reiste nach Hanoi und Sarajevo und schrieb darüber. Entstanden ist dabei ein umfangreiches Lebenswerk – eine Vielzahl an Essays und Texten. Das Interview, das sie mit Jonathan Cott führte, bietet wunderbare Einsichten in all diese Ideen und Themen.

Ich denke über alles nach, was mir widerfährt. Nachdenken gehört zu den Dingen, mit denen ich mich beschäftige.

Dies sind einer der ersten Sätze dieses Buches und gemeinsam mit ihnen bin ich eingetaucht in dieses Gespräch, das sich wie eine Reise angefühlt hat. Es umspannt all ihre Lebensthemen, von der Fotografie, über die Philosophie, bis hin zur Krankheit als Metapher, zur Kunst und Literatur. Der Gesprächsfluss des Interviews treibt einen von Thema zu Thema, bietet bereichernde Einsichten und zeigt interessante Ideen auf – ich habe immer wieder Stellen markiert, an denen ich gerne weiterlesen, tiefer in die Thematik einsteigen würde. Es sind vor allem Susan Sontags Sätze zur Literatur die ich mir angestrichen habe.

Lesen ist meine Unterhaltung, meine Ablenkung, mein Trost, mein kleiner Suizid. Wenn ich die Welt nicht mehr ertrage, igle ich mich mit einem Buch ein, und dann bringt es mich von allem fort, wie ein kleines Raumschiff.

In ihrem Wunsch, die strikte Trennung zwischen Populär- und Hochkultur aufzuheben, habe ich mich ganz besonders wiedergefunden. Vielleicht ist diese Idee, die, die ich über dieses Interview hinausgehend am meisten festhalten möchte: warum sollte man sich für eines entscheiden? Warum darf man sich nicht für beides interessieren? Für die Doors und für Dostojewski? Warum kann es statt strikter Trennung nicht einen Pluralismus geben? Ebenso faszinierend sind ihre Gedanken zur Geschichte, auf die sie alles zurückführt und die sie auch in unserer heutigen Zeit immer noch fest verankert sieht.

Ich glaube ernsthaft an die Geschichte, und das ist etwas, woran heute kaum noch jemand glaubt. Das, was wir tun und denken, sind historische Errungenschaften. Ich habe nur sehr wenige Überzeugungen, aber dies ist gewiss einer meiner Grundsätze: dass beinahe alles, was wir für naturbedingt halten, geschichtlich ist und seine Wurzeln hat – besonders im späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert, dem sogenannten revolutionären Zeitalter der Romantik -, und wir beschäftigen uns im Wesentlichen immer noch mit Erwartungen und Gefühlen, die zu dieser Zeit formuliert wurden, den Vorstellungen von Glück, Individualität, radikalem sozialen Wandel und Genuss. 

Susan Sontags Rolling-Stone-Interview ist schlicht brillant. The Doors und Dostojewski ist eine faszinierende und inspirierende Lektüre, die mich auch nach dem Zuklappen der letzten Seite noch immer nicht loslässt. Es ist geeignet für Kenner von Susan Sontag, aber vor allem auch für den Einstieg in ein beeindruckendes Lebenswerk.