07/27/14
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Das Buch als Eingang zur Welt

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Der Schriftsteller Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren und starb 1942 in Brasilien. Literarisch begegnet bin ich ihm zum ersten Mal bereits vor vielen Jahren, ich habe die Schachnovelle und seinen Roman Die Welt von gestern verschlungen. Nun bin ich ihm in Ostende wiederbegegnet, der lesenswerten Novelle von Volker Weidermann.

Aus Ostende ist mir vor allem eine Stelle im Gedächtnis geblieben, es ist eine Stelle, an der Weidermann über Stefan Zweigs Welt schreibt, die eine Bücherwelt ist: “[...] seine Liebe, sein Wissen, sein Denken, er hat es alles aus Büchern gelernt.” Über diese Bücherwelt hat Stefan Zweig an anderer Stelle auch selbst geschrieben, diese Gedanken sind eingegangen in einen Aufsatz, der den Titel “Das Buch als Eingang zur Welt trägt.” . Es sind höchst lesenswerte und interessante Gedanken, aus denen Zweigs Liebe zur Literatur und zu Büchern spricht, die für ihn mehr als ein reines Genussmittel sind, sondern stattdessen Wegweiser und Entscheidungshilfe in allen Fragen des Lebens.

“Und ich verstand, daß die Gabe oder die Gnade, weiträumig zu denken und in vielen Verbindungen, dass diese herrliche und einzig richtige Art, gleichsam von vielen Flächen her die Welt anzuschauen, nur dem zuteil wird, der über seine eigene Erfahrung hinaus die in den Büchern aufbewahrte aus vielen Ländern, Menschen und Zeiten einmal in sich aufgenommen hat, und war erschüttert, wie eng jeder die Welt empfinden muß, der sich dem Buch versagt. [...] Denn wenn wir lesen, was tun wir anderes als fremde Menschen von innen heraus mitzuleben, mit ihren Augen zu schauen, mit ihrem Hirn zu denken?

“[...] Ich erinnerte mich an wichtige Entscheidungen, die mir von Büchern kamen, an Begegnungen mit längst abgestorbenen Dichtern, die mir wichtiger waren als manche mit Freunden und Frauen, an Liebesnächte mit Büchern, wo man wie in jenen anderen den Schlaf selig im Genuß versäumte.”

“[...] je mehr ich nachdachte, umso mehr erkannte ich, daß unsere geistige Welt aus Millionen Monaden einzelner Eindrücke besteht, deren geringste Zahl nur aus Geschautem und Erfahrenem stammt – alles andere aber, die wesentliche verflochtene Masse, sie danken wir Büchern, dem Gelesenen, dem Übermittelten, dem Gelernten.”

Im Handel erhältlich, ist der Aufsatz übrigens leider nicht mehr, außer man ist bereit tiefer in die Tasche zu greifen: bei ZVAB gibt es eine Ausgabe für 227€.

07/25/14
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Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft – Volker Weidermann

Ostende ist sowohl Hafenstadt als auch Seebad und liegt an der belgischen Nordseeküste. 1936 wird der kleine belgische Badeort zu einem Sehnsuchtsort deutschsprachiger Schriftsteller. Nicht nur Stefan Zweig und Joseph Roth, die eine ungewöhnliche Freundschaft miteinander verbindet, sondern auch Ernst Toller, Egon Erwin Kisch, Arthur Koestler und Irmgard Keun verbringen ihre Ferien an dieser Küste. Allen gemeinsam ist, dass der Nationalsozialismus ihnen die Heimat geraubt hat und so ist Ostende für sie nicht nur ein Ferienort, sondern vor allem eine Art letzte Idylle – vor dem Grauen der Welt.

“Es ist Sommer hier oben am Meer, die bunten Badehäuser leuchten in der Sonne. Stefan Zweig sitzt im dritten Stock eines weißen Hauses am breiten Boulevard von Ostende in einer Loggia. Er schaut aufs Meer. Davon hat er immer geträumt, von diesem großen Blick in den Sommer, in die Leere, schreibend und schauend.”

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Im Hotel de la Couronne treffen sie sich, die geflüchteten Exilschriftsteller – an der Zuckerbäckerpromenade. Der Nationalsozialismus hat ihnen nicht nur die Heimat geraubt, sondern auch ihre Arbeitsgrundlage – ihre Bücher werden in Deutschland nicht mehr veröffentlicht, doch sie schreiben weiter, immer mit der Hoffnung, vielleicht im Ausland gelesen zu werden: Tag für Tag sitzen Stefan Zweig, Joseph Roth, Irmgard Keun und Egon Erwin Kisch zusammen, um zu diskutieren. Stefan Zweig ist nach Ostende gereist, um zu schreiben, sein Freund Joseph Roth ist ihm gefolgt. Roth schreibt kaum noch, dafür trinkt er um so mehr. In diesem Sommer verliebt er sich in Irmgard Keun, die beiden werden zum seltsamsten Paar des Literaturbetriebs – vereint durch die Gemeinsamkeit, dass sie beide für ihr Leben gerne trinken.

“Aber es sind die Jahre der Entscheidungen und der Entschiedenheit. Stefan Zweig schreibt noch aus einer Welt und über eine Welt, die es nicht mehr gibt. Sein Ideal ist nutzlos, unrealistisch, lächerlich und gefährlich. Seine Analogien taugen nicht mehr für eine Gegenwart, in der der Gegner übermächtig ist. Was hilft Toleranz in einer Welt, in der man selbst und alles, wofür man lebt und schreibt, zermalmt zu werden droht.”

Sommer der Freundschaft, der Untertitel des Buches, bezieht sich auf die seltsame Freundschaft zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig. 1936 ist Zweig ein Weltstar, er ist berühmt, doch gleichsam scheu und zurückhaltend. Joseph Roth ist ein Trinker, der ständig auf finanzielle Hilfe angewiesen ist. Er ist cholerisch, voller Hass manchmal. Die Sucht, die ihn in den Fängen hat, hat nicht nur körperlichen Schaden angerichtet, sondern auch psychischen. Zweig versucht dem Freund, den er immer wieder als Bruder bezeichnet, zu helfen – beim Schreiben und beim Bekämpfen der Sucht.

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“Wieder einmal sitzen alle im Flore, diese Gesellschaft der Stürzenden, die in diesem Sommer noch einmal versucht, sich als eine Art Urlaubsgesellschaft zu fühlen. Noch einmal versucht, eine Sorglosigkeit zu simulieren.”

Volker Weidermanns Novelle ist gerade einmal knappe 150 Seiten schmal und doch von so vielen Figuren bevölkert. Es geht nicht nur um die Einzelschicksale der Exilschriftsteller, sondern es geht auch um eine ganze Welt, die damals zu Ende ging – obwohl man so verzweifelt darauf hoffte, dass es nicht so schlimm werden würde. Trotz des verzweifelten Festklammerns an der alten Welt, in die sich Zweig, Roth, Keun und Kisch in ihren Texten immer wieder zurückversetzen.

“Sie schaut mit einem schönen Sonnenblick auf die Welt, auch auf die neue. Aber auf Dauer kann so keiner blicken. Nicht wenn die Wirklichkeit immer dunkler, brauner und gefährlicher wird.”

“Ostende” ist eine hochkonzentrierte und unheimlich dichte Novelle. Volker Weidermann erzählt vom Sommer 1936, er erzählt vor allen Dingen von Stefan Zweig und Joseph Roth, doch eigentlich erzählt er von so viel mehr. “Ostende” ist ein Erinnerungsbuch, dass das Schicksal der Exilschriftsteller, die ihre Heimat verlassen mussten, um weiterhin schreiben zu können, in den Mittelpunkt rückt. Sie verlieren nicht nur den Ort, den sie ihr Zuhause genannt haben, sondern häufig auch jegliche Existenzgrundlage – ihre Bücher verkaufen sich plötzlich nicht mehr. Die Flucht ins Exil bedeutet häufig gleichzeitig das Stehen vor dem Nichts. Im letzten Kapitel des Romans, das die Überschrift “Mystery Train” trägt, verfolgt Weidermann die Lebenswege der erwähnten Autoren und Autorinnen bis an ihr Lebensende. Der Autor erweist sich nicht nur als großartiger und eindringlicher Erzähler, sondern auch als beeindruckender Forscher und Rechercheur.

“Denn seine Welt ist eine Bücherwelt, seine Liebe, sein Wissen, sein Denken, er hat es alles aus Büchern gelernt. Er hatte vorher nie darüber nachgedacht, doch in diesem Moment wird es ihm klar.”

Volker Weidermann legt mit “Ostende” eine Novelle vor, die kurz und knapp erzählt wird und dennoch atmosphärisch unheimlich dicht und stimmungsvoll ist. Es ist die Atmosphäre gewesen, die mich beim Lesen gepackt und nicht mehr losgelassen hat. “Ostende” erzählt davon, wie es gewesen sein könnte – damals, im Sommer 1936.

Nach der Lektüre von “Ostende” ist übrigens der Griff zum Regal sehr zu empfehlen, vielleicht findet sich ja dort etwas von dem ein oder anderen Schriftsteller, der erwähnt wird.

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07/24/14
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Ein Stück Ewigkeit zwischen den Fingern

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Eigentlich ist die brand eins nicht unbedingt eine typische Zeitschrift für Bücherwürmer und Leseratten, doch in der neuen Ausgabe – die ab morgen im Handel ausliegen wird – befindet sich ein lesenswerter Artikel für und über Bücherliebhaber. Unter dem Motto “Ein Stück Ewigkeit zwischen den Fingern” stellen fünf Liebhaber ihre Schätze vor: es gibt fünf Porträts über spannende Menschen und ganz viele tolle Bilder!

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In dem Artikel geht es nicht nur um simple Bücherliebhaber, sondern vor allem um Menschen, die sich Bücherschätzen verschrieben haben: dabei kann es sich um seltene Bücher handeln, aber auch um besondere Handschriften oder gar Drucke aus dem Mittelalter. Die (drohende) Digitalisierung bringt viele Aspekte mit sich, einer davon ist sicherlich auch der, dass die Sehnsucht danach, etwas in den Händen zu halten, das gut gemacht ist, das edel oder selten ist, größer wird. Die brand eins kommt zu dem Schluss: “Je mehr alte Bücher elektronisch verfügbar werden, desto größer wirkt die Aura des Originals.” Da hält man dann nicht nur ein Buch in den Händen, sondern ein Stück Ewigkeit …

Ein Blick in die fünf Porträts der Bücherliebhaber lohnt sich auf alle Fälle!

07/23/14
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The Man Booker Prize

Heute wurden die nominierten Titel für den Man Booker Prize 2014 bekannt gegeben – beim Booker Prize handelt es sich um den wichtigsten britischen Literaturpreis, der seit 1969 jährlich verliehen wird. In den vergangenen beiden Jahren wurde er von Eleanor Catton und Hilary Mantel gewonnen.

Dieses Jahr sind folgende Romane nominiert:

  • To Rise Again at a Decent Hour, Joshua Ferris (Viking)
  • The Narrow Road to the Deep North, Richard Flanagan (Chatto & Windus)
  • We Are All Completely Beside Ourselves, Karen Joy Fowler (Serpent’s Tail)
  • The Blazing World, Siri Hustvedt (Sceptre)
  • J, Howard Jacobson (Jonathan Cape)
  • The Wake, Paul Kingsnorth (Unbound)
  • The Bone Clocks, David Mitchell (Sceptre)
  • The Lives of Others, Neel Mukherjee (Chatto & Windus)
  • Us, David Nicholls (Hodder & Stoughton)
  • The Dog, Joseph O’Neill (Fourth Estate)
  • Orfeo, Richard Powers (Atlantic Books)
  • How to be Both, Ali Smith (Hamish Hamilton)
  • History of the Rain, Niall Williams (Bloomsbury)

Von den nominierten Titeln sind bisher nur drei ins Deutsche übersetzt worden; sie werden in den kommenden Monaten erscheinen – Joshua Ferris und Richard Powers stehen bereits auf meiner Wunschliste, ich hoffe aber auch, auf Übersetzungen der Romane von Siri Hustvedt, David Mitchell und Joseph O’Neill. Die Shortlist wird übrigens am 9. September bekannt gegeben und der Gewinner am 14. Oktober – ich bin schon gespannt darauf!

CollageJoschua Ferris, Mein fremdes Leben – Richard Powers, ORFEO – David Nicholls, Drei auf Reisen

07/21/14
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Saša Stanišić im Gespräch!

Acht Jahre mussten wir auf den zweiten Roman von Saša Stanišić warten, aber das Warten hat sich gelohnt – “Vor dem Fest” ist eine großartige Lektüre. Ich habe mich mit dem Autor getroffen, um über das Schreiben, die deutsche Sprache, Heimat und Heimweh zu sprechen.

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Du bist 1992 nach Deutschland gekommen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Wie hast du dir die neue Sprache und das neue Land vertraut gemacht?

Am Anfang war das eine soziale Notwendigkeit, so schnell wie möglich die Sprache zu beherrschen. Ich war vierzehn Jahre alt, war mitten in der Pubertät und ich glaube, ich habe ganz schnell verstanden, dass die Sprache mir helfen wird, diese Zeit gut zu überstehen. Dass ich durch die Sprache nicht nur zu den Menschen einen Zugang finden werde, sondern auch in der Schule besser sein kann und mich leichter zurechtfinden werde in dieser kleinen, neuen Umwelt. Am Anfang habe ich sehr bewusst Deutsch lernen wollen. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben. Ich habe gelernt und gelernt. Zusätzlich hatte ich Glück, dass ich auf einer Schule war, auf der verstärkt Deutsch für Ausländer unterrichtet wurde. Das hat mich beflügelt und mir zusätzlich geholfen, die Sprache schnell zu erlernen. Später habe ich dann wahnsinnig viel gelesen.

Wie würdest du mittlerweile dein Verhältnis zur deutschen Sprache bezeichnen?

Die Sprache ist auf eine sehr banale Art und Weise Material für mich. Damit meine ich tatsächlich eine formbare, spielbare, veränderbare Masse, aus der ich versuche den in diesem Moment bestmöglichen Satz auf Papier zu bringen. Mir ist bewusst, was mir durch die Sprache möglich ist, was erlaubt ist und was nicht, wo Regeln gebrochen werden dürfen und wo nicht. Ich weiß auch den rein strukturellen Umgang mit Sprache zu schätzen, treibe es in meinen Texten aber auch gerne auf die Spitze, damit eben nicht alles nur banal erzählt wird, oder von a nach b. Mir ist es – glaube ich – wichtig, immer in solchen Gesprächen zu betonen, dass das Deutsche für mich eine ganz flexible Sprache ist. Damit meine ich, man kann – wenn man sich ein bisschen Mühe gibt – alles mit ihr anstellen, was Geschichten und Texte angeht. Es ist also ein liebendes Verhältnis zur deutschen Sprache. Ich mag dieses Material, ich mag, wie es beschaffen ist, ich mag aber auch die Grenzsprengung, die ich durch sprachliche Spielereien erreichen kann.

Für deinen neuen Roman bist du in die Uckermark gereist. Wie hast du dir diesen Ort angeeignet und ist dir die Uckermark zwischendurch eine neue Heimat geworden?

Nein, nicht so richtig! Die Uckermark ist mir nach wie vor, genauso wie Hamburg oder Berlin, auf eine gewisse Art und Weise nicht vertraut. Für mich bedeutet es zu Hause zu sein, wenn man sich an einem Ort wirklich auskennt. Mit auskennen meine ich, wirklich an einem Ort zu sein, mit den Dingen und Menschen zu arbeiten und sich mit ihnen zu beschäftigen, sich darauf einlassen und versuchen, diesen Ort zu verstehen – durch die Geschichte hinweg, aber vor allen Dingen auch, was das Jetzt betrifft. Dadurch, dass ich so viel reise und mal in Bosnien bin, mal in Deutschland, habe ich diesen Zustand des Auskennens noch nicht erreicht. Es reicht immer nur für die fiktionale Auseinandersetzung, aber ich bin nie so wirklich irgendwo. In gewisser Hinsicht ist das sogar ganz gut, denn mich begeistert vieles und nicht eine Sache mehr als etwas anderes. Ich fühle mich häufig wohl, ich kann mich überall wohlfühlen und nicht an einem Ort wohler als an einem anderen. Deshalb ist der Heimatbegriff bei mir sehr dehnbar und manchmal ist schon das Gespräch mit einem netten Menschen für mich Heimat.

Sich eine neue Heimat anzueignen, bedeutet auch immer, eine alte zu verlassen – hattest du Heimweh als du nach Deutschland gekommen bist?

Vielleicht ganz am Anfang, ja. Das lag vor allem daran, dass wir aus einem sehr intakten Leben geflüchtet sind. Ich hatte das Gefühl, dass da etwas gesprengt wird, was unheimlich intakt gewesen ist und gut getan hat. Mein Heimweh resultierte nicht unbedingt aus dem Umzug, sondern aus dem Gefühl heraus, dass etwas gerade verloren geht und niemals wieder genauso sein wird. Dieses Gefühl kann man vielleicht gar nicht als Heimweh bezeichnen, ich hatte einfach ein starkes Gefühl von Traurigkeit.

Wenn man nach dir recherchiert, stößt man schnell auf Begriffe wie Migrationskultur oder Integration – spielt das für dein eigenes Selbstverständnis überhaupt irgendeine Rolle?

Nein, überhaupt nicht! Ich finde diese Labels immer ganz schwierig. Junger deutschsprachiger Autor ist genauso ein Label, genauso banal  wie das Migrantenlabel oder das Label des postmodernen Autors. Das klebt man einfach irgendwo dran, es sagt aber überhaupt nichts über das aus, was ich eigentlich mache. Solche Labels haben für mich tatsächlich keine Wertigkeit für das Buch und ich beschäftige mich auch nicht damit. Ich frage mich lediglich, warum es solche Schubladen geben muss. Mich macht neugierig, was das über die Menschen aussagt, die diese Schubladen aufmachen. Was will man mit dem Versuch bewirken, Dinge zu strukturieren und in eine Ordnung zu bringen, wo keine Ordnung ist? Wo Autoren zu mannigfaltig sind, wo wir von überall her kommen und hier gelandet sind und dabei aus ganz unterschiedlichen familiären Konstellationen kommen. Ich frage mich dann immer, warum es solche Sortierungen außerhalb des Textes geben muss. Einmal hat man auch über mich gesagt, dass ich ein Vorbild für gelungene Integration sei – da habe ich mich wirklich aufgeregt, weil ich das als eine Vereinnahmung empfinde, im Grunde schon fast als Diskriminierung. Das finde ich einfach lächerlich, denn genau das will ich nicht sein. Ich will auch anecken!

Wann ist bei dir überhaupt der Wunsch entstanden, zu schreiben?

Das ist eine Geschichte, die ich schon oft erzählt habe. Meine Eltern hatten ein Sofa, das man aufklappen konnte und darunter war ein Kasten und da kam normalerweise Bettwäsche rein, aber meine Eltern haben mir dort stattdessen eine Art Sofabibliothek eingerichtet. Wenn man das Bett aufgeklappt hat, waren dort Bücher drin. Wenn ich aus der Schule gekommen bin, habe ich mich in diese Bücher hineingelegt – ich war damals acht oder neun Jahre alt und habe es mir darin gemütlich gemacht. Hinter mir war die Schräge des Sofadeckels, neben mir war ein Tisch und für mich war das wie ein kleines Versteck, wie ein kleines Zelt. Dort lag ich dann und habe wahnsinnig viel gelesen. Aus diesem für mich schönsten Gefühl, zu Hause zu sein und aus diesen Büchern zu schöpfen, ist der Anfang meines Schreibens entstanden.

Deine literarischen Texte schreibst du auf Deutsch, wie ist diese Entscheidung gefallen?

Das war eine absolut bewusste Entscheidung. Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich nach wie vor geschrieben, aber zunächst noch auf Bosnisch. Irgendwann habe ich angefangen, meine bosnischen Texte ins Deutsche zu übersetzen und später habe ich dann die ersten Texte direkt auf Deutsch geschrieben. Davon bin ich auch nicht mehr abgewichen. Deutsch ist meine Sprache, ich bin darin auch sicherer, als im Bosnischen.

Du hast das Leipziger Literaturinstitut besucht, hat das Studium dort dein Schreiben in irgendeiner Form verändert oder beeinflusst?

Ja, beides – aber nur eingeschränkt. Ich habe nicht unbedingt durch das Studium selbst etwas gelernt, was mein Schreiben verändert hat, aber ich habe sehr viele interessante Leute kennengelernt, mit denen ich in Werkstattgesprächen an ihren oder auch meinen eigenen Texten arbeiten konnte. Für mich war es eine Mischung aus dem theoretischen Gespräch über Texte und dem privaten Austausch, aus dem eine Art Werkstattarbeit entstanden ist. Diese Arbeit hat mich wirklich sehr stark beeinflusst. Ich habe dabei erkannt, was funktioniert und was nicht funktioniert. Auch durch das Vertiefen in fremde Texte kann man viel über das eigene Schreiben lernen. Dort waren Leute wie Thomas Pletzinger, Katharina Adler oder auch Clemens Meyer und es war einfach ein ständiges Lernen. Ich habe gelernt, was einen guten Text ausmacht und habe dadurch gelernt, was ich besser machen kann.

Ein wichtiger Bestandteil eines Schreibstudiums ist auch immer die gegenseitige Kritik, wie gehst du heutzutage mit Kritik um?

Bei meinem neuen Roman hatte ich mir eigentlich vorgenommen, keine Besprechungen zu lesen und habe das auch sehr lange durchgehalten. Jetzt musste ich aber doch welche lesen, weil ich ein paar Mal von Leuten moderiert wurde, die eine Besprechung geschrieben haben. Ich lese aber viel im Internet, ich lese dort eigentlich fast alles und versuche zu verfolgen, was dort über mein Buch geschrieben wird. Mich interessiert die Einzelmeinung von sogenannten Laien, die ich immer nicht als Laien empfinde, sondern als sehr fleißige und gute Leser. Ich habe das Gefühl, dass ich dort auf eine unauffällig Art und Weise reagieren kann, um z.B. Fragen zu beantworten. Wenn ich eine Rezension in einer Zeitung lese, dann fehlt mir diese Möglichkeit. Ich könnte einen Leserbrief schreiben, aber damit würde ich mich total lächerlich machen. In einem Blog jedoch habe ich die Möglichkeit mich zu Wort zu melden, manchmal tue ich das dann auch und habe den Eindruck, dass dadurch für den Rezensenten ein Gefühl der Zusammenarbeit entsteht. Ich finde, dass das ein schönes Gefühl ist. In Rezensionen werden ja oft Fragen gestellt, Verwunderung geäußert oder auch Unverständnis formuliert und da habe ich die Gelegenheit, Dinge zu erklären und zu verdeutlichen. Das finde ich total grandios!

Dein Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ erschien 2006 und war gleich erfolgreich. Anschließend haben wir acht Jahre auf deinen zweiten Roman warten müssen. Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?

Die Füße hochgelegt! Nein, mir kommt es gar nicht so vor, als wären wirklich acht Jahre vergangen. Nach dem ersten Roman habe ich mir eine Auszeit genommen, denn ich hatte eigentlich nie vor, Schriftsteller zu werden. Das klingt komisch, aber ich dachte, ich werde immer nur dann schreiben, wenn ich wirklich etwas zu schreiben habe. Mit dem bisschen Geld, das ich damals verdient habe, habe ich dann ganz egoistisch beschlossen, auf Reisen zu gehen. Das war meine Chance! Ich bin drei Jahre lang fast permanent unterwegs gewesen und habe mir die Welt angeschaut. Erst als ich von meinen Reisen wieder zurückgekehrt bin, habe ich mich an neue Stoffe und Ideen gesetzt.  Dieses Mal soll es aber nicht so lange dauern, ich hoffe, dass im nächsten Jahr bereits ein neues Buch erscheinen wird.

Mit deinem zweiten Roman hast du im März den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. War diese positive Rückmeldung wichtig für dich?

Ja, solche Rückmeldungen sind schon wichtig, ich glaube aus zweierlei Gründen: einmal habe ich gemerkt, dass solche Auszeichnungen mir Mut machen, weiterzuarbeiten. Mut ist vielleicht das falsche Wort, aber sie spornen mich an, fordern mich auf, jetzt nicht wieder aufzuhören. Solche Rückmeldungen geben mir das Zeichen, dass das, was ich mache, etwas zählt. Grundsätzlich muss das aber nichts mit einem Preis zu tun haben, der Preis ist nur die von außen in die Medien getragene Auszeichnung, die etwas über das Buch sagt, aber nicht viel sagen muss. Genauso wichtig sind mir andere Dinge, die nebenbei laufen, z.B., dass Leute während der Lesung auf mich zukommen und sagen, dass das Buch sie sehr berührt hat. Diese Rückmeldungen geben mir das Zeichen, dass das, was ich tue, anderen Leuten etwas gibt – und sie sinngemäß sagen: mach mal weiter. Der andere Aspekt ist natürlich auch das Finanzielle. 15.000€ bedeutet für mich, dass ich für das nächste halbe Jahr ein Polster habe und keinen Nebentätigkeiten nachgehen muss, sondern wirklich versuchen kann, Autor zu sein. Ich möchte diesen Versuch jetzt mal wagen und die nächsten zwei, drei Jahre nur schreiben.

07/19/14
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Wie folge ich Buzzaldrins Bücher?

Seit meinem Blogumzug ist immer mal wieder die Frage aufgekommen, wie man meinem Blog denn nun folgen kann. Da ich einen selbstgehosteten Blog betreibe, bin ich kein Teil mehr von wordpress.com und dementsprechend wird auch mein Blog nicht mehr richtig im WordPress-Reader angezeigt. Das bedeutet auch für mich selbst, dass ich zum ersten Mal seit fast drei Jahren nach alternativen Blogreadern Ausschau gehalten habe. Ich möchte ja nicht nur, dass ihr mir folgt, ich möchte ja auch weiterhin meinen Lieblingsblogs folgen können. Wenn ihr also trotz meines Umzugs up-to-date bleiben wollt, habe ich zwei tolle Alternativideen:

feedly

Wenn ihr den Dienst feedly nutzt, einen tollen Reader für Blogs, dann könnt ihr dort einfach nach Buzzaldrins Bücher suchen und meinen Blog durch die Funktion + zu eurem Reader hinzufügen. Ihr seid dann immer auf dem aktuellem Stand, was neue Beiträge betrifft. Bei feedly kann man sich sogar eigene Themenordner anlegen und seine Lieblingsblogs dort abspeichern – sehr empfehlenswert!

feedly

> bloglovin

Das Prinzip von bloglovin funktioniert ganz ähnlich, wie das von feedly. Wenn ihr dort angemeldet seid, dann könnt ihr meinen Blog zu eurem Reader hinzufügen, in dem ihr nach buzzaldrins.de sucht und dann auf die Taste following drückt. Und schwupps, schon seid ihr immer live dabei.

bloglovin

Jeder Blogger hat wahrscheinlich bei der Frage, wie er anderen Blogs folgt, seine eigenen Vorlieben – vielleicht sind feedly und bloglovin ja noch einmal zwei Alternativen für euch, um meinem neuen (alten) Blog auch weiterhin treu bleiben zu können. Ich würde mich natürlich freuen. :-)

07/18/14
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Vor dem Fest – Saša Stanišić

“Vor dem Fest” ist ein zweifach prämierter Roman. Bevor er überhaupt fertiggestellt wurde, wurde er mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Im Frühjahr dieses Jahres erhielt er dann schließlich den prestigeträchtigen Preis der Leipziger Buchmesse. Preise sagen selten etwas über die Qualität des Inhalts aus, in diesem Fall aber schon, denn der Inhalt ist mehr als preiswürdig. Saša Stanišić erzählt humorvoll, poetisch und voller Warmherzigkeit die Geschichte eines Dorfes.

“Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot. Zwei Seen, kein Fährmann. Zu den Inseln gelangst du jetzt, wenn du ein Boot hast. Oder wenn du ein Boot bist. Oder du schwimmst. Aber schwimm mal, wenn die Eisbrocken in den Wellen klacken wie ein Windspiel mit tausend Stäben.”

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Während Saša Stanišić in “Wie der Soldat das Grammofon repariert” noch eine Geschichte des Krieges erzählt hat, verschlägt es ihn in seinem zweiten Roman in die tiefste Provinz Deutschlands. Nach Fürstenfelde, in die Uckermark. Mitten in der brandenburgischen Einöde. “Es gehen mehr tot, als geboren werden.” Die Jungen verlassen das Dorf, auf der Suche nach einer Zukunft, die besser ist, als das, was ihre Heimat ihnen bieten kann. Die Alten werden immer älter und sterben einsam vor sich hin. Auch der Fährmann ist tot und niemand in Sicht, um diese Lücke zu füllen.

“Niemand sagt, ich bin der neue Fährmann. Die wenigen, die verstehen, dass wir unbedingt einen neuen Fährmann brauchen, verstehen nichts von Fähren. Oder davon, wie man Gewässer tröstet. Oder sie sind zu alt. Andere tun so, als hätten wir niemals einen Fährmann gehabt. Die dritten sagen: Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih.”

Der Titel des Romans ist programmatisch, denn Saša Stanišić erzählt in seinem Roman von einer einzigen Nacht. Von der Nacht vor dem Fest, dem traditionellen Annenfest. Das ganze Dorf steckt mitten in den Vorbereitungen. Da gibt es Lada, den man Lada nennt, weil er mit dreizehn Jahren mit dem Lada seines Großvaters nach Dänemark gefahren ist. Da gibt es Frau Kranz, die schon neunzig Jahre alt ist und die ihr ganzes Leben lang gemalt hat. Gekannt hat sie dabei nur ein einziges Motiv: Fürstenfelde, in allen denkbaren Variationen. Für die Auktion des diesjährigen Festes möchte sie endlich eine Nachtaufnahme von Fürstenfelde malen, denn Fürstenfelde bei Nacht, das hat sie noch nie gemalt.

“Sie möchte einmal nicht die Wirklichkeit gemalt haben, sondern etwas, das später wirklich geworden ist. Aber wie geht das? Sie möchte malen, was niemand weiß. Sie möchte das Böse malen in uns, aber wie geht das? Sie möchte das Durchhalten malen, aber wie geht das? Das Hindern, aber wie?”

Da gibt es Ulli, der die Männer in Fürstenfelde in seiner Garage mit Alkohol bewirtet und an seinem Kühlschrank einen Kalender mit nackten Polinnen hängen hat - “halb wegen Ironie, halb wegen Ästhetik”. Da gibt es die dicke Frau Schwermuth, die von ihrem Sohn nur Mu genannt wird und sich so tief in die Heimatgeschichte ihres Dorfes eingegraben hat, dass sie den Weg zurück ins Jetzt kaum findet. Da gibt es Herrn Schramm, ehemaliger NVA-Soldat und Witwer, der so wenig Rente bekommt, dass er sich schwarz etwas dazu verdienen muss und Johann, der eine Ausbildung zum Glöckner macht.

“Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen.”

Vom ersten Satz an hatte ich als Leser das Gefühl, ein Teil dieses Dorfes, mit seinen schrulligen Bewohnern, zu sein. Die Warmherzigkeit, mit der sich Saša Stanišić seinen Figuren annimmt, ist beeindruckend. Er bevölkert seinen Roman nicht nur mit Figuren, sondern erweckt diese wirklich zum Leben. Die Schrulligkeiten der Dorfbewohner werden mit sehr viel Zuneigung, Einfühlungsvermögen und Feingefühl beschrieben. Doch neben den Figuren ist es vor allen Dingen die Sprache, die diesen Roman zu einer ganz besonderen Lektüre macht: dem Autor gelingt es auf eine höchst charmante Art und Weise, mit der deutschen Sprache zu spielen. Da wird nicht nur gerappt und gereimt, sondern es werden auch Sagen und Geschichten der Fürstenfelder Dorfchronik des 16. Jahrhunderts erzählt - so, wie sie damals erzählt und aufgeschrieben wurden. Stanišić nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise, die dennoch mit dem Hier und Jetzt in Fürstenfelde verknüpft bleibt. Es gibt auch typographische Spielereien, genauso wie Worterfindungen (im Gedächtnis geblieben ist mir das Wort durcherinnern). Darüber hinaus zeichnet sich der Roman durch ganz viel Humor aus. Obwohl es mit einem Todesfall beginnt, ist die Erzählung auch immer hochkomisch und es gibt zahlreiche wunderbare Pointen. Dabei neigt der Autor dazu, zu verzerren und zu überzeichnen, doch in der Verzerrung steckt auf den zweiten Blick auch viel Wahrheit.

“Und jetzt fängt auch noch die Zieschke sie vor der Bäckerei beschwingt ab, Herrgott noch mal, ist doch viel zu früh für Heiterkeit, aber die Zieschke ist so eine mit Strähnchen, solche schlagen emotional in alle Richtungen extrem aus.”

“Vor dem Fest” ist ein wunderbarer Roman! Er ist prall gefüllt mit so vielem, mit Poesie, mit Humor, mit Sprachspielen und mit einem herrlich skurrilen Dorf und seinen Bewohnern. Obwohl Saša Stanišić nur von einer einzigen Nacht erzählt, geht es doch um so viel mehr: “Vor dem Fest” ist nicht nur eine Chronik eines entvölkerten Dorfes, sondern auch ein großartiger Roman der Geschichten wie Schichten aufeinander stapelt und von Heimat und Erinnerungen erzählt, von der Vergangenheit, zerbrochenen Träumen und der drückenden Angst vor einer ungewissen Zukunft.

07/16/14
Richard Yates

Eine strahlende Zukunft – Richard Yates

30 Jahre lang musste das deutsche Publikum auf diesen Roman warten, der im Original 1984 erschien und den Titel “Young hearts crying” trägt, doch nun liegt er endlich in der hervorragenden Übersetzung von Thomas Gunkel vor. “Eine strahlende Zukunft” ist die letzte Veröffentlichung von Richard Yates gewesen, dem die große Anerkennung zu seinen Lebzeiten verweigert wurde. Auch in diesem Roman widmet er sich erneut seinen zentralen Themen: dem Leben, der Vorstadthölle, der Ehe und wie all dies zu Bruch gehen kann, schleichend und doch unaufhaltsam.

“Mit dreiundzwanzig hatte Michael Davenport gelernt, seiner eigenen Skepsis zu trauen. Er hielt nichts von Mythen oder Legenden, nicht einmal in Gestalt allgemeiner Annahmen; er wollte stets zur wahren Geschichte vordringen.”

Richard Yates

Richard Yates seziert in “Eine strahlende Zukunft” das zerbrechliche Konstrukt der Ehe und die Fragilität von Lebensträumen. Im Zentrum des Romans steht der Schriftsteller Michael Davenport, der Gedichte und Theaterstücke schreibt und seine junge Ehefrau Lucy Blaine. Beide haben jung geheiratet, erst nach der Hochzeit erfährt Michael, dass er nicht nur eine Tochter aus gutem Hause geheiratet hat, dies hat er bereits geahnt, sondern dass Lucy über ein Millionenerbe verfügt. Für Michael ist es unvorstellbar, vom Geld seiner Frau zu leben, statt in Saus und Braus zu leben, hausen sie mit ihrer Tochter Laura in ärmlichen Verhältnissen. Es zieht sie immer weiter weg aus New York, von Vorort zu Vorort – immer auf der Jagd nach dem Glück.

“Nichts ist unordentlich, nichts verkorkst, nichts aus den Fugen. Wahrscheinlich will man genau das, wenn man … verheiratet ist und eine Familie und alles hat. Es dürfte Millionen von Menschen geben, die alles dafür geben würden, hier wohnen zu können [...].”

Doch Glück stellt sich bei den Davenports irgendwie nicht so wirklich ein. Michael bleibt ein erfolgloser Dichter, die Erfolge, die er feiert, sind klein. Mit seiner Arbeit als Schriftsteller kann er kaum zum Lebensunterhalt seiner Familie beitragen. Lucy lebt ein Leben im Schatten ihres Mannes, immer auf seinen großen Durchbruch wartend und zunehmend unzufrieden. Sie leidet vor allem unter den zweckmäßigen Wohnverhältnissen, in denen sie leben. Die Unzufriedenheit gipfelt irgendwann in einer Trennung und einer anschließenden Scheidung, das, was sich beide einstmals erhofft hatten, konnte sich nie erfüllen.

“Die Ehe ist wirklich seltsam [...]. Man kann jahrelang miteinander leben, ohne zu wissen, mit wem man da verheiratet ist. Das ist doch ein Rätsel.”

Anschließend begleitet Richard Yates das weitere Leben seiner beiden Hauptfiguren: beide bleiben weiterhin auf der atemlosen Suche nach dem großen Glück, ohne eigentlich genau zu wissen, wie dieses große Glück aussehen könnte. Wechselnde Partnerschaften, die meistens in schnellen Trennungen ändern, kennzeichnen den weiteren Lebensweg von Lucy und Michael. Der Moment, in dem beide jung waren und sich Hals über Kopf ineinander verliebten, ist lange her – das Leben ist mittlerweile schal geworden. Beide sind voneinander geschieden, doch ihre Abstürze ähneln einander und werden im Absturz der gemeinsamen Tochter, die zum Hippie mutiert und den Halt im Leben verliert, gespiegelt.

“Ich weiß, was du meinst, aber ich bin nicht deiner Meinung. Ich habe immer schon deine Ansicht zu allem gekannt; das war nie das Problem. Das Problem ist, dass ich nie deiner Meinung war – kein einziges Mal -, und das Entsetzliche ist, dass ich das erst in den letzten Monaten begriffen habe.”

Richard Yates widmet sich in “Eine strahlende Zukunft” den alltäglichen kleinen Dramen: “Eine strahlende Zukunft” ist Ehe- und Lebensroman, der Titel enthält dabei eine feine Ironie, denn das Strahlen der Zukunft von Michael und Lucy verblasst schnell. Lucys geerbte Millionen, sind ein strahlendes Versprechen, das verblasst und nie eingelöst wird, da Michael zu stolz ist, als dass er von dem Geld seiner Frau leben möchte. Das Bild der strahlenden Zukunft suggeriert eine Sehnsucht, die im Leben von Lucy und Michael nie eingelöst werden kann. Richard Yates legt mit “Eine strahlende Zukunft” aber auch einen Künstlerroman vor, denn Lucy und Michael bewegen sich beide im Künstlermilieu und umgeben sich mit Künstlerfreunden. Michael ist Schriftsteller und auch Lucy probiert sich im Schreiben und im Malen aus, doch bei beiden Tätigkeiten findet sie nicht die Anerkennung, die sie sich wünscht. Als sich Michael und Lucy auf den letzten Seiten des Romans nach vielen Jahren wiedertreffen, stoßen sie mit einem Glas Wein an und kommen zu dem Schluss: “Scheiß auf die Kunst.” 

“Scheiß auf die Kunst, okay? Ist es nicht witzig, dass wir ihr ein Leben lang nachgejagt sind? Dass wir unbedingt all denen nahestehen wollten, die sie zu begreifen schienen, als könnte uns das weiterhelfen; dass wir nie aufhörten, uns zu fragen, ob sie nicht hoffnungslos unseren Horizont übersteigt – oder vielleicht gar nicht existiert?”

Wenn man sich den Lebensweg von Richard Yates anschaut, dann überkommt einem das Gefühl, dass hier nicht nur eine von seinen Hauptfiguren spricht, sondern vielleicht auch der Autor selbst, der ein Leben lang als Schriftsteller um Anerkennung gekämpft hat. Vielleicht ist es kein Zufall, dass dies der letzte Roman von Richard Yates gewesen ist.

“Eine strahlende Zukunft” ist eine großartige Nahaufnahme des Scheiterns von Ehen und Träumen, die Sprache ist nüchtern und legt gleichzeitig die Wünsche und Sehnsüchte der Figuren schonungslos offen. Richard Yates ist für mich ohne Frage einer der besten amerikanischen Schriftsteller und auch nach diesem Roman ist es für mich unbegreiflich, wie lange dieser Autor unbekannt und unentdeckt bleiben konnte. Die Anerkennung wurde ihm zu Lebzeiten verweigert, doch lesen kann man Richard Yates immer noch. Lesen muss man Richard Yates immer noch.


Yats

07/14/14
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Die 30 Kandidaten der Hotlist 2014!

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Heute wurden die 30 Kandidaten für die Hotlist 2014 bekannt gegeben, der Preis der Hotlist wird seit 2009 jährlich vergeben. Unabhängige Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, dürfen jeweils einen Titelvorschlag einreichen, die offizielle Jury stimmte anschließend über die 30 Kandidaten, die es auf die große Longlist schafften, ab. Auf der Hotlist der besten Bücher aus unabhängigen Verlagen sollen dann am Ende dann zehn Titel stehen. Ab jetzt – bis zum 18. August – kann das Publikum selbst drei der dreißig Titel auf die Hotlist befördern, über die anderen sieben entscheidet wiederum eine Jury. Zum Wahllokal geht es übrigens hier entlang! Nutzt euer Stimmrecht und wählt ganz fleißig!

Das Besondere der Hotlist ist sicherlich die Tatsache, dass unbekannteren und kleineren Verlagen Aufmerksamkeit geschenkt wird – von vielen der dreißig Titel habe ich noch nichts gehört, auch viele der vertretenen Verlage waren mir noch kein Begriff. Von allen dreißig Kandidaten habe ich erst einen einzigen Titel gelesen: Eine Nacht, Markowitz von Ayelet Gundar-Goshen hatte mir anfangs des Jahres sehr gut gefallen.

Viel Spaß beim Durchstöbern der Kandidatenliste, ich bin gespannt, welchen Titel ihr auf die Hotlist wählen werdet!

PicMonkey Collage

Thomas Ross: Fette Ernte – Hans-Jörg Poschmann: Fallen - Lili Grün: Mädchenhimmel - Emrah Serbes: junge verlierer – James Hanley: Fearon – Frederike Gräff: Warten, Erkundungen eines ungeliebten Zustands - Lydia Davis: Kanns nicht und wills nicht - Ulrike Schmitzer: Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt - Helen Moster: Alles absolut bestens bei mir - Günter Saalmann: Fiedlerin auf dem Dach – Jean-Philippe Toussaint: Nackt - Tessa Müller: Etwas, das mich glücklich macht - Ayelet Gundar-Goshen: Eine Nacht, Markowitz - Emma Donoghue: Zarte Landung – Andri Pol: Menschen am CERN

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Elfriede Czurda, Friederike Kretzen und Suzann-Viola Renninger: Handbuch der Ratlosigkeit - Florian Wacker: Albuquerque - Maruan Paschen: Kai, eine Internatsgeschichte – Christoph Ecker: Die letzte Kränkung - Karin Peschka: Watschenmann - mawil: Kinderland - Kurt Palm: Bringt mir die Nudel von Gioacchio Rossini - Julia Korbik: Stand up! Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene - Rolf Niederhauser: Seltsame Schleife - Beile Ratut: Das schwarze Buch der Gier - Mia Couto: Das Geständnis der Löwin - Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz – Marie-Luise Könneker: Asseblick - Tanguy Viel: Das Verschwinden des Jim Sullivan - Carl Nixon: Settlers Creek

 

07/13/14
Wordpress

Mein Blogumzug von wordpress.com zu wordpress …

Hast du das alles allein gemacht? Diese Frage wird mir seit meinem Umzug in mein neues Blogzuhause immer wieder gestellt. Und ja, stolz kann ich behaupten, dass ich diesen Umzug in der Tat alleine bewältigt habe. Die ersten Überlegungen, auf einen selbstgehosteten Blog umzuziehen, hege ich bereits seit einem Jahr – der Anstoß dazu entstand durch meinen Besuch der Bloggerkonferenz The Hive im Mai 2013. Dort stellte ich fest, dass es vieles gibt, was ich noch ausprobieren möchte und dabei fielen überall die Worte selfgehostet, Plugins, SEO. Ein Jahr lang habe ich geglaubt, dass ein solcher Umzug für mich technisch nicht zu bewältigen sei, ich habe gezögert und gezaudert. Doch letzte Woche sollte diese Verzagtheit endlich ein Ende haben, am Freitag habe ich mir eine Domain besorgt (ich habe mich für all-inkl entschieden) und anschließend die Software installiert (diese kann man sich zum Beispiel hier downloaden). Bei diesem Schritt ist es wichtig, die Software von WordPress auch wirklich selbst zu installieren und nicht auf eine der 1-Klick-Installationen des Hosters zurückzugreifen. Zum Abschluss habe ich dann meinen alten Blog importiert, dieser Import funktioniert ganz einfach über das WordPress Tool Export/Import.

Wordpress

Alles lief dabei aber dann doch nicht ganz so reibungslos, wie das hier nun anklingt, aber bei jedem Problem, bei jeder Schwierigkeit, bei jeder Hürde, konnte ich Suchmaschinen befragen oder ein hilfreiches Tutorialvideo anschauen. Bei dem Import meiner 600 Postings und 7000 Kommentaren, hat der Importer eine ganze Weile gearbeitet und ich habe bibbernd vor dem Bildschirm gesessen, geklappt hat aber dennoch alles – nur die Likes sind bedauerlicherweise nicht mitgekommen.

Anschließend habe ich mir ein Theme ausgewählt (nachdem ich 500 ausprobiert und wieder verworfen habe), habe mit Begeisterung Plugins heruntergeladen, installiert und wieder deinstalliert und an den Feinheiten geschraubt. Hin und wieder bin ich dabei natürlich auch über Probleme gestolpert, doch alle diese Probleme ließen sich – mit ein wenig Zeit, Geduld und Spucke – lösen.

All jene Literaturblogger und Literaturbloggerinnen, die – aus dem einen oder anderen Grund – auch über einen Blogumzug nachdenken, kann ich nur ermutigen, diesen Schritt zu wagen. Traut euch! Es ist einfacher, als man denkt, wenn man erst einmal angefangen hat – lest viel, schaut viele Videos und dann macht einfach mal! Irgendwann macht das Ausprobieren, das Rumprobieren, das Basteln und Werkeln dann sogar Spaß. Belohnt wird man damit, seine eigene Blogspielwiese zu haben, die viele spannende Möglichkeiten bereithält.

P.S.: Der Schmutzfleck am rechten unteren Rand des Bildes ist übrigens ein originaler Pfotenabdruck von Bandit, irgendwie hilft er ja doch immer überall mit. ;-)