Der Geruch der Erinnerung – Molly Birnbaum

Molly Birnbaum legt mit Der Geruch der Erinnerung ein lesenswertes Erinnerungsbuch vor. Sinnlich und voller Poesie erzählt sie von dem Tag, an dem sie ihren Geruchssinn verlor. Von dem Tag, der ihren Traum zerstören und ihr Leben für immer verändern sollte.

Molly Birnbaum

Ich lernte viel über Essen und das, was es bedeutet. Für mich bedeutete es Familie und Wärme, Nahrung und Hoffnung, meine Vergangenheit und meine Zukunft. Für mich bedeutete es alles.

Molly Birnbaum hatte einen Lebenstraum: sie wollte Köchin werden. Als junge Studentin las sie mit großer Begeisterung Kochbücher, Kochzeitschriften und die Biografien berühmter Sterneköche. Eigentlich studierte sie damals Kunstgeschichte, doch sie wusste, dass sie nur eines werden wollte: Köchin. Ein Stipedium für das Culinary Institute of America war ihr bereits sicher – für die Aufnahme am Institut fehlte ihr einzig und allein noch ein Praktikum. Das Praktikum machte sie im Craigie Street Bistrot und war während sie putzt, wäscht und Gemüse schneidet zum allerersten Mal in ihrem Leben wirklich glücklich und erfüllt.

Ich hatte eine Welt betreten, die mich herausforderte, mich frustrierte und entzückte, eine Welt, in der ich wachsen konnte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, meine Zukunft sehen zu können, sie zu kennen.

Doch dieser Traum wird ganz plötzlich zerstört – von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr so wie zuvor. Bei einem schweren Verkehrsunfall verliert sie ihren Geruchssinn. Sie hatte damals Glück, noch am Leben zu sein. Sie hatte Glück, nur ihren Geruchssinn verloren zu haben und darüber hinaus keine weiteren körperlichen Schäden zurückzubehalten. Doch je mehr Zeit nach dem Unfall vergeht, desto deutlicher wird, wie viel mehr Molly Birnbaum verloren hat.

Die Funktionsweise der Nase ist überaus komplex, eine Kette von Verbindungen und einander überlagernden Signalen, die auf molekularer Ebene zustande kommen. Seit Jahrhunderten mühen sich Wissenschaftler, den Prozess des Riechens zu ergründen. Dennoch wird es, wie schon von dem griechischen Philosophen Aristoteles, der es von allen Sinnen den Unnützesten fand, oft vergessen oder zugunsten von Sehen, Hören und Fühlen beiseitegeschoben.

Es vergehen Wochen nach ihrem Unfall, bis sie wieder mit ihrer Familie am Esstisch sitzt und feststellen muss, dass der geliebte Apfelkuchen nicht mehr so schmeckt, wie vorher. Er schmeckt nach gar nichts mehr, denn Molly Birnbaum kann die Zutaten weder riechen noch schmecken. Von ihren Ärzten erhält sie die niederschmetternde Diagnose: sie hat ihre olfaktorische Wahrnehmung verloren und es gibt kaum Chancen, diese wieder zurückzugewinnen.

Für Molly Birnbaum ist diese Diagnose besonders niederschmetternd, denn welche Köchin kann ohne ihren Geruchs- und Geschmackssinn noch arbeiten? Wie soll man Gerichte erfinden, wenn man die einzelnen Zutaten nicht mehr schmecken kann? Was fehlt im Leben, wenn man frische Kräuter plötzlich nicht mehr riechen kann? Was fehlt, wenn das Gericht im Backofen plötzlich geruchlos ist und der Apfelkuchen nach nichts mehr schmeckt? Beim Lesen von Der Geruch der Erinnerung wird schnell deutlich, dass ganz viel im Leben fehlt, wenn der Geruchssinn verschwindet. Menschen, denen der Geruchssinn abhanden kommt, werden nicht nur all die wunderbaren Gerüche genommen: Molly Birnbaum kann auch nicht mehr riechen, ob die Milch verdorben ist, ob in ihrem Haus Gas austritt oder ob es möglicherweise brennt. Den Müll in den Straßen kann sie nicht mehr riechen und die Fahrt in der U-Bahn ist völlig geruchsneutral. Alle Tätigkeiten, alle Orte und auch alle Menschen verlieren plötzlich ihren einzigartigen Geruch, ihre einzigartige Note.

Ich hatte nicht gewusst, welche Rolle das Geruchsempfinden beim Essen spielt, ehe es verschwunden war. Das volle Ausmaß meines Verlustes erkannte ich erst, als ich ihn bei jedem Bissen, jedem Schluck spürte.

Ich muss gestehen, dass es mir als Leserin ganz ähnlich erging. Ich habe selbstverständlich schon mal darüber nachgedacht, wie ich damit umgehen würde, wenn ich einen meiner Sinne verliere – wenn ich nicht mehr hören oder sehen könnte. Doch was für weitreichende und tragische Konsequenzen der Verlust des Geruchssinn haben kann, hätte ich mir vor der Lektüre dieses beeindruckenden Buches nie ausmalen können. Wenn man das Augenlicht verliert, erblindet man. Wenn man die Hörfähigkeit verliert, dann wird man taub. Doch wer nicht mehr riechen kann, leidet unter Anosmie. Ein Begriff unter dem man sich kaum etwas vorstellen kann – schon gar nicht dieses Ausmaß. Molly Birnbaum gelingt es auf einzigartige Art und Weise, den Leser an ihrem Schicksal teilhaben zu lassen.

Das Besondere dieses Schicksals ist sicherlich, dass sie dieses nicht einfach klaglos akzeptiert und ihren zerplatzten Träumen hinterher trauert. Ganz im Gegenteil: sie gibt sich mit den Antworten der klassischen Schulmedizin nie zufrieden und lässt nichts unversucht, ihren Geruchssinn zurückzuerhalten. Unterstützt wird sie dabei unter anderem von Oliver Sacks, dem bekannten britischen Neurologen. Sie trifft auch auf Ben Cohen, dem Gründer der Eismarke Ben & Jerry’s – auch er ist Anosmiker. Und ohne zu viel zu verraten, kann ich doch sagen, dass sich all die Mühe von Molly Birnbaum irgendwann auszahlt …

Ich hatte begonnen, Bücher übers Riechen zu lesen – historische, psychologische, medizinische. Jeden Tag staunte ich mehr über seine Geheimnisse und seine Großartigkeit und die Komplexität dessen, was wir darüber wissen und was nicht. Auf der Suche nach der Individualität des Geruchssinns war mir schnell klar geworden, dass für ihn so etwas wie Normalität nicht gilt. Auch als Gesunder hatte sich mir meine Nase die Umwelt anders erschlossen als anderen.

Molly Birnbaum legt mit Der Geruch der Erinnerung ein höchst lesenswertes Erinnerungsbuch vor, das gleichzeitig auch eine ungewöhnliche medizinische Fallgeschichte erzählt. Der Autorin gelingt es dabei, Wissenschaft und persönliches Schicksal elegant miteinander zu verweben. Sie erforscht den Geruchssinn aus historischer, medizinischer und literarischer Perspektive und lädt den Leser dazu ein, an ihrem Schicksal teilzunehmen. Darüber hinaus ist Der Geruch der Erinnerung auch ein Buch, das Mut machen kann. Es klingt zwar wie ein Klischee, aber selbst wenn große Träume zerplatzen, tun sich dahinter vielleicht andere Wege und Möglichkeiten auf.

Molly Birnbaum: Der Geruch der Erinnerung. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Almuth Carstens. Roman. btb Verlag, München 2013. 350 Seiten, €9,99. Molly Birnbaum betreibt eine eigene Homepage und einen Blog.

Altes Land – Dörte Hansen

Dörte Hansen legt mit Altes Land einen eindrucksvollen und warmherzigen Debütroman vor. Nüchtern, und doch mit ganz viel Humor, erzählt sie von Heimat und Heimatlosigkeit, von Flucht und dem Wunsch danach, ein Zuhause zu finden. Schon jetzt kann ich sagen, dass Altes Land mein Buch des Frühjahrs ist.

Altes Land

In manchen Nächten, wenn der Sturm von Westen kam, stöhnte das Haus wie ein Schiff, das in schwerer See hin- und hergeworfen wurde. Kreischend verbissen sich die Böen in den alten Mauern.

Das Alte Land ist ein Teil der Elbmarsch südlich der Elbe, der vor allen Dingen bekannt für einen ertragreichen Obstbau ist: hier findet man Apfelbäume, Birnbäume und Kirschbäume. Die Kirschbäume sind bei räuberischen Vögeln beliebt, besonders bei den Staren, die mit lauten Rufen und Trommeln verscheucht werden. Doch so leicht wie sich die Vögel verscheuchen lassen, lassen sich Menschen nicht wegschicken. Auf dem Hof von Ida Eckhoff, Bäuerin im Alten Land, stehen im Frühjahr 1945 plötzlich Flüchtlinge aus Ostpreußen und bitten um Einlass. Ida Eckhoff schimpft die Flüchtlinge Polacken und lässt Hildegard von Kamcke und ihre Tochter Vera in der Knechtekammer schlafen.

Vera hatte immer gefroren in diesem Haus, nicht nur am Anfang, als sie mit ihrer Mutter in der Gesindekammer an der großen Dielentür wohnte, die von allen kalten Räumen im Haus der kälteste war, am weitesten weg von Ida Eckhoffs warmem Herd.

Doch Hildegard von Kamcke lässt sich nicht unterkriegen, sie möchte nicht allzu lange Flüchtling sein. Sie schnappt sich bald darauf einen gut verdienenden Mann und zieht mit diesem weiter nach Hamburg, um eine neue Familie zu gründen. Vera bleibt auf dem Hof zurück und lebt von nun an bei Karl, Idas einzigem Sohn. Karl ist körperlich beinahe unversehrt aus dem Krieg heimgekehrt, doch er wird sich von seinen Erlebnissen nie erholen. Auch als sie endlich erwachsen ist und als Zahnärztin arbeitet, zieht Vera nicht aus und bleibt alleine zurück in diesem großen, kalten Haus, in dem sie lebt, doch trotzdem nie so richtig heimisch ist.

Sechzig Jahre später stehen plötzlich erneut zwei Flüchtlinge vor der Tür: Veras Nichte Anne und ihr kleiner Sohn. Ihr Mann hat sich in eine Andere verliebt und ihre Arbeit als Flötenlehrerin füllt sie schon lange nicht mehr aus – überhaupt empfindet sie ihr Leben in Hamburg-Ottensen zunehmend als erdrückend.

Manchmal, wenn sie mit fremden Frauen auf dem Spielplatz saß, sah sie die dunklen Augenringe und fragte sich, ob es noch andere gab wie sie, Nachtmütter, die sich am Tag ein anderes Leben wünschten. Falls ja – sie würden es auch unter Folter nicht gestehen. Man durfte erschöpft sein auf den Bänken in Ottensen, gestresst und ungekämmt, auch ungeschminkt, das alles ging, nur mutterglücklos, das ging nicht. 

Gemeinsam mit ihrem Sohn und Willy, dem Kaninchen, zieht Anne zu Vera in das große, kalte Haus. Anne, die eine Ausbildung als Tischlerin gemacht hat, nimmt sich dem Haus an, das Vera ein Leben lang vernachlässigt und nie gepflegt hat: die morschen Fenster werden erneuert, auch ein Gerüst wird aufgebaut. Dabei wird deutlich, dass das Haus voller Geheimnisse ist, voller Erlebnisse, über die nie gesprochen wurde, voller drückendem Schweigen. Doch diese bedrückende Vergangenheit sitzt nicht nur im Haus, sondern auch in Vera selbst – durch die zwei Flüchtlinge, die ihr Leben spontan ergänzt haben, beginnt sie sich ganz langsam aus einer jahrelangen Erstarrung zu lösen.

Flüchtlinge suchte man nicht aus, man lud sie auch nicht ein, sie kamen einfach angeschneit mit leeren Händen und wirren Plänen, sie brachten alles durcheinander.

Dörte Hansen erweist sich in ihrem Roman Altes Land als wunderbar genaue Beobachterin. Dabei gelingen ihr sehr intensive Einblicke in die Gefühle und Empfindungen ihrer Figuren, die alle irgendwie Flüchtlinge sind. Vera kommt als ungewolltes Flüchtlingskind in der Elbmarsch an und wird dort auch noch von ihrer eigenen Mutter zurückgelassen, die sich im viel schickeren Hamburg ein eigenes Leben aufbaut. Doch auch Anne ist ein Flüchtling, denn sie erstickt so langsam an ihrem schicken Leben in Hamburg. Die Beobachtungen des szenigen Großstadtlebens lesen sich herrlich amüsant: eingekauft wird natürlich im Bio-Supermarkt, die Kinder werden zu autonomen Entscheidungsträgern herangezogen, müssen die eine oder andere Frühförderung über sich ergehen lassen und wenn eine Beziehung doch mal scheitert, dann trennt man sich gesittet und eben wie zwei Erwachsene. Ebenso amüsant und mit humorvollem Augenzwinkern liest sich die Beschreibung der Menschen, die von der Stadt auf das Land gezogen sind, weil es dort doch ach so romantisch ist und dort nun Hoftür an Hoftür mit Vera und den anderen Alteingesessenen leben. Sie planen Bücher und Zeitschriften über die Landromantik, doch dabei übersehen sie, dass das Leben auf dem Land auch seine Schattenseiten haben kann. Der eine kann von seinen Verkäufen kaum überleben, der andere arbeitet noch im hohen Alter, da er keinen Nachfolger für den Hof findet – obwohl er drei Söhne hat.

Altes Land ist ein lesenswerter Roman, der von einem wunderbaren Humor getragen wird. Die Sprache ist nüchtern – knapp und verdichtet. An keiner Stelle ist ein Wort zu viel. Doch der Humor und die ironischen Beschreibungen sind nicht alles, denn unter der dicken Schicht Humor gibt es auch ganz viel Traurigkeit und eine bedrückende Schwere. Es geht um Heimat und Heimatlosigkeit. Es geht um den Wunsch anzukommen und das Gefühl, sich fremd zu fühlen – manchmal sogar im eigenen Haus. Altes Land ist wunderbar leicht und unterhaltsam und doch gleichzeitig so tiefgehend und berührend. Ein leichtes Buch, das doch ein kleines Wunder ist. Erwähnte ich schon, dass das Buch für mich das Buch des Frühjahrs ist? Eine unbedingte Leseempfehlung!

Dörten Hansen: Altes Land. Roman. Knaus Verlag, München 2015. 286 Seiten, €19,99. Weitere Besprechungen gibt es im Bücherwurmloch und bei Papiergeflüster.

Mein weißer Frieden – Marica Bodrožić

Mit Mein weißer Frieden legt Marica Bodrožić einen autobiographischen Reisebericht vor. Es ist ein Reisebericht, der einer Spurensuche gleicht, bei der es um die ganz großen Fragen des Lebens geht: nicht nur um Krieg und Frieden, sondern auch um die Frage, wie wir unser eigenes Leben eigentlich gestalten wollen.

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Das Leben ist eine Reise, die sich selbst überschreibt, jeder Gedanke, jede Empfindung ist ein neuer Weg, der den eigenen Kern freilegt und die Sinne verfeinert.

In all ihren vorangegangenen Romanen hat sich Marica Bodrožić immer wieder und auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit ihrer Herkunft auseinandergesetzt, mit dem Gefühl von Heimat, mit der Aneignung einer neuen Sprache. Es gibt einen Bruch in ihrem Leben, um den bisher alle ihre Texte kreisten: 1973 wurde die Autorin in Dalmatien geboren, 1983 zog es sie und ihre Familie nach Deutschland. Den Krieg, der in den neunziger Jahren in ihrer alten Heimat ausbrach, erlebte sie nur aus der Ferne mit – in der neuen Heimat lebend, in einer neuen Sprache beheimatet. Mein weißer Frieden ist die autobiographische Annäherung an diesen Krieg, aber auch an die Frage, wie man ihn damals hätte verhindern können und wie man Kriege in Zukunft verhindern kann.

Jedes Mal, wenn ich einen Koffer packe, spricht aber auch die Erinnerung mit, sie weiß um Krieg und Frieden, um Glück und Unglück, ist immer die stille Mitschreiberin.

Den Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat Marica Bodrožić aus der Ferne miterleben müssen, doch sie ist anschließend immer wieder dorthin zurückgereist, wo sie aufgewachsen ist. In den europäischen Süden, dort wo man freien Blick auf all die glücksbringenden Sterne am Himmel hat. Sie reist zurück zu den Verwandten, die dort geblieben sind. In dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, gibt es kaum eine Familie, die nicht in irgendeiner Form vom Krieg betroffen ist. Es gibt kaum Eltern, die ihr Kind nicht in den Krieg schicken mussten, es gibt kaum Eltern, die ein unversehrtes Kind zurückerhalten haben. Der Krieg hat nicht nur die Dörfer und Städte zerstört, sondern auch Krater in die Familien gerissen.

Wie viele Stunden, Tage, Wochen, Monate unserer wertvollen Lebenszeit verschwenden wir darauf, Krieg zu führen? Krieg in Gedanken. Krieg in Sätzen. Krieg in Worten. Alle Kriege beginnen in Gedanken und münden in der Syntac, im reflexartigen Kampf und Zurückschlagen ohne Punkt und Komma.

Marica Bodrožić reist auch zu ihrer Tante Anastazija, deren Sohn sich nach dem Krieg im Wald erhängt hat. Die zehn anderen Cousins haben den Krieg überlebt, sind scheinbar gesund daraus hervorgegangen. Doch wird man das, was man während eines Krieges erlebt, überhaupt jemals wieder los? Wer kann einen darauf vorbereiten, töten zu müssen, um nicht selbst getötet zu werden? Kann man auf so etwas überhaupt vorbereitet werden und kann man solche Erlebnisse unbeschadet überstehen? Es gibt kaum psychologische Unterstützung für die Kriegsheimkehrer. Über den Selbstmord von Filip wird ein Mantel des Schweigens gebreitet. Wenn man den Onkel fragt, sagt der, dass Filip mit seiner Tat Schande gebracht hat über die, die er zurückgelassen hat. 

Mir wird auf meinen Wanderungen durch das dalmatische Hinterland klar, dass ich seit Anfang der neunziger Jahre immerzu von Schicksalen und Literaturen jener Menschen umgeben bin, die alles verloren haben, die fortgehen mussten oder vertrieben wurden, im Krieg waren, später auf der Flucht, am Körper versehrt und im Geist unversehrt oder umgekehrt (und oft beides zusammen), sie lernten andere Sprachen, tauchten unter, blieben für immer Namenlose im Anderswo.

Mein weißer Frieden setzt sich zusammen aus Impressionen dieser zahlreichen Reisen, aus Eindrücken, Gesprächen, Begegnungen und Gedanken. Marica Bodrožić legt kein politisches Sachbuch vor, sondern einen autobiographischen Reisebericht, der gespeist ist aus einem ganz und gar persönlichen Zugang. Sie reist nach Split, nach Sarajewo, nach Mostar und auf die kroatischen Inseln. Dabei erzählt die Autorin nicht nur in ihrer ihr eigenen Poetik von einer Reise in ein Land, das vom Krieg zerstört wurde, sondern auch von einer Reise zu sich selbst. In Mein weißer Frieden geht es vordergründig nicht unbedingt um Daten und harte politische Fakten, sondern um einen persönlichen Blick auf die kaum zu begreifenden Folgen eines jahrelangen Krieges. Es ist nicht nur ein persönlicher Blick, sondern auch ein offener, ein unverstellter. Es ist ein fragender Blick: wie können scheinbar normale Menschen plötzlich in einen Krieg ziehen? Wie kann ein zivilisiertes Land in Barbarei versinken? Wie ist ein solcher Krieg zu begreifen? Wie ist so viel Grausamkeit überhaupt zu verstehen? Und wie kann ein solcher Krieg verhindert werden? Auf der Suche nach Antworten greift Marica Bodrožić immer wieder auf die Literatur zurück und zitiert Martin Buber, Erich Fromm, Imre Kertész, Ruth Klüger, Hans Keilson oder auch Stefan Zweig.

Auf meiner Reise durch Bosnien und Dalmatien sind mir unzählige Menschen begegnet. Einbeinige unter mediterranen grünen Palmen, Kriegsversehrte, denen man ein verrutschtes Gehirn nachsagte, Erinnerungstöter, die alles in sich auslöschen mussten, damit sie in den Krieg ziehen konnten. Die unterschiedlichsten Tonarten des Tötens klingen in meiner Reiseluft nach. Ich habe gelernt, dass man Gedächtnisse und Menschen gleichermaßen töten kann. Was ist die Aufgabe der Erinnerung hier? Sie ist das Gespräch mit meinem inneren Selbst. In seinem Kern lebt mein weißer Frieden, den es ohne Bewusstsein nicht geben kann. Denn kein Krieg hört auf, nur weil die Waffen schweigen. Er hinterlässt ein Erbe, dunkle Gaben, die wie eine lauernde Krankheit in den Geschichtern, Geschichten, Körpern, Sätzen und der Vorstellungskraft der Menschen weiterleben.

Angesichts der momentanen Weltlage, die durch Kriege an ganz unterschiedlichen Orten geprägt ist, ist dieses Buch von Marica Bodrožić aktueller und wichtiger denn je. Eine politische Lösung für Kriege und Konflikte findet sich auch in Mein weißer Frieden nicht, es ist wohl auch kaum möglich, ein Rezept dagegen zu finden. Dafür legt Marica Bodrožić eine poetische und lesenswerte Auseinandersetzung mit der Frage vor, wie wir als Einzelner und als Gesellschaft friedlich miteinander leben können und zeigt auf, dass man sich auf der Suche nach Antworten auch immer wieder der Literatur zuwenden kann.

Marica Bodrožić: Mein weißer Frieden. Roman. Luchterhand Verlag, München 2014. 336 Seiten. €19,99. Auf diesem Blog gab es bereits ein Interview mit der Autorin und eine Besprechung ihres Romans kirschholz und alte gefühle.

Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen

Es gibt sechsunddreißigtausend Gründe, einen Roman vor dem Ende wegzulegen: das Gefühl von “Deja-lu”, eine Geschichte, die uns nicht fesselt, unsere totale Ablehnung der Thesen des Autors, ein Stil, von dem wir eine Gänsehaut bekommen, oder, im Gegenteil eine Art zu schreiben, bei der es keinen Grund weiterzulesen gibt. Es ist unnötig, die anderen 35 995 anderen Gründe aufzuzählen, zu denen auch Zahnschmerzen und die Schikanen unseres Chefs gehören oder ein Herzbeben, das unseren Kopf versteinert.

Laut dem Autor Daniel Pennac hat jeder Leser (und höchstwahrscheinlich auch jede Leserin) zehn Rechte, die unantastbar sind. Mit den oben zitierten Worten begründet er das dritte Recht – es handelt sich um das Recht darauf, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. Das klingt erst einmal gut und sinnvoll, warum sollte ich etwas zu Ende lesen, das mir nicht gefällt? Doch ich muss gestehen, dass es mir in meinem bisherigen Leseleben nicht leicht gefallen ist, dieses Recht für mich in Anspruch zu nehmen. Um ehrlich zu sein, ist es mir sogar sehr schwer gefallen: ich kann mich nicht daran erinnern, jemals ein Buch abgebrochen zu haben. Natürlich gibt es immer mal wieder Bücher, die mich nicht sofort packen können – die lege ich dann ab und an zur Seite, um sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder in die Hand zu nehmen. Aber ein Buch nicht zu Ende zu lesen? Das habe ich bisher noch nie über’s Herz gebracht.

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Bisher – bis ich vor etwas mehr als einem Monat mit der Lektüre von Zeiden, im Januar begann. Ich muss gestehen, dass ich große Erwartungen hatte. Ursula Ackrill stand mit diesem Roman auf der Liste der Nominierten für den Leipziger Buchpreis. Eine solche Auszeichnung kann natürlich nichts über die Qualität eines Textes aussagen, doch auch thematisch hat mich der Roman außerordentlich gereizt. Siebenbürgen zur Zeit des Nationalsozialismus ist ein Thema, das bisher literarisch noch kaum bearbeitet worden ist.

Doch dann haben mich bereits die ersten Seiten ernüchtert: ich habe einen sprachlich so verschachtelten Roman gelesen, dass ich selbst nach zwanzig Seiten noch nicht ganz sicher war, worum es eigentlich geht. Mein Lesezeichen steckt mittlerweile auf Seite neunzig und ich bin kein bisschen klüger, ganz im Gegenteil: die Verwirrung ist groß. Es gibt viel zu viele Sprünge in Zeit und Handlung, die es beinahe unmöglich machen, sich in diesem Text zurecht zu finden. Ursula Ackrill, die als Bibliothekarin in Nottingham arbeitet, hat scheinbar viel recherchiert für diesen Text, doch hat sie ihn mit all diesem Recherchematerial so schwer gemacht, dass er für mich kaum noch zu lesen oder zu verstehen gewesen ist. Die Personen bleiben mir fremd, die Handlung bleibt mir unklar, die Sätze klingen immer wieder schief – oder ich verstehe sie einfach nicht.

Die Ungarn wollen Siebenbürgen zurück, die Sachsen wollen nie wieder zum Freiwild erklärt werden, ihre Rechte auf alles, was sie aufgebaut haben, hinterfragt und bezweifelt.

Bis Seite neunzig habe ich mich gequält, bevor ich beschlossen habe, dieses Buch nicht zu Ende zu lesen. Das Gefühl, das ich hatte, als ich Zeiden, im Januar zur Seite legte, ist schwer zu beschreiben: es war ein Gefühl des Scheiterns (ich habe an dem Text versagt), aber gleichzeitig gab es auch ein Gefühl des Ärgers und der Wut: wie können Bücher wie dieses erscheinen? Oder habe ich es schlichtweg nicht verstanden? Wiedergefunden habe ich mich erneut in den Worten von Daniel Pennac, der schreibt:

Ich habe mit dem Text gekämpft, nichts zu machen, auch wenn ich das Gefühl habe, daß das Geschriebene es verdient, gelesen zu werden, ich kapiere nichts oder soviel wie nichts, ich spüre eine “Fremdheit”, die mir keinen Zugang bietet. Ich lasse das Buch fallen. Oder vielmehr, ich lasse es liegen. Ich stelle es mit dem vagen Vorhaben, eines Tages darauf zurückzukommen, in meinen Bücherschrank.

Genau dort, in meinem Bücherschrank, steht nun auch Zeiden, im Januar. Ich empfehle mit großer Begeisterung Bücher und die größte Freude ist es für mich, andere mit meiner Begeisterung anzustecken. Es gibt Bücher, die ich zwar lese, über die ich aber nicht schreibe. Warum sollte ich meine Zeit damit verbringen, über Bücher zu schreiben, die mir nicht gefallen haben? Heute erzähle ich euch trotzdem von diesem Leseerlebnis, weil ich glaube,  dass es auch wichtig ist, darüber zu sprechen, dass es Texte gibt, an denen man scheitert – aus den unterschiedlichsten Gründen. Dass es Bücher gibt, die man zur Seite legt, weil man sie einfach nicht zu Ende lesen kann und möchte. Dass es Bücher gibt, die einem manchmal einfach nicht gefallen. So erging es mir zuletzt mit Zeiden, im Januar.

Was macht ihr eigentlich mit Büchern, die euch nicht gefallen? Nehmt ihr ab und an für euch das dritte Recht in Anspruch? Und wie ergeht es euch damit, Bücher abzubrechen? Fühlt ihr euch dabei ähnlich schlecht, wie ich mich fühle oder kann man das lernen, das Bücherabbrechen?

Ursula Ackrill: Zeiden, im Januar. Roman. Wagenbach, Berlin 2015. 253 Seiten, €19,90. Eine weitere Rezension findet sich auf dem Blog buecherrezension.com.

Daniel Pennac: Wie ein Roman. Roman. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2004. 208 Seiten, €7,99. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Eine Rezension dazu findet sich auf dem Blog Phileablog.