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    Writers & Lovers – Lily King

    Ach, was ist das für ein schönes und großartig erzähltes Buch – Lily Kings neuesten Roman Writers & Lovers habe ich in kürzester Zeit förmlich verschlungen und auch wenn wir mittlerweile schon September haben, möchte ich euch diese Geschichte dennoch unbedingt als Sommerlektüre ans Herz legen!

    Ich verbiete mir strikt, schon am Morgen an Geld zu denken. Wie ein Teenager, der sich den Gedanken an Sex zu verbieten versucht. Wobei ich an Sex auch nicht denken darf. Oder an Luke. Oder an den Tod. Das heißt, keine Gedanken an meine Mutter, die in ihrem Urlaub letzten Winter gestorben ist. Ich darf an sehr vieles nicht denken, wenn ich morgens schreiben will.

    Writers & Lovers wird aus der Perspektive von Casey Peabody erzählt: wir befinden uns in Cambridge, im Jahr 1997. Das Leben von Casey ist – und das lässt sich auch kaum beschönigen – eine riesige Katastrophe. Sie betrauert den Verlust ihrer Mutter und die Trennung von ihrem Freund und hat in den vergangenen Jahren fast 70.000 Dollar Schulden angesammelt. Sie wohnt in einer schäbigen Wohnung über einer Garage und arbeitet als Bedienung in einem Restaurant, in dem sie wahlweise rum geschubst oder angemeckert wird. Auch gesundheitlich läuft es nicht gut, aber Casey hat keine Ahnung, wie sie die medizinischen Untersuchungen bezahlen soll.

    Seit mehr als sechs Jahren versucht sie einen Roman zu schreiben, verbunden mit der Hoffnung, dass dieses Buch ihrem Leben endlich die richtige Wendung geben wird. Aber es klappt einfach nicht. Nichts klappt so richtig – und dennoch gibt Casey nicht auf und verfolgt ihren Traum als Schriftstellerin zu leben und zu arbeiten.

    “Ich sage diesen Schülern die Wahrheit. Ich sage ihnen, dass ich einunddreißig bin und dreiundsiebzigtausend Dollar Schulden habe. Ich sage ihnen, dass ich seit dem Studium elf Mal umgezogen bin, dass ich siebzehn verschiedene Jobs hatte und mehrere Beziehungen, die alle gescheitert sind. Ich habe seit der zwölften Klasse keinen Kontakt mehr zu meinem Vater, sage ich, und Anfang dieses Jahres ist meine Mutter gestorben. Mein einziger Bruder lebt dreitausend Meilen von mir entfernt. Das Einzige, was mir in den letzten sechs Jahren Halt gegeben hat, das Einzige, was in meinem Leben konstant war, ist der Roman, an dem ich geschrieben habe.”

    Lily King hat ein Buch über Entschlossenheit und Durchhaltewillen geschrieben, sie erzählt eine Geschichte vom Niemals-Aufgeben – auch wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst. Casey kämpft um ihr Buch, ihre Geschichte, ihre Stimme und sie kämpft darum, gehört zu werden. Lily King hat auch ein stellenweise sehr feministisches Buch geschrieben: an vielen Punkten des Buches wird deutlich, wie schwer es vor allem für Frauen ist, gegen Zweifel am eigenen Können anzukämpfen. Casey wird immer wieder belächelt, und ihr Wunsch zu schreiben wird abgetan.

    Besonders deutlich wird das in einer Szene gleich zu Beginn des Buches, als sie auf ihren Nachbarn Adam trifft, der folgenden Satz zu ihr sagt: “Weißt du, ich staune nur immer wieder, dass du glaubst, du hättest etwas zu sagen.” Ist das nicht eine ungeheuerliche Frechheit? Casey antwortet Adam nicht, aber stellt später fest: “Ich schreibe nicht, weil ich glaube, ich hätte etwas zu sagen. Ich schreibe, weil sich ohne das Schreiben alles noch trostloser anfühlt.” In anderen Szenen bleibt Casey nicht stumm, sondern reagiert schlagfertig: “Ich kann mich nicht mit einem Mann treffen, der in drei Jahren nur elfeinhalb Seiten geschrieben hat. So etwas überträgt sich” hält sie an einer Stelle fest. An einer anderen Stelle reagiert sie so:

    “Der Gynäkologe zieht das Wattestäbchen wieder heraus und verwahrt es in einem Plastikröhrchen. ‘Und, schreiben Sie an dem Großen Amerikanischen Roman?’ Die Frage habe ich ein paarmal zu oft gehört. ‘Und Sie, finden Sie ein Mittel gegen Eierstockkrebs?'”

    Beim Lesen habe ich mich oft gefragt, wie viel Autobiographisches in diesem Buch steckt: wie oft Lily King wohl selbst auf Zweifel, Unverständnis oder Abwertung gestoßen ist, bevor sie ihr erstes Buch veröffentlicht hat? Ich habe beim Lesen mitgefühlt und mitgelitten: Caseys Wunsch dieses verdammte Buch endlich fertigstellen zu können, ist greif- und nachvollziehbar. Sie gibt nie auf, aber sie hat auch kaum Alternativen: was soll sie mit diesem riesigen Berg an Schulden machen? Trotzdem schreibt sie immer weiter, sie lebt und brennt für den Traum, Schriftstellerin sein zu dürfen.

    Writers & Lovers ist ein schönes, ein mitreißendes und ein toll erzähltes Buch, das ich in kürzester Zeit sehr gerne gelesen habe! Für mich ist es die perfekte Sommerlektüre, was vielleicht auch ein kleines bisschen an dem recht amerikanischen Ende liegt – es ist alles in allem sicherlich kein Wohlfühlbuch, denn es werden auch viele schwere Themen angesprochen, aber der Fokus liegt darauf, den Kopf nicht in den Sand zu stecken und immer irgendwie weiterzumachen. Das ist schön, das ist warm, das lässt sich wirklich gut lesen!

    Lily King: Writers & Lovers. Aus dem Englischen von Sabine Roth. C.H.Beck, München 2020. 317 Seiten, 24€.    

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