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    Laufen – Isabel Bogdan

    Isabel Bogdan hat mich mit ihrem neuen Roman überrascht, begeistert und sehr berührt. Sie erzählt vom Laufen und davon, wie es ist, nach einem schweren Schicksalsschlag alleine weiterleben zu müssen – Laufen ist ein kluges, mitfühlendes und nie kitschiges Buch.

    “Ich kann nicht mehr. Das ist natürlich Quatsch, ich bin gerade erst losgelaufen, aber schon an der Ampel glaube ich, ich kann nicht mehr, nach nicht mal hundert Metern.”

    Im Mittelpunkt des neuen Romans von Isabel Bogdan steht eine namenlose Erzählerin die läuft. Ihren Namen erfahren wir nicht, aber wir erfahren, dass sie in Hamburg läuft – einmal durch den Hammer Park und auch an der Alster entlang. Wir erfahren auch, dass es ihr schwer fällt, sich für das Laufen zu motivieren. Schon bevor sie anfängt zu laufen, glaubt sie, keine Kraft mehr zu haben. Wir erfahren, dass ihr Lebensgefährte verstorben ist. Es war ein Suizid, sie ist alleine zurück geblieben. Alleine, in der gemeinsamen Wohnung. Alleine, mit ganz vielen Fragen.

    Laufen ist ein schmales Buch, es hat kaum 200 Seiten. Es ist der lange Monolog dieser Frau, die wir dabei begleiten dürfen, wie sie sich ins Leben zurückkämpft. Es ist kein einfacher Kampf. Häufig beginnen Menschen damit zu laufen, um fit zu werden oder um abzunehmen. Die Erzählerin hat andere Motive: sie läuft, um nicht mehr zu grübeln. Sie läuft, um sich aus dieser Gedankenspirale zu befreien.

    “Ich nehme ja gern alles, was gegen Einsamkeit hilft, aber doch keine beschissenen Bachblüten, was für eine Unverschämtheit, das schreiben die im Ernst in ein Apothekenschaufenster, ich möchte in einer Apotheke Medikamente bekommen, keinen esoterischen Unfug, wer esoterischen Unfug möchte, soll auf die Lebensfreudemesse gehen oder wie das heißt, aber gegen Einsamkeit helfen keine Bachblüten, ich fasse es nicht, ein Apotheker hat doch studiert, der sollte etwas von Chemie und Biochemie verstehen, da kann er doch nicht im Ernst Bachblüten gegen Einsamkeit verkaufen und schon gar nicht in sein Fenster stellen. Wer dieses Plakat entworfen hat, hat keine Ahnung von Einsamkeit und wie es sich anfühlt, wenn einer immerzu nicht da ist und immerzu diese Lücke um einen herum ist, dieses Nichts, wo etwas sein sollte, wo etwas hingehört, diese entsetzliche Lücke.”

    Was wissen wir noch über die Erzählerin? Sie spielt Bratsche in einem Hamburger Orchester. Sie hat gute Freund*innen, die sich um sie kümmern, sie unterstützen, ihr auf dem Weg zurück ins Leben helfen. Mit ihrem Lebensgefährten war sie nicht verheiratet, sie hatten keine Kinder. Nach seinem Tod möchten seine Eltern entscheiden, was mit seinen Sachen passiert, wo er beerdigt wird und welches Lied dabei gespielt wird. Alle Entscheidungsmöglichkeiten werden ihr plötzlich aus den Händen gerissen. Es geht aber auch, um die Frage, wie man alleine weiterleben kann – und ob in einem solchen Leben irgendwann wieder Platz für jemanden Neuen ist.

    Es geht um ganz banale Momente: an einer Stelle fragt sich die Erzählerin, ob sie die zweite Garnitur Bettwäsche beziehen soll, obwohl es niemanden mehr gibt, der darin schlafen kann. Oder ob es sich noch trauriger anfühlt, wenn sie nur eine Garnitur bezieht und die andere Betthälfte leer und verwaist bleibt.

    “Ich setze mich nicht auf eine Parkbank und saufe, ich arbeite, man muss arbeiten, und man braucht feste Abläufe, morgens aufstehen, Probe, zu Hause üben, abends Vorstellung, drei Mahlzeiten täglich, so banal ist das, und so schwer ist das, morgens aufstehen, warum denn, duschen, wozu denn, anziehen, was denn, mir egal, wie ich aussehe oder ob ich den ganzen Tag im Bett liege. Bratsche üben, wie denn, wie soll ich Musik machen, wenn die Welt still geworden ist, wie soll ich Musik machen, wenn du -“

    Mit ihrem letzten Roman Der Pfau feierte Isabel Bogdan große Erfolge – ich muss gestehen, dass ich es nicht las. Ich mag nichts lesen, das skurril und humorvoll ist. Laufen ist ganz anders – der Ton ist leicht und auch immer wieder humvorvoll, aber der Inhalt ist deutlich schwerer. So vieles konnte ich so gut nachempfinden: vor allem diese allumfassende Erschöpfung der Erzählerin und die Frage, wie es einem gelingen kann, trotzdem weiterzuleben.

    Laufen ist eine große Empfehlung – besonders auch für alle, die aus dem einen oder anderen Grund ebenfalls in ihrem Leben feststecken. Dieses Buch und diese Erzählerin geben den Mut und die Kraft wieder loszulaufen. Aber natürlich auch für alle, die einfach gerne ein kluges, berührendes und toll erzähltes Buch lesen wollen.

    Isabel Bogdan: Laufen. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2019. 199 Seiten, 20€

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