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    Kübra Gümüşay – Sprache und Sein

    Wenn man dieses Jahr ein Buch lesen sollte, dann ist es Sprache und Sein von Kübra Gümüşay.  Es geht darum, wie durch Sprache Minderheiten ausgeschlossen werden. Es geht darum, wie sich in den vergangenen Jahren der Diskurs zunehmend nach rechts verschob. Und es geht um Utopie: wie können wir sprechen, ohne andere Menschen zu verletzen? Wie können wir die Diskursverschiebung stoppen? Was können wir all dem Hass entgegen setzen?

    “Menschen so zu bezeichnen, wie sie bezeichnet werden wollen, ist keine Frage von Höflichkeit, auch kein Symbol politischer Korrektheit oder einer progressiven Haltung – es ist einfach eine Frage des menschlichen Anstands.”

    Aus zwei Gründen fällt es mir schwer, eine Rezension zu Sprache und Sein zu schreiben. 1.) Der Essay hat mich umgehauen, ich habe ihn in einem Rutsch gelesen und konnte auf fast jeder Seite mit dem Kopf nicken und einen Klebezettel hineinkleben. Es ist manchmal nicht einfach über etwas zu schreiben, was einen so sehr begeistert hat. 2.) Ich bin nicht objektiv – auch wenn Kübra Gümüşay überwiegend über Rassismus schreibt, konnte ich mich in so vielen Aussagen wiederfinden. Sprache und Sein ist auch ein Buch über mich und ich glaube, es ist nie einfach aus einer persönlichen Betroffenheit heraus zu urteilen.

    Der Essay besteht aus zehn Kapiteln: der Titel – Sprache und Sein – erweckt möglicherweise den Eindruck, es könnte sich um eine sprachwissenschaftliche Abhandlung handeln. Dem ist nicht wirklich so. Sprache steht im Zentrum des Textes, aber es geht weniger um eine sprachwissenschaftliche Analyse, als um eine politische und gesellschaftliche Bestandsaufnahme.

    Vielleicht kann sich ein Mensch, der noch nie gegen eine Mauer gelaufen, der noch nie hart auf den Boden der Machtlosigkeit, des Kontrollverlusts, der Demütigung, der Einsamkeit oder der Sprachlosigkeit geschlagen ist – vielleicht kann so ein Mensch sich die Mauern, die sich tatsächlich durch unsere Gesellschaft ziehen, gar nicht vorstellen. Vielleicht läuft dieser Mensch neben einer solchen Mauer entlang, ohne sie auch nur zu spüren.

    Kübra Gümüşay geht es um die Wechselbeziehung zwischen Sprache und politischer Unmenschlichkeit. Sprache ist eine Waffe – manchmal gar nicht aus Boshaftigkeit, sondern viel mehr aus Unwissenheit. Und dennoch hat Sprache die Macht zu verletzen, auszuschließen, abzuwerten. Kübra Gümüşay unterscheidet in ihrem Essay zwischen den Unbenannten und den Benannten: “Die Unbenannten wollen die Benannten verstehen – nicht als Einzelne, sondern im Kollektiv. Sie analysieren sie. Inspizieren sie. Kategorisieren sie. Katalogisieren sie.” Das führt beispielsweise dazu, dass Kübra Gümüşay kein Individuum mehr ist, sondern Muslimin oder Kopftuchträgerin. Die Benannten bekommen Labels aufgedrückt – sie müssen sich dazu erklären und rechtfertigen (“Woher kommen Sie wirklich?”).

    Individualität. Komplexität. Ambiguität. Makel. Fehler. Alle diese Dinge sind Privilegien. Weiße cis Menschen dürfen Fehler machen, ohne, dass diese Fehler auf ein ganzes Kollektiv übertragen werden. Wenn ich einen Fehler mache, bekomme ich oft zu hören: “Kein Wunder, dass trans Menschen diskriminiert werden, wenn du so unsympathisch bist.” Ich werde nicht als individueller Mensch – mit Talenten, Fehlern und Schwächen – gesehen, sondern als ein Vertreter einer kollektiven Gruppe. Das führt dazu, dass ich – wenn ich keine Lust habe schon wieder Fragen zu beantworten oder mich zum wiederholten Male zu erklären – oft zu hören kriege: “Wie willst du überhaupt akzeptiert werden, wenn du dich nicht erklärst?” Daran, wie oft sich cis Männer über die Bezeichnung alte weiße Männer ärgern, wird vielleicht deutlich, wie frustrierend es ist, in kollektive Schubladen gesteckt zu werden.

    Noch dazu geht es nicht um die Neugier einzelner Menschen, sondern um eine gesellschaftliche Erwartungshaltung. Unsere Antworten auf die Fragen zu unserer Religion müssen zufriedenstellend sein, damit unsere Rechte nicht beschnitten werden. Was macht es mit uns, wenn wir uns nackt machen müssen, damit andere uns verstehen? 

    Deutlich wird in dem Essay auch, was für einen schädlichen Einfluss die Medien haben, die oft rassistische Narrative übernehmen oder gar bedienen. Kübra Gümüşay erinnert beispielsweise an die Debatte um die Frage, ob man den deutschen Nationalspieler Jerome Boateng als Nachbarn haben möchte. Das ist eine Frage, die gar nicht erst zur öffentlichen Diskussion gestellt werden darf. Doch diese Debatten sind ein Sinnbild der zunehmenden Diskursverschiebung. Was vor Jahren noch als unsagbar galt, wird heutzutage leichtfertig geschrieben und ausgesprochen.

    Wofür ich Kübra Gümüşay bewundere, ist ihre oft nachsichtige Haltung: sie plädiert in ihrem Essay dafür, in einem gemeinsam Gespräch und anderen Menschen gegenüber wohlwollend und großzügig zu bleiben. Sie schreibt: “Wenn wir gemeinsames Denken ermöglichen möchten, so müssen wir lernen, einander Entwicklung zuzugestehen.” Das glaube ich auch, aber gerade in besonders hart geführten Debatten oder auch in Momenten der Verletzung, fällt es mir schwer, mir Nachsichtigkeit und Wohlwollen in Erinnerung zu rufen.

    Wir brauchen ein Bewusstsein für die eigene Fallibiltät. Und wir brauchen Orte, an denen wir die Zukunft ausprobieren, an denen wir ein neues Sprechen üben können: zweifelnd, nachdenklich, hinterfragend, mal laut, mal leise – und immer mit Wohlwollen.

    Was ich beim Lesen leider auch gemerkt habe: wie viel Wut, Enttäuschung und Verbitterung in mir ist. Marginalisierte Menschen werden in unserer Gesellschaft zunehmend an den Rand gedrängt, ausgegrenzt, sprachlich unsichtbar gemacht. Die marginalisierten Menschen, die sich noch trauen, sich öffentlich zu äußern, werden bedroht und eingeschüchtert – online und offline und zwar so lange, bis sie irgendwann aufgeben und verschwinden. Die Frage, die ich mir dabei zunehmend stelle: was ist eigentlich mit unserer Zivilgesellschaft? Wo ist die? Was tut sie? Wie schützt sie marginalisierte Menschen, die weiterhin am öffentlichen Leben teilnehmen wollen? Es reicht einfach schon lange nicht mehr Plakate in die Kamera zu halten, auf denen Wir sind mehr steht. Ich merke nichts davon, dass wir mehr sind.

    Ich fühle mich oft hilflos, ohnmächtig und alleine gelassen – in dem Buch von Kübra Gümüşay habe ich Trost und Hoffnung gefunden, weil ich mich wiedererkannt habe. Ich wünsche mir sehr, dass es von möglichst vielen Menschen nicht nur gelesen, sondern auch verstanden und beherzigt wird.

    Kübra Gümüşay: Sprache und Sein. Hanser Verlag, 2020. 208 Seiten, €18.

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