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    Am Ende sterben wir sowieso – Adam Silvera

    Gestern war eine Kundin im Buchladen, die neue Lektüre für ihre Nichte suchte – wir standen gemeinsam vor dem Jugendbuchregal und ich schwärmte von Büchern wie Nur drei Worte und vielleicht lieber morgen. Ich erwähnte, wie sehr es mich freut, dass wir mittlerweile nicht nur Bücher haben, die Geschichten von Jungen und Mädchen erzählen, sondern auch immer mehr Bücher, in denen homosexuelle Jugendliche vorkommen. Am Ende gab ich ihr Am Ende sterben wir sowieso von Adam Silvera mit und dachte danach, dass ich dieses Buch auch unbedingt hier noch einmal vorstellen muss.

    Ich hatte schon immer Angst vor dem Sterben. Ich weiß nicht, warum ich dachte, dass genau diese Angst mich auf magische Art und Weise davor bewahren würde. Natürlich nicht für immer, aber zumindest bis ich erwachsen sein würde.

    Am 5. September 2017 – um 00:22 Uhr – wird Mateo von der Todesbotin angerufen, die ihm mitteilt, dass er im Verlaufe des Tages sterben wird. Er weiß nicht, wann und woran er sterben wird, er weiß nur, dass ihm noch maximal vierundzwanzig Stunden Lebenszeit bleiben. Er ist achtzehn Jahre alt, kerngesund und eigentlich viel zu jung, um sich schon aus dem Leben verabschieden zu müssen. Genauso wie Rufus, der in derselben Nacht ebenfalls einen Anruf der Todesbotin erhält – gerade in dem Moment, als er den Jungen verprügelt, wegen den ihn seine große Liebe verließ.

    Mateo und Rufus lernen sich im Laufe des Tages über die Letzte-Freunde-App kennen, mithilfe der App können sich Todgeweihte verbinden – sich gegenseitig Trost spenden oder am letzten Tag noch einmal richtig einen drauf machen. Klingt das alles ein bisschen seltsam? Ja, vielleicht – aber ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, mich auf dieses Gedankenexperiment einzulassen. Die Welt in der Mateo und Rufus leben, ist eine andere als die, die wir kennen: die Menschen, die sterben müssen, erhalten von den sogenannten Todesboten per Telefonanruf eine Vorwarnung. Der Inhalt dieser Anrufe ist immer derselbe: Euch bleiben noch maximal vierundzanzig Stunden, bis ihr sterben müsst. Adam Silvera hat eine ganze Industrie um diese Idee herum gesponnen: es gibt extra Clubs für Todgeweihte oder auch Orte wie die World Travel Arena, an denen man virtuell noch einmal alle Orte bereisen kann, die man schon immer einmal sehen wollte. Netter Funfact: Die Benutzung der U-Bahn ist übrigens für alle Todgeweihten kostenfrei.

    Es ist echt ätzend, dass wir eigentlich nur aufwachsen, um zu sterben. Ja, wir leben, oder bekommen zumindest die Gelegenheit dazu, aber manchmal ist das Leben vor lauter Angst schwierig und kompliziert. Das ist meine Utopie: eine Welt ohne Gewalt und Tragödien, in der alle ewig leben oder zumindest so lange, bis sie ein erfülltes und glückliches Leben hatten und selbst beschließen, dass sie jetzt mal sehen wollen, was als Nächstes kommt.

    Adam Silvera hat eine tolle Idee gehabt, mit der ich mich sofort gekriegt hat. Das ganze Buch über habe ich mir Gedanken gemacht: wie würde ich meine letzten vierundzwanzig Stunden verbringen wollen? Wie ist es zu sterben und was erwartet uns nach dem Tod? Wem würde ich gerne nochmal was sagen wollen? Würde ich überhaupt wissen wollen, dass mir noch vierundzwanzig Stunden bleiben? Hätte ich das Gefühl, genug gelebt zu haben? Was würde ich bereuen? Was hätte ich gerne besser gemacht? Als Leser und Leserinnen begleiten wir Mateo und Rufus durch ihren gemeinsamen letzten Tag, beide stellen sich dieselben Fragen. Besonders Mateo hat das Gefühl, dass er viel zu viel verpasst hat, weil er an viel zu vielen Stellen Angst hatte, zu leben.

    Was ich besonders schön fand: Mateo und Rufus kommen sich im Verlauf ihrer letzten vierundzwanzig Stunden näher. Diese Annäherung wird von Adam Silvera ganz beiläufig geschildert, aber ich glaube, für viele Jugendliche ist es unglaublich wichtig, diese beiden Figuren zu haben. Mateo und Rufus nehmen sich in den Arm, wenn sie Angst haben. Sie singen, wenn ihnen danach ist und sie wissen, dass sie sich alles erzählen dürfen – auch wenn sie sich erst so kurz kennen.

    Zu meiner Kollegin habe ich gesagt, dass ich nicht weiß, wie ich Am Ende sterben wir sowieso empfehlen soll, weil ich eigentlich nur sagen könnte, dass es ein tolles Buch über Tod und Sterben ist – und wer will so etwas schon lesen? Aber ich glaube, dass Am Ende sterben wir sowieso eigentlich noch so viel mehr ist: es ist ein Buch über das Leben und darüber, dass wir uns trauen müssen, wir selbst zu sein – bevor es vielleicht zu spät ist. Adam Silvera hat ein Buch über den Mut geschrieben, zu sich zu stehen, zu dem Leben, das man leben möchte und den Menschen, die man lieben will.

    Ich wünsche Am Ende sterben wir sowieso ganz viele Leser und Leserinnen – ob Jugendliche oder Erwachsene ist egal, denn dieses Buch ist für alle Menschen geschrieben worden, die sich vielleicht gerade noch nicht trauen, der Mensch zu sein, der sie so gerne sein wollen.

    Adam Silvera: Am Ende sterben wir sowieso. Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Diestelmeier. Arctis Verlag, 2018. 18€, 360 Seiten. Weitere Rezensionen: Queerbuch und Rainbookworld.

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