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    Ein Apartment auf dem Uranus – Paul B. Preciado

    Ein Apartment auf dem Uranus versammelt die bisher veröffentlichten Kolumnen von Paul B. Preciado – und gewährt dabei einen spannenden und herausfordernden Blick in seine Gedankenwelt: es geht um Geschlechtervorstellungen, es geht um Politik und es geht darum, verstaubte Ansichten in Frage zu stellen. Paul B. Preciado ruft nach einem Paradigmenwechsel – und nach einer politischen Revolution.

    “Sie sagen Identität. Wir sagen Vielheit. Sie sagen Krise. Wir sagen Revolution.”

    In diesem Buch versammelt sind die Kolumnen, die Paul B. Preciado zwischen März 2013 und Januar 2018 in der französischen Zeitung Libération veröffentlichte. Ergänzt werden die Kolumnen durch ein Vorwort der bekannten französischen Autorin Virginie Despentes und einer Einleitung Preciados – den Abschluss bildet ein längerer Essay, über seine Erkrankung an COVID-19. Er erkrankte Anfang Marz, bereits zu einem relativ frühen Zeitpunkt der Pandemie.

    Beim ersten Blick auf das Buch, bin ich über den seltsam anmutenden Titel gestolpert: ein Apartment auf dem Uranus? Was soll das sein? Der Titel ist zurückzuführen auf das Jahr 1864, damals war es Karl Heinrich Ulrichs, der der “Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt”, einen Namen gab: angelehnt an den griechischen Gott Uranos, bezeichnete er gleichgeschlechtliches Begehren als Uranismus. Das war damals der allererste Versuch, der gleichgeschlechtlichen Liebe einen Namen zu geben – doch der Name verschwand im Laufe der Jahrzehnte aus dem alltäglichen Gebrauch, vielleicht setzte er sich auch niemals so wirklich durch. Trotz all der Zeit, die seitdem verging und den neuen Begriffen, die wir mittlerweile haben, haben wir bis heute noch keine breite Form der Akzeptanz für die gleichgeschlechtliche Liebe. Bis 1975 wurde Homosexualität in den psychiatrischen Handbüchern noch als psychosexuelle Krankheit geführt. Das Apartment auf dem Uranus ist für Paul B. Preciado eine Art gedankliche Utopie – es ist ein Ort der sexuellen und geschlechtlichen Freiheit und eine Art Zufluchtsort für ihn, der sich selbst als Dissident des Geschlecht-Systems bezeichnet.

    “Die Demonstranten, die am 13. Januar in Paris gegen die Ehe für alle auf die Straße gegangen sind, haben nicht die Rechte der Kinder verteidigt. Sie treten ein für das Recht, Kinder gemäß der Sexual- und Geschlechternorm als mutmaßliche Hetereosexuelle zu erziehen. Sie marschieren für ihr Recht auf Diskriminierung, Bestrafung und Korrektur jeder Form von Abweichung und Dissidenz. Und sie marschieren, um Eltern nichtheterosexueller Kinder an ihre Pflicht zu erinnern, sich für diese Kinder zu schämen, sie wegzustoßen, sie umzuerziehen. Wir treten ein für das Recht von Kindern, nicht nur als Arbeits- und Fortpflanzungskräfte erzogen zu werden.”

    In seinen Kolumnen nimmt er sich ganz unterschiedlichen Themen an, doch im Zentrum stehen seine Gedanken über sein Leben – und Lieben – als trans Mann. Paul B. Preciado befindet sich in einem Übergang, von seiner Partnerin Virginie Despentes trennt er sich im Laufe der Zeit, stattdessen versucht er herauszufinden, wer er ist und wer er sein möchte: er beschreibt sich selbst als jemand, der Mitten auf einer Kreuzung steht – sein Leben ist ein Übergang, von einem Geschlecht in ein anderes, von einem Land in das nächste. Er nimmt erst wenig Testosteron – und behält seinen früheren Namen. Dann steigert er die Dosis – und muss große Anstrengungen unternehmen, um seinen Namen überall ändern zu lassen. Die Gesellschaft ist nicht vorbereitet auf jemanden wie ihn.

    Doch Paul B. Preciado bleibt nicht nur bei seiner eigenen Geschichte, sondern spricht auch über größere gesellschaftliche Zusammenhänge: er denkt darüber nach, wie Kinder bereits früh von der Geschlechterpolizei in bestimmte hetereosexuelle Rollen gedrängt werden. Wer nicht heterosexuell ist, fällt aus der Norm – wer nicht cis ist erst recht. Immer wieder kreist er gedanklich um die Frage, welchen Platz er als trans Mann in unserer Gesellschaft zugewiesen bekommt: die Körper von trans Menschen existieren nicht als potentielle Kundenkörper in der Werbung, Körper von trans Menschen sind keine relevante Bezugsgröße in der Stadtplanung und sie existieren auch nicht in den Lehrbüchern der Anatomie. Wer sind wir, wenn wir uns nirgendwo repräsentiert sehen können? Wer sind wir, wenn wir in der öffentlichen Wahrnehmung nicht vorkommen? Oder nur als Abweichung von der Norm?

    Die biologischen Vorstellungen und kulturellen Codes, die es erlauben, den menschlichen Körper als weiblich oder männlich zu erkennen und anzuerkennen, gehören einem bestimmten Wahrheitsregime an, dessen normativer Charakter infrage gestellt werden muss.

    Die Kolumnen, in denen sich Paul B. Preciado mit dem Thema Geschlecht und Identität beschäftigt, haben für mich eine besondere Intensität – wobei das sicherlich auch gefärbt durch meine eigene Perspektive ist. Er widmet sich aber auch anderen Themen: er schreibt über die spanische, die griechische und die amerikanische Politik – er besucht die Insel Lesbos und denkt über das Handyspiel Candy Crush nach. Ich erfahre von ihm auch, dass die ersten Feministen Männer gewesen sind – 1871 wurden mit diesem Begriff tuberkulöse Männer bezeichnet, die als anormal behandelt wurden, weil sie durch die Erkrankung ihre “männlichen” Attribute verloren.

    Für mich waren die Kolumnen oft eine gedankliche Herausforderung, manches davon musste ich mehrmals lesen, um mich darauf einzulassen. Doch ich mag das Denken, die Perspektiven und die Räume, die Preciado für uns öffnet und erschafft. Und ich stimme ihm zu: ich glaube auch, dass wir einen Paradigmenwechsel brauchen. Ich glaube auch, dass es wichtig wäre, bestimmte Geschlechtervorstellungen radikal in Frage zu stellen. An einer Stelle schreibt Paul B. Preciado “Die Revolution beginnt mit der Zerbrechlichkeit”, und diesen Satz habe ich mir sehr dick angestrichen.

    Krank sind nicht die Körper, die man intersexuell nennt, krank ist das binäre Geschlechter- und Genderregime. Die einzige Heilung, die wir brauchen, ist ein Paradigmenwechsel.

    Für mich war das Lesen dieses Buches ein großer Gewinn und ich wünsche diesen Kolumnen ganz viele Leser*innen, die Lust darauf haben, sich ebenfalls herausfordern zu lassen und über bestimmte Grenzen hinaus zu denken und vielleicht ebenfalls in das Apartment auf dem Uranus einzuziehen.

    Gewinnspiel: In Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag habe ich die Möglichkeit, 3 Exemplare des Buches zu verlosen – um am Gewinnspiel teilnehmen zu können, müsst ihr lediglich bis zum 15.06.2020 einen Kommentar schreiben oder eine Mail (an buzzaldrins@buzzaldrins.de) schicken und mir erzählen, warum ihr Lust darauf bekommen habt, dieses Buch zu lesen. Viel Glück & Erfolg!

    Paul B. Preciado: Ein Apartment auf dem Uranus. Chroniken eines Übergangs. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 360 Seiten, €20.

    Vergangene Woche las Paul B. Preciado im HAU, die Lesung wurde aufgezeichnet:

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