Wie Liebe entsteht – Raija Siekkinen

Die finnische Schriftstellerin Raija Siekkinen erzählt in Wie Liebe entsteht eigentlich gar nicht vom Enstehen der Liebe, sondern viel mehr von ihrem Vergehen. Zehn Erzählungen beschäftigen sich mit dem Moment, in dem die Liebe erlischt, durch die Hintertür verschwindet. Getragen werden die Geschichten von einer leichten Schwere, von heller Düsterkeit.

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Es gab die Zeit davor und die danach und das Einzige, was blieb, war weiterzumachen.

Wie Liebe entsteht ist ein schmales Bändchen. Gerade einmal knappe 160 Seiten umfassen die zehn Erzählungen, denen ein lesenswertes Nachwort des Schriftstellers David Wagner folgt. Allen Erzählungen gemein ist die Tatsache, dass Raija Siekkinen von Frauen erzählt. Frauen, die am Scheideweg stehen. Frauen, die Entscheidungen treffen müssen. Die Situationen, die die Autorin beschreibt, wirken wie aus dem Alltag gegriffen und doch haben all ihre Figuren etwas heldinnenhaftes an sich. Alltagsheldinnen.

Sobald alle Wünsche und Hoffnungen dahin sind, dachte Anna, hat der Mensch eine Grenze überquert und schüttelt auf der anderen Seite den Kopf über seine Taten und Motive, löst sich schließlich. Dann folgt die Beerdigung.

Die Titelgeschichte erzählt von einer Frau, die plötzlich erkennen muss, dass sie schon lange nicht mehr jung ist und der große Teil ihres Lebens bereits vorbei ist. Es gibt nichts mehr im Leben, das sie festhalten möchte, auch ihren Mann liebt sie schon lange nicht mehr. Der Tag, an dem sie dies erkennt, ist ausgerechnet der Tag, an dem ihr Mann ihr seine immer noch andauernde Liebe erklärt. In einer anderen Geschichte fragt ein Mann seine Freundin: Sollen wir nicht doch heiraten? Die ganze Erzählung kreist um diese fünf Worte, die so dahin gesagt sind und doch ein ungeheuer schweres Gewicht haben. Könnte es eine lieblosere Liebeserklärung geben?

An einem Abend ging ich danach noch hinaus, spazierte durch den Schnee und sah zu unserem Haus, dessen Fenster hell leuchteten, und dachte, dass ich in meinem eigenen Leben feststeckte und es keinen anderen Ort gab, an den ich gehen konnte. Ich kehre in meinen Fußstapfen zurück, an der Tür kam mir die Wärme entgegen.

Alle zehn Geschichten, die von Elina Kritzokat hervorragend ins Deutsche übertragen wurden, erzählen von einem Vergehen. Liebe entsteht nicht, Liebe vergeht, doch dafür ensteht vielleicht etwas Neues: eine Freiheit, ein neues Leben, ein Aufbruch in eine neue Zukunft. Das Entstehen und Vergehen spiegelt sich in den Geschichten wider: in fast allen von ihnen spielen Renovierungsarbeiten eine Rolle – etwas Altes vergeht, etwas Neues entsteht. Die Protagonistinnen von Raija Siekkinen stecken fest, empfinden ihr Leben als Falle – alle Illusionen haben sie schon lange verloren, die Liebe fühlt sich für die meisten von ihnen nur noch schal an.

Die Geschichten haben den Charakter eines Kammerspiels. Beim Lesen habe ich das Gefühl, durch die finnische Landschaft zu laufen: die Sonne scheint vom Himmel, doch es ist eisig kalt und eine Schneedecke begräbt alles Lebendige unter sich. Raija Siekkinen verliert nicht viele Worte über ihre Figuren, über die Handlung ihrer Geschichten und doch entfalten diese beim Lesen eine ungeheure Wucht. Worte, die so luftig und lockerleicht daher kommen, besitzen plötzlich eine erschreckende Schwere. Die Autorin macht Worte schwer, gibt Sätzen Gewicht und beschreibt dabei einen in seiner Alltäglichkeit schier bedrückenden Alltag.

Ja, suchten nicht alle Menschen ihr Leben nach diesen Einheiten ab, nach Anfängen und Enden, teilten ihre Zeit in Episoden ein, in denen sie immer eine neue Hauptfigur waren? Auch sie hatte Phasen abgeschlossen und zugeklappt wie ein vollgeschriebenes Tagebuch, das man nie wieder las, höchstens kurz durchblätterte, ehe man es verbrannte. Aber dann war ihr alles wieder aufs Neue begegnet, und sie hatte begriffen, dass so das Leben beschaffen war.

Selten zuvor habe ich Erzählungen gelesen, die auf so wenig Seiten so viel Wucht entfalten, so viel Schwere und Traurigkeit und all das mit einer ungeheuren Leichtigkeit. David Wagner beschreibt sie in seinem Nachwort als leicht-schwer und so verzweifelt und ich möchte mich ihm eigentlich nur noch anschließen. Ja, leicht-Schwer und verzweifelt und doch sind die Geschichten mit so viel Offenheit geschrieben, dass ich als Leserin die einzelnen Fäden nehmen und damit meine eigenen Geschichten spinnen kann.

Frankfurter Buchmesse!

So ganz in der Wirklichkeit wieder angekommen bin ich immer noch nicht. Ein Teil von mir wandert weiterhin durch die Gänge auf der Frankfurter Buchmesse, von Halle 3.1 zu Halle 4.0, von Stand zu Stand und vorbei an lauter interessanten Büchern. Drei Tage lang bin ich über die Frankfurter Buchmesse gestreift und habe dabei viel zu viel erlebt, um über all die Eindrücke schreiben zu können: ich habe nicht nur viele Bloggerkollegen und -kolleginnen getroffen, sondern auch den einen oder anderen Verlagsmitarbeiter. Darüber hinaus habe ich natürlich auch  in Frankfurt ein paar Interviews geführt – ich bin schon ganz gespannt darauf, wie sie euch gefallen werden.

Meine Zeit auf der Frankfurter Buchmessse begann in der Halle des diesjährigen Gastgeberlandes – dieses Jahr ist Finnland das Gastland der Buchmesse und ich habe mich sehr darauf gefreut, dem Land und der finnischen Literatur näher zu kommen. Bis vor kurzem habe ich nämlich – bis auf Sofi Oksanen – noch keine finnische Literatur gelesen. Die Halle des Gastgeberlandes stand unter dem Slogan Finnland.Cool - das Design war hell, gespielt wurde mit den finnischen Nationalfarben. Doch der Pavillon wusste nicht nur äußerlich zu überzeugen, sondern auch inhaltlich: ich habe diesen Ort bei meinem Besuch als unheimlich fantasievoll erlebt und bin für eine Weile abgetaucht in die Welt der finnischen Literatur und Poesie, bin da und dort stehen geblieben, habe immer wieder aufmerksam gelauscht und beobachtet. Mitgenommen aus der finnischen Welt habe ich mir Katja Kettus Roman Wildauge und bin schon gespannt auf die Lektüre.

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Wer aufgrund der Bilder Lust auf finnische Literatur bekommt, sollte mal einen Blick auf den Blog der Klappentexterin werfen.

Selbstverständlich war ich jedoch nicht nur in der Halle des Gastgeberlandes, sondern bin auch durch all die anderen Hallen gestreift, bis ich Abends ins Bett fiel – mit müden Füßen und angefüllt mit allerlei Eindrücken. Auch wenn dies kaum vorstellbar erscheint, habe ich zwischen all den mir bereits bekanntes Verlagen auch noch den einen oder anderen unbekannten Verlag entdeckt – besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der Thiele Verlag – nicht nur aufgrund der wohl passendsten Verlagswerbung, sondern vor allen Dingen wegen des hochspannenden Programms.

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Aber auch darüber hinaus gab es viele tolle Bücherstände – in Erinnerung geblieben ist mir der Bus bei Kein & Aber, aber auch die fast schon erschlagende literarische Wand bei Droemer Knaur, genauso wie all die liebevoll gestalteten Stände der unabhängigen Verlage.

Auf der Frankfurter Buchmesse geht es aber selbstverständlich nicht nur um Bücher, sondern auch um Büchermenschen. Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem man so viele begeisterte Bücherliebende auf einen Haufen trifft. Wenn man so durch die Gänge streift, kann es passieren, dass einem plötzlich Ijoma Mangold entgegen kommt oder Lutz Seiler auf der Rolltreppe an einem vorbeirollt. Überall gibt es Lesungen und Veranstaltungen, bei denen ich immer wenige Minuten zugehört habe, bevor ich weitergezogen bin. Die Frankfurter Buchmesse ist ein ganz bisschen wie eine Parallelwelt, doch es ist eine wunderbare Parallelwelt, in die ich für einige Tage im Jahr sehr gerne abtauche. In Erinnerung bleiben wird mir wohl auch der Besuch des Business Club, dort diskutierte Paulo Coelho über die Zukunft des Lesens und darüber, sich den digitalen Entwicklungen anpassen zu müssen, um nicht irgendwann abgehängt zu werden. Zwischendurch wurde auch noch ein neuer Nobelpreisträger bekannt gegeben, der mir zwar vom Namen bekannt gewesen ist, den ich aber literarisch noch entdecken muss.

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Ihr merkt an meinem Bericht und an meinen Bildern sicherlich, dass ich eine tolle Zeit in Frankfurt gehabt habe. Wie sagt man so schön: nach der Messe ist vor der Messe, nächstes Jahr ist das Gastland übrigens Indonesien und für mich bedeutet das, dass ich erneut eine mir bisher ganz fremde Literatur entdecken kann.

Für all diejenigen, die es nicht nach Frankfurt geschafft haben, verlose ich ein kleines Trostpflaster, das aus meinen Messeerrungenschaften besteht. Hinterlasst mir einfach bis zum 20.10.2014 einen Kommentar und ihr hüpft automatisch mit in den Lostopf.

Knigi

Ein erwarteter Gewinner.

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Der Deutsche Buchpreis wurde in diesem Jahr zum zehnten Mal verliehen. Über Longlist, Shortlist und den letztlichen Gewinner haben folgende Jurymitglieder entschieden: Jens Binsky, Katrin Hillgruber, Frithjof Klepp, Susanne Link, Manfred Papst, Wiebke Porombka und Annemarie Stoltenberg.

Entschieden haben sie sich für Lutz Seilers sprachmächtigen Roman Kruso, der sich auf höchst anspruchsvolle und poetische Art und Weise mit dem Schicksal der Ostseeflüchtlingen auseinandersetzt. Interessanterweise wurde damit gleichzeitig auch ein Debütroman ausgezeichnet, denn auch wenn Lutz Seiler schon lange als Lyriker aktiv gewesen ist, ist Kruso sein Prosadebüt gewesen. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr, wo es mir schwerfiel, einen klaren Favoriten zu benennen, geisterte Lutz Seiler in diesem Jahr bereits vor einigen Wochen als potentieller oder gar wahrscheinlicher Gewinner durch das Feuilleton und den ein oder anderen Blog. In diesem Sinne ist Lutz Seiler sicherlich ein Gewinner gewesen, der zu erwarten war, aber darum auf gar keinen Fall ein weniger verdienter Gewinner – Kruso ist ein großartiger Roman und eine große Leseempfehlung. Die Jury sagt dazu: “Poetisch und sinnlich sowie eine fast ins Magische gehende Sprache.”

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Die Jury setzt mit ihrer Entscheidung eine thematische Linie fort, die mit Julia Franck begann, sie könnte den Titel “Geschichten aus dem Osten” tragen. Eugen Ruge und Uwe Tellkamp folgten und nun wurde in diesem Jahr schließlich Lutz Seiler für ein Buch ausgezeichnet, das sich wiederum mit dem Osten beschäftigt. Das Schicksal der Ostseeflüchtlinge, die von Hiddensee aus versuchten, das dänische Festland zu erreichen, wurde zuvor kaum literarisch aufgearbeitet. Ich hoffe, dass viele Leser und Leserinnen Lust bekommen, diesen Roman entdecken zu wollen – er hat es verdient.

Wie geht es euch, seid ihr mit der Entscheidung zufrieden?

Ein Blick auf die kurze Liste

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Vor fast genau vier Wochen wurde die Shortlist bekannt gegeben, im Laufe des heutigen Abends wird schließlich ein Gewinner gekürt. Oder wird es vielleicht sogar eine Gewinnerin? Mit Angelika Klüssendorf und ihrem Roman April steht nur eine einzige Frau zur Auswahl. Ich habe in den vergangenen vier Wochen fünf der sechs nominierten Titel gelesen und auf meinem Blog vorgestellt. Eine Besprechung des sechsten Romans, Panischer Frühling von Gertrud Leutenegger, findet sich auf dem Blog Das graue Sofa.

Für mich war das diesjährige Longlistlesen, aus dem in den letzten Wochen ein Shortlistlesen wurde, ein spannendes Projekt. Ich habe durch die Longlist viele großartige Bücher entdecken dürfen, mein großer Favorit für die heutige Preisverleihung ist wohl Lutz Seilers Roman Kruso, der mich thematisch und auch sprachlich überzeugen konnte. Doch auch die anderen Bücher der Shortlist waren mal eine berührende, mal eine spannende und mal eine unterhaltsame Lektüre. Dadurch, dass ich die Titel der Shortlist nacheinander verschlungen habe, ist möglicherweise so etwas wie eine literarische Kettenreaktion entstanden. Ich habe beim Lesen immer wieder nach Verbindungslinien und Bezügen zwischen all den Büchern gesucht.

Die sechs Autorinnen und Autoren der Shortlist 2014 führen uns mit sprachlicher Brillanz ihre Figuren in all ihrer Würde vor Augen, sie erweitern dabei unseren Blick auf das Leben und unsere Gegenwart und justieren ihn neu.

Dies sagte Jurysprecherin Wiebke Porombka bei der Bekanntgabe der Shortlist und ich kann mich diesen Worten nur anschließen: das, was mich an den fünf Büchern der Shortlist wohl am stärksten beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass in allen Büchern Figuren beschrieben werden, die durch ihr Leben taumeln. Eds Leben bricht in Kruso in tausend Scherben und statt zu promovieren, arbeitet er als Abwäscher auf Hiddensee. Die Zwergin Marie lebt unglücklich auf der Pfaueninsel, durch ihre körperliche Behinderung ist es ihr verwehrt am wahren Leben teilzunehmen. Auch April, die aus schwierigen Verhältnissen kommt, steht am Rand der Gesellschaft und kämpft sich durch ihr Leben, immer im Versuch ein klein wenig Glück festzuhalten. In 3000 Euro verkörpern Denise und Anton die moderne Version der am Leben Gescheiterten. All diese Figuren werden uns näher gebracht und wir dürfen an ihren Leben teilnehmen. Einzig und allein der Roman von Heinrich Steinfest passt für mein Empfinden nicht in diese thematische Reihung, denn Sixten Braun ist zwar eine ungewöhnliche Figur, doch im Vergleich zu den anderen Titeln fehlt es diesem Roman an der drängenden Ernsthaftigkeit und Tiefe.Wer auch immer heute Abend gewinnen mag, die Figuren der Shortlisttitel mögen vielleicht die wahren Gewinner sein. Den Buchpreis sollten Marie und Ed erhalten, die starke April und Denise und Anton, denn alle von ihnen habe während der Lektüre in mein Bücherherz geschlossen.

Die Preisverleihung könnt ihr übrigens im Livestream hautnah mitverfolgen!