07/23/14
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The Man Booker Prize

Heute wurden die nominierten Titel für den Man Booker Prize 2014 bekannt gegeben – beim Booker Prize handelt es sich um den wichtigsten britischen Literaturpreis, der seit 1969 jährlich verliehen wird. In den vergangenen beiden Jahren wurde er von Eleanor Catton und Hilary Mantel gewonnen.

Dieses Jahr sind folgende Romane nominiert:

  • To Rise Again at a Decent Hour, Joshua Ferris (Viking)
  • The Narrow Road to the Deep North, Richard Flanagan (Chatto & Windus)
  • We Are All Completely Beside Ourselves, Karen Joy Fowler (Serpent’s Tail)
  • The Blazing World, Siri Hustvedt (Sceptre)
  • J, Howard Jacobson (Jonathan Cape)
  • The Wake, Paul Kingsnorth (Unbound)
  • The Bone Clocks, David Mitchell (Sceptre)
  • The Lives of Others, Neel Mukherjee (Chatto & Windus)
  • Us, David Nicholls (Hodder & Stoughton)
  • The Dog, Joseph O’Neill (Fourth Estate)
  • Orfeo, Richard Powers (Atlantic Books)
  • How to be Both, Ali Smith (Hamish Hamilton)
  • History of the Rain, Niall Williams (Bloomsbury)

Von den nominierten Titeln sind bisher nur drei ins Deutsche übersetzt worden; sie werden in den kommenden Monaten erscheinen – Joshua Ferris und Richard Powers stehen bereits auf meiner Wunschliste, ich hoffe aber auch, auf Übersetzungen der Romane von Siri Hustvedt, David Mitchell und Joseph O’Neill. Die Shortlist wird übrigens am 9. September bekannt gegeben und der Gewinner am 14. Oktober – ich bin schon gespannt darauf!

CollageJoschua Ferris, Mein fremdes Leben – Richard Powers, ORFEO – David Nicholls, Drei auf Reisen

07/21/14
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Saša Stanišić im Gespräch!

Acht Jahre mussten wir auf den zweiten Roman von Saša Stanišić warten, aber das Warten hat sich gelohnt – “Vor dem Fest” ist eine großartige Lektüre. Ich habe mich mit dem Autor getroffen, um über das Schreiben, die deutsche Sprache, Heimat und Heimweh zu sprechen.

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Du bist 1992 nach Deutschland gekommen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Wie hast du dir die neue Sprache und das neue Land vertraut gemacht?

Am Anfang war das eine soziale Notwendigkeit, so schnell wie möglich die Sprache zu beherrschen. Ich war vierzehn Jahre alt, war mitten in der Pubertät und ich glaube, ich habe ganz schnell verstanden, dass die Sprache mir helfen wird, diese Zeit gut zu überstehen. Dass ich durch die Sprache nicht nur zu den Menschen einen Zugang finden werde, sondern auch in der Schule besser sein kann und mich leichter zurechtfinden werde in dieser kleinen, neuen Umwelt. Am Anfang habe ich sehr bewusst Deutsch lernen wollen. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben. Ich habe gelernt und gelernt. Zusätzlich hatte ich Glück, dass ich auf einer Schule war, auf der verstärkt Deutsch für Ausländer unterrichtet wurde. Das hat mich beflügelt und mir zusätzlich geholfen, die Sprache schnell zu erlernen. Später habe ich dann wahnsinnig viel gelesen.

Wie würdest du mittlerweile dein Verhältnis zur deutschen Sprache bezeichnen?

Die Sprache ist auf eine sehr banale Art und Weise Material für mich. Damit meine ich tatsächlich eine formbare, spielbare, veränderbare Masse, aus der ich versuche den in diesem Moment bestmöglichen Satz auf Papier zu bringen. Mir ist bewusst, was mir durch die Sprache möglich ist, was erlaubt ist und was nicht, wo Regeln gebrochen werden dürfen und wo nicht. Ich weiß auch den rein strukturellen Umgang mit Sprache zu schätzen, treibe es in meinen Texten aber auch gerne auf die Spitze, damit eben nicht alles nur banal erzählt wird, oder von a nach b. Mir ist es – glaube ich – wichtig, immer in solchen Gesprächen zu betonen, dass das Deutsche für mich eine ganz flexible Sprache ist. Damit meine ich, man kann – wenn man sich ein bisschen Mühe gibt – alles mit ihr anstellen, was Geschichten und Texte angeht. Es ist also ein liebendes Verhältnis zur deutschen Sprache. Ich mag dieses Material, ich mag, wie es beschaffen ist, ich mag aber auch die Grenzsprengung, die ich durch sprachliche Spielereien erreichen kann.

Für deinen neuen Roman bist du in die Uckermark gereist. Wie hast du dir diesen Ort angeeignet und ist dir die Uckermark zwischendurch eine neue Heimat geworden?

Nein, nicht so richtig! Die Uckermark ist mir nach wie vor, genauso wie Hamburg oder Berlin, auf eine gewisse Art und Weise nicht vertraut. Für mich bedeutet es zu Hause zu sein, wenn man sich an einem Ort wirklich auskennt. Mit auskennen meine ich, wirklich an einem Ort zu sein, mit den Dingen und Menschen zu arbeiten und sich mit ihnen zu beschäftigen, sich darauf einlassen und versuchen, diesen Ort zu verstehen – durch die Geschichte hinweg, aber vor allen Dingen auch, was das Jetzt betrifft. Dadurch, dass ich so viel reise und mal in Bosnien bin, mal in Deutschland, habe ich diesen Zustand des Auskennens noch nicht erreicht. Es reicht immer nur für die fiktionale Auseinandersetzung, aber ich bin nie so wirklich irgendwo. In gewisser Hinsicht ist das sogar ganz gut, denn mich begeistert vieles und nicht eine Sache mehr als etwas anderes. Ich fühle mich häufig wohl, ich kann mich überall wohlfühlen und nicht an einem Ort wohler als an einem anderen. Deshalb ist der Heimatbegriff bei mir sehr dehnbar und manchmal ist schon das Gespräch mit einem netten Menschen für mich Heimat.

Sich eine neue Heimat anzueignen, bedeutet auch immer, eine alte zu verlassen – hattest du Heimweh als du nach Deutschland gekommen bist?

Vielleicht ganz am Anfang, ja. Das lag vor allem daran, dass wir aus einem sehr intakten Leben geflüchtet sind. Ich hatte das Gefühl, dass da etwas gesprengt wird, was unheimlich intakt gewesen ist und gut getan hat. Mein Heimweh resultierte nicht unbedingt aus dem Umzug, sondern aus dem Gefühl heraus, dass etwas gerade verloren geht und niemals wieder genauso sein wird. Dieses Gefühl kann man vielleicht gar nicht als Heimweh bezeichnen, ich hatte einfach ein starkes Gefühl von Traurigkeit.

Wenn man nach dir recherchiert, stößt man schnell auf Begriffe wie Migrationskultur oder Integration – spielt das für dein eigenes Selbstverständnis überhaupt irgendeine Rolle?

Nein, überhaupt nicht! Ich finde diese Labels immer ganz schwierig. Junger deutschsprachiger Autor ist genauso ein Label, genauso banal  wie das Migrantenlabel oder das Label des postmodernen Autors. Das klebt man einfach irgendwo dran, es sagt aber überhaupt nichts über das aus, was ich eigentlich mache. Solche Labels haben für mich tatsächlich keine Wertigkeit für das Buch und ich beschäftige mich auch nicht damit. Ich frage mich lediglich, warum es solche Schubladen geben muss. Mich macht neugierig, was das über die Menschen aussagt, die diese Schubladen aufmachen. Was will man mit dem Versuch bewirken, Dinge zu strukturieren und in eine Ordnung zu bringen, wo keine Ordnung ist? Wo Autoren zu mannigfaltig sind, wo wir von überall her kommen und hier gelandet sind und dabei aus ganz unterschiedlichen familiären Konstellationen kommen. Ich frage mich dann immer, warum es solche Sortierungen außerhalb des Textes geben muss. Einmal hat man auch über mich gesagt, dass ich ein Vorbild für gelungene Integration sei – da habe ich mich wirklich aufgeregt, weil ich das als eine Vereinnahmung empfinde, im Grunde schon fast als Diskriminierung. Das finde ich einfach lächerlich, denn genau das will ich nicht sein. Ich will auch anecken!

Wann ist bei dir überhaupt der Wunsch entstanden, zu schreiben?

Das ist eine Geschichte, die ich schon oft erzählt habe. Meine Eltern hatten ein Sofa, das man aufklappen konnte und darunter war ein Kasten und da kam normalerweise Bettwäsche rein, aber meine Eltern haben mir dort stattdessen eine Art Sofabibliothek eingerichtet. Wenn man das Bett aufgeklappt hat, waren dort Bücher drin. Wenn ich aus der Schule gekommen bin, habe ich mich in diese Bücher hineingelegt – ich war damals acht oder neun Jahre alt und habe es mir darin gemütlich gemacht. Hinter mir war die Schräge des Sofadeckels, neben mir war ein Tisch und für mich war das wie ein kleines Versteck, wie ein kleines Zelt. Dort lag ich dann und habe wahnsinnig viel gelesen. Aus diesem für mich schönsten Gefühl, zu Hause zu sein und aus diesen Büchern zu schöpfen, ist der Anfang meines Schreibens entstanden.

Deine literarischen Texte schreibst du auf Deutsch, wie ist diese Entscheidung gefallen?

Das war eine absolut bewusste Entscheidung. Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich nach wie vor geschrieben, aber zunächst noch auf Bosnisch. Irgendwann habe ich angefangen, meine bosnischen Texte ins Deutsche zu übersetzen und später habe ich dann die ersten Texte direkt auf Deutsch geschrieben. Davon bin ich auch nicht mehr abgewichen. Deutsch ist meine Sprache, ich bin darin auch sicherer, als im Bosnischen.

Du hast das Leipziger Literaturinstitut besucht, hat das Studium dort dein Schreiben in irgendeiner Form verändert oder beeinflusst?

Ja, beides – aber nur eingeschränkt. Ich habe nicht unbedingt durch das Studium selbst etwas gelernt, was mein Schreiben verändert hat, aber ich habe sehr viele interessante Leute kennengelernt, mit denen ich in Werkstattgesprächen an ihren oder auch meinen eigenen Texten arbeiten konnte. Für mich war es eine Mischung aus dem theoretischen Gespräch über Texte und dem privaten Austausch, aus dem eine Art Werkstattarbeit entstanden ist. Diese Arbeit hat mich wirklich sehr stark beeinflusst. Ich habe dabei erkannt, was funktioniert und was nicht funktioniert. Auch durch das Vertiefen in fremde Texte kann man viel über das eigene Schreiben lernen. Dort waren Leute wie Thomas Pletzinger, Katharina Adler oder auch Clemens Meyer und es war einfach ein ständiges Lernen. Ich habe gelernt, was einen guten Text ausmacht und habe dadurch gelernt, was ich besser machen kann.

Ein wichtiger Bestandteil eines Schreibstudiums ist auch immer die gegenseitige Kritik, wie gehst du heutzutage mit Kritik um?

Bei meinem neuen Roman hatte ich mir eigentlich vorgenommen, keine Besprechungen zu lesen und habe das auch sehr lange durchgehalten. Jetzt musste ich aber doch welche lesen, weil ich ein paar Mal von Leuten moderiert wurde, die eine Besprechung geschrieben haben. Ich lese aber viel im Internet, ich lese dort eigentlich fast alles und versuche zu verfolgen, was dort über mein Buch geschrieben wird. Mich interessiert die Einzelmeinung von sogenannten Laien, die ich immer nicht als Laien empfinde, sondern als sehr fleißige und gute Leser. Ich habe das Gefühl, dass ich dort auf eine unauffällig Art und Weise reagieren kann, um z.B. Fragen zu beantworten. Wenn ich eine Rezension in einer Zeitung lese, dann fehlt mir diese Möglichkeit. Ich könnte einen Leserbrief schreiben, aber damit würde ich mich total lächerlich machen. In einem Blog jedoch habe ich die Möglichkeit mich zu Wort zu melden, manchmal tue ich das dann auch und habe den Eindruck, dass dadurch für den Rezensenten ein Gefühl der Zusammenarbeit entsteht. Ich finde, dass das ein schönes Gefühl ist. In Rezensionen werden ja oft Fragen gestellt, Verwunderung geäußert oder auch Unverständnis formuliert und da habe ich die Gelegenheit, Dinge zu erklären und zu verdeutlichen. Das finde ich total grandios!

Dein Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ erschien 2006 und war gleich erfolgreich. Anschließend haben wir acht Jahre auf deinen zweiten Roman warten müssen. Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?

Die Füße hochgelegt! Nein, mir kommt es gar nicht so vor, als wären wirklich acht Jahre vergangen. Nach dem ersten Roman habe ich mir eine Auszeit genommen, denn ich hatte eigentlich nie vor, Schriftsteller zu werden. Das klingt komisch, aber ich dachte, ich werde immer nur dann schreiben, wenn ich wirklich etwas zu schreiben habe. Mit dem bisschen Geld, das ich damals verdient habe, habe ich dann ganz egoistisch beschlossen, auf Reisen zu gehen. Das war meine Chance! Ich bin drei Jahre lang fast permanent unterwegs gewesen und habe mir die Welt angeschaut. Erst als ich von meinen Reisen wieder zurückgekehrt bin, habe ich mich an neue Stoffe und Ideen gesetzt.  Dieses Mal soll es aber nicht so lange dauern, ich hoffe, dass im nächsten Jahr bereits ein neues Buch erscheinen wird.

Mit deinem zweiten Roman hast du im März den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. War diese positive Rückmeldung wichtig für dich?

Ja, solche Rückmeldungen sind schon wichtig, ich glaube aus zweierlei Gründen: einmal habe ich gemerkt, dass solche Auszeichnungen mir Mut machen, weiterzuarbeiten. Mut ist vielleicht das falsche Wort, aber sie spornen mich an, fordern mich auf, jetzt nicht wieder aufzuhören. Solche Rückmeldungen geben mir das Zeichen, dass das, was ich mache, etwas zählt. Grundsätzlich muss das aber nichts mit einem Preis zu tun haben, der Preis ist nur die von außen in die Medien getragene Auszeichnung, die etwas über das Buch sagt, aber nicht viel sagen muss. Genauso wichtig sind mir andere Dinge, die nebenbei laufen, z.B., dass Leute während der Lesung auf mich zukommen und sagen, dass das Buch sie sehr berührt hat. Diese Rückmeldungen geben mir das Zeichen, dass das, was ich tue, anderen Leuten etwas gibt – und sie sinngemäß sagen: mach mal weiter. Der andere Aspekt ist natürlich auch das Finanzielle. 15.000€ bedeutet für mich, dass ich für das nächste halbe Jahr ein Polster habe und keinen Nebentätigkeiten nachgehen muss, sondern wirklich versuchen kann, Autor zu sein. Ich möchte diesen Versuch jetzt mal wagen und die nächsten zwei, drei Jahre nur schreiben.

07/19/14
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Wie folge ich Buzzaldrins Bücher?

Seit meinem Blogumzug ist immer mal wieder die Frage aufgekommen, wie man meinem Blog denn nun folgen kann. Da ich einen selbstgehosteten Blog betreibe, bin ich kein Teil mehr von wordpress.com und dementsprechend wird auch mein Blog nicht mehr richtig im WordPress-Reader angezeigt. Das bedeutet auch für mich selbst, dass ich zum ersten Mal seit fast drei Jahren nach alternativen Blogreadern Ausschau gehalten habe. Ich möchte ja nicht nur, dass ihr mir folgt, ich möchte ja auch weiterhin meinen Lieblingsblogs folgen können. Wenn ihr also trotz meines Umzugs up-to-date bleiben wollt, habe ich zwei tolle Alternativideen:

feedly

Wenn ihr den Dienst feedly nutzt, einen tollen Reader für Blogs, dann könnt ihr dort einfach nach Buzzaldrins Bücher suchen und meinen Blog durch die Funktion + zu eurem Reader hinzufügen. Ihr seid dann immer auf dem aktuellem Stand, was neue Beiträge betrifft. Bei feedly kann man sich sogar eigene Themenordner anlegen und seine Lieblingsblogs dort abspeichern – sehr empfehlenswert!

feedly

> bloglovin

Das Prinzip von bloglovin funktioniert ganz ähnlich, wie das von feedly. Wenn ihr dort angemeldet seid, dann könnt ihr meinen Blog zu eurem Reader hinzufügen, in dem ihr nach buzzaldrins.de sucht und dann auf die Taste following drückt. Und schwupps, schon seid ihr immer live dabei.

bloglovin

Jeder Blogger hat wahrscheinlich bei der Frage, wie er anderen Blogs folgt, seine eigenen Vorlieben – vielleicht sind feedly und bloglovin ja noch einmal zwei Alternativen für euch, um meinem neuen (alten) Blog auch weiterhin treu bleiben zu können. Ich würde mich natürlich freuen. :-)

07/18/14
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Vor dem Fest – Saša Stanišić

“Vor dem Fest” ist ein zweifach prämierter Roman. Bevor er überhaupt fertiggestellt wurde, wurde er mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Im Frühjahr dieses Jahres erhielt er dann schließlich den prestigeträchtigen Preis der Leipziger Buchmesse. Preise sagen selten etwas über die Qualität des Inhalts aus, in diesem Fall aber schon, denn der Inhalt ist mehr als preiswürdig. Saša Stanišić erzählt humorvoll, poetisch und voller Warmherzigkeit die Geschichte eines Dorfes.

“Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot. Zwei Seen, kein Fährmann. Zu den Inseln gelangst du jetzt, wenn du ein Boot hast. Oder wenn du ein Boot bist. Oder du schwimmst. Aber schwimm mal, wenn die Eisbrocken in den Wellen klacken wie ein Windspiel mit tausend Stäben.”

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Während Saša Stanišić in “Wie der Soldat das Grammofon repariert” noch eine Geschichte des Krieges erzählt hat, verschlägt es ihn in seinem zweiten Roman in die tiefste Provinz Deutschlands. Nach Fürstenfelde, in die Uckermark. Mitten in der brandenburgischen Einöde. “Es gehen mehr tot, als geboren werden.” Die Jungen verlassen das Dorf, auf der Suche nach einer Zukunft, die besser ist, als das, was ihre Heimat ihnen bieten kann. Die Alten werden immer älter und sterben einsam vor sich hin. Auch der Fährmann ist tot und niemand in Sicht, um diese Lücke zu füllen.

“Niemand sagt, ich bin der neue Fährmann. Die wenigen, die verstehen, dass wir unbedingt einen neuen Fährmann brauchen, verstehen nichts von Fähren. Oder davon, wie man Gewässer tröstet. Oder sie sind zu alt. Andere tun so, als hätten wir niemals einen Fährmann gehabt. Die dritten sagen: Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih.”

Der Titel des Romans ist programmatisch, denn Saša Stanišić erzählt in seinem Roman von einer einzigen Nacht. Von der Nacht vor dem Fest, dem traditionellen Annenfest. Das ganze Dorf steckt mitten in den Vorbereitungen. Da gibt es Lada, den man Lada nennt, weil er mit dreizehn Jahren mit dem Lada seines Großvaters nach Dänemark gefahren ist. Da gibt es Frau Kranz, die schon neunzig Jahre alt ist und die ihr ganzes Leben lang gemalt hat. Gekannt hat sie dabei nur ein einziges Motiv: Fürstenfelde, in allen denkbaren Variationen. Für die Auktion des diesjährigen Festes möchte sie endlich eine Nachtaufnahme von Fürstenfelde malen, denn Fürstenfelde bei Nacht, das hat sie noch nie gemalt.

“Sie möchte einmal nicht die Wirklichkeit gemalt haben, sondern etwas, das später wirklich geworden ist. Aber wie geht das? Sie möchte malen, was niemand weiß. Sie möchte das Böse malen in uns, aber wie geht das? Sie möchte das Durchhalten malen, aber wie geht das? Das Hindern, aber wie?”

Da gibt es Ulli, der die Männer in Fürstenfelde in seiner Garage mit Alkohol bewirtet und an seinem Kühlschrank einen Kalender mit nackten Polinnen hängen hat - “halb wegen Ironie, halb wegen Ästhetik”. Da gibt es die dicke Frau Schwermuth, die von ihrem Sohn nur Mu genannt wird und sich so tief in die Heimatgeschichte ihres Dorfes eingegraben hat, dass sie den Weg zurück ins Jetzt kaum findet. Da gibt es Herrn Schramm, ehemaliger NVA-Soldat und Witwer, der so wenig Rente bekommt, dass er sich schwarz etwas dazu verdienen muss und Johann, der eine Ausbildung zum Glöckner macht.

“Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen.”

Vom ersten Satz an hatte ich als Leser das Gefühl, ein Teil dieses Dorfes, mit seinen schrulligen Bewohnern, zu sein. Die Warmherzigkeit, mit der sich Saša Stanišić seinen Figuren annimmt, ist beeindruckend. Er bevölkert seinen Roman nicht nur mit Figuren, sondern erweckt diese wirklich zum Leben. Die Schrulligkeiten der Dorfbewohner werden mit sehr viel Zuneigung, Einfühlungsvermögen und Feingefühl beschrieben. Doch neben den Figuren ist es vor allen Dingen die Sprache, die diesen Roman zu einer ganz besonderen Lektüre macht: dem Autor gelingt es auf eine höchst charmante Art und Weise, mit der deutschen Sprache zu spielen. Da wird nicht nur gerappt und gereimt, sondern es werden auch Sagen und Geschichten der Fürstenfelder Dorfchronik des 16. Jahrhunderts erzählt - so, wie sie damals erzählt und aufgeschrieben wurden. Stanišić nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise, die dennoch mit dem Hier und Jetzt in Fürstenfelde verknüpft bleibt. Es gibt auch typographische Spielereien, genauso wie Worterfindungen (im Gedächtnis geblieben ist mir das Wort durcherinnern). Darüber hinaus zeichnet sich der Roman durch ganz viel Humor aus. Obwohl es mit einem Todesfall beginnt, ist die Erzählung auch immer hochkomisch und es gibt zahlreiche wunderbare Pointen. Dabei neigt der Autor dazu, zu verzerren und zu überzeichnen, doch in der Verzerrung steckt auf den zweiten Blick auch viel Wahrheit.

“Und jetzt fängt auch noch die Zieschke sie vor der Bäckerei beschwingt ab, Herrgott noch mal, ist doch viel zu früh für Heiterkeit, aber die Zieschke ist so eine mit Strähnchen, solche schlagen emotional in alle Richtungen extrem aus.”

“Vor dem Fest” ist ein wunderbarer Roman! Er ist prall gefüllt mit so vielem, mit Poesie, mit Humor, mit Sprachspielen und mit einem herrlich skurrilen Dorf und seinen Bewohnern. Obwohl Saša Stanišić nur von einer einzigen Nacht erzählt, geht es doch um so viel mehr: “Vor dem Fest” ist nicht nur eine Chronik eines entvölkerten Dorfes, sondern auch ein großartiger Roman der Geschichten wie Schichten aufeinander stapelt und von Heimat und Erinnerungen erzählt, von der Vergangenheit, zerbrochenen Träumen und der drückenden Angst vor einer ungewissen Zukunft.

07/16/14
Richard Yates

Eine strahlende Zukunft – Richard Yates

30 Jahre lang musste das deutsche Publikum auf diesen Roman warten, der im Original 1984 erschien und den Titel “Young hearts crying” trägt, doch nun liegt er endlich in der hervorragenden Übersetzung von Thomas Gunkel vor. “Eine strahlende Zukunft” ist die letzte Veröffentlichung von Richard Yates gewesen, dem die große Anerkennung zu seinen Lebzeiten verweigert wurde. Auch in diesem Roman widmet er sich erneut seinen zentralen Themen: dem Leben, der Vorstadthölle, der Ehe und wie all dies zu Bruch gehen kann, schleichend und doch unaufhaltsam.

“Mit dreiundzwanzig hatte Michael Davenport gelernt, seiner eigenen Skepsis zu trauen. Er hielt nichts von Mythen oder Legenden, nicht einmal in Gestalt allgemeiner Annahmen; er wollte stets zur wahren Geschichte vordringen.”

Richard Yates

Richard Yates seziert in “Eine strahlende Zukunft” das zerbrechliche Konstrukt der Ehe und die Fragilität von Lebensträumen. Im Zentrum des Romans steht der Schriftsteller Michael Davenport, der Gedichte und Theaterstücke schreibt und seine junge Ehefrau Lucy Blaine. Beide haben jung geheiratet, erst nach der Hochzeit erfährt Michael, dass er nicht nur eine Tochter aus gutem Hause geheiratet hat, dies hat er bereits geahnt, sondern dass Lucy über ein Millionenerbe verfügt. Für Michael ist es unvorstellbar, vom Geld seiner Frau zu leben, statt in Saus und Braus zu leben, hausen sie mit ihrer Tochter Laura in ärmlichen Verhältnissen. Es zieht sie immer weiter weg aus New York, von Vorort zu Vorort – immer auf der Jagd nach dem Glück.

“Nichts ist unordentlich, nichts verkorkst, nichts aus den Fugen. Wahrscheinlich will man genau das, wenn man … verheiratet ist und eine Familie und alles hat. Es dürfte Millionen von Menschen geben, die alles dafür geben würden, hier wohnen zu können [...].”

Doch Glück stellt sich bei den Davenports irgendwie nicht so wirklich ein. Michael bleibt ein erfolgloser Dichter, die Erfolge, die er feiert, sind klein. Mit seiner Arbeit als Schriftsteller kann er kaum zum Lebensunterhalt seiner Familie beitragen. Lucy lebt ein Leben im Schatten ihres Mannes, immer auf seinen großen Durchbruch wartend und zunehmend unzufrieden. Sie leidet vor allem unter den zweckmäßigen Wohnverhältnissen, in denen sie leben. Die Unzufriedenheit gipfelt irgendwann in einer Trennung und einer anschließenden Scheidung, das, was sich beide einstmals erhofft hatten, konnte sich nie erfüllen.

“Die Ehe ist wirklich seltsam [...]. Man kann jahrelang miteinander leben, ohne zu wissen, mit wem man da verheiratet ist. Das ist doch ein Rätsel.”

Anschließend begleitet Richard Yates das weitere Leben seiner beiden Hauptfiguren: beide bleiben weiterhin auf der atemlosen Suche nach dem großen Glück, ohne eigentlich genau zu wissen, wie dieses große Glück aussehen könnte. Wechselnde Partnerschaften, die meistens in schnellen Trennungen ändern, kennzeichnen den weiteren Lebensweg von Lucy und Michael. Der Moment, in dem beide jung waren und sich Hals über Kopf ineinander verliebten, ist lange her – das Leben ist mittlerweile schal geworden. Beide sind voneinander geschieden, doch ihre Abstürze ähneln einander und werden im Absturz der gemeinsamen Tochter, die zum Hippie mutiert und den Halt im Leben verliert, gespiegelt.

“Ich weiß, was du meinst, aber ich bin nicht deiner Meinung. Ich habe immer schon deine Ansicht zu allem gekannt; das war nie das Problem. Das Problem ist, dass ich nie deiner Meinung war – kein einziges Mal -, und das Entsetzliche ist, dass ich das erst in den letzten Monaten begriffen habe.”

Richard Yates widmet sich in “Eine strahlende Zukunft” den alltäglichen kleinen Dramen: “Eine strahlende Zukunft” ist Ehe- und Lebensroman, der Titel enthält dabei eine feine Ironie, denn das Strahlen der Zukunft von Michael und Lucy verblasst schnell. Lucys geerbte Millionen, sind ein strahlendes Versprechen, das verblasst und nie eingelöst wird, da Michael zu stolz ist, als dass er von dem Geld seiner Frau leben möchte. Das Bild der strahlenden Zukunft suggeriert eine Sehnsucht, die im Leben von Lucy und Michael nie eingelöst werden kann. Richard Yates legt mit “Eine strahlende Zukunft” aber auch einen Künstlerroman vor, denn Lucy und Michael bewegen sich beide im Künstlermilieu und umgeben sich mit Künstlerfreunden. Michael ist Schriftsteller und auch Lucy probiert sich im Schreiben und im Malen aus, doch bei beiden Tätigkeiten findet sie nicht die Anerkennung, die sie sich wünscht. Als sich Michael und Lucy auf den letzten Seiten des Romans nach vielen Jahren wiedertreffen, stoßen sie mit einem Glas Wein an und kommen zu dem Schluss: “Scheiß auf die Kunst.” 

“Scheiß auf die Kunst, okay? Ist es nicht witzig, dass wir ihr ein Leben lang nachgejagt sind? Dass wir unbedingt all denen nahestehen wollten, die sie zu begreifen schienen, als könnte uns das weiterhelfen; dass wir nie aufhörten, uns zu fragen, ob sie nicht hoffnungslos unseren Horizont übersteigt – oder vielleicht gar nicht existiert?”

Wenn man sich den Lebensweg von Richard Yates anschaut, dann überkommt einem das Gefühl, dass hier nicht nur eine von seinen Hauptfiguren spricht, sondern vielleicht auch der Autor selbst, der ein Leben lang als Schriftsteller um Anerkennung gekämpft hat. Vielleicht ist es kein Zufall, dass dies der letzte Roman von Richard Yates gewesen ist.

“Eine strahlende Zukunft” ist eine großartige Nahaufnahme des Scheiterns von Ehen und Träumen, die Sprache ist nüchtern und legt gleichzeitig die Wünsche und Sehnsüchte der Figuren schonungslos offen. Richard Yates ist für mich ohne Frage einer der besten amerikanischen Schriftsteller und auch nach diesem Roman ist es für mich unbegreiflich, wie lange dieser Autor unbekannt und unentdeckt bleiben konnte. Die Anerkennung wurde ihm zu Lebzeiten verweigert, doch lesen kann man Richard Yates immer noch. Lesen muss man Richard Yates immer noch.


Yats

07/14/14
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Die 30 Kandidaten der Hotlist 2014!

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Heute wurden die 30 Kandidaten für die Hotlist 2014 bekannt gegeben, der Preis der Hotlist wird seit 2009 jährlich vergeben. Unabhängige Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, dürfen jeweils einen Titelvorschlag einreichen, die offizielle Jury stimmte anschließend über die 30 Kandidaten, die es auf die große Longlist schafften, ab. Auf der Hotlist der besten Bücher aus unabhängigen Verlagen sollen dann am Ende dann zehn Titel stehen. Ab jetzt – bis zum 18. August – kann das Publikum selbst drei der dreißig Titel auf die Hotlist befördern, über die anderen sieben entscheidet wiederum eine Jury. Zum Wahllokal geht es übrigens hier entlang! Nutzt euer Stimmrecht und wählt ganz fleißig!

Das Besondere der Hotlist ist sicherlich die Tatsache, dass unbekannteren und kleineren Verlagen Aufmerksamkeit geschenkt wird – von vielen der dreißig Titel habe ich noch nichts gehört, auch viele der vertretenen Verlage waren mir noch kein Begriff. Von allen dreißig Kandidaten habe ich erst einen einzigen Titel gelesen: Eine Nacht, Markowitz von Ayelet Gundar-Goshen hatte mir anfangs des Jahres sehr gut gefallen.

Viel Spaß beim Durchstöbern der Kandidatenliste, ich bin gespannt, welchen Titel ihr auf die Hotlist wählen werdet!

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Thomas Ross: Fette Ernte – Hans-Jörg Poschmann: Fallen - Lili Grün: Mädchenhimmel - Emrah Serbes: junge verlierer – James Hanley: Fearon – Frederike Gräff: Warten, Erkundungen eines ungeliebten Zustands - Lydia Davis: Kanns nicht und wills nicht - Ulrike Schmitzer: Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt - Helen Moster: Alles absolut bestens bei mir - Günter Saalmann: Fiedlerin auf dem Dach – Jean-Philippe Toussaint: Nackt - Tessa Müller: Etwas, das mich glücklich macht - Ayelet Gundar-Goshen: Eine Nacht, Markowitz - Emma Donoghue: Zarte Landung – Andri Pol: Menschen am CERN

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Elfriede Czurda, Friederike Kretzen und Suzann-Viola Renninger: Handbuch der Ratlosigkeit - Florian Wacker: Albuquerque - Maruan Paschen: Kai, eine Internatsgeschichte – Christoph Ecker: Die letzte Kränkung - Karin Peschka: Watschenmann - mawil: Kinderland - Kurt Palm: Bringt mir die Nudel von Gioacchio Rossini - Julia Korbik: Stand up! Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene - Rolf Niederhauser: Seltsame Schleife - Beile Ratut: Das schwarze Buch der Gier - Mia Couto: Das Geständnis der Löwin - Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz – Marie-Luise Könneker: Asseblick - Tanguy Viel: Das Verschwinden des Jim Sullivan - Carl Nixon: Settlers Creek

 

07/13/14
Wordpress

Mein Blogumzug von wordpress.com zu wordpress …

Hast du das alles allein gemacht? Diese Frage wird mir seit meinem Umzug in mein neues Blogzuhause immer wieder gestellt. Und ja, stolz kann ich behaupten, dass ich diesen Umzug in der Tat alleine bewältigt habe. Die ersten Überlegungen, auf einen selbstgehosteten Blog umzuziehen, hege ich bereits seit einem Jahr – der Anstoß dazu entstand durch meinen Besuch der Bloggerkonferenz The Hive im Mai 2013. Dort stellte ich fest, dass es vieles gibt, was ich noch ausprobieren möchte und dabei fielen überall die Worte selfgehostet, Plugins, SEO. Ein Jahr lang habe ich geglaubt, dass ein solcher Umzug für mich technisch nicht zu bewältigen sei, ich habe gezögert und gezaudert. Doch letzte Woche sollte diese Verzagtheit endlich ein Ende haben, am Freitag habe ich mir eine Domain besorgt (ich habe mich für all-inkl entschieden) und anschließend die Software installiert (diese kann man sich zum Beispiel hier downloaden). Bei diesem Schritt ist es wichtig, die Software von WordPress auch wirklich selbst zu installieren und nicht auf eine der 1-Klick-Installationen des Hosters zurückzugreifen. Zum Abschluss habe ich dann meinen alten Blog importiert, dieser Import funktioniert ganz einfach über das WordPress Tool Export/Import.

Wordpress

Alles lief dabei aber dann doch nicht ganz so reibungslos, wie das hier nun anklingt, aber bei jedem Problem, bei jeder Schwierigkeit, bei jeder Hürde, konnte ich Suchmaschinen befragen oder ein hilfreiches Tutorialvideo anschauen. Bei dem Import meiner 600 Postings und 7000 Kommentaren, hat der Importer eine ganze Weile gearbeitet und ich habe bibbernd vor dem Bildschirm gesessen, geklappt hat aber dennoch alles – nur die Likes sind bedauerlicherweise nicht mitgekommen.

Anschließend habe ich mir ein Theme ausgewählt (nachdem ich 500 ausprobiert und wieder verworfen habe), habe mit Begeisterung Plugins heruntergeladen, installiert und wieder deinstalliert und an den Feinheiten geschraubt. Hin und wieder bin ich dabei natürlich auch über Probleme gestolpert, doch alle diese Probleme ließen sich – mit ein wenig Zeit, Geduld und Spucke – lösen.

All jene Literaturblogger und Literaturbloggerinnen, die – aus dem einen oder anderen Grund – auch über einen Blogumzug nachdenken, kann ich nur ermutigen, diesen Schritt zu wagen. Traut euch! Es ist einfacher, als man denkt, wenn man erst einmal angefangen hat – lest viel, schaut viele Videos und dann macht einfach mal! Irgendwann macht das Ausprobieren, das Rumprobieren, das Basteln und Werkeln dann sogar Spaß. Belohnt wird man damit, seine eigene Blogspielwiese zu haben, die viele spannende Möglichkeiten bereithält.

P.S.: Der Schmutzfleck am rechten unteren Rand des Bildes ist übrigens ein originaler Pfotenabdruck von Bandit, irgendwie hilft er ja doch immer überall mit. ;-)

07/12/14
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Nachts, wenn der Tiger kommt – Fiona McFarlane

Ruth ist eine betagte Frau, die seit dem Tod ihres Mannes ein einsames Leben in einem abgelegenen Strandhaus führt. Doch eines Tages bekommt sie Besuch, eine fremde Frau steht vor der Tür –  angeblich wurde sie vom Staat als Pflegekraft geschickt, doch wer ist Frida wirklich? Von diesem Tag an verliert Ruth zusehends die Kontrolle über ihr eigenes Leben und muss sich irgendwann fragen, wem sie überhaupt noch trauen kann.

“Ich hatte diesen Traum, dass das Meer hierherkam zu uns, hierher auf unseren Hügel. [...] Und da waren all diese Boote auf den Wellen – altmodische Boote, wissen Sie, wie man sie manchmal im Fernsehen sieht, einige mit Segeln, andere mit Rauchwolken und riesigen Schornsteinen. Sie kamen genau auf uns zu, hier auf unseren Hügel, und die Leute auf ihnen winkten wie verrückt. Ich konnte nicht sagen, ob sie uns zuwinkten, oder ob sie wollten, dass wir uns in Sicherheit brachten.”

Eines Nachts wird Ruth wach und glaubt, einen Tiger in ihrem Haus zu hören. Nur wenige Tage später steht plötzlich eine fremde Frau vor der Tür. Frida behauptet, dass sie vom Staat als Pflegekraft geschickt wurde. Ruth ist zunächst irritiert und unsicher, ob sie der fremden Frau glauben kann, doch Frida gewinnt Stück für Stück ihr Vertrauen und schon bald genießt Ruth die ungewohnte Aufmerksamkeit und Gesellschaft. Ihr Mann Harry ist erst vor kurzem verstorben, seitdem lebt Ruth zurückgezogen und allein. Ihre beiden erwachsenen Söhne leben schon lange nicht mehr in Australien, Kontakt zu ihrer Mutter halten sie meistens über das Telefon. Ihre Söhne sind vor allem erleichtert, dass sich endlich jemand um die Mutter kümmert, die einen zunehmend verwirrten Eindruck gemacht hat.

Frida gelingt es, sich in Ruths Leben einzuschleichen – sie fängt an, als Pflegekraft zu arbeiten und einmal am Tag vorbeizuschauen, doch bald darauf, bezieht sie bereits ihr eigenes Zimmer in Ruths Haus. Schleichend, aber für den Leser immer offensichtlicher, verändert sich nicht nur Ruth, sondern auch ihre Beziehung zu Frida und die Atmosphäre im Haus. Nachdem sie sich dazu entscheidet, ihre erste große Liebe, für ein Wochenende zu sich einzuladen, gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle: Nacht für Nacht, glaubt Ruth, einen Tiger zu hören, den Frida mutig bekämpft. Je verwirrter Ruth wird, desto stärker übernimmt Frida die Kontrolle im Haus und degradiert Ruth zur Zuschauerin dieses Schauspiels, genauso wie den Leser, der atemlos mitverfolgt, was geschieht und sich fragt, was diese seltsame Frau wohl im Schilde führt.

“Ruth fühlte sich so wie früher, als sie noch jünger war, als ihre Füße noch fester auf dem Boden standen und ihre Kinder und ihr Mann schliefen; das Gefühl war wie eine Adresse, zu der sie zurückgekehrt war, und sie fragte sich, warum sie so lange weg gewesen war.”

Fiona McFarlane nähert sich dem Thema Alter aus einer ganz besonderen Perspektive an, denn sie begibt sich mitten hinein in den verwirrten Kopf einer älteren Frau. Es ist der Einzug Fridas, der Ruths Leben nachhaltig durcheinanderwirbelt. Das, was zuvor auf festem Boden stand, gerät nun plötzlich ins Rutschen. Ruth wird von Frida isoliert und bevormundet, sie wird ihrer Mobilität und Eigenständigkeit beraubt und all dies führt dazu, dass die alte Frau in rasender Geschwindigkeit abbaut. Die Realität ist für sie kaum noch auszumachen, sie befindet sich überwiegend in einem Zustand der geistigen Verwirrung. Der Leser ist dazu geneigt, die Situation aus den Augen Ruths zu betrachten, doch während mir Seite für Seite mehr Ungereimtheiten auffielen und ich damit begann, mir immer mehr Fragen zur Rolle Fridas zu stellen, gelingt es Ruth nicht mehr, einen Schritt zurückzutreten und Zweifel an der Situation zu entwickeln. Es gibt Momente, in denen Ruth kurz aufwacht, in denen sie erkennt, dass Frida ein falsches Spiel mit ihr spielt, doch ihr fehlen die körperlichen und psychischen Ressourcen, um sich wehren zu können.

“”Frida tat immer, was sie selbst tun wollte. Das wusste Ruth, so wie sie wusste, dass Frida nicht ehrlich war und sie auf irgendeine Weise zum Narren gehalten hatte.”

Das Wort Demenz fällt in diesem Roman an keiner einzigen Stelle, es ist nicht klar, ob Ruth an einer Erkrankung leidet. Die Halluzinationen, das zunehmende Erinnern an die Vergangenheit, die Unfähigkeit, die Realität zu erfassen – all dies könnte auf eine Demenzerkrankung hindeuten. Deutlich ist jedoch, dass die Manipulationen Fridas dazu führen, dass Ruth ein isoliertes Leben führt, in dem sie kaum noch Kontakte nach außen hat, in dem sie kein Korrektiv hat und in dem sie zunehmend den Halt und den Bezug zur Realität verliert.

“Frida hatte die Dinge nicht mehr unter Kontrolle, Frida hatte Angst. Sie hatte den Tiger bekämpft, aber jetzt lehnte sie mit blassem Gesicht am Fensterbrett, weil sie sich nicht mehr darauf verlassen konnte, dass ihre Beine sie trugen.”

“Nachts, wenn der Tiger kommt” überzeugt durch eine starke Sprache und eine soghafte Erzählung, aber vor allem dadurch, dass es der jungen Autorin gelingt, den Leser mitten hinein in Ruths Kopf zu pflanzen. Aus dieser Perspektive heraus erlebt der Leser ihr langsames Weggleiten aus der Realität, das in einem fürchterlichen Schrecken endet – irgendwo zwischen Phantasie und Wirklichkeit.

07/10/14
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Buzzaldrins Bücher zieht um!

Ich bin gerade mächtig aufgeregt, denn dieser Beitrag ist der erste, den ich von meinem neuen Blog in die große weite Welt hinaus schicke. Ich habe mich endlich getraut! Nachdem ich lange hin und her überlegt habe, habe ich mir in den letzten fünf Tagen eine eigene Domain angelegt, die Software von WordPress heruntergeladen und meinen alten Blog hier rüber importiert. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass ich dabei Blut und Wasser geschwitzt habe. Ob alles gut gegangen ist, wird sich im Laufe der Zeit herausstellen, eine ganze Menge meines alten Inhalts hat es auf jeden Fall schon mal hier her geschafft.

In den letzten fünf Tagen habe ich gefühlte 500 Themes und Plugins installiert und wieder gelöscht, je größer die Auswahl ist, desto schwerer fällt es scheinbar, sich zu entscheiden. Ich habe mich in html-Codes eingearbeitet und noch nie zuvor so viele Tutorialvideos geschaut.

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Mittlerweile ist noch immer nicht alles so, wie ich es mir in meinen (vielleicht etwas) kühnen Träumen vorgestellt habe – im Hintergrund werkel ich immer noch, probiere dies und jenes aus und verfolge die ein oder andere Idee. Auch wenn noch nicht alles ganz so ist, wie es sein sollte, könnt ihr ab jetzt mit dabei sein und auf meinem neuen Blog mitlesen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr meinem Blog von nun an unter der neuen Domain buzzaldrins.de folgen würdet. Ich würde mich auch freuen, wenn ihr eure Blogrolls aktualisieren könntet. :-) Ich habe mich darum bemüht, alle Follower meines Blogs mit zu importieren, wenn der ein oder andere dabei verloren gegangen sein sollte, meldet euch einfach neu an. Ich habe den Blog gestern Nachmittag importiert, danach sind auf dem alten Blog noch neue Kommentare und Likes eingegangen – diese konnten nicht mehr übertragen werden, vielleicht mögt ihr das einfach selbstständig nachholen. Ich würde mich freuen.

Ich hoffe, der neue Blog gefällt euch!

07/8/14
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In Almas Augen – Daniel Woodrell

Manche Wunden heilen schnell, schon kurze Zeit später ist nur noch eine Narbe zu sehen, die irgendwann verblasst und kaum noch zu erkennen ist. Manchmal können aber auch Jahre vergehen, bis Wunden heilen, bis sich eine Kruste bildet, die nicht mehr juckt und aufgekratzt wird. Es gibt aber auch Wunden, die nie verheilen, egal wie viel Zeit vergeht und von einer solchen Wunde erzählt Daniel Woodrell in seinem Roman “In Almas Augen”.

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“Alma DeGeer Dunahew war mit ihrer verkniffenen, feindlichen Natur, ihren dunklen Obsessionen und ihrem grundlegenden Verlangen nach Rache das große rote Herz unserer Familie, das wir geheim hielten und das uns Kraft gab.”

Es ist 1965, es ist Sommer. Alma hat ihren zwölfjährigen Enkel Alek zu Besuch, der die heißen Tage an der Seite seiner Großmutter verbringt. Alma ist auf einer Farm geboren worden, sie hat ein halbes Jahrhundert als Magd gearbeitet. Es ist der Sommer, in dem Alma ihrem Enkel zum ersten Mal von der Explosion in der Arbor Dance Hall berichtet. In der kleinen Provinzstadt West Table in Missouri kommen 1929 zweiundvierizig junge Menschen bei einer Tanzveranstaltung ums Leben. Zweiundvierzig Menschen, die ausgelassen in die Nacht hinein tanzten, mitten in einem kleinen Nest in den Ozarks von Missouri. Die kurz darauf ausbrechende Große Depression legt einen Schleier des Vergessens über das Unglück. Die Polizei ermittelt, doch ihre Arbeit erledigt sie eher halbherzig. Es wird nie geklärt, ob die Explosion “ein großes Verbrechen oder ein ungeheures Missgeschick” gewesen ist.

Achtundzwanzig der zweiundvierzig Toten konnten nie identifiziert werden, gemeinsam wurden sie unter einem monumentalen Engel begraben, den die vergehende Zeit mit einer schwarzen Schicht belegt hat. Es ist der Engel, der auch vierzig Jahre nach dem Unglück, an diese fürchterliche Explosion erinnert. Doch Alma gehört zu denen, die nicht vergessen kann. Sie kann nicht vergessen, was damals geschehen ist, denn sie hat bei der Explosion ihre geliebte Schwester Ruby verloren. Alma beginnt Nachforschungen anzustellen, sie möchte nicht glauben, dass es sich um ein tragisches Unglück handeln könnte, doch in der Bevölkerung stößt sie mit diesem Bemühen auf massive Widerstände. Auch ihre eigene Familie möchte einfach nur den Mantel des Schweigens über das legen, was in der Arbor Dance Hall geschehen ist. Und über das Schicksal von Ruby, der lebensfrohen Männerheldin.

“In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten. Die Schatten schwanden dann aus dem Zimmer, und das frühe Licht schwebte zu beiden Fenstern herein. Ihr Haar war so lang wie ihre Geschichte [...].”

Daniel Woodrell reichen knappe 180 Seiten um ein Panorama des Unglücks, des Tragischen, des Schicksalhaften zu entfalten. Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen. “In Almas Augen” ist keine durchgängig erzählte Geschichte, sondern viel mehr ein fragmentarisches  erzähltes Erinnerungsbuch. Es ist ein Erinnerungsbuch, dessen Bruchstücke der Leser selber füllen muss. Die Erzählperspektive springt hin und her, zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Daniel Woodrell konzentriert sich dabei nicht allein auf Almas Perspektive, sondern erzählt – in episodenhaften Schlaglichtern – von mehreren Schicksalen und verbindet virtuos unterschiedliche Ereignisse und Personen miteinander. Dabei offenbart sich Stück für Stück die Geschichte des Unglücks, Schicht für Schicht dringt der Leser vor in Almas tragische Wahrheit.

“Sie hieß Alma, und sie mochte nicht ‘Großmutter’ oder ‘Omama’ genannt werden und konnte schon mal eine Ohrfeige verteilen, wenn man sie mit ‘Oma’ ansprach. Sie war einsam, alt und stolz.” 

Mit “In Almas Augen” legt Daniel Woodrell wieder einmal ein intensives und vorzüglich erzähltes Stück Literatur vor. Es ist typisch für ihn, tief  in die amerikanische Provinz einzutauchen und auch dieses Mal erzählt er eine Geschichte, die geprägt ist vom Gegensatz zwischen reich und arm, von Alkohol und fehlenden Perspektiven. Der Roman überzeugt nicht nur durch eine spannende und verschachtelte Geschichte, der eine tragische Note anhaftet, sondern vor allen Dingen auch durch die Sprache und die erzählerische Kraft Woodrells. 180 Seiten reichen aus, um die Wahrheit mit Almas Augen sehen zu können, doch ich hätte liebend gerne noch weitere 180 Seiten lesen können.