blogst: wissen, teilen, bloggen!

Bereits vorletztes Wochenende war ich also auf der blogst-Konferenz in Hamburg. Für all diejenigen, die nicht wissen, was man sich genau darunter vorstellen kann: BLOGST ist aus der Idee entstanden, sich zu vernetzen und Wissen auszutauschen. Bereits seit zwei Jahren gibt es regelmäßig Workshops und Barcamps zu ganz unterschiedlichen Themen und einmal im Jahr schließlich eine große Konferenz. Gegründet wurde dieses ganz besondere Bloggernetzwerk von Ricarda Nieswandt und Clara Moring.

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Im Park Hotel Lindner in Hamburg, gleich neben dem Tierpark Hagenbeck, drehte sich nun zwei Tage lang alles ausschließlich um das große Thema Bloggen. Es gab zahlreiche Vorträge, drei Workshops und auch rund um die Konferenz viele tolle Aktionen der Sponsoren. Eigentlich richtet sich die blogst überwiegend an Blogger und Bloggerinnen der Themenbereiche Food, Design, Lifestyle oder DIY – davon wollte ich mich aber nicht abhalten lassen. Ich durfte an diesem Wochenende also erleben, wie man sich als Exotin so fühlt, denn von insgesamt 200 Teilnehmerinnen (und ja, ein paar Männer waren auch dabei) war ich die einzige Literaturbloggerin.

Das Spektrum der Themen bei der blogst war groß und reichte von trockenen Zahlen und Statistiken (Social Media Monitoring), über erfolgreiche Kooperationen bis hin zu Vorträgen über Leidenschaft und Mut. Die beiden letztgenannten Vorträge haben mich wohl am meisten beeindruckt, denn ich glaube, dass beides – Leidenschaft und Mut – zu den wichtigsten Aspekten des Bloggens gehört und je länger man bloggt, desto größer ist die Gefahr, dass die Leidenschaft unterwegs verloren geht. Die beiden Macherin von sisterMag haben ein paar Ideen aufgezeigt, um dem Bloggerburnout vorzubeugen, von denen ich mir auch die ein oder andere notiert habe.

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Genauso wichtig wie die Leidenschaft ist jedoch auch der Mut dazu, schwierige Themen anzusprechen oder auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Dein Blog, deine Party - das war einer der Sätze, die bei mir hängengeblieben ist. Es gab auch einen spannenden Vortrag über Pinterest, einen derjenigen Social Media Kanäle, den ich bisher noch kaum genutzt habe, auf dem man als Blogger aber auch aktiv sein kann. Aber wer kann das schon, auf allen Kanälen präsent sein, auf denen man angeblich präsent sein muss? Instagram, Twitter, Facebook, Google+. Das war auch eine Erkenntnis, die ich aus diesem Wochenende mitgenommen habe: das, was am Ende zählt, ist der eigene Blog – da kann man ruhig auf den einen oder anderen Kanal verzichten. Ebenso spannend war der Vortrag über Rechtsfragen im Internet – da gibt es so einiges, das ich bisher nicht bedacht und beachtete habe. Und im Workshop zum Thema Bessere Blogtexte schreiben aber ich nicht nur gelernt, weniger Adjektive zu werden, sondern auch noch das ein oder andere mehr.

Insgesamt konnte ich aus fast allen Vorträgen so einiges mitnehmen: ich habe tolle Impulse erhalten und viele Gedanken und Ideen wurden in mir angestoßen – als es dann plötzlich vorbei war mit diesem blogstgefühl, hatte ich schon fast Entzugserscheinungen und musste mich erst einmal wieder im Alltag zurecht finden. Natürlich habe ich mich zwischendurch auch etwas verloren gefühlt zwischen all den Food-, Design, DIY- und Lifestylebloggern, doch es war spannend für zwei Tage in diese Bloggerwelt abzutauchen, die doch etwas professioneller organisiert ist, als unsere Welt der Literaturblogger.

Abschließend bleibt mir dann auch nur die Empfehlung, mutig und leidenschaftlich zu sein. Und vielleicht auch einfach mal die eine oder andere Blog-Konferenz zu besuchen, damit ich mich als Literaturbloggerin nicht noch einmal so einsam fühlen muss. Ich verspreche auch, dass es dabei so einiges zu lernen gibt.

Finn-Ole Heinrich im Gespräch!

Finn-Ole Heinrich wurde 1982 bei Hamburg geboren, ging in Cuxhaven zur Schule und ist mittlerweile virtueller Stadtschreiber in Oldenburg. Darüber hinaus hat er natürlich noch so viel mehr gemacht: als Autor debütierte er mit 23 Jahren und hat seitdem zahlreiche Bücher veröffentlicht. Hier vorgestellt wurden Räuberhände und die drei Bände der Maulina-Schmitt-ReiheIch hatte das große Glück, dass der Autor mir meine zahlreichen Fragen beantwortet hat …019_HeinrichHenning-7349_300dpi_Druck

© Denise Henning, 2013

In diesen Wochen ist der dritte und letzte Teil der Reihe rund um deine Heldin Maulina Schmitt erschienen. Was fühlst du, wenn du an Maulina denkst?

Verbundenheit. Maulina ist mir sehr ans Herz gewachsen, ich mag diesen kleinen Menschen, den ich da kennen gelernt habe. Ich hatte eine sehr schwere und anstrengende Zeit mit ihr, aber ich habe sie immer sehr gemocht und ich war froh, sie begleiten zu dürfen. Was mir gerade auffällt, da ich in der Vergangenheit von ihr schreibe: ich begleite sie nicht länger. Habe aufgehört, ihr beim Werden zuzusehen.

Ich habe ja noch sehr viel mit ihr zu tun: lese viel aus unseren drei Büchern, arbeite an einer Adaption für ein Theaterstück, spiele selbst Maulina auf der Bühne, sie ist noch sehr präsent in meinem Alltag, deshalb vermisse ich sie nicht. Aber ich denke sie nicht weiter.

Maulina hat dich nun über einige Jahre hinweg begleitet. Weißt du noch, wann du zum ersten Mal an sie gedacht hast?

Ganz genau weiß ich das nicht mehr. Ich erinnere mich eher an einen Zeitraum, an die Umstände und Begebenheiten in meinem Leben, unter denen Maulina geschlüpft ist. Welche Ideen sich da vermischt haben. Ich erinnere mich aber noch genau, wie ich meiner damaligen Freundin zum ersten Mal von Maulina erzählt habe. Da hatte ich noch etwas ganz anderes mit ihr vor, wollte eine Kurzgeschichtenreihe über ein sechsjähriges Maulmonstermädchen machen.

Und wie geschieht das überhaupt – finden die Figuren deiner Bücher auf verschlungenen Wegen zu dir oder lässt du Buchfiguren entstehen?

Ich hab da kein Rezept. Maulina ist auf jeden Fall zu mir gekommen, ich habe sie nicht planvoll entworfen, weil ich sie für irgendwas brauchte. Sie hat sich ergeben und als sie da war, habe ich gleich gesehen, dass ich mit ihr etwas anfangen konnte, es hat mir Spaß gemacht, mit ihr rumzudenken an verschiedenen Ecken und Enden. Auch wenn ich sie damals noch kaum kannte.

Maulina muss in ihren jungen Jahren viel ertragen, nicht nur die Trennung der Eltern, sondern auch die schwere Erkrankung der Mutter. Ich stelle es mir schmerzhaft vor, all dies einem kleinen Kind aufzubürden. Woher wusstest du, dass Maulina stark genug dafür ist, dies zu ertragen?

Das wusste ich nicht. Nicht wirklich, ich kannte sie am Anfang gar nicht so wirklich, muss ich sagen. Ich habe sie beim Schreiben erst wirklich kennen gelernt, als ich ihr dabei zusah, wie sie mit diesem ganzen Mist umgegangen ist. Ich hatte aber gleich so ein Zutrauen. Maulina war gleich so voller Kraft und Ideen. Es hat Spaß gemacht, sich Quatsch mit ihr auszudenken und als ich dann anfing, mit ihr Kompliziertes und Schweres anzuprobieren, merkte ich, dass das eben auch ging.

Wichtig ist auch: ich wollte es ja so, wollte so eine Geschichte erzählen. Eine, in der die Heldin nicht zerbricht an der Schrecklichkeit des Lebens. Ich wollte eine Geschichte, die so hart wie eben nötig ist, um alle Tiefen auszuloten und über deren Ende hinweg man als Leser trotz all der Scheiße weiterdenken mag.

Davon hängt ja schon viel ab: ich entwerfe, ich gestalte und erzähle und behaupte diese Welt. Ich erhalte die Erzählung aufrecht. Die Erzählung von Maulina Schmitt, die so viel Kraft und Lebensfreude hat, dass selbst diese schlimme Geschichte, die ihr alles abverlangt, sie nicht zu Boden ringt.

Die Frage ist natürlich klischeehaft, ich stelle sie aber trotzdem: wieviel von dir steckt in Maulinas Wut, ihren Fragen und ihrer Geschichte?

Weiß nicht, klischeehaft? Vielleicht eher: unwichtig. Und schwer zu messen. Was soll ich da jetzt sagen? Soundsoviel Prozent? Drei Kilo selbstgemachte Erfahrungen, sechs Erinnerungen, vier Zentimeter aufgeschnappte Ideen und sechs Pfund Sitzfleisch?

Das Schöne an Maulinas Geschichte ist für mein Empfinden, dass ich trotz aller Tragik auch lachen und schmunzeln konnte. Ist dir das wichtig gewesen, dass es in dieser Geschichte auch Humor und Leichtigkeit gibt?

Naja, logisch. Wäre doch sonst unerträglich. Es ist außerdem oft so, dass es erst so richtig knallt, wenn du grad noch derbe gelacht hast. Du spürst den Unterschied noch klarer. Tragisches wird durch Komisches noch tragischer und umgekehrt.

Deine Bücher wirken äußerlich wie Kinderbücher, ich kann mich in ihnen aber auch als Erwachsene verlieren. Hattest du von Anfang an im Kopf, diese Grenze zwischen der Welt der Erwachsenen und Kinder aufzuweichen oder hat sich das zufällig ergeben

Freut mich, das zu hören. Sehr sogar. Denn ja, das kann man so sagen. Es war ein Ziel, auf genau dieser Linie zu balancieren. Ein Kinderbuch für Erwachsene zu machen, das auch Kinder gern in die Hand nehmen. Und über das Kinder und Erwachsene sich gut unterhalten und hoffentlich auf beiden Seiten was voneinander lernen können.

Wie ist die Idee dazu entstanden, die Bände dieser Reihe zu illustrieren? War das deine Idee?

Ja. aber irgendwie war es gar keine Idee, sondern eine Selbstverständlichkeit. Rán und ich hatten gerade den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. Das ist ja nun ein ziemlich dickes Ding. Und dann wurden wir von Hanser gefragt, ob wir bei ihnen ein neues Projekt machen wollen. Ich hatte Rán schon von Maulina erzählt, aber nicht geglaubt, dass wir für sie irgendwo so bald ein Zuhause finden würden. Rán hatte Lust und damit war es irgendwie klar, dass wir Maulina zusammen machen. Wir waren ein Team. Ich wollte ihren feinen Humor, diese Leichtigkeit, die Luftigkeit, die ihre Illustrationen mit sich bringen und die Schönheit, die Ráns Arbeiten immer an sich haben, einfach zu gern an Bord haben.

Die wunderschönen Illustrationen werden von Rán Flygenring gestaltet, wie eng arbeitet ihr zusammen? Setzt sie deine Ideen künstlerisch um oder entwickelt sie eigene Ideen zu deinem Text?

Rán ist eine eigenständige Künstlerin, die ich gefragt habe, ob sie mit mir zusammen arbeitet, weil ich ihre Arbeit und ihre Begabungen unheimlich schätze. Ich wäre schön blöd, wenn ich ihr irgendwelche Vorgaben machen würde, noch dazu in einem Bereich, in dem sie ganz sicher viel talentierter ist als ich. Sie entwickelt natürlich ihre eigenen Ideen. Aber ich füttere sie gern mit allem, was ich habe. All meine, auch visuellen, Ideen stelle ich ihr immer gern zur Verfügung. Ich schreibe ihr Mails, schicke ihr Bilder, Videos, Links, ich beschreibe, was ich gerade sehe und was ich gern von ihr sehen würde. Ich kritisiere, was sie mir zeigt, hake nach und notiere all meine Anmerkungen für sie. Oft steht im Text dann in eckigen Klammern irgendwas wie [Hier Illustration von Juris Schuhen, daneben Text: soundso]. Das ist aber nie eine Vorschrift. Wir diskutieren alles, aber wir wissen beide, wer letztendlich für welchen Bereich verantwortlich ist.

Wir sprechen nun bereits die ganze Zeit über deine Bücher, aber wann und wie genau ist in dir überhaupt der Wunsch entstanden zu schreiben?

Also, ziemlich genau mit siebzehn hab ich angefangen, Geschichten zu schreiben, wenn es das ist, was du meinst. Ich hab vorher schon geschrieben, Briefe, in denen ich meine Ideen und Gedanken festgehalten habe. Ich hab die Briefe selten abgeschickt, eigentlich fast nie, ich brauchte nur ein Gegenüber, für den ich mir die Mühe mache, das Chaos zu sortieren.

Mit siebzehn hab ich dann das erste Mal seit langer Zeit wieder ein Buch gelesen, freiwillig, mit offenem Kopf. Hat mich viel Mühe gekostet, aber ich hab gemerkt: das macht was mit meinem Kopf, es tut mir gut und ich habe irgendwie gespürt: Klar! So könnte man seine Gedanken auch ordnen, hier kann man seine Fragen loswerden. Und man hat, wenns gut läuft, auch noch die Möglichkeit, mit Menschen darüber in Auseinandersetzung zu geraten. Und wenns richtig läuft, kann man vielleicht sogar davon leben.

Und die Entscheidung, für Kinder zu schreiben, war das eine bewusste Entscheidung?

Nee, gar nicht. Ist passiert. Im Urlaub. Plötzlich. Ohne Vorwarnung. Da war plötzlich Frerk da und hat mir seine komische Geschichte erzählt und ich habe angefangen Namensreime und Quatschwörter zu sammeln und zu erfinden. War witzig. Hab ich deshalb weiter gemacht.

Du bist auch im Bereich Film aktiv – was sind für dich die größten Unterschiede zwischen Film und Literatur und mit welchem Medium arbeitest du lieber?

Die größten Unterschiede finde ich eigentlich im Drumrum. In den Strukturen. Film ist irgendwie viel größer, industrieller, unmenschlicher, glamouröser, wichtigtuerischer, mächtiger, geschäftsmäßiger. Ich bewege mich deutlich lieber in der Buchbranche oder wenigstens in dem winzigen Zipfel, in dem ich daheim bin. Ich bin ja vor ungefähr zehn Jahren vom mairisch Verlag entdeckt worden und seither ist das meine literarische Heimat. Ein Traumverein! Könnte mir als Freiraum zur Umsetzung meiner künstlerischen Ideen nichts Besseres vorstellen und die Leute, die dahinter stehen, sind Freunde geworden. So eine Heimat habe ich im Filmbereich (noch) nicht, da fühle ich mich immer noch fremd und habe das Gefühl, dass ich gut auf mich aufpassen muss, auch wenn ich inzwischen auch hier zum Glück eine Reihe netter Menschen um mich weiß.

Handwerklich und in den erzählerischen Möglichkeiten gibt es auch eine Menge Unterschiede, aber da habe ich keine wirkliche Vorliebe. Ich erzähle gern in der Literatur und auch im Film. Kommt auf den Stoff an und was er braucht.

Räuberhände ist ein Roman, den ich unheimlich gerne gelesen habe, deshalb abschließend die Frage: dürfen wir uns bald auf etwas Ähnliches freuen?

Ich hoffe nicht! Ich will mich ja nicht wiederholen. Aber wenn du meinst, ob was Längeres für Erwachsene geplant ist, dann ja. Ich hab eine Idee, an der ich schon lange rumdenke. Aber das wird noch eine Weile dauern, ein paar andere Sachen stehen erst noch an, ein weiteres Projekt mit Rán, ein Film, zwei Theaterstücke, eine lange Reise und dann würde ich ja erst anfangen mit Recherche und allem, was dazu gehört.

Maulinas erstaunliche Abenteuer …

Als ich die drei Bände rund um die liebenswerte Heldin Maulina zum ersten Mal in den Buchläden ausliegen sah, glaubte ich auf den ersten Blick nicht, dass das etwas für mich sein könnte. Sie sind liebevoll gestaltet und sehen dann doch aus wie … nun ja, wie Kinderbücher und ich bin doch schon lange kein Kind mehr. Dachte ich. Doch bereits nach den ersten Sätzen war es um mich geschehen, ich befand mich plötzlich in Maulinas Welt und wollte am liebsten gar nicht mehr weg.

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Maulen heißt nicht einfach rumstänkern, maulen, das ist eine Lebenseinstellung, aber davon später.

Maulina Schmitt heißt eigentlich Paulina Schmitt, doch es hat seine Gründe, dass sie von allen Maulina genannt wird. Maulina mault und wenn Maulina mault, herrscht akute Explosionsgefahr. Sie hat einen guten Grund zu maulen, denn ihr Leben verändert sich von einem Tag auf den anderen radikal und das ist für Maulina nur schwer auszuhalten, auch wenn es nur noch siebeneinhalb Jahre sind, bis sie endlich erwachsen ist und allein entscheiden kann. Maulina wurde aus ihrem Königreich Mauldawien vertrieben und gemeinsam mit ihrer Mutter an einen langweiligen Zipfel der Stadt verpflanzt. Im Königreich zurückgeblieben ist ihr Vater, den sie nur noch der Mann nennt, denn sie glaubt, dass er für all dies verantwortlich ist. All das, was vorher gut gewesen ist, gibt es plötzlich nicht mehr. Stattdessen wohnen Maulina und ihre Mutter von nun an in Plastikhausen, in einer kleinen Wohnung voller Plastikgriffen, Plastikfenstern, Plastikfensterbänken.

Aus der Wohnung mit den vier Zimmern, dem Dachboden des Grauens, dem Garten, dem wertvollen, bunten Frühwerk auf den Tapeten und der Straße voller Freunde ist ein mickriges Plastikhaus geworden am anderen Ende der Stadt. Wenn das, was wir hatten, ein Pfannkuchen war, ist davon nur noch ein fettiger Abdruck auf dem leeren Teller geblieben und ein Rest von Geschmack auf der Zunge. Und jetzt? Ein muffeliges, kleines, quadratisches Haus, das sich zwischen andere muffelige, quadratische Häuser in eine Straße aus kleinen Häusern duckt.

Doch Stück für Stück muss Maulina feststellen, dass die grausigen Tatsachen des Lebens sogar noch ein bisschen komplizierter sind, als gedacht – ihre Mutter und der Mann haben sich nicht nur getrennt und sie musste ihr geliebtes Königreich verlassen, sondern sie erfährt schließlich auch noch, dass der Grund dafür die Erkrankung ihrer Mutter ist. Einen Namen hat diese Erkrankung nicht, aber es wird schnell deutlich, dass sie der Mutter alle Lebenskraft raubt, aber nicht alle Lebensfreude. Doch das, was Maulina durch den Umzug genommen wird, erobert sie sich Stück für Stück zurück. Eine große Rolle spielen dabei der General für Käse, ihr Schulfreund Paul, Ludmilla Lewandowski, ein geheimnisvolles Eisrezept und die Geheimwaffe Kakao.

Heinrich

Der Mann hat keinen Namen mehr. Er ist unaussprechlich geworden, wie die Namen der schlimmsten Bösewichte in Kindergeschichten und Märchen, so ein Name, der, wenn man ihn ausspricht, einem die Knie verdreht und Pflanzen eingehen lässt, ein Name, den man nicht in den Mund zu nehmen wagt, weil dann die Schuhsohlen schmelzen, die Brillengläser springen, die Tiere in Ultraschall schreien und fliehen.

Die erstaunlichen Abenteuer von Maulina Schmitt umfassen drei Bände, drei Bände voller Abenteuer, voller Freude und Momenten zum Schmunzeln. Drei Bände die aber auch angefüllt sind mit Traurigkeit, Krankheit, Tod und damit, dass das Leben sich jederzeit ändern kann und wir keine Möglichkeit haben, diese Veränderungen zu kontrollieren oder aufzuhalten. Wir können nur noch entscheiden, wie wir mit diesen Veränderungen umgehen wollen. Finn-Ole Heinrich hat keine typischen Kinderbücher geschrieben, wenn es das überhaupt gibt. Er hat mit Maulina Schmitt eine tapfere und mutige Heldin geschaffen, deren Abenteuer von Menschen allen Altersgruppen gelesen werden kann. Wie schade wäre es gewesen, wenn ich diese großartige Lektüre verpasst hätte, weil ich mich von irgendeiner Etikettierung hätte abhalten lassen. Maulina Schmitt ist für all diejenigen geschrieben worden, die sich irgendwo an dieser mysteriösen Schwelle zwischen Kindheit und dem Leben als Erwachsene bewegen und für all diejenigen, die das Kind in sich immer noch bewahren konnten.

Als erwachsene Leserin habe ich beim Lesen immer einen kleinen Erkenntnisvorsprung gegenüber Maulina, begreife die Erkrankung der Mutter schneller und möchte irgendwann nur noch meine langen Arme um dieses traurige mutige trotzige kleine Mädchen legen, um sie vor dem Leben zu beschützen. Finn-Ole Heinrich erzählt von schweren Themen, von Themen, für die Kinder wohl kaum eigene Worte finden können. Er erzählt von Kaugummischmerz und dem Ende des Universums und er erzählt ganz ohne pädagogischen Zeigefinger. Er erzählt davon, manchmal, wenn einen die schlimmen Wendungen des Lebens erdrücken, vielleicht einfach aus einer anderen Perspektive auf das Leben zu blicken. General Käse würde sagen: Savoir vivre.

[…] diese zwei kleinen Worte, die sind ein Aufruf, ja ein Befehl! Immer das Leben zu untersuchen, alles auszuprobieren. Du musst rausfinden, was du willst und warum, und dann musst du dich auf den Weg dahin machen, mit allen Macken, die du hast. Und das Wichtigste ist, dass du auf dem Weg so viel Spaß hast wie möglich, dass du genießt und das Kleine kapierst, das Einfache siehst, das Mickrige liebst, nicht nur das Allerobermegadollste brauchst, sondern dich schon an ganz wenig freust und den Ausblick genießt. Und dass du, wenn mal was Blödes passiert, es nicht persönlich nimmst, sondern die Schultern zuckst und drüber lachst.

Durch die drei Bände begleiten mich die wunderschönen Zeichnungen von Rán Flygenring, die die Lektüre zu einem ganz besonderen Erlebnis gemacht haben. Und so habe ich drei Bücher, die eigentlich aussehen wie Kinderbücher, an nur einem einzigen regnerischen Samstag durchgelesen und habe dabei nicht nur Maulina ganz tief in mein Herz geschlossen, sondern beim Lesen auch gelacht und geweint, denn selten zuvor war ich so berührt von dem Ende eines Buches. Was bleibt mir nun anderes übrig, als euch diese drei Bände ans Herz zu legen? Genau: bitte lesen, ganz unbedingt.

Von Büchern und Verlagshunden

Am Freitag habe ich mich auf den Weg zur Außenalster gemacht, denn dort  befindet sich der Hoffmann & Campe Verlag – umgeben von viel Grün und vielen Villen. Gefunden habe ich ihn nur dank hilfreicher Wegweisungen, denn die Villa, in der sich der Verlag befindet, liegt etwas versteckt. Der Hoffmann & Campe Verlag ist allein deshalb schon großartig, weil er Skipper hat – ein hündisches Verlagsmaskottchen. Doch es gibt nicht nur Skipper, sondern auch das Zamperl – dazu aber später mehr.

Collage Hoca

Karla Paul, die seit Juli dieses Jahres für den Verlag arbeitet und für das digitale Programm verantwortlich ist, hat mich mit auf eine Führung genommen, mitten durch die heiligen Räume des Verlages. Diese Räume waren während meines Besuches überwiegend verlassen, denn ein Großteil der Verlagsmitarbeiter befand sich bei der Verleihung des ersten Siegfried-Lenz-Preis. Den hat übrigens der Schriftsteller Amos Oz erhalten.

Ich habe euch ein paar Impressionen aus dem Verlag mitgebracht, aus all den unterschiedlichen Abteilungen, die ich besucht habe: aus der Grafikabteilung, dem Marketing und der Presseabteilung. Ich war auch dort, wo über das Finanzielle entschieden und da, wo über die Lizenzen verhandelt wird. Auch in das Lektorat konnte ich hineinschauen: dort kommen pro Tag zwischen zehn und fünfzehn Manuskripte an, die alle geprüft werden müssen. Dass ein unbekannter Autor auf diesem Weg entdeckt wird, kommt aber übrigens nur höchst selten vor – die Manuskripte müssen dennoch weiterhin gesichtet werden, ansonsten könnte einem ja ein mutmaßlicher Rohdiamant entgehen. Fast in jedem der Verlagsräume gibt es eine Unmenge an Büchern, Büchern, Büchern. Es würde mir aber nicht schwer fallen, zu entscheiden, in welches Büro ich am liebsten ziehen würde, denn das Büro des Verlegers Daniel Kampa hat mich bereits auf den ersten Blick verzaubert. Der Schreibtisch war überhäuft mit Papier und überall stapelten sich Bücher … das Büro eines Büchermenschens. Ich hatte das Gefühl, dass hier wirklich an und mit Literatur gearbeitet wird.

Collage Daniel Kampa

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Ich konnte schon mal einen Blick auf das Frühjahrsprogramm werfen …

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Im Verlag wird auch immer noch mit Papier gearbeitet.

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Die Manuskripte, die sich im Verlag stapeln

Der heimliche Chef im Hause ist aber das Zamperl, der Hund von Karla Paul, der in sozialen Netzwerken bereits eine kleine Berühmtheit ist und bestimmt schon seinen eigenen Fanclub hat … und wenn nicht, dann würde ich nun einen gründen, denn am liebsten hätte ich ihn mit nach Hause genommen. Was soll ich sagen? Ich liebe Verlage und ich liebe es, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Was ich dabei erneut festgestellt habe, ist, wie viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen am Herstellungsprozess eines Buches beteiligt sind. Wenn ich ein Buch, als Endprodukt, in den Händen halte, war mir bisher nie wirklich bewusst, durch wie viel fleißige Hände es vorher gegangen ist. Das fängt beim Lektorat an und geht über die Covergestaltung bis zu der Frage, ob ein Lesebändchen verwendet werden soll.

Mara_Chili

Ich hatte im Hoffmann & Campe Verlag einen tollen Tag und habe dabei interessante Einblicke in die Arbeit eines Verlages gewonnen. Ich konnte auch schon mal kurz ins Frühjahrsprogramm linsen und darf euch verraten, dass wir uns auf so einiges freuen dürfen.