Darling Days: Mein Leben zwischen den Geschlechtern – iO Tillett Wright

iO Tillett Wright, geboren 1985 in der Lower East Side von New York, ist Künstler, Schauspieler, TV-Moderator und Autor. In seinem Memoir Darling Days erzählt er poetisch und schonungslos von seiner Kindheit, die geprägt ist von einer überforderten Mutter, einem drogensüchtigen Vater – und der Suche nach der eigenen Identität.

“Gefühle sind wie Orangensaft. Ein schmerzliches Erlebnis fühlt sich so an, als würdest du ein großes, hohes, randvolles Glas Orangensaft trinken. Ein bisschen stechend auf der Zunge, geschmacksintensiv, und voll Fruchtfleisch, das nachher zwischen den Zähnen hängt. Wenn du versuchst jemandem deine Gefühle bei der Sache zu beschreiben, ist das für den ein Glas Orangensaft, das auf dem Weg von dir zu ihm zur Hälfte mit Wasser gestreckt wurde. Das ist zwar immer noch irgendwie Orangensaft, allerdings ganz schön lasch.”

iO Tillett Wright erzählt in Darling Days die beeindruckende Geschichte seines eigenen Lebens, das für ihn lange aus Armut und Drogen bestand – und der Frage, wer er eigentlich ist und sein möchte. iO wächst in der Künstlerszene von New York auf, er schauspielert und ist umgeben von berühmten Menschen. Die Suche nach der eigenen Identität beginnt früh für ihn: als er sechs Jahre alt ist, wird er beim Spielen auf dem Sportplatz von einer Gruppe Jungen ausgegrenzt – weil er ein Mädchen ist. Ab diesem Moment beschließt er, als Junge zu leben. Eine Entscheidung, die von seinem Umfeld sofort akzeptiert und nicht ein einziges Mal in Frage gestellt wird. Doch auch als Junge wird das Leben für iO nicht wirklich leichter – Verlässlichkeit und Fürsorge erfährt er kaum, stattdessen schieben sich die getrennt lebenden Eltern – die beide drogenabhängig sind – die Verantwortung für ihr Kind gegenseitig zu. Besonders schwierig ist das Verhältnis zu seiner Mutter, die manchmal zugewandt und freundlich sein kann, aber auch unberechenbar, aufbrausend und lieblos ist. Die guten Tage werden immer seltener, aber dafür umso wertvoller – iO nennt sie Darling Days und schreibt an einer Stelle: “Das sind die Darling Days, wenn alles gut ist und das Ungeheuer schläft.”

“Es tut mir leid für dich, dass deine Besessenheit von was auch immer so grausam in dir wütet. Es tut mir leid, dass du öfter dieses Horrorwesen bist als der Mensch, den ich liebe. Es tut mir leid, dass ich dich jetzt häufiger hasse als liebe.”

iO Tillett Wright erzählt in Darling Days sein ganzes bisheriges Leben nach: von der frühen Kindheit, bis ins Jahr 2008. Es ist beeindruckend, wie er sich von seiner Herkunft befreit, und sich die Chance dazu erarbeitet, ein besseres Leben zu leben. Die Suche nach der eigenen Identität steht dabei gar nicht so sehr im Vordergrund, sie wird nie problematisiert oder als Belastung empfunden – fast beiläufig wird erzählt, wie iO immer wieder zwischen den beiden Geschlechtern schwankt. Es geht vielmehr um das Aufwachsen ohne stabile Bezugspersonen, ohne das Gefühl, sich fallen lassen zu dürfen und aufgefangen zu werden – was macht es mit einem Kind, keine verlässlichen Eltern zu haben? Was macht die fehlende Sicherheit, am nächsten Tag noch genügend zu essen oder ausreichend frische Kleidung zu haben?

Die Sprache in Darling Days ist poetisch und schonungslos – stellenweise fast so schonungslos, dass es beim Lesen schmerzt. Für mich ist Darling Days eines der wichtigsten Bücher der vergangenen Monate, weil iO Tillett Wright sich nicht nur auf beeindruckende Art und Weise mit seiner Kindheit auseinandersetzt, sondern ganz nebenbei auch mit seiner eigenen Identität: es geht um Themen wie Geschlechterrollen und die Frage, wie man herausfindet, was man sich für seine Sexualität wünscht. All das erzählt iO Tillett Wright offen, mutig und frei von Angst und Scham. Seine Eltern haben ihn während seiner gesamten Kindheit mit vielem allein und im Stich gelassen – sie haben ihn nicht versorgt, sie waren nicht präsent, sie waren nicht verlässlich – doch den Wunsch, ein Junge zu sein und einen anderen Namen haben zu wollen, haben sie immer und ohne zu zögern unterstützt und damit das Fundament dafür gelegt, dass iO seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen trauen konnte.

“Ich empfinde eine Einsamkeit epischen Ausmaßes, eine dumpfe Angst, dass mich nie jemand verstehen wird, dass nie jemand meine inneren Verletzungen erkennen wird, und erst recht nicht verstehen wird, wie viel es mir abverlangt, jeden Tag vorzugeben, ich verstünde, wie Menschen miteinander umgehen und was in bestimmten Situationen von mir erwartet wird, Neues blitzschnell lernen zu müssen. Ich bezweifle, dass mich jemand wirklich lieben wird, denn keiner wird das je kapieren.” 

Ich wünsche dem Buch so viele Leser und Leserinnen wie möglich, auch weil die Geschichte von iO für mich ganz persönlich eine wichtige Geschichte ist – und weil ich glaube, dass es auch heute immer noch wichtig ist, dass diese Geschichten erzählt und gelesen werden. Ich durfte das Buch auch im Kulturkaufhaus Dussmann empfehlen und war schockiert, als ich erfahren habe, dass irgendjemand dort, die Cover der ausgelegten Bücher zerstört hat. Ebenso schockiert war ich darüber, dass ich diese Besprechung – anders als geplant – nicht unter meinem neuen Namen in der Neuen Osnabrücker Zeitung veröffentlichen durfte. Deshalb: Darling Days ist eine große und wichtige Empfehlung – für alle, die selbst auf der Suche nach ihrer Identität sind und alle, die ihre Mitmenschen besser verstehen wollen.

iO Tillett Wright: Darling Days. Mein Leben zwischen den Geschlechtern. Übersetzt von Clara Drechsler und Herbert Hellmann. Suhrkamp, 2017. 436 Seiten, 15,95€.

6 Comments

  • Reply
    Heike F. Fischer
    January 5, 2018 at 1:50 pm

    Dein Beitrag hat mir sehr große Lust gemacht, dieses Buch zu lesen. Das von dir ausgewählte Zitat “Gefühle sind wie Orangensaft” ist großartig. Ich muss mir das Buch unbedingt gleich besorgen. Danke für deine tolle Empfehlung!

    • Reply
      Buzzaldrins Bücher
      January 8, 2018 at 7:46 am

      Sehr gerne – ich mag das Zitat auch super gerne und finde es enthält sehr viel Wahrheit. Wenn du das Buch liest, wäre ich sehr interessiert daran, wie es dir gefällt!

  • Reply
    Lesen... in vollen Zügen
    January 5, 2018 at 1:54 pm

    Am Neujahrstag gab’s eine Mail von einer Freundin, daß sie jetzt einen Sohn hat. 😉
    Die Wenigsten hats gewundert, alle freuen sich sehr, daß es ihm so gut geht und sogar seine katholische (!) Schule unterstützt ihn wunderbar.
    Ich frag mich, ob das Buch was für meine Freundin wäre, aber es klingt doch recht traurig…

    • Reply
      Buzzaldrins Bücher
      January 8, 2018 at 7:42 am

      oh, wie schön – das freut mich wirklich sehr! Ich lieb Darling Days, aber die Geschlechteridentität von iO spielt wirklich eher eine untergeordnete Rolle – ich würde das Buch also nicht deiner Freundin empfehlen, falls sie etwas sucht, um sich zu informieren. Im Moment habe ich einen Beitrag mit ganz vielen Büchern zum Thema in Planung, vielleicht ist da noch etwas für dich dabei!

      Liebe Grüße
      Linus

      • Reply
        Lesen... in vollen Zügen
        January 8, 2018 at 7:54 am

        Uuuh… Dann bin ich schon gespannt auf deinen Beitrag!
        Ich denke, reine Information braucht meine Freundin nicht mehr. Ihr Sohn ist zwar erst zehn, aber der Wunsch war schon seit Jahren da. Also haben sie sich lange darüber informiert.
        Ich freu mich schon auf eine Buchauswahl! 🙂
        Liebe Grüße und danke für dein Feedback!
        Andrea

  • Reply
    »Mich hat das Lesen mutiger gemacht« Im Gespräch mit Linus Giese {Buzzaldrins Bücher} | M i MA
    January 8, 2018 at 5:03 am

    […] fällt mir sofort und ohne lange nachzudenken »Darling Days« ein, die Autobiographie von iO Tillet Wright. Das ist mein Buch! Wright schreibt darin offen und frei von Scham darüber, wie er sich mit sechs […]

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