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Der Umfall – Mikael Ross

Mikael Ross erzählt in seiner Graphic Novel die Geschichte von Noel, dessen Leben sich durch einen Umfall von einem Moment auf den anderen ändert – und plötzlich ist nichts mehr so wie vorher. Der Comickünstler erzählt drastisch und gleichzeitig mit großer Sensibilität. Eine starke Geschichte, ein starkes Buch – und eine große Empfehlung!

Zwei große Kerls kommen. Hauen die Badtür durch. Packen Mumsie in ‘ne Decke aus Gold. Sie sieht ganz klein aus zwischen denen. Die fahren irre schnell. Mit tatü tata und allem!

In Der Umfall wird die Geschichte von Noel erzählt – schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass Noel – dessen genaues Alter wir nicht erfahren – eine geistige Behinderung hat. Noels Leben verändert sich von einem auf den anderen Moment, als er seine bewusstlose Mutter findet, die im Badezimmer einen Schlaganfall erlitten hat. Noel kennt das Wort Unfall nicht, er weiß nur, dass die Mutter einfach umgefallen ist und jetzt im Koma liegt. Das, was passiert ist, ist für ihn nur der Umfall. Als Noel versucht den Notruf zu wählen, hat er Schwierigkeiten seinen Namen zu nennen – und auch die Straße und die Hausnummer der Wohnung, fallen ihm erst nicht ein. Es sind diese kleinen Momente, die mich beim Lesen besonders berührt haben.

Da Noel nicht alleine leben kann und keine Verwandten hat, die sich um ihn kümmern, wird für ihn ein Betreuungsplatz gesucht. Von Berlin muss er ganz alleine nach Neuerkerode ziehen. Was ich erst nach der Lektüre erfahre: den Ort Neuerkerode gibt es wirklich. Es ist ein dörflicher Ortsteil der niedersächsischen Stadt Wolfenbüttel, in dem ausschließlich Menschen mit einer Behinderung leben – es gibt dort einen Friseur, einen Bäcker, einen Supermarkt und auch Werkstätten und Arbeitsplätze.

Der Umfall erzählt auch von Noels neuem Alltag in Neuerkerode – Mikael Ross erzählt von Freundschaften und ersten Liebschaften, von Karnevalsfeiern, Rockkonzerten und der einen oder anderen Prügelei. Der Comic ist als Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum entstanden, und so überrascht es nicht, dass Mikael Ross auch auf die Vergangenheit zurückblickt: eine Bewohnerin von Neuerkerode erzählt von ihrem behinderten Bruder, der sich erst begeistert vom Nationalsozialismus zeigte und später dann miterleben muss, wie immer mehr seiner Freunde abtransportiert werden und nicht mehr wiederkommen. Bis auch er selbst aus dem Dorf verschwindet und nie mehr zurückkehrt.

All diese Episoden werden aus der Perspektive der Betroffenen erzählt, was die Graphic Novel für mich nochmal besonders berührend und spannend gemacht hat. Es wird kaum etwas erklärt, viele Zusammenhänge muss man sich selbst erschließen, in dem man in das Leben dieser fremden Menschen eintaucht.

Für mich war Der Umfall meine erste Graphic Novel – und ich bin restlos begeistert. Mikael Ross erzählt eine berührende Geschichte, die trotz aller Tragik auch häufig spannend und hochkomisch ist. Noel habe ich in kurzer Zeit ins Herz geschlossen, er ist warmherzig und schlägt sich tapfer bei dem Versuch, in seinem neuen Leben zurecht zu kommen.

Was ich zum Abschluss sehr erwähnenswert finde: Mikael Ross wirft mit seiner Arbeit ein Schlaglicht auf eine Bevölkerungsgruppe, die in der Literatur kaum vorkommt. Der junge Autor hat mehr als zwei Jahre lang für die Graphic Novel recherchiert und ich bin froh, dass ich sie entdeckt habe und hoffe, sie wird noch viele weitere Leser und Leserinnen finden.

Mikael Ross: Der Umfall. Avant Verlag, Berlin. 128 Seiten, 28€.

 

 

Kinderbücher für Regenbogenfamilien

Im Buchladen hatte ich gestern zwei Kundinnen, die auf der Suche nach einem Bilderbuch mit zwei Müttern waren – und ich war überrascht, dass ich hunderte Bilderbücher mit Müttern und Vätern bestellen könnte, aber fast eine halbe Stunde brauchte, bevor ich ein einziges lieferbares englischsprachiges Bilderbuch mit zwei Müttern finden konnte. Sogenannte normale Familienkonstellationen werden in jedem zweiten Bilderbuch repräsentiert – und dann gibt es Kinder, die in Familienkonstellationen aufwachsen, über die es keine Bücher gibt und von denen keine Geschichten erzählt werden.

Ich habe mich deshalb für euch mal auf die Suche begeben, um euch eine Auswahl an Kinderbüchern über Regenbogenfamilien präsentieren zu können. Falls euch noch weitere Tipps einfallen, freue ich mich sehr über jede Ergänzung für diese Liste!


Kinderbücher über Mama + Mama

Familie ist wie ein Regenbogen: Es gibt alle Farben.
Wie kommt es, dass Oscar zwei Mamas hat, fragt sich Tilly. Ihre große Schwester Frieda erklärt ihr, dass Oscars Mamas sich sehnlichst ein Kind gewünscht hatten, doch leider vergeblich. Dann lernten sie Tillys und Friedas Eltern kennen, und Oscars Mamas bekamen von Friedas und Tillys Papa Samen gespendet. So kam schließlich Oscar zur Welt, und aus einem großen Wunsch wurde ein noch größeres Wunder.

“Zwei Mamas für Oskar” behandelt das aktuelle Thema “Regenbogenfamilie”: Lebendig, anschaulich und kindgerecht erzählt macht das Buch es Eltern und Erziehern leicht, mit Kindern ab drei Jahren über Vielfalt zu sprechen.

erscheint am 20.8. im Verlag Ellermann


Jule weiß schon lange, dass sie ein Pflegekind ist. Eines Tages wird sie von ihrer besten Freundin gefragt, warum sie denn eigentlich zwei Mamas hat. Jule ist überrascht, so direkt hatte sie das bisher noch niemand gefragt. Mit einem kribbeligen Gefühl im Bauch erzählt sie Theresa zum ersten Mal, wie es dazu kam, dass sie bei Pflegeeltern aufwächst.
Dieses Buch soll Pflegekindern dabei helfen, ihre Situation besser zu verstehen. Pflegeeltern bietet es die Möglichkeit, zu dieser Thematik leichter ins Gespräch zu kommen. Außerdem liefern zahlreiche Impulse Ideen, auf welche Weise sie ihrem Pflegekind bei der Auseinandersetzung mit seiner Geschichte hilfreich sein können.

das Buch ist mittlerweile ist bei MDK Mediaprint erschienen und mittlerweile leider vergriffen.


Eine Geschichte, die von Regenbogen-Kindern, Regenbogen-Partnerschaften und von Wunderwunsch-Kindern/Wunderwunsch-Eltern erzählt. Vor allem aber auch eine, in der es um das Glück geht, als ein Herzenswunsch-Kind geboren worden zu sein und aufwachsen zu dürfen. Ana erlebt ihren ersten Schultag. Als erste Hausaufgabe sollen alle ein Bild ihrer Familie malen. Sie ahnt schon die Fragen, die kommen werden. Ana kennt das schon aus dem Kindergarten. Während die Erwachsenen oft nur eigenartig schauen, fragen die Kinder einfach. Warum hat Ana zwei Mütter? Welche ist denn echt? will Tim zum Beispiel wissen, denn er meint das geht doch nicht . Doch Ana hat eine Antwort für ihn, die ihn staunen lässt …

der Titel ist im Verlag Lebensweichen erschienen.


Die kleine orange Katze kennt bisher nur Mama, Mami und die Scheune, in der sie gemeinsam wohnen. Doch jetzt ist sie groß genug für ihren ersten Spaziergang. Und um die anderen Tiere des Hofes kennenzulernen reicht der einfache Satz: “Hallo, wer bist denn du?”

Hallo, wer bist denn du? ist eine Gute-Nacht-Geschichte für Kinder ab 18 Monate. Eine Geschichte, die lange Spaß macht, sich endlos variieren lässt und die genauso selbstverständlich von Mama und Mami erzählt, wie viele andere Bücher von Mama-Papa-Kind-Familien.

das Buch ist erhältlich bei fembooks.


Englischsprachiges Bilderbuch über den Alltag eines Kindes, das mit zwei Mamas zusammenlebt. Dadurch, dass das Bilderbuch nur ganz wenig Text hat, ist es auch für Kinder geeignet, die keinen Kontakt zur englischen Sprache haben – die Bilder sprechen für sich.

Einen Eindruck des Bilderbuches kann man sich hier und hier machen.


“Heather has two Mommies” ist ebenfalls von der Autorin Leslea Newman. Es ist bereits 1989 erschienen und war das allererste Kinderbuch, dass sich auf eine positive Art und Weise mit lesbischer Mutterschaft beschäftigte.

einen Eindruck des Bilderbuches erhält man in dieser Videolesung.


Kinderbücher über Papa + Papa

Roy und Silo sind anders als die anderen Pinguine im Zoo. Sie zeigen den Pinguinmädels die kalte Schulter und wollen immer nur zusammen sein. Sogar ein Nest bauen sie miteinander. Ein Nest für ein kleines Pinguin-Baby. Aber das geht doch nicht!, denken die Pfleger im Zoo zuerst. Doch dann passiert ein kleines Wunder … Diese Geschichte, die sich im New Yorker Zoo tatsächlich zugetragen hat, macht Kinder mit neuen Familienformen vertraut.

erschienen bei Thienemann Esslinger.


Es war einmal ein Kronprinz, der wollte einfach nicht heiraten. Aber das geht natürlich nicht. Damit aus dem Kronprinzen ein König werden kann, macht sich die alte Königin auf die Suche nach jemandem, der zu ihrem Sohn passt. Aus der ganzen Welt reisen die schönsten Prinzessinnen an, aber keine kann das Herz des Prinzen bezaubern. Bis der Kammerdiener die Ankunft von Prinzessin Liebegunde und ihrem Bruder Prinz Herrlich meldet. Ein unerwartetes Happy-End bahnt sich an.

erschienen beim Gerstenberg Verlag.


Schön ist das Leben, denken die beiden Pinguine Florian + Florian, als sie ihre Hochzeitsreise antreten. Für sie ist es nämlich sonnenklar, dass sie nach ihrer Rückkehr ihr erstes Ei bekommen werden.

Doch auf ihrer Reise begegnen sie anderen Tieren, die ihnen erzählen, dass zwei Männchen gar keine Kinder bekommen können. Das können die beiden nur schwer glauben. Schließlich war es bei ihnen zu Hause doch schon immer so, dass man sich nur genug lieben muss.

Verzweifelt suchen sie nach einer Antwort. Man hört eben viel zu oft auf andere.

das Buch kann über diese Internetseite bestellt werden.


Ein zweisprachiges Kinderbuch über Liebe und einen süßen kleinen Hund. Die Geschichte von Bailey, einem Irish Soft Coated Wheaten Terrier, und ihrer Reise von den Vereinigten Staaten nach Deutschland. Dieses Buch erzählt einfühlsam über die Liebe zu einem Hund und die Liebe zwischen zwei Männern und zeigt Kindern wie schön es ist, einfach denjenigen zu lieben, in den man sich verliebt hat, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hintergrund.

das Buch kann hier bestellt werden.


Kinderbücher über weitere alternative Familienkonstellationen

Inga, die Hauptperson des Buches, wächst in einer Regenbogenfamilie auf. Auf der Suche nach einem kleinen Regenwurm begegnet Inga ihren Nachbarn, die in verschiedenen Familienformen leben, darunter einer Patchworkfamilie, einem Adoptivkind, einer Alleinerziehenden, einer traditionellen Familie, einem kinderlosen Paar und Singles.

das Buch ist erhältlich bei fembooks.


Ich zeig dir, wie ich lebe
Früher bestand eine typische Familie aus Vater, Mutter, Kindern, vielleicht noch einem Hund oder einer Katze. Alle lebten in einem Haus mit Garten. So zumindest wurde es in den Kinderbüchern dargestellt. Heute gibt es Familien in allen Größen und Formen. Manche Kinder leben nur mit ihrem Papa zusammen oder mit ihren Großeltern. Familien leben in großen Häusern oder in winzigen Wohnungen. Manche fahren in den Ferien weit weg in ferne Länder, andere machen Urlaub zu Hause. So viele Farben wie der Regenbogen hat, so unterschiedlich kann das Zusammenleben sein. Und wir alle gehören dazu …

das Buch ist im Fischer Verlag erschienen.


Jeder kennt die sogenannte Bilderbuchfamilie, bestehend aus Mama, Papa und Kind(ern). Daneben gibt es aber auch viele weitere Formen des Familienlebens. Sie alle sind hier versammelt: Alleinerziehende, Patchworkfamilien in ihren verschiedenen Mixturen, Regenbogen- und Adoptivfamilien.
Unterhaltsam und mit viel Humor geht es außerdem um Bluts- und Wahlverwandtschaften, um Einzelkinderglück, Geschwisterstreit und die Möglichkeit, die gleiche Nase wie Opa abzukriegen.

das Buch ist im Klett Kinderbuch Verlag erschienen.


Der siebenjährige Tom hat aus der Schule ein neues Schimpfwort mit nach Hause gebracht. ‘Schwul’. Er führt auch gleich aus, was er vom Kevin gelernt hat, dass es nämlich ‘unnatürlich’ ist, wenn ein Mann einen Mann liebt. Um Tom und seiner kleinen Schwester verständlich zu machen, dass niemand dafür verachtet werden sollte, wen er liebt, regt ihr Vater ein Gedankenspiel an: ‘Stellt euch doch mal vor, es wäre andersrum …’ – Im Land Andersrum lieben Männer Männer und Frauen Frauen. Eigentlich. Doch eines Tages verliebt sich ein Mann in eine Frau. Und dann wird es ganz schön kompliziert, denn die Andersrummer finden das total unnatürlich!

das Buch ist im Schwarzkopf Verlag erschienen.


Eltern sind doch alle gleich …?
Auch auf dem Bauernhof kann man darüber streiten: Sind ein Vater und ein Kind schon eine Familie? Oder können zwei Mütter und ein Junge auch eine Familie sein? Was für Mika normal ist, erscheint Ida ganz fremd. Aber der gemeinsam erlebte Eselschreck verbindet und das elterliche Staunen über ein bisschen Abenteuerstaub auch. Da sind Eltern auf jeden Fall alle gleich.
Endlich ein Bilderbuch, das die Vielfältigkeit der Familienformen abbildet und eine große Hilfe für Eltern und pädagogisch Arbeitende darstellt. Der Tenor ist: Eine Familie definiert sich durch den Zusammenhalt, nicht durch die Zusammensetzung ihrer Mitglieder.

das Buch ist im Balance Verlag erschienen.



Das ist Lotta. Und das ist Lottas Papa. Aber wie sind die beiden zusammen gekommen? Diese Frage stellen alle Kinder irgendwann. Unsere Tochter hat sie mit etwa zwei Jahren gestellt. Also erzählen wir auch Lottas Geschichte so, dass sie von kleinen Kindern verstanden werden kann. In einfachen Worten und klaren Bildern, mit der Freude über das Wunder, das Schwangerschaft und Geburt bedeuten können. Lottas Papa heißt Tobias, er hat ein glückliches Leben, Freundinnen und Freunde und er möchte ein Kind. Und wie Lotta in seinem Bauch wachsen kann, ist gar nicht so kompliziert, wie manche Erwachsene denken. Ein tolles Buch für alle, die Geschlecht nicht nur zweidimensional und Familie nicht nur als Mama-Papa-Kind denken wollen. Und eines der ersten – oder das erste? – deutschsprachige Bilderbuch, das Transgeschlechtlichkeit thematisiert.

das Buch ist leider vergriffen.


weitere Linktipps:

Darling Days: Mein Leben zwischen den Geschlechtern – iO Tillett Wright

iO Tillett Wright, geboren 1985 in der Lower East Side von New York, ist Künstler, Schauspieler, TV-Moderator und Autor. In seinem Memoir Darling Days erzählt er poetisch und schonungslos von seiner Kindheit, die geprägt ist von einer überforderten Mutter, einem drogensüchtigen Vater – und der Suche nach der eigenen Identität.

“Gefühle sind wie Orangensaft. Ein schmerzliches Erlebnis fühlt sich so an, als würdest du ein großes, hohes, randvolles Glas Orangensaft trinken. Ein bisschen stechend auf der Zunge, geschmacksintensiv, und voll Fruchtfleisch, das nachher zwischen den Zähnen hängt. Wenn du versuchst jemandem deine Gefühle bei der Sache zu beschreiben, ist das für den ein Glas Orangensaft, das auf dem Weg von dir zu ihm zur Hälfte mit Wasser gestreckt wurde. Das ist zwar immer noch irgendwie Orangensaft, allerdings ganz schön lasch.”

iO Tillett Wright erzählt in Darling Days die beeindruckende Geschichte seines eigenen Lebens, das für ihn lange aus Armut und Drogen bestand – und der Frage, wer er eigentlich ist und sein möchte. iO wächst in der Künstlerszene von New York auf, er schauspielert und ist umgeben von berühmten Menschen. Die Suche nach der eigenen Identität beginnt früh für ihn: als er sechs Jahre alt ist, wird er beim Spielen auf dem Sportplatz von einer Gruppe Jungen ausgegrenzt – weil er ein Mädchen ist. Ab diesem Moment beschließt er, als Junge zu leben. Eine Entscheidung, die von seinem Umfeld sofort akzeptiert und nicht ein einziges Mal in Frage gestellt wird. Doch auch als Junge wird das Leben für iO nicht wirklich leichter – Verlässlichkeit und Fürsorge erfährt er kaum, stattdessen schieben sich die getrennt lebenden Eltern – die beide drogenabhängig sind – die Verantwortung für ihr Kind gegenseitig zu. Besonders schwierig ist das Verhältnis zu seiner Mutter, die manchmal zugewandt und freundlich sein kann, aber auch unberechenbar, aufbrausend und lieblos ist. Die guten Tage werden immer seltener, aber dafür umso wertvoller – iO nennt sie Darling Days und schreibt an einer Stelle: “Das sind die Darling Days, wenn alles gut ist und das Ungeheuer schläft.”

“Es tut mir leid für dich, dass deine Besessenheit von was auch immer so grausam in dir wütet. Es tut mir leid, dass du öfter dieses Horrorwesen bist als der Mensch, den ich liebe. Es tut mir leid, dass ich dich jetzt häufiger hasse als liebe.”

iO Tillett Wright erzählt in Darling Days sein ganzes bisheriges Leben nach: von der frühen Kindheit, bis ins Jahr 2008. Es ist beeindruckend, wie er sich von seiner Herkunft befreit, und sich die Chance dazu erarbeitet, ein besseres Leben zu leben. Die Suche nach der eigenen Identität steht dabei gar nicht so sehr im Vordergrund, sie wird nie problematisiert oder als Belastung empfunden – fast beiläufig wird erzählt, wie iO immer wieder zwischen den beiden Geschlechtern schwankt. Es geht vielmehr um das Aufwachsen ohne stabile Bezugspersonen, ohne das Gefühl, sich fallen lassen zu dürfen und aufgefangen zu werden – was macht es mit einem Kind, keine verlässlichen Eltern zu haben? Was macht die fehlende Sicherheit, am nächsten Tag noch genügend zu essen oder ausreichend frische Kleidung zu haben?

Die Sprache in Darling Days ist poetisch und schonungslos – stellenweise fast so schonungslos, dass es beim Lesen schmerzt. Für mich ist Darling Days eines der wichtigsten Bücher der vergangenen Monate, weil iO Tillett Wright sich nicht nur auf beeindruckende Art und Weise mit seiner Kindheit auseinandersetzt, sondern ganz nebenbei auch mit seiner eigenen Identität: es geht um Themen wie Geschlechterrollen und die Frage, wie man herausfindet, was man sich für seine Sexualität wünscht. All das erzählt iO Tillett Wright offen, mutig und frei von Angst und Scham. Seine Eltern haben ihn während seiner gesamten Kindheit mit vielem allein und im Stich gelassen – sie haben ihn nicht versorgt, sie waren nicht präsent, sie waren nicht verlässlich – doch den Wunsch, ein Junge zu sein und einen anderen Namen haben zu wollen, haben sie immer und ohne zu zögern unterstützt und damit das Fundament dafür gelegt, dass iO seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen trauen konnte.

“Ich empfinde eine Einsamkeit epischen Ausmaßes, eine dumpfe Angst, dass mich nie jemand verstehen wird, dass nie jemand meine inneren Verletzungen erkennen wird, und erst recht nicht verstehen wird, wie viel es mir abverlangt, jeden Tag vorzugeben, ich verstünde, wie Menschen miteinander umgehen und was in bestimmten Situationen von mir erwartet wird, Neues blitzschnell lernen zu müssen. Ich bezweifle, dass mich jemand wirklich lieben wird, denn keiner wird das je kapieren.” 

Ich wünsche dem Buch so viele Leser und Leserinnen wie möglich, auch weil die Geschichte von iO für mich ganz persönlich eine wichtige Geschichte ist – und weil ich glaube, dass es auch heute immer noch wichtig ist, dass diese Geschichten erzählt und gelesen werden. Ich durfte das Buch auch im Kulturkaufhaus Dussmann empfehlen und war schockiert, als ich erfahren habe, dass irgendjemand dort, die Cover der ausgelegten Bücher zerstört hat. Ebenso schockiert war ich darüber, dass ich diese Besprechung – anders als geplant – nicht unter meinem neuen Namen in der Neuen Osnabrücker Zeitung veröffentlichen durfte. Deshalb: Darling Days ist eine große und wichtige Empfehlung – für alle, die selbst auf der Suche nach ihrer Identität sind und alle, die ihre Mitmenschen besser verstehen wollen.

iO Tillett Wright: Darling Days. Mein Leben zwischen den Geschlechtern. Übersetzt von Clara Drechsler und Herbert Hellmann. Suhrkamp, 2017. 436 Seiten, 15,95€.

#femaleauthors

Jedes Jahr wird am 8. März der Weltfrauentag gefeiert. Gefeiert wird an diesem Tag, der vor allen Dingen in Europa und Nordamerika zelebriert wird, die zunehmende Gleichberechtigung – der Tag bietet aber auch immer wieder Anlass dazu, auf das hinzuweisen, was noch nicht funktioniert. Das fängt bei der Frage an, warum es überhaupt so etwas wie einen Weltfrauentag geben muss. Auf Instagram wurde ich kürzlich zu dem schönen Hashtag #femaleauthors getaggt und habe meinen Followern all die Bücher von Autorinnen gezeigt, die mich auf besondere Art und Weise berührt haben. Nun dachte ich mir, dass der heutige Tag der passende Anlass dafür ist, euch diesen weiblichen Stapel ruhig auch nochmal zu zeigen – vielleicht mögt ihr mir dann im Gegenzug verraten, welche Autorinnen ihr ganz besonders gerne lest!

Hier kommt aber erst einmal meine Auswahl für #femaleauthors:

Ruth Ozeki: Geschichte für einen Augenblick

In Geschichte für einen Augenblick geht es um Ökologie, Schrödingers Katze, Quantenphysik, Mobbing, Kamikazepiloten im Zweiten Weltkrieg, buddhistische Sterberituale, Schreib- und Leseblockaden, Depressionen, Selbstmord und auch der 11. September sowie der verheerende Tsunami, der 2011 das Atomkraftwerk in Fukushima traf, finden Erwähnung. Der Roman ist so angefüllt mit Themen, das man sich erschlagen fühlen könnt, für mich dagegen war Geschichte für einen Augenblick ein intelligentes, außergewöhnliches und phantastisches Leseerlebnis.

Lily King: Euphoria

Lily King hat mit Euphoria einen beeindruckenden Roman vorgelegt – angesiedelt in Neuguinea Anfang der 1930er Jahre berichtet sie nicht nur von einer faszinierenden Forschungsreise, sondern auch von einer aufregenden Liebesgeschichte. All das auch noch wunderbar erzählt – eine große Leseempfehlung!

Elizabeth Gilbert: Das Wesen der Dinge und der Liebe

Bekannt und berühmte wurde Elizabeth Gilbert durch ihren Bestseller und Welterfolg “Eat, Pray, Love”, der in über dreißig Sprachen übersetzt und mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt wurde. Noch viel besser gefallen hat mir aber ihr Roman Das Wesen der Dinge und der Liebe – es handelt sich dabei um einen 700 Seiten starken historischen Roman, in dem Fakten und Fiktion gekonnt miteinander verwoben wurde. Zusammengehalten und getragen wird der Roman von der Hauptfigur – Alma Whittaker, Wissenschaftlerin und Pflanzensammlerin, an die ich mich auch heute noch gerne zurückerinnere.

Nina Sankovitch: Tolstoi und der lila Sessel

Tolstoi und der lila Sessel ist kein Roman, sondern eine autobiographische Trauerbewältigung: nach dem Verlust ihrer Schwester las Nina Sankovitch, Ehefrau und Mutter von vier Söhnen, von Oktober 2008 bis Oktober 2009  täglich ein Buch und besprach es auf ihrem Blog. In Tolstoi und der lila Sessel erzählt Nina Sankovitch davon, wie diese Erfahrung ihr Leben verändert hat.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Bei Das achte Leben von Nino Haratischwili stimmt einfach alles: die Sprache, der Inhalt und auch die wunderbare Gestaltung des Buches. Auf über 1000 Seiten erzählt die junge Autorin eine Familiengeschichte, die mehrere Generationen umspannt – sie erzählt von Liebe und Hass und davon, was manche Menschen zu tun bereit sind, um aufzusteigen. Bei der Lektüre solltet ihr euch übrigens unbedingt eine heiße Schokolade machen, denn die spielt im Buch eine ganz besondere Rolle!

Sylvia Plath: Die Glasglocke

Meine Taschenbuchausgabe der Glasglocke besitze ich seit mehr als zehn Jahren und habe das Buch fast ebenso oft gelesen. Sylvia Plath schafft es, durch ihre Sprache wunderschöne und bewegende Bilder zu erschaffen. Obwohl das Buch bereits vor mehr als fünfzig Jahren erschienen ist, besticht es für mich dennoch durch seine Zeitlosigkeit und ich wünsche mir, dass sich auch heutzutage immer noch Menschen dazu entscheiden, zu diesem Buch zu greifen und es zu lesen.

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Meine geniale Freundin erzählt die Geschichte von zwei Freundinnen, die in den fünfziger und sechziger Jahren in ärmlichen Verhältnissen zusammen in Neapel aufwachsen. Das Buch ist der erste Teil einer Neapolitanischen Saga, die auf vier Bände angelegt ist. Auch wenn viele von euch bei literarischen Hypes vorsichtig sind, kann ich euch die wunderbaren Bücher von Elena Ferrante nur wärmstens ans Herz legen.

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren

Astrid Lindgren gehört mit ihren Büchern zu den prägendsten Erinnerungen meiner Kindheit, die von Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter begleitet wurde. Kürzlich sind im Ullstein ihre Tagebücher und Briefe herausgegeben worden und darin habe ich – ganz losgelöst von den wunderbaren Kindheitsgeschichten – eine kluge, inspirierende und großartige Frau entdeckt.

Siri Hustvedt: Leben, Denken, Schauen

Siri Hustvedt begleitet mich mit ihren Büchern bereits seit Jahren. Bei Leben, Denken, Schauen handelt es sich um eine Essaysammlung, in der Siri Hustvedt sich ganz unterschiedlichen Phänomenen widmet: von der Schriftstellerin Inger Christensen bis hin zu neurodegenerativen Erkrankungen. Siri Hustvedt schreibt persönlich, klug und wissenschaftlich – für mich ist das Buch eine große Inspirationsquelle, die auf meinem Nachtisch liegt und immer wieder aufgeschlagen wird.

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe

Ab jetzt ist Ruhe habe ich tatsächlich erst letztes Jahr gelesen, dabei ist es schon vor einigen Jahren erschienen. Darin erzählt Marion Brasch die dramatische und faszinierende Geschichte ihrer Familie – ihr Vater war stellvertretender Kulturminister der DDR und ihr Bruder Thomas Brasch ein bekannter Dramatiker. Marion Brasch erzählt mit viel Leichtigkeit eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat.

Heidi Julavits: Heute. Dem Leben auf der Spur

Heidi Julavits hat mit Heute: Dem Leben auf der Spur ein außergewöhnliches Buch vorgelegt. In einer Art Tagebuch beschäftigt sie sich mit dem eigenen Leben, mit ihren Erlebnissen, ihren Beziehungen, ihrer Identität und ihren Wünschen. Das liest sich ehrlich, inspirierend und bereichernd und regt dadurch gleichzeitig auch zum eigenen Schreiben an.


Soweit zu mir und meiner Auswahl – nun wäre ich natürlich gespannt darauf zu erfahren, wer zu euren Lieblingsautorinnen gehört?

Die Geschichte eines neuen Namens – Elena Ferrante

Im vergangenen Sommer brach es aus – das Ferrante-Fieber! Auch ich habe mich damals angesteckt und den ersten Band der Neapolitanischen Saga mit Begeisterung gelesen. Mit Die Geschichte eines neuen Namens ist nun kürzlich der zweite Band erschienen und hat mich erneut verzaubert: Elena Ferrante erzählt intensiv, kraftvoll und mit großer Menschlichkeit.

Dein ganzes Leben lang liebst du Menschen, von denen du nie wirklich weißt, wer sie sind.

Im Zentrum der Neapolitanischen Saga stehen Lila und Elena, zwei Freundinnen, die gemeinsam in einem dreckigen Rione in Neapel aufwachsen. Obwohl beide Mädchen intelligent sind, trennen sich ihre Lebenswege und -welten irgendwann: Elena darf weiter die Schule besuchen, Lila dagegen fängt – ohne Abschluss oder Ausbildung – in der elterlichen Schuhmacherei an. Während Elena Ferrante in Meine geniale Freundin von Elenas und Lilas Kindheit erzählt, widmet sie sich in Die Geschichte eines neuen Namens den Jugendjahren der beiden Freundinnen.

In dem, was klein ist, steckt etwas noch Kleineres, das ausbrechen will, und außerhalb von dem, was groß ist, gibt es etwas noch Größeres, das es gefangen halten will.

Der Titel des Romans bezieht sich auf den neuen Namen, den Lila angenommen hat: mit gerade einmal 16 Jahren hat sie ihren Ehemann Stefano geheiratet und somit ist aus Lila Cerullo Signora Carracci geworden. Mit diesem Ereignis endet der erste Band und so beginnt auch der zweite. Dass eine Heirat auch mit einem neuen Namen verbunden ist, klingt zunächst verheißungsvoll, doch der Leser merkt schnell, dass die Ehe von Lila und Stefano zum Scheitern verurteilt ist. Mit der Heirat wird Lila ein Lebenskonzept aufgezwungen, wie es viele junge Frauen in den sechziger Jahren in Italien gelebt haben: eine frühe Ehe, die für die Frau gleichbedeutend ist mit vielen Kindern, dem Führen des Haushalts, dem Ertragen von Zweisamkeit und der völligen Aufgabe eigener Wünsche und Ziele. Doch Lila ist nicht bereit sich zu fügen, sie kämpft für das, was sie möchte: sie gibt das Geld ihres Mannes in vollen Zügen aus, weigert sich, schwanger zu werden und nimmt sich schließlich auch noch einen Liebhaber. Die Folge ist eine unendliche Wiederholung an grausamen Streitereien und Handgreiflichkeiten.

Von klein auf hatten wir gesehen, wie unsere Väter unsere Mütter schlugen. Wir waren mit der Vorstellung aufgewachsen, dass ein Fremder uns keinesfalls anrühren durfte, dass aber unser Vater, unser Verlobter, unser Ehemann uns ohrfeigen durfte, wann immer er wollte.

Elena dagegen geht weiter zur Schule, kämpft sich verbissen bis zum Abitur durch und nimmt sogar ein Studium in Angriff. Sie verschreibt sich ganz der Bildung und dem Lernen, muss aber immer wieder bitter erfahren, dass trotz aller Bildung, die eigene Herkunft nie verschwinden wird. Sie hat sich aus ihrem Stadtviertel herausgearbeitet, dort gehört sie nicht mehr hin, doch zwischen den Studenten fällt sie mit ihrem Aussehen und ihrer Ausdrucksweise auf – auch dort findet sie nur schwer Anschluss. Ihre Sprache und ihre Garderobe machen sie zur Außenseiterin, im Kontakt mit anderen wird ihr immer wieder schmerzlich bewusst, was sie alles noch nicht weiß, noch nicht kennt und noch nicht gelesen hat. Zu Hause im Rione dagegen weiß sie zu viel, es ist ein Wissen, das sie von ihren Eltern und Geschwistern entfernt hat.

Die inhaltliche Klammer des Romans ist die Freundschaft von Lila und Elena, die zwar unterschiedliche Lebenswege einschlagen, doch im Laufe der Jahre doch immer wieder in Kontakt bleiben. Die Schilderung dieser ungleichen Freundschaft gehört für mich zu den faszinierendsten Aspekten des Romans. Die Gefühle zwischen Lila und Elena changieren zwischen Neid und Bewunderung, Missgunst und Wertschätzung, Liebe und Hass, Distanz und Nähe. Phasen, in denen beide eng miteinander verbunden sind,  werden abgelöst von Momenten der Wut und des Hasses. Als Leserin habe ich das Gefühl, dass Lila ihrer Freundin Elena ihr Glück nicht gönnen kann. Vielleicht kann sie aber auch den Schmerz nicht ertragen, als die Klügere der beiden in einer unglücklichen Ehe gefangen zu sein. Elena Ferrante lotet in Die Geschichte eines neuen Namens eine Vielzahl an Situationen aus, die Spannungen zwischen den beiden Freundinnen erzeugen und für mich als Leserin ist es tatsächlich faszinierend diese Freundschaft mit zu begleiten.

Ich bin was ich bin, und ich kann nichts anderes tun als mich zu akzeptieren; ich bin so geboren, in dieser Stadt, mit diesem Dialekt, ohne Geld; ich werde geben, was ich geben kann, werde mir nehmen, was ich nehmen kann, werde ertragen, was ertragen werden muss. 

Mir hat Die Geschichte eines neuen Namens noch besser gefallen, als der erste Band: Elena Ferrante schreibt mit einer solchen Kraft und Intensität, dass das Lesen manchmal nur schwer zu ertragen ist. Sie nimmt sich Zeit dafür, die Freundschaft zwischen Elena und Lila in all ihren Facetten zu schildern und erzählt damit gleichzeitig so viel mehr: sie erzählt von Italien in den sechziger Jahren, von Geschlechterrollen, von Heimat und Identität, von Gewalt und Liebe und davon, wie es ist, in ein Leben, eine Familie und einen Stadtteil hineingeboren zu werden, aus dem man sich nur schwer befreien kann – auch wenn man das möchte.

Die Geschichte eines neuen Namens hat mich gefesselt, Elena Ferrante erzählt wunderbar, tiefsinnig, berührend, kraftvoll und immer menschlich. Es ist lange her, dass mich Figuren aus einem Buch so intensiv berührt und begleitet haben und ich wünsche mir, dass ich euch mit dieser Begeisterung anstecken kann.

Übersicht über die Neapolitanische Saga:

Meine geniale Freundin -Die Geschichte eines neuen Namens – Die Geschichte der getrennten Wege (8.5.2017) – Die Geschichte des verlorenen Kindes (9.10.2017)

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag, Januar 2017. 25€, 624 Seiten. Weitere Informationen auf der Website über Elena Ferrante.

Ein Blick auf die Schweizer Verlagslandschaft

Die Spannung und Vorfreude steigt so langsam – gleich werde ich im Zug auf der Fahrt nach Zürich sitzen und bin schon jetzt gespannt darauf, was mich dort erwarten wird. Wie bereits erwähnt, habe ich meinen Aufenthalt auf der Frankfurter Buchmesse auch ein wenig dafür genutzt, mir einen Überblick über die Schweizer Verlagslandschaft zu verschaffen. Dort gab es einen großen Gemeinschaftsstand, der am Freitag für alle Interessierte ein gemeinsames Frühstück anbot – natürlich stilecht mit Bircher Müsli – und damit auch die tolle Möglichkeit, mit Verlagsmitarbeitern ins Gespräch zu kommen. In das Lesefestival Zürich liest selbst sind fünf Schweizer Verlage aus Zürich eingebunden, die man an Nachmittagen der offenen Tür besuchen kann. Ich habe mir die fünf Verlage mal etwas genauer angeschaut und stelle euch nun meine Highlights aus deren vielfältigem Programm vor.

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Dörlemann Verlag

Der Dörlemann Verlag wurde von Sabine Dörlemann im Jahr 2003 in Zürich gegründet und verlegt seitdem vor allen Dingen Übersetzungen ausländischer Autoren, die zwar renommiert sind, aber in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Dank des Dörlemann Verlags habe ich beispielsweise schon Autoren wie Pat Barker oder Lydia Tschukowskaja entdeckt. Zu den meist verkauften Titeln des Verlags gehört übrigens der Roman Ein unbekannter Freund von  Iwan Alexejewitsch Bunin. Der Dörlemann Verlag ist mir nicht nur wegen der ungewöhnlichen Literatur aufgefallen, die verlegt wird, sondern auch aufgrund der wunderschönen und aufwendigen Gestaltung – und der Tatsache, dass der Dörlemann Verlag einer der wenigen Verlage ist, die die Übersetzer bereits auf dem Cover nennen.

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Nagel & Kimche Verlag

Der Verlag Nagel & Kimche wurde 1983 von Renate Nagel und Judith Kimche in Zürich gegründet. Auch heute noch sitzt der Verlag in Zürich, gehört aber mittlerweile zur Verlagsgruppe der Hanser Literaturverlage. Der Verlag bringt jährlich mehr als zehn Titel heraus und gehört damit nicht nur zu den größten Schweizer Verlagen, sondern auch zu einem der angesehensten. Kern des Verlagsprogramms ist bis heute die Schweizer Belletristik – ergänzt von Sachbuchtiteln, aber auch Übersetzungen aus dem amerikanischen und englischen Sprachraum. Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder Titel bei Nagel & Kimche entdeckt, zuletzt den Roman Kastelau von Charles Lewinsky, der 2014 auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreis stand.

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Rotpunktverlag

Der Rotpunktverlag wurde bereits 1976 gegründet und hat seinen Sitz ebenfalls in Zürich. Der Schwerpunkt des Verlags liegt auf der Veröffentlichung politischer Schriften – daneben finden sich im Programm aber auch belletristische Titel von Schweizer Autoren. Einen weiteren Schwerpunkt bildet Literatur aus Lateinamerika. Der Verlag feiert in diesem Jahr vierzigjähriges Jubiläum – spannend dabei ist, dass die Verlagsgeschäfte lange Zeit vermehrt in der Freizeit geführt wurden: der Rotpunktverlag war bis in die neunziger Jahre hinein ein Freizeit- und Freiwilligenprojekt. Heutzutage ist es nur noch schwer vorstellbar, dass ein anerkannter Verlag auf der Basis freiwilliger Mitarbeit geführt wird. Auf den Besuch des Verlagshauses freue ich mich bereits jetzt!

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rüffer & rub Sachbuchverlag

Der rüffer & rub Sachbuchverlag ist ein Verlag, der mir ohne das Festival Zürich liest wohl nie begegnet wäre – es handelt sich dabei um einen kleinen Verlag, der sich auf Sachbuchtitel spezialisiert hat, die sich mit den Fragen unserer heutigen Zeit beschäftigen. Im Programm findet man ein breites Spektrum an Themen: von der Krebserkrankung, über die Demenz bis hin zu unserem Umgang mit dem Tod. Ich lese viel zu wenig Sachbücher und nehme mir immer vor, dies endlich mal zu ändern – bei rüffer & rub habe ich nun einige spannende Titel entdeckt, die ich mir auf jeden Fall mal notiert habt.

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Unionsverlag

Der Unionsverlag wurde bereits 1975 gegründet und wird seitdem von Lucien Leitess geleitet. In den vergangenen vierzig Jahren wurden mehr als 280 Autoren und Autorinnen verlegt – zumeist aus dem arabischen und asiatischen Raum. Den größten Erfolg feierte der Verlag, als ihr Autor Nagib Machfus 1988 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde – seitdem wurde das Verlagsprogramm stetig weiterentwickelt. Mittlerweile nimmt auch die türkische Literatur einen wichtigen Platz ein, ebenso ist der Verlag auch den Schritt in die digitale Produktion gegangen und bietet zahlreiche Titel auch als eBook an. Entdeckt habe ich den Verlag durch den wunderbaren Roman von Barbara Gowdy. Ich greife immer wieder gerne auf Titel aus dem Unionsverlag zurück, um in andere Länder zu reisen.

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Nach diesem kleinen Ausflug durch die Schweizer Verlagslandschaft fühle ich mich ganz beseelt angesichts der Tatsache, wie zahlreich – auch eher kleinere – Verlage abseits der großen Publikationshäuser vielseitige und spannende Titel veröffentlichen. Auf jeden Fall bin ich gespannt auf meinen Besuch in Zürich und welche Eindrücke ich von den dortigen Lesungen aber auch den Verlagshausbesuchen mitbringen werde.

Margos Spuren – John Green

Margos Spuren ist ein herrlich verrücktes, unterhaltsames und zugleich melancholisches Buch über ein verschwundenes Mädchen, einen verliebten Jungen und einen abenteuerlichen Road-Trip.

1470379192022“Von all den Hunderttausenden von Häusern in den Tausenden von Neubausiedlungen in ganz Florida wohnte ich ausgerechnet in dem Haus neben Margo Roth Spiegelman.”

Quentin ist schon als kleiner Junge in Margo, seine Nachbarin, verliebt. Für ihn ist sie das schönste und tollste Wesen auf Gottes Erden, sie ist mutig, impulsiv und vielleicht ein wenig all das, was Quentin nicht ist. Als beide neun Jahre alt sind, finden sie gemeinsam eine Leiche, einen Mann, der sich im Wald das Leben genommen hat. In der Nacht nach dem Leichenfund steht Margo am Fenster von Quentin, sie berichtet ihm, dass sie Nachforschungen angestellt hat und dass sie glaubt, dass der Mann sich das Leben genommen hat, weil alle Saiten in ihm gerissen sind. Jahre später, steht Margo wieder an seinem Fenster – ihre beste Freundin hat sie mit ihrem Freund betrogen und Margo überredet Quentin dazu, sie auf einen Rachefeldzug zu begleiten. In dieser Nacht hilft Quentin Margo dabei, sich an all denjenigen zu rächen, die ihr wehgetan haben.

Margo hat Rätsel immer geliebt. Und bei allem, was später passierte, wurde ich den Gedanken nicht los, dass sie Rätsel vielleicht so liebte, dass sie selbst zu einem wurde.

Am Tag nach dem Rachefeldzug verschwindet Margo spurlos. Es passiert nicht das erste Mal, dass sie wegrennt. Ihre Eltern sind den Dramen ihrer Tochter langsam überdrüssig, aber Quentin glaubt, dass er seine große Liebe finden muss. Margo hat bei ihrem Verschwinden geheimnisvolle Spuren hinterlassen. Doch sind diese Spuren wirklich für Quentin bestimmt? Möchte Margo von ihm gesucht und gefunden werden? Quentin überlegt nicht lange, was er möchte und macht sich auf die Suche nach den Spuren, die Margo hinterlassen hat. Schon bald ist er mittendrin in einer aufregenden Schnitzeljagd, immer auf der Suche nach der Margo, in die er sich vor vielen Jahren Hals über Kopf verliebt hat.

Doch als ich über das Gras und seine unterschiedlichen Deutungen nachdachte, musste ich an all die Bilder denken, die ich von Margo hatte, die richtigen und die falschen. Auch von Margo gab es viele Deutungen. Bisher wollte ich vor allem wissen, was aus ihr geworden war, doch jetzt, als ich versuchte die Vielfältigkeit von Whitmans Gras zu verstehen, den Geruch ihrer Decke in meiner Nase, wurde mir klar, dass die wichtigste Frage war, nach wem ich suchte. Wenn es auf die Frage ‘Was ist das Gras?’ so viele Antworten gab, dachte ich, musste es bei der Frage ‘Wer ist Margo Roth Spiegelman?’ erst recht so sein.

Ähnlich wie in Das Schicksal ist ein mieser Verräter hat John Green auch in Margos Spuren ein berührendes Porträt zweier junger Menschen geschaffen: Quentin ist ein sensibler Junge, der fast schon ein wenig zu erwachsen ist für sein Alter, und Margo ist die unerreichbare Schönheit. Auch wenn das ein wenig klingt wie ein Klischee, gelingt es John Green doch, aus diesen Zutaten eine zauberhafte, amüsante und berührende Geschichte zu kreieren. Neben Margo und Quentin ist es übrigens ein Gedichtband, der eine zentrale Rolle in diesem Buch spielt: die Grashalme von Walt Whitman. “Schraub die Schlösser von den Türen los! / Schraub die Türen selbst von ihren Pfosten los!” ist eine Zeile, die sich mir nach dem Lesen eingebrannt hat und John Green gelingt es ganz nebenbei, mir Lust auf einen Dichter zu machen, von dem ich zuvor noch nie etwas gelesen habe. An Margos Spuren hat mir nicht alles gefallen, manches ist tatsächlich etwas klischeehaft, etwas weit hergeholt, etwas unglaubwürdig. Für mich ist es immer ganz besonders wichtig, einer Geschichte glauben zu können und John Green übertreibt es leider stellenweise ein wenig mit seiner Phantasie. Auch das Ende hat sich ein wenig schal angefühlt für mich. Und doch ist der Kern des Buches so berührend wie einfach: ein Mensch ist einfach nur ein Mensch. Quentin hebt Margo aus der Ferne auf ein Podest, überstülpt sie mit Erwartungen, Wünschen und seiner eigenen Fantasievorstellung. Es ist kein Wunder, dass im Laufe des Buches sich immer stärker die Frage aufdrängt, wer Margo eigentlich wirklich ist.

Dazu kommt noch, dass wir anscheinend Schwierigkeiten haben zu akzeptieren, dass andere Leute auch nur ganz normale Menschen sind. Entweder wir verehren sie wie Götter oder wir verachten sie wie Tiere.

Alles in allem ist Margos Spuren ein lesenswertes Jugendbuch: es ist berührend, unterhaltsam und steckt voller wichtiger Fragen. Wer sind wir eigentlich und was sehen wir in anderen Menschen? Das ist große Erzählkunst mit ein paar wenigen Schwächen.

John Green: Margos Spuren. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz, Hanser Literaturverlag, Juli 2015. 336 Seiten, €16,90. 

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