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Bachmannpreis 2016 – es wird wieder gelesen

Vor etwas mehr als einem Monat wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Bachmannpreises bekannt gegeben – und heute Abend beginnen sie dann wieder, die Tage der deutschsprachigen Literatur. Am Abend wird der Wettbewerb mit einer Rede eröffnet und die Lesereihenfolge wird ausgelost. Gelesen und diskutiert wird dann von Donnerstag bis Samstag – die Entscheidung über die Gewinner wird am Sonntag getroffen. Der ganze Wettbewerb wird live auf 3sat, aber auch im Internet, übertragen.

Doch wer wird dieses Jahr überhaupt antreten?

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Marko Dinić: wurde 1988 in Wien geboren und lebt heutzutage in Salzburger. Er hat Germanistik und Jüdische Kulturgeschichte studiert und seit 2012 für unterschiedliche Zeitschriften zahlreiche Texte publiziert. Er ist außerdem der Herausgeber der Anthologie “warten auf das große wort”.

Ada Dorian: wurde 1981 in Hannover geboren und hat Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. Ihr Romandebüt “Betrunkene Bäume” soll 2017 beim Ullstein Verlag erscheinen.

Tomer Gardi: wurde 1974 im Kibbuz Dan geboren und lebt heutzutage in Tel Aviv. Nach einem Studium der Literatur- und Erziehungswissenschaft war er als Herausgeber der Zeitschrift “Sedek: A Journal on the Ongoing Nakba” tätig. Sein Roman “Broken German” erscheint im August im Droschl Verlag.

Isabelle Lehn: wurde 1979 in Berlin geboren und hat im Anschluss an eine Promotion im Fach Rhetorik noch ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig absolviert. Sie hat bereits einige Erzählungen und Essays veröffentlicht, ihr Romandebüt “Binde zwei Vögel zusammen” erscheint im Juli beim Eichborn Verlag.

Sascha Macht: wurde 1986 in Frankfurt an der Oder geboren, heutzutage studiert er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Neben Veröffentlichungen in Zeitschriften erschien in diesem Frühjahr auch sein erster Roman “Der Krieg im Garten des Königs der Toten”.

Selim Özdogan: wurde 1971 in Köln geboren und hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht, zu den bekanntesten gehört “Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist”.  Im Februar erschien sein neuester Roman „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ im Haymon Verlag.

Sharon Dodua Otoo: ist Britin und wurde 1972 in London geboren. Mittlerweile lebt die Autorin in Berlin und hat bereits zahlreiche Texte veröffentlicht, unter anderem ein Buch mit dem wunderbaren Titel: “die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle”.

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Stefanie Sargnagel: wurde 1986 in Wien geboren und gehört in diesem Jahr zu den wohl bekanntesten Teilnehmern. Unter dem Künstlernamen Sargnagel machte sie sich vor allen Dingen im Internet einen Namen, dort veröffentlichte sie zahlreiche Texte und Zeichnungen über ihre Arbeit in einem Callcenter. Zuletzt erschien von ihr das Buch “Fitness”.

Sylvie Schenk: wurde 1944 in Frankreich und lebt seit 1966 abwechselnd in Frankreich und Deutschland. Seit mehr als zwanzig Jahren veröffentlicht sie Texte und Gedichte in deutscher Sprache. Im Juli erscheint ihr Roman “Schnell, dein Leben” im Hanser Verlag.

Bastian Schneider: wurde 1981 geboren und hat Psychologie und deutsche und französische Literatur studiert. Neben Veröffentlichungen von Essays, Kurztexten und Gedichten, ist in diesem Frühjahr auch sein Romandebüt erschienen. “Vom Winterschlaf der Zugvögel” im Sonderzahl Verlag.

Jan Snela: wurde 1980 geboren und studierte nach seinem Zivildienst Komparatistik, Slawistik und Rhetorik. In diesem Frühjahr erschien bei Klett-Cotta sein Kurzgeschichtenband “Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe”.

Astrid Sozio: wurde 1979 in Hagen geboren und lebt heutzutage in Hamburg. Sozio ist ausgebildete Buchhändlerin, die außerdem Wirtschaftswissenschaften und Creative Writing studiert hat. Im August erscheint ihr Debütroman “Das einzige Paradies“.

Julia Wolf: wurde 1980 geboren und lebt heutzutage in Berlin. Vor einem Jahr erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt ihr vielbeachteter Debütroman “Alles ist jetzt“.

Dieter Zwicky: wurde 1957 in der Schweiz geboren und arbeitet – neben dem Schreiben – als Korrektur. Nach seinem Debüt  „Der Schwan, die Ratte in mir.“ – einem Erzählungsband, der im Jahr 2002 veröffentlichte wurde – erschienen zahlreiche weitere Texte.

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Wer sich übrigens noch eingehender informieren möchte, der kann sich auch vorab schon einmal die Porträts der vierzehn Autoren anschauen.

Ich bin auf jeden Fall schon ganz gespannt auf den diesjährigen Bachmannpreis. Es ist eine bunte Mischung, die dieses Jahr in Klagenfurt antritt: besonders gespannt bin ich auf Selim Özdogan, dessen Bücher ich vor vielen Jahren gerne gelesen habe. Aber auch auf Isabelle Lehn und Sascha Macht bin ich gespannt, genauso wie ich mich auf den Auftritt von Stefanie Sargnagel freue. Auch einige der anderen Titel sind bereits auf meine Wunschliste gewandert! Wie ergeht es euch denn? Werdet ihr den Bachmannpreis verfolgen? Und kennt ihr vielleicht schon einige der Autoren, die antreten werden?

Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die nächsten Tage – möge ein großartiger und interessanter Wettbewerb beginnen!

City on Fire – Garth Risk Hallberg

Der junge amerikanische Autor Garth Risk Hallberg erschafft in City on Fire ein vielstimmiges Panorama, das auf 1070 Seiten von New York im Jahr 1977 erzählt. Das ist rasant, spannend und erstaunlich gut zu lesen. Müsste ich ein kurzes Fazit ziehen, würde ich wohl sagen: beste Leseunterhaltung!

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Die Dinge werden erst dann interessant, wenn sie in die Brüche gehen.

Im Roman von Garth Risk Hallberg beginnt alles mit einem Schneesturm in der Silvesternacht im Jahr 1976: im Central Park – mitten in New York – wird Samantha Cicciaro schwer verletzt im Schnee gefunden. Jemand hat auf die Jugendliche geschossen, direkt neben all den Villen und Geschäftsgebäuden. Dieses Ereignis bildet den Anker und das Zentrum des Romans – um den Fall lösen zu können, muss die Polizei das komplette Umfeld von Sam auf den Kopf stellen. Da ist zum Beispiel der dunkelhäutige Mercer Goodman, der das Mädchen gefunden und die Polizei gerufen hat. Er arbeitet an einer Mädchenschule und lebt in einer Beziehung mit einem Mann, sein Lebensgefährte William ist ein Nachkomme der weithin bekannten und steinreichen Familie Hamilton-Sweeney. Statt die Familiendynastie fortzuführen, lebt William das Leben eines Aussteigers: schon früh verlässt er das Elternhaus, lebt als Künstler und alternativer Musiker, nimmt Drogen und verliebt sich irgendwann in Mercer. Williams Schwester Regan hat zusammen mit ihrem Ex-Mann Keith zwei Kinder, sie hat sich jedoch von Keith getrennt, als sie seine Affäre mit Samantha aufdeckte.

Und sie hatte gelernt, dass man im Grunde nichts von dem horten konnte, was wirklich zählte. Gefühle, Menschen, Lieder, Sex, Feuerwerke: All diese Dinge existierten nur in der Zeit, und wenn der Moment vorbei war, waren auch sie vorbei.

An dieser kurzen Zusammenfassung wird vielleicht schon deutlich. wie viele Leben Garth Risk Hallberg in seinen Roman gepresst hat und wie sehr die einzelnen Figuren miteinander verwoben sind. City on Fire ist kein  wirklicher Kriminalroman, sondern vielmehr ein aufregendes und vielschichtiges Puzzle einer ganzen Stadt – endlos viele individuelle Geschichten werden zu einem einzigen und riesengroßen Panorama zusammengesetzt. Das liest sich großartig und wunderbar unterhaltsam, es ist nur nicht leicht, eine Rezension über ein solches Buch zu schreiben, da es kaum möglich ist, über einen einzelnen Handlungsstrang sprechen zu können, ohne über alle anderen Handlungsstränge zu sprechen.

Und du da draußen: Bist du nicht irgendwie bei mir? Ich meine, wer träumt nicht immer noch von einer anderen Welt als dieser? Wer von uns wäre jetzt bereit, die Hoffnung aufzugeben – wenn das bedeutete, den Wahnsinn, das Rätselhafte, die absolut nutzlose Schönheit der Millionen zuvor möglichen New Yorks aufzugeben. 

Der Roman, der mit einem Schneesturm beginnt, endet mit einem Stromausfall, dem sogenannten Blackout, den es im Juli 1977 tatsächlich in New York gegeben hat. Der Stromausfall ist der einzige Moment des Romans, in dem mich der Autor ein wenig verliert: die Geschichte wird auf den letzten Seiten einfach zu rasant, einige Figuren, die ich zuvor im Laufe von hunderten Seiten ins Herz geschlossen habe, gehen plötzlich aufgrund des rasenden Tempos verloren – ihre Geschichten bleiben unabgeschlossen, werden nicht zu Ende entwickelt.

Er sah die Sonne, die hinter einer Wolke hervorkam, und die Äste der Ulmen, die wie die Arme von Tänzern in die Luft gestreckt waren, und die grünen Gewänder, die sie in den Wind hielten. Alles Nebensächlichkeiten, natürlich, doch das war es, was diese Stadt einem gab und was Romane nicht konnten: nicht, was man brauchte, um zu leben. sondern was das Leben überhaupt erst lebenswert machte.

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City on Fire erinnert in der Aufmachung und in der Gestaltung an Amerikanische Nacht von Marisha Pessl: der herkömmliche Text wird immer wieder durch verschiedene Elemente durchbrochen. Es gibt Zeitungsausschnitte, Briefe, E-Mails, Patientenberichte. Alles davon ist notwendig, um diese ausufernde Geschichte zu erzählen, nichts davon ist überflüssig. Zusammengehalten wird diese Geschichte, die kaum wirkliche Schwächen hat, von einer flüssigen Sprache, die von dem Übersetzer Tobias Schnettner ins Deutsche übertragen wurde.

Alles in allem ist Garth Risk Hallberg mit City on Fire ein wunderbarer und lesenswerter Roman gelungen, der zwar 1000 Seiten stark ist, sich aber leicht lesen lässt. Vielleicht ist das der einzige Makel dieser Geschichte: City on Fire hat nur wenige Ecken und Kanten, der Roman ist nicht besonders mutig und bis auf die Gestaltung auch nicht wirklich unkonventionell erzählt. Er liest sich ein wenig wie eine gute Vorabendserie: spannend zu verfolgen und leicht zu konsumieren. Was soll ich sagen: für mich ist City on Fire ein schöner Unterhaltungsroman – eine Mischung aus ein wenig Kriminalroman, aus viel Familienroman und aus einer großen Portion Gesellschaftsporträt. Vor allen Dingen aber erzählt Garth Risk Hallberg von uns Menschen, vom Leben, von der Liebe und von den dunklen Schattenseiten.

Garth Risk Hallberg: City on Fire. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Tobias Schnettler. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016. 1072 Seiten, €25. 

Blauschmuck – Katharina Winkler

Katharina Winkler legt mit Blauschmuck einen nur schwer zu ertragenden wenn gleich auch sehr lesenswerten Roman vor, der von Liebe und Gewalt erzählt, von den Schrecken einer Ehe und einer viel zu frühen Heirat. Es ist ein Roman, der auf wahren Geschehnissen beruht.

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Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe.

Filiz wächst in einem Tal auf, in dem hundert blaue Frauen leben – es gibt hellblaue Frauen, dunkelblaue, blau-rote und blau-schwarze. Manche von ihnen tragen ihr Blau um den Hals, andere tragen es um ihre Handgelenke oder um ihre Fesseln. Viele von ihnen verbergen den Blauschmuck so gut es geht, einige von ihnen wechseln ihn von Woche zu Woche oder von Tag zu Tag. Verantwortlich für den Blauschmuck sind die Männer des kurdischen Dorfes: Das Werkzeug, Holz oder Eisen, und die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton. Mit dem Begriff Blauschmuck werden die Blutergüsse bezeichnet, die sich in allen Farben und Formen auf den Körpern der Frauen ausbreiten – zugefügt von ihren Männern, Vätern oder Brüdern.

Das Erbarmungslose dieses Textes beginnt schon vor dem ersten Satz, denn in der Widmung erfährt man, dass hier nicht nur eine Geschichte erzählt wird, sondern eine wahre Lebensgeschichte. Erzählt wird die Geschichte von Filiz, die in einem abgelegenen kurdischen Dorf aufwächst. Sie verliebt sich als junges Mädchen in Yunus, läuft mit ihm fort – gegen den Willen ihrer Eltern – und heiratet ihn. Ihn, Yunus, der ihr ein Leben in Jeans und im Glück verspricht. Doch mit den Versprechungen ist es nach der Heirat schnell vorbei: Filiz wird geschlagen, vergewaltigt, gedemütigt, wie eine Sklavin gehalten, beinahe erhängt. Nicht nur ihr Mann quält sie, sondern auch ihre Schwiegermutter, die all das weitergibt, was sie selbst ertragen musste. Ein Kreislauf aus Schmerz und Gewalt, der scheinbar nicht zu durchbrechen ist.

Die Nähmaschine ist eine Wundermaschine. Sie zieht meinen Blick auf die Spitze der Nadel, alle Gedanken, alle Empfindungen sammeln sich dort. Die Nadel stickt meine Seele als Muster auf den Stoff. 

Brutal und ungeschönt erzählt Katharina Winkler vom Martyrium einer Frau, die in einer Welt aufwächst, die von Männern dominiert und beherrscht wird. Der vorangestellte Hinweis machte das Buch für mich zu einer noch beeindruckenderen Lektüre, aber auch zu einer schwierigen. Katharina Winkler erzählt eine Geschichte, die alle Vorurteile gegenüber muslimischen Männern bestätigt, es ist eine Geschichte voller Rückständigkeit und antiquierten Vorstellungen. Eine Geschichte, die das Bild der frauenjagenden Männerhorde wieder auferstehen lässt. Filiz lebt ein Leben ohne Rechte, genauso wie all die anderen Frauen, mit denen sie im Tal aufgewachsen ist. Kann Blauschmuck möglicherweise ein Roman sein, der all die Befürchtungen und Vorurteile noch befeuert? Ich selbst weiß es nicht, glaube aber, dass man diese mögliche Lesart auf jeden Fall im Hinterkopf behalten sollte. Es ist ein richtiges und ein wichtiges Buch, das vielleicht das Schicksal ereilt, zur falschen Zeit zu erscheinen.

Schläge fallen von der Decke. Schläge fallen von den Wänden. Schläge kriechen aus den Ritzen im Boden. Schlag. Um Schlag. Schlag. Um Schlag. Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe.

Die Sprache von Katharina Winkler ist reduziert und einfach. Es gibt viel Weiß auf den Seiten: die Sätze sind kurz, manchmal fast abgehackt. Fast so, als würde die Geschichte von einem Kind erzählt werden, das nie die Chance erhalten hat, erwachsen zu werden. Nichts an diesem Text ist zu viel oder gar überflüssig. Blauschmuck ist ein hartes Buch, doch neben dem ganzen Horror, gibt es auch immer wieder kleine Lichtblicke: Filiz erhält Hilfsangebote und Unterstützung, trifft auf Menschen, die ihr zur Seite stehen. Ihr Leben erscheint ausweglos, ihr Mann ist erbarmungslos, doch Filiz gelingt es dennoch, sich ein ganz klein wenig  Lebensglück zu erhalten.

Ich habe mit Blauschmuck einen ungewöhnlichen Debütroman gelesen, der alles hat, was ein gelungener Roman braucht: es wird auf beeindruckende Art und Weise eine berührende Geschichte erzählt, die mich nicht mehr losgelassen hat. Das Buch habe ich zugeklappt, doch die Geschichte von Filiz spukt mir immer noch durch den Kopf: es ist eine Geschichte, die mich wütend gemacht hat, die mich berührt hat, die mir weh getan hat und die mich am Ende nachdenklich zurückließ. Es ist ein Buch, das nicht einfach zu besprechen ist, das aber dennoch gelesen werden sollte.

Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp Verlag, Februar 2016. 196 Seiten, 18,95€. Weitere Besprechungen gibt es bei: 54books, Das graue Sofa, Revolution baby revolution und der Buchbloggerin

Der Fuchs – Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann legt mit seinem Debütroman Der Fuchs eine beeindruckende Geschichte vor: sie ist ungewöhnlich, verspielt, vielschichtig und nebenbei auch noch hochspannend erzählt. Der Fuchs ist ein gewaltiges Buch, ein gewagtes Buch, ein experimentierfreudiger Roman und eine fantastische Lektüre.12733986_1308832599142570_8134941838286517001_n

Mir kam alles verrückt und sinnlos vor. Für was hatten wir uns letzte Woche noch so sehr angestrengt? Ich hatte es vergessen. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass es einen Ort gab, an dem die Menschen nicht auf ihren Dächern standen.”

Es ist kein Wunder, dass mir bei Nis-Momme Stockmanns Debütroman die Superlative nicht mehr ausgehen, denn Der Fuchs konnte mich wirklich begeistern. Eigentlich inszeniert Stockmann Theaterstücke, viele davon bisher schon mehrfach aufgeführt und vielfach preisgekrönt. Mit Der Fuchs hat der junge Autor, der auf Föhr aufgewachsen ist, nun seinen Debütroman vorgelegt und wurde damit prompt für den Leipziger Buchpreis nominiert. Ein wenig erinnert die ganze Konstellation an Gegen die Welt von Jan Brandt, der damals auch mit einer wundersamen Dorfgeschichte debütierte, die im hohen Norden angesiedelt war.  In Der Fuchs wird wiederum eine Geschichte erzählt, die hinter dem Deich spielt – in einem kleinen Dorf, das den mythischen Namen Thule trägt.

Im Zentrum der Geschichte steht Finn Schliemann und der Leser lernt ihn zu Beginn des Romans in einer ausweglosen Lage kennen: Thule wurde von einer kaum vorstellbaren Flut heimgesucht. Ausgerechnet Thule, wo man das Geld lieber in andere Dinge gesteckt hat, als in den Katastrophenschutz. Das erste Kapitel des Romans gleicht einem Katastrophenszenario: Leichen treiben im Wasser, die Vorräte gehen aus und Hilfe ist nicht in Sicht. Finn hat sich gemeinsam mit seinen besten Freunden auf ein Häuserdach gerettet, von dem es scheinbar kein Entkommen gibt.

Mich überkam plötzlich ein seltsamer Gedanke: Hat das eigentlich irgendjemand aufgeschrieben? Hat das jemand fotografiert? Diese kolossale Gewöhnlichkeit. Diese kolossale Ereignislosigkeit. Diesen Ort hier – am Rande von allem. Gerade werden alle Zeugen und Beweise vernichtet – dass es das jemals gab.

Auf den folgenden 700 Seiten entfaltet sich in Rückblenden eine faszinierende und schier unglaubliche Geschichte: es geht um eine furchtbare Mordserie, altorientalische Gottheiten, den SPD-Ortsvorstand und einen verloren gegangenen Arm. Erzählt wird aber auch vom Hier und Jetzt, von Finn, dem “Typ mit dem behinderten Bruder, der zugezogenen Mutter, dem toten Vater.” Von den Jugendlichen im Dorf wird er gequält, dafür findet er in Katja eine Freundin. Katja ist selbstbewusst, cool und ziemlich tiefgründig. Gemeinsam mit Katja begibt sich Finn auf die Spuren der Mordserie, hält mit seiner kleinen Kamera alles fest, was ihnen verdächtig erscheint und wird von dem Mädchen zunehmend in eine andere Welt gezogen.

Ich frage mich, ob ich, wenn ich in der Vergangenheit etwas anders gemacht hätte, mich anders verhalten hätte, etwas am Lauf der Dinge hätte ändern können. Dann gibt es einen kurzen Schmerz. Als wäre das ganze Leben unlebbar.

Nis-Momme Stockmann legt mit Der Fuchs einen vielschichtigen,  handwerklich anspruchsvollen und doppelbödigen Roman vor. Er hat mich als Leserin im ersten Kapitel an die Hand genommen und ich war dazu bereit, den verschlungenen Weg der Erzählfäden über siebenhundert Seiten mitzugehen. Mit großartigen Bilder erschafft Stockmann ein Katastrophenszenario, das jedoch auch immer wieder mit einer gewissen ironischen Distanz gebrochen wird – über allem schwebt der Zweifel: passiert das jetzt gerade genauso, wie es erzählt wird oder vielleicht doch ganz anders? Was ist ernst gemeint? Was ist ironisch? Diese Zweifel, diese Doppelbödigkeit tragen zum Vergnügen an diesem Stück Literatur bei.

Wir stehen da und behaupten, wir bestünden aus den Einzelakten. Aus dem Mal, wo wir die Katze aus dem Baum gerettet haben. Wo wir dem Obdachlosen einen Fünfer schenken. Wo wir den Freunden beim Umzug helfen. Und genauso glauben wir gerne: Unsere Zeit: das ist der Mauerfall oder die Mondlandung oder 9/11, die Revolutionen, die Reformen. Aber nein. Nein, nein: Es sind die mutmaßlichen kleinen Entscheidungen, die die größeren befördern. Das “Dazwischen”. Letztendlich und in der Summe, unterm Strich sozusagen: sind das wir. Und ist das dann auch: unsere Zeit. 

Natürlich – das bleibt bei einem siebenhundert Seiten langen Roman selten aus – gibt es auch schwächere Passagen: manches zieht sich ein wenig und auch manchen Handlungsfänden konnte ich dann doch nicht mehr folgen. Dennoch überzeugt mich dieser Roman als Gesamtkunstwerk, nicht nur in seiner Kunstfertigkeit, sondern auch in seinem Mut und in seiner Freunde am Erzählen. Nis-Momme Stockmann legt mit Der Fuchs einen Roman vor, der alle Genres sprengt, alle Grenzen und Vorstellungen. Es ist ein Roman, der mir noch lange im Kopf bleiben wird und ich hoffe darauf, dass ich euch mit meiner Begeisterung anstecken kann, damit Finn und Katja noch in ganz viele weitere Köpfe einziehen können.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs. Rowohlt Verlag, Hamburg 2016. 717 Seiten, €24,95. Weitere Besprechung findet ihr auf: Zeilensprünge und The Daily Frown. Auf Intellectures gibt es ein lesenswertes Interview mit dem Autor.

Gehen, ging, gegangen – Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck legt mit Gehen, ging, gegangen einen hochaktuellen, wichtigen und lesenswerten Roman vor. Einen Roman, dessen Schicksal es ist, dass die fiktive Handlung von der Realität eingeholt wurde und dem Buch damit möglicherweise etwas aufbürdet, das dieses gar nicht verdient.

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Wohin geht ein Mensch, wenn er nicht weiß, wo er hingehen soll?

Das beherrschende Thema in Gehen, ging, gegangen ist die Zeit: Richard hat zu viel freie Zeit, seitdem er in Rente gegangen ist. Seine Frau ist verstorben, er lebt alleine und seitdem er nicht mehr arbeitet – er ist viele Jahre lang Professor gewesen – erscheint ihm das Vergehen der Zeit noch bedrückender, noch langsamer, noch kräftezehrender. Die Zeit, die ihm bleibt, ist begrenzt, doch womit soll er sie füllen? Was kann man mit dem Leben anfangen, wenn man plötzlich nichts mehr hat – keine Frau, keine Arbeit, keinen geregelten Tagesablauf?

Auch die Menschen, die auf dem Oranienplatz kampieren, verfügen über viel freie Zeit. Es handelt sich um Flüchtlinge, um Asylbewerber, die in Deutschland ein neues Zuhause finden wollen. Sie hoffen auf Arbeit, auf Sicherheit, auf ein besseres Leben. Sie suchen Schutz vor dem Krieg, vor den Bomben, vor den Gewehrsalven. Auf ihrer Flucht haben sie einen Weg eingeschlagen, der ihnen das Leben hätte kosten können – einzig und allein von der Hoffnung getragen, dort wo sie ankommen, ein besseres Leben führen zu können. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam, die Zeit vergeht schleppend, ohne, dass sie sinnvoll gefüllt werden könnte.

Manchmal schon hat er sich dafür geschämt, dass er Abendbrot isst, während er auf dem Bildschirm totgeschossene Menschen sieht, Leichen von Erdbebenopfern, Flugzeugabstürzen, hier einen Schuh von jemandem nach einem Selbstmordanschlag, dort in Folien gewickelte Körper von Opfern einer Seuche, nebeneinander im Massengrab liegend. Er schämt sich auch heute, und isst trotzdem weiter, wie sonst auch.

Jenny Erpenbeck führt beide zusammen: die Gruppe Flüchtlinge und Richard, den emeritierten Professor. Richard wird zufällig auf die Männer aufmerksam, er sieht einen Nachrichtenbeitrag über sie, als sie sich dazu entscheiden, in den Hungerstreik zu treten. Sie haben genug davon, Zeit zu vertun. Richard erinnert sich daran, kurz zuvor am Oranienplatz vorbeigelaufen zu sein – so in seiner Welt gefangen, dass er all die Männer und ihr Schicksal gar nicht wahrgenommen hat. Die hungernden Flüchtlinge vom Oranienplatz lassen Richard nicht mehr los, er möchte sie kennenlernen, möchte etwas über ihre Leben erfahren. Kurzerhand beschließt er, sie aufzusuchen, um ihnen all die Fragen zu stellen, die ihn umtreiben.

Wo sind Sie aufgewachsen? Welches ist Ihre Muttersprache? Welcher Religion gehören Sie an? Wie viele Menschen gehören zu Ihrer Familie? Wie sah die Wohnung, das Haus aus, in dem Sie aufwuchsen? Wie haben sich Ihre Eltern kennengelernt? Gab es einen Fernseher? Wo schliefen sie? Was gab es zu essen? Was war in Ihrer Kindheit Ihr Lieblingsversteck? Haben Sie eine Schule besucht? Was für Kleidung trugen Sie? Gab es Haustiere? Haben Sie einen Beruf gelernt? Haben Sie selbst Familie? Wann sind Sie aus Ihrer Heimat weggegangen? Warum? Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer Familie? Mit welchem Ziel sind Sie aufgebrochen? Wie haben Sie Abschied genommen? Was haben Sie mitgenommen, als Sie weggingen? Wie haben Sie sich Europa vorgestellt? Was ist anders? Wie verbringen Sie Ihre Tage? Was vermissen Sie am meisten? Was wünschen Sie sich? Wenn Sie Kinder hätten, die hier aufwachsen, was würden Sie ihnen von der Heimat erzählen? Können Sie sich vorstellen, dass Sie hier alt werden? Wo soll man Sie begraben?

Richard befragt die Männer, erforscht ihre Geschichten, begleitet sie in den Deutschunterricht. Während ihm die Flüchtlinge zu Beginn noch fremd gewesen sind, ihr Schicksal ihn im Vorbeigehen sogar gar nicht auffiel, werden sie plötzlich zu einem Teil seines eigenen Lebens: er wird für sie zu einem Ersatzvater, zu einem väterlichen Freund. Er unterstützt sie bei Arztbesuchen und Behördengängen, lädt einige von ihnen zu sich nach Hause ein. Richard und die geflüchteten Männer könnten nicht verschiedener sein, sie stammen aus völlig unterschiedlichen Welten. Bevor die Flüchtlinge in sein Leben traten, sah Richard sich mit einer Zeit konfrontiert, die verging ohne gefüllt zu werden. Das Schicksal der traumatisierten Männer füllt sein Leben und seine Zeit nun auf vorher nie geahnte Art und Weise aus. Plötzlich hat er wieder eine Aufgabe, sein Leben hat wieder einen Sinn und die Zeit ist wieder kostbar geworden. Der Schluss, den man hier als Leser ziehen könnte, mag platt wirken und doch hat mich das Aufgehen von Richard in einer neuen Aufhabe tatsächlich gepackt.

Jenny Erpenbeck legt mit Gehen, ging, gegangen einen lesenswerten und wichtigen Roman vor, der mich in seiner Nüchternheit sehr gerührt hat. Die großen Momente des Buches liegen zwischen den Worten, zwischen den Sätzen, in all dem, was auch nicht gesagt wird. Die Sprache ist einfach, angenehm zurückhaltend, beinahe leise. Die Autorin hat sich einen stoischen Erzähler gesucht, der sachlich auf das Leben blickt und sich nur selten aus der Ruhe bringen lässt. Manchen mag das farblos erscheinen, manchen mag das erzählerische Momentum fehlen – für mich ist Gehen, ging, gegangen dennoch stimmig. Im Mittelpunkt stehen – neben dem Thema Zeit – die Geschichten der Flüchtlinge, die viel Geld bezahlt und ihr Leben riskiert haben, um es nach Deutschland zu schaffen. Ohne dort wirklich erwünscht zu sein, ohne die Aussicht zu haben, dort bleiben zu dürfen. Die Geschichten, die sie mit sich tragen, sind herzzerreißend und das, was sie aufgeben mussten unvorstellbar.

“[…] wenn Krieg ist, gibt es nichts anderes als Schlagen und Schießen, Schlagen und Schießen, wenn Krieg ist, geht alles in Scherben, wenn Krieg ist, sieht man den Krieg, und sonst nichts mehr.”

Jenny Erpenbeck hat mit Gehen, ging, gegangen ein Buch geschrieben, dessen Schicksal es ist, dass die fiktive Handlung schon längst von der Wirklichkeit überholt wurde. Wer das Buch heutzutage aufschlägt, der liest es mit einer ganz anderen Erwartungshaltung, denn das, von dem er liest, ist bereits Teil unserer Realität geworden. Ich glaube, dass dieses Schicksal dazu führen kann, dem Buch Unrecht zu tun. Für mich ist Gehen, ging, gegangen ein lesenswerter und wichtiger Roman, der sich auf mehreren Ebenen mit zentralen Themen unserer Zeit beschäftigt: was ist mit Recht und Unrecht? Was ist mit der Zeit, die uns zur Verfügung steht? Wie können wir sie sinnvoll nutzen? Wie weit darf Hilfe gehen?

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Knaus Verlag, München 2015. 352 Seiten, €19,99. Weitere Rezensionen gibt es auf: Literatur leuchtet | Das graue Sofa | Lust auf Lesen

#top5tbrbooks

#igreads und #bookstagram – so heißen wohl die beiden beliebtesten Hashtags, die buchbegeisterte Nutzer und Nutzerinnen bei Instagram benutzen. Weiß jeder von euch, was ein Hashtag ist? Ich wusste das vor einigen Jahren selbst noch nicht so genau. Das Wort lässt sich wohl am besten mit dem Begriff Verschlagwortung erklären. Nach den verwendeten Hashtags können in sozialen Netzwerken dann andere suchen. Ich stelle mir dieses Prinzip immer wie einen riesengroßen Zettelkasten vor.

Lesestapel

In diesem reisengroßen Zettelkasten habe ich vor kurzem einen spanenden Hashtag entdeckt: #top5tbrbooks. Ja, ich weiß, manche Hashtags muss man zweimal lesen. Dieser heißt ausgeschrieben so viel wie: die nächsten fünf Bücher, die ich unbedingt lesen möchte. Wenn man nach diesem Hashtag auf Instagram sucht, dann kann man ganz viele Fotos mit Bücherstapeln entdecken.

Ich fand diesen Hashtag so spannend, da ich so etwas sonst nie mache: ich lege mir eigentlich keine Stapel mit Büchern zurecht, die ich als nächstes lesen möchte. Wie und warum ich Bücher auswähle, ist ein Prozess, der wirklich schwer zu beschreiben ist. Uwe Tellkamp hat sein Schreiben mal als Suchbewegung beschrieben und so würde ich auch mein Lesen beschreiben: die Lektüreauswahl erfolgt dabei ganz intuitiv, ich gehe zum Regal und greife zu dem Buch, auf das ich in diesem Moment die größte Lust verspüre – manchmal drängeln sich wiederum neue Bücher dazwischen, die dringend gelesen werden wollen. Schön finde ich es dann immer, wenn sich im Nachhinein betrachtet Zusammenhänge und Leselinien auftun: zuletzt habe ich zum Beispiel mehrere Schriftstellerbiographien gelesen. Die Auswahl erfolgte in dem Moment jedoch rein zufällig.

Der Hashtag hat mich dazu inspiriert, auch mal einen Stapel anzulegen – ich bin schon gespannt, ob ich mich daran halten werde. Gestern habe ich auf jeden Fall schon zu On the move von Oliver Sacks gegriffen.

Wie ergeht es euch? Wie geht ihr bei der Auswahl eurer Lektüre vor? Habt ihr Lesepläne oder Lesestapel? Und was wären bei euch die nächsten fünf Bücher, die ihr unbedingt lesen wollt?

Machandel – Regina Scheer

Machandel ist das Romandebüt von Regina Scheer, in dem sie nicht nur einen Teil der ostdeutschen Geschichte wieder zum Leben erweckt, sondern gleichzeitig auch eine weitverzweigte Familiengeschichte erzählt. Eine Familiengeschichte voller Träume und Hoffnungen, voll von Freundschaft und Verrat.

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Man muss nicht in einer großen Stadt leben. Alles, was geschehen kann, ist auch in Machandel geschehen.

Regina Scheer macht einen verwunschenen Sommerkaten und ein kleines mecklenburgisches Dorf zum Zentrum ihres Romans. Das Dorf ist fiktiv, liegt nur zwei Stunden von Berlin entfernt in nördlicher Richtung und trägt den Namen Machandel. Ein Name, der nicht zufällig gewählt wurde, sondern auf die uralte Geschichte des Machandelbooms zurückgeht. In den unterschiedlichen Kulturkreisen wird diese Geschichte immer wieder anders erzählt: in dem Märchen der Brüder Grimm begräbt Marlene unter dem Machandelbaum die Knochen ihres Bruders, der anschließend in der Gestalt eines Vogels wieder aufersteht und davon singt, dass er ermordet wurde – durch die eigene Stiefmutter. Das Märchen bildet das Fundament des Romans – im übertragenen Sinne sagt es, dass man die Erinnerung zulassen muss, da in ihr das Geheimnis der Vergebung und Erlösung liegt. Nur wer sich erinnert, dem kann verziehen werden.

Früher. Ich bin schon wie die alten Frauen, die in dem Dorf wohnten, als wir hierherkamen; sie lebten mit Menschen, die nicht mehr da waren, das längst Vergangene gehörte zu ihrer Gegenwart. So geht es mir auch, wenn ich an meinen Katen denke, ein schönes Haus mit einem Badezimmer und großen grünen Kachelöfen, die geölten Fenster aus Lärchenholz, das Fachwerk innen und außen mit Lehm verputzt.

Doch worum geht es eigentlich? Machandel ist ein so weit verzweigter Familienroman und ein so umfassendes Zeitmosaik – Regina Scheers Erzählung umfasst mehr als neunzig Jahre -, dass es nicht ganz leicht fällt, die Handlung zusammenzufassen. 1985 begleitet Clara ihren Bruder Jan in das mecklenburgische Dorf Machandel. Der vierzehn Jahre ältere Jan steht kurz vor der Ausreise aus der DDR, er wurde im Schloss von Machandel geboren und ist in diesem märchenhaften Dorf aufgewachsen. Doch mittlerweile möchte er nur noch weg. Als Clara mit Jan und ihrem Mann damals nach Machandel reiste, entdeckte sie dort einen Sommerkaten. Einen verwunschenen Ort – scheinbar perfekt für die kleine Familie. Ihren Bruder verliert sie – er flüchtet aus der Republik, doch dafür erhält sie einen Platz im Ort seiner Kindheit. Der Sommerkaten wird von Clara zu einem Wochenendhaus hergerichtet, der ihr und ihrer Familie immer wieder Zuflucht gewährt. Schon ihr Vater, der von den Nationalsozialisten verfolgt wurde, ist Jahrzehnte zuvor nach Machandel geflüchtet. Der flüchtende Vater, der damals Kommunist gewesen ist, wird nach dem Krieg zum Staatsdiener. Aus dem Kommunisten wird ein erfolgreicher Minister, doch seine eigenen Kinder wenden sich ab: Jan stellt einen Ausreiseantrag und Clara schließt sich Bürgerbewegungen an. Die Mutter verfällt dem Alkohol.

Aber jetzt ahnte ich, dass ich hier an diesem Ort etwas finden könnte, was wie ein verlorenes Verbindungsstück zu ihm wäre. Und vielleicht auch zu unseren Eltern. 

Regina Scheer lässt ihre Geschichte abwechselnd von fünf unterschiedlichen Stimmen erzählen: drei Männer und zwei Frauen kommen zu Wort und als Leser wird man Teil ihrer Lebensgeschichten. Machandel wird dabei zu einem Knotenpunkt. Eigentlich reist Clara in das Wochenendhäuschen, um an ihrer Dissertation zu arbeiten (über das Märchen Von dem Machandelbloom), doch stattdessen streift sie immer wieder durch das Dorf – es ist ein Streifzug durch die Vergangenheit, ein Streifzug auf der Suche nach Antworten. Ähnlich wie Marlene, die die Knochen ihres Bruders aufsammelt, um sich an ihn zu erinnern und ihn damit wieder zum Leben erweckt, sammelt auch Clara Erinnerungen auf: es sind Erinnerungssplitter, Erinnerungsbilder Erinnerungstrümmer, Erinnerungsbruchstücke. Sie erinnert an die Flüchtlinge aus dem Osten, die nach Machandel kamen – in der Hoffnung dort Unterschlupf zu finden. Sie erinnert an eine russische Zwangsarbeiterin, die im Dorf ein neues Zuhause fand. Sie erinnert an ein junges Mädchen, das in eine Anstalt eingeliefert wurde. Sie erinnert an ihren Vater, der schwerverletzt im Schloss von Machandel gesund gepflegt wurde und sich dabei verliebte.

Ich spürte und wusste allmählich, dass an diesem Ort, in unserem eigenen Haus, etwas geschehen war, das nicht vergessen war, das sich jederzeit plötzlich zeigen konnte, als ein Schmerz in Nataljas Gesicht, als ein Verstummen im Gespräch der Frauen am Bus, in der Geste, mit der sie sich kaum merklich von Wilhelm abwandten. Dieses Ungesagte verwob sich für mich mit dem Märchen vom Machandelbloom, es machte mich traurig. Dennoch fuhren wir so oft wie möglich nach Machandel, als würden wir nur an diesem Ort festhalten können, was uns allmählich verloren ging.

Regina Scheer legt mit Machandel einen Roman vor, der einem Kaleidoskop gleicht – einem Mosaik. Es ist kaum möglich, dieses märchenhafte Panorama aus einzelnen Schicksalen, geschichtlichen Entwicklungen und sozialen Strömungen zusammenzufassen. Es ist erst recht nicht möglich, diesem Panorama auch noch gerecht zu werden. Dem Leser werden ganz viele unterschiedliche Stimmen und Töne geboten, die allesamt von Glaubwürdigkeit und Authentizität getragen werden. Auch von ganz unterschiedlichen Schicksalen wird erzählt: manche der Figuren überstehen alles unbeschadet, andere wiederum nehmen Schaden – manchmal sogar schweren Schaden. Kein Schicksal hat mich unberührt gelassen, denn Regina Scheer erzählt mit so viel Wärme und Zuneigung von ihren Figuren, dass ich mich als Leserin dem nicht entziehen konnte. Geschichte um Geschichte verbirgt sich in diesem großartigen Roman, der dennoch nie überladen wirkt: die Erinnerungsbilder fügen sich Seite für Seite zu einem Ganzen, bis deutlich wird, wie wichtig es ist, Erinnerungen zu bewahren, um weiterleben zu können. Machandel erzählt von der Kraft der Erinnerung und der Einsamkeit im Exil des Vergessens. Von geplatzten Träumen, zerstörten Hoffnungen, von politischen Gräueltaten und schweren Schicksalsschlägen. Der Roman erzählt aber auch von drei starken Frauen, von Liebe und von grenzenloser Hilfsbereitschaft.

Machandel ist ein großartiges und wichtiges Buch, dem ich so viele Leser und Leserinnen wie möglich wünsche.

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