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#femaleauthors

Jedes Jahr wird am 8. März der Weltfrauentag gefeiert. Gefeiert wird an diesem Tag, der vor allen Dingen in Europa und Nordamerika zelebriert wird, die zunehmende Gleichberechtigung – der Tag bietet aber auch immer wieder Anlass dazu, auf das hinzuweisen, was noch nicht funktioniert. Das fängt bei der Frage an, warum es überhaupt so etwas wie einen Weltfrauentag geben muss. Auf Instagram wurde ich kürzlich zu dem schönen Hashtag #femaleauthors getaggt und habe meinen Followern all die Bücher von Autorinnen gezeigt, die mich auf besondere Art und Weise berührt haben. Nun dachte ich mir, dass der heutige Tag der passende Anlass dafür ist, euch diesen weiblichen Stapel ruhig auch nochmal zu zeigen – vielleicht mögt ihr mir dann im Gegenzug verraten, welche Autorinnen ihr ganz besonders gerne lest!

Hier kommt aber erst einmal meine Auswahl für #femaleauthors:

Ruth Ozeki: Geschichte für einen Augenblick

In Geschichte für einen Augenblick geht es um Ökologie, Schrödingers Katze, Quantenphysik, Mobbing, Kamikazepiloten im Zweiten Weltkrieg, buddhistische Sterberituale, Schreib- und Leseblockaden, Depressionen, Selbstmord und auch der 11. September sowie der verheerende Tsunami, der 2011 das Atomkraftwerk in Fukushima traf, finden Erwähnung. Der Roman ist so angefüllt mit Themen, das man sich erschlagen fühlen könnt, für mich dagegen war Geschichte für einen Augenblick ein intelligentes, außergewöhnliches und phantastisches Leseerlebnis.

Lily King: Euphoria

Lily King hat mit Euphoria einen beeindruckenden Roman vorgelegt – angesiedelt in Neuguinea Anfang der 1930er Jahre berichtet sie nicht nur von einer faszinierenden Forschungsreise, sondern auch von einer aufregenden Liebesgeschichte. All das auch noch wunderbar erzählt – eine große Leseempfehlung!

Elizabeth Gilbert: Das Wesen der Dinge und der Liebe

Bekannt und berühmte wurde Elizabeth Gilbert durch ihren Bestseller und Welterfolg “Eat, Pray, Love”, der in über dreißig Sprachen übersetzt und mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt wurde. Noch viel besser gefallen hat mir aber ihr Roman Das Wesen der Dinge und der Liebe – es handelt sich dabei um einen 700 Seiten starken historischen Roman, in dem Fakten und Fiktion gekonnt miteinander verwoben wurde. Zusammengehalten und getragen wird der Roman von der Hauptfigur – Alma Whittaker, Wissenschaftlerin und Pflanzensammlerin, an die ich mich auch heute noch gerne zurückerinnere.

Nina Sankovitch: Tolstoi und der lila Sessel

Tolstoi und der lila Sessel ist kein Roman, sondern eine autobiographische Trauerbewältigung: nach dem Verlust ihrer Schwester las Nina Sankovitch, Ehefrau und Mutter von vier Söhnen, von Oktober 2008 bis Oktober 2009  täglich ein Buch und besprach es auf ihrem Blog. In Tolstoi und der lila Sessel erzählt Nina Sankovitch davon, wie diese Erfahrung ihr Leben verändert hat.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Bei Das achte Leben von Nino Haratischwili stimmt einfach alles: die Sprache, der Inhalt und auch die wunderbare Gestaltung des Buches. Auf über 1000 Seiten erzählt die junge Autorin eine Familiengeschichte, die mehrere Generationen umspannt – sie erzählt von Liebe und Hass und davon, was manche Menschen zu tun bereit sind, um aufzusteigen. Bei der Lektüre solltet ihr euch übrigens unbedingt eine heiße Schokolade machen, denn die spielt im Buch eine ganz besondere Rolle!

Sylvia Plath: Die Glasglocke

Meine Taschenbuchausgabe der Glasglocke besitze ich seit mehr als zehn Jahren und habe das Buch fast ebenso oft gelesen. Sylvia Plath schafft es, durch ihre Sprache wunderschöne und bewegende Bilder zu erschaffen. Obwohl das Buch bereits vor mehr als fünfzig Jahren erschienen ist, besticht es für mich dennoch durch seine Zeitlosigkeit und ich wünsche mir, dass sich auch heutzutage immer noch Menschen dazu entscheiden, zu diesem Buch zu greifen und es zu lesen.

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Meine geniale Freundin erzählt die Geschichte von zwei Freundinnen, die in den fünfziger und sechziger Jahren in ärmlichen Verhältnissen zusammen in Neapel aufwachsen. Das Buch ist der erste Teil einer Neapolitanischen Saga, die auf vier Bände angelegt ist. Auch wenn viele von euch bei literarischen Hypes vorsichtig sind, kann ich euch die wunderbaren Bücher von Elena Ferrante nur wärmstens ans Herz legen.

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren

Astrid Lindgren gehört mit ihren Büchern zu den prägendsten Erinnerungen meiner Kindheit, die von Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter begleitet wurde. Kürzlich sind im Ullstein ihre Tagebücher und Briefe herausgegeben worden und darin habe ich – ganz losgelöst von den wunderbaren Kindheitsgeschichten – eine kluge, inspirierende und großartige Frau entdeckt.

Siri Hustvedt: Leben, Denken, Schauen

Siri Hustvedt begleitet mich mit ihren Büchern bereits seit Jahren. Bei Leben, Denken, Schauen handelt es sich um eine Essaysammlung, in der Siri Hustvedt sich ganz unterschiedlichen Phänomenen widmet: von der Schriftstellerin Inger Christensen bis hin zu neurodegenerativen Erkrankungen. Siri Hustvedt schreibt persönlich, klug und wissenschaftlich – für mich ist das Buch eine große Inspirationsquelle, die auf meinem Nachtisch liegt und immer wieder aufgeschlagen wird.

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe

Ab jetzt ist Ruhe habe ich tatsächlich erst letztes Jahr gelesen, dabei ist es schon vor einigen Jahren erschienen. Darin erzählt Marion Brasch die dramatische und faszinierende Geschichte ihrer Familie – ihr Vater war stellvertretender Kulturminister der DDR und ihr Bruder Thomas Brasch ein bekannter Dramatiker. Marion Brasch erzählt mit viel Leichtigkeit eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat.

Heidi Julavits: Heute. Dem Leben auf der Spur

Heidi Julavits hat mit Heute: Dem Leben auf der Spur ein außergewöhnliches Buch vorgelegt. In einer Art Tagebuch beschäftigt sie sich mit dem eigenen Leben, mit ihren Erlebnissen, ihren Beziehungen, ihrer Identität und ihren Wünschen. Das liest sich ehrlich, inspirierend und bereichernd und regt dadurch gleichzeitig auch zum eigenen Schreiben an.


Soweit zu mir und meiner Auswahl – nun wäre ich natürlich gespannt darauf zu erfahren, wer zu euren Lieblingsautorinnen gehört?

Die Geschichte eines neuen Namens – Elena Ferrante

Im vergangenen Sommer brach es aus – das Ferrante-Fieber! Auch ich habe mich damals angesteckt und den ersten Band der Neapolitanischen Saga mit Begeisterung gelesen. Mit Die Geschichte eines neuen Namens ist nun kürzlich der zweite Band erschienen und hat mich erneut verzaubert: Elena Ferrante erzählt intensiv, kraftvoll und mit großer Menschlichkeit.

Dein ganzes Leben lang liebst du Menschen, von denen du nie wirklich weißt, wer sie sind.

Im Zentrum der Neapolitanischen Saga stehen Lila und Elena, zwei Freundinnen, die gemeinsam in einem dreckigen Rione in Neapel aufwachsen. Obwohl beide Mädchen intelligent sind, trennen sich ihre Lebenswege und -welten irgendwann: Elena darf weiter die Schule besuchen, Lila dagegen fängt – ohne Abschluss oder Ausbildung – in der elterlichen Schuhmacherei an. Während Elena Ferrante in Meine geniale Freundin von Elenas und Lilas Kindheit erzählt, widmet sie sich in Die Geschichte eines neuen Namens den Jugendjahren der beiden Freundinnen.

In dem, was klein ist, steckt etwas noch Kleineres, das ausbrechen will, und außerhalb von dem, was groß ist, gibt es etwas noch Größeres, das es gefangen halten will.

Der Titel des Romans bezieht sich auf den neuen Namen, den Lila angenommen hat: mit gerade einmal 16 Jahren hat sie ihren Ehemann Stefano geheiratet und somit ist aus Lila Cerullo Signora Carracci geworden. Mit diesem Ereignis endet der erste Band und so beginnt auch der zweite. Dass eine Heirat auch mit einem neuen Namen verbunden ist, klingt zunächst verheißungsvoll, doch der Leser merkt schnell, dass die Ehe von Lila und Stefano zum Scheitern verurteilt ist. Mit der Heirat wird Lila ein Lebenskonzept aufgezwungen, wie es viele junge Frauen in den sechziger Jahren in Italien gelebt haben: eine frühe Ehe, die für die Frau gleichbedeutend ist mit vielen Kindern, dem Führen des Haushalts, dem Ertragen von Zweisamkeit und der völligen Aufgabe eigener Wünsche und Ziele. Doch Lila ist nicht bereit sich zu fügen, sie kämpft für das, was sie möchte: sie gibt das Geld ihres Mannes in vollen Zügen aus, weigert sich, schwanger zu werden und nimmt sich schließlich auch noch einen Liebhaber. Die Folge ist eine unendliche Wiederholung an grausamen Streitereien und Handgreiflichkeiten.

Von klein auf hatten wir gesehen, wie unsere Väter unsere Mütter schlugen. Wir waren mit der Vorstellung aufgewachsen, dass ein Fremder uns keinesfalls anrühren durfte, dass aber unser Vater, unser Verlobter, unser Ehemann uns ohrfeigen durfte, wann immer er wollte.

Elena dagegen geht weiter zur Schule, kämpft sich verbissen bis zum Abitur durch und nimmt sogar ein Studium in Angriff. Sie verschreibt sich ganz der Bildung und dem Lernen, muss aber immer wieder bitter erfahren, dass trotz aller Bildung, die eigene Herkunft nie verschwinden wird. Sie hat sich aus ihrem Stadtviertel herausgearbeitet, dort gehört sie nicht mehr hin, doch zwischen den Studenten fällt sie mit ihrem Aussehen und ihrer Ausdrucksweise auf – auch dort findet sie nur schwer Anschluss. Ihre Sprache und ihre Garderobe machen sie zur Außenseiterin, im Kontakt mit anderen wird ihr immer wieder schmerzlich bewusst, was sie alles noch nicht weiß, noch nicht kennt und noch nicht gelesen hat. Zu Hause im Rione dagegen weiß sie zu viel, es ist ein Wissen, das sie von ihren Eltern und Geschwistern entfernt hat.

Die inhaltliche Klammer des Romans ist die Freundschaft von Lila und Elena, die zwar unterschiedliche Lebenswege einschlagen, doch im Laufe der Jahre doch immer wieder in Kontakt bleiben. Die Schilderung dieser ungleichen Freundschaft gehört für mich zu den faszinierendsten Aspekten des Romans. Die Gefühle zwischen Lila und Elena changieren zwischen Neid und Bewunderung, Missgunst und Wertschätzung, Liebe und Hass, Distanz und Nähe. Phasen, in denen beide eng miteinander verbunden sind,  werden abgelöst von Momenten der Wut und des Hasses. Als Leserin habe ich das Gefühl, dass Lila ihrer Freundin Elena ihr Glück nicht gönnen kann. Vielleicht kann sie aber auch den Schmerz nicht ertragen, als die Klügere der beiden in einer unglücklichen Ehe gefangen zu sein. Elena Ferrante lotet in Die Geschichte eines neuen Namens eine Vielzahl an Situationen aus, die Spannungen zwischen den beiden Freundinnen erzeugen und für mich als Leserin ist es tatsächlich faszinierend diese Freundschaft mit zu begleiten.

Ich bin was ich bin, und ich kann nichts anderes tun als mich zu akzeptieren; ich bin so geboren, in dieser Stadt, mit diesem Dialekt, ohne Geld; ich werde geben, was ich geben kann, werde mir nehmen, was ich nehmen kann, werde ertragen, was ertragen werden muss. 

Mir hat Die Geschichte eines neuen Namens noch besser gefallen, als der erste Band: Elena Ferrante schreibt mit einer solchen Kraft und Intensität, dass das Lesen manchmal nur schwer zu ertragen ist. Sie nimmt sich Zeit dafür, die Freundschaft zwischen Elena und Lila in all ihren Facetten zu schildern und erzählt damit gleichzeitig so viel mehr: sie erzählt von Italien in den sechziger Jahren, von Geschlechterrollen, von Heimat und Identität, von Gewalt und Liebe und davon, wie es ist, in ein Leben, eine Familie und einen Stadtteil hineingeboren zu werden, aus dem man sich nur schwer befreien kann – auch wenn man das möchte.

Die Geschichte eines neuen Namens hat mich gefesselt, Elena Ferrante erzählt wunderbar, tiefsinnig, berührend, kraftvoll und immer menschlich. Es ist lange her, dass mich Figuren aus einem Buch so intensiv berührt und begleitet haben und ich wünsche mir, dass ich euch mit dieser Begeisterung anstecken kann.

Übersicht über die Neapolitanische Saga:

Meine geniale Freundin -Die Geschichte eines neuen Namens – Die Geschichte der getrennten Wege (8.5.2017) – Die Geschichte des verlorenen Kindes (9.10.2017)

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag, Januar 2017. 25€, 624 Seiten. Weitere Informationen auf der Website über Elena Ferrante.

Ein Blick auf die Schweizer Verlagslandschaft

Die Spannung und Vorfreude steigt so langsam – gleich werde ich im Zug auf der Fahrt nach Zürich sitzen und bin schon jetzt gespannt darauf, was mich dort erwarten wird. Wie bereits erwähnt, habe ich meinen Aufenthalt auf der Frankfurter Buchmesse auch ein wenig dafür genutzt, mir einen Überblick über die Schweizer Verlagslandschaft zu verschaffen. Dort gab es einen großen Gemeinschaftsstand, der am Freitag für alle Interessierte ein gemeinsames Frühstück anbot – natürlich stilecht mit Bircher Müsli – und damit auch die tolle Möglichkeit, mit Verlagsmitarbeitern ins Gespräch zu kommen. In das Lesefestival Zürich liest selbst sind fünf Schweizer Verlage aus Zürich eingebunden, die man an Nachmittagen der offenen Tür besuchen kann. Ich habe mir die fünf Verlage mal etwas genauer angeschaut und stelle euch nun meine Highlights aus deren vielfältigem Programm vor.

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Dörlemann Verlag

Der Dörlemann Verlag wurde von Sabine Dörlemann im Jahr 2003 in Zürich gegründet und verlegt seitdem vor allen Dingen Übersetzungen ausländischer Autoren, die zwar renommiert sind, aber in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Dank des Dörlemann Verlags habe ich beispielsweise schon Autoren wie Pat Barker oder Lydia Tschukowskaja entdeckt. Zu den meist verkauften Titeln des Verlags gehört übrigens der Roman Ein unbekannter Freund von  Iwan Alexejewitsch Bunin. Der Dörlemann Verlag ist mir nicht nur wegen der ungewöhnlichen Literatur aufgefallen, die verlegt wird, sondern auch aufgrund der wunderschönen und aufwendigen Gestaltung – und der Tatsache, dass der Dörlemann Verlag einer der wenigen Verlage ist, die die Übersetzer bereits auf dem Cover nennen.

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Nagel & Kimche Verlag

Der Verlag Nagel & Kimche wurde 1983 von Renate Nagel und Judith Kimche in Zürich gegründet. Auch heute noch sitzt der Verlag in Zürich, gehört aber mittlerweile zur Verlagsgruppe der Hanser Literaturverlage. Der Verlag bringt jährlich mehr als zehn Titel heraus und gehört damit nicht nur zu den größten Schweizer Verlagen, sondern auch zu einem der angesehensten. Kern des Verlagsprogramms ist bis heute die Schweizer Belletristik – ergänzt von Sachbuchtiteln, aber auch Übersetzungen aus dem amerikanischen und englischen Sprachraum. Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder Titel bei Nagel & Kimche entdeckt, zuletzt den Roman Kastelau von Charles Lewinsky, der 2014 auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreis stand.

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Rotpunktverlag

Der Rotpunktverlag wurde bereits 1976 gegründet und hat seinen Sitz ebenfalls in Zürich. Der Schwerpunkt des Verlags liegt auf der Veröffentlichung politischer Schriften – daneben finden sich im Programm aber auch belletristische Titel von Schweizer Autoren. Einen weiteren Schwerpunkt bildet Literatur aus Lateinamerika. Der Verlag feiert in diesem Jahr vierzigjähriges Jubiläum – spannend dabei ist, dass die Verlagsgeschäfte lange Zeit vermehrt in der Freizeit geführt wurden: der Rotpunktverlag war bis in die neunziger Jahre hinein ein Freizeit- und Freiwilligenprojekt. Heutzutage ist es nur noch schwer vorstellbar, dass ein anerkannter Verlag auf der Basis freiwilliger Mitarbeit geführt wird. Auf den Besuch des Verlagshauses freue ich mich bereits jetzt!

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rüffer & rub Sachbuchverlag

Der rüffer & rub Sachbuchverlag ist ein Verlag, der mir ohne das Festival Zürich liest wohl nie begegnet wäre – es handelt sich dabei um einen kleinen Verlag, der sich auf Sachbuchtitel spezialisiert hat, die sich mit den Fragen unserer heutigen Zeit beschäftigen. Im Programm findet man ein breites Spektrum an Themen: von der Krebserkrankung, über die Demenz bis hin zu unserem Umgang mit dem Tod. Ich lese viel zu wenig Sachbücher und nehme mir immer vor, dies endlich mal zu ändern – bei rüffer & rub habe ich nun einige spannende Titel entdeckt, die ich mir auf jeden Fall mal notiert habt.

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Unionsverlag

Der Unionsverlag wurde bereits 1975 gegründet und wird seitdem von Lucien Leitess geleitet. In den vergangenen vierzig Jahren wurden mehr als 280 Autoren und Autorinnen verlegt – zumeist aus dem arabischen und asiatischen Raum. Den größten Erfolg feierte der Verlag, als ihr Autor Nagib Machfus 1988 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde – seitdem wurde das Verlagsprogramm stetig weiterentwickelt. Mittlerweile nimmt auch die türkische Literatur einen wichtigen Platz ein, ebenso ist der Verlag auch den Schritt in die digitale Produktion gegangen und bietet zahlreiche Titel auch als eBook an. Entdeckt habe ich den Verlag durch den wunderbaren Roman von Barbara Gowdy. Ich greife immer wieder gerne auf Titel aus dem Unionsverlag zurück, um in andere Länder zu reisen.

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Nach diesem kleinen Ausflug durch die Schweizer Verlagslandschaft fühle ich mich ganz beseelt angesichts der Tatsache, wie zahlreich – auch eher kleinere – Verlage abseits der großen Publikationshäuser vielseitige und spannende Titel veröffentlichen. Auf jeden Fall bin ich gespannt auf meinen Besuch in Zürich und welche Eindrücke ich von den dortigen Lesungen aber auch den Verlagshausbesuchen mitbringen werde.

Margos Spuren – John Green

Margos Spuren ist ein herrlich verrücktes, unterhaltsames und zugleich melancholisches Buch über ein verschwundenes Mädchen, einen verliebten Jungen und einen abenteuerlichen Road-Trip.

1470379192022“Von all den Hunderttausenden von Häusern in den Tausenden von Neubausiedlungen in ganz Florida wohnte ich ausgerechnet in dem Haus neben Margo Roth Spiegelman.”

Quentin ist schon als kleiner Junge in Margo, seine Nachbarin, verliebt. Für ihn ist sie das schönste und tollste Wesen auf Gottes Erden, sie ist mutig, impulsiv und vielleicht ein wenig all das, was Quentin nicht ist. Als beide neun Jahre alt sind, finden sie gemeinsam eine Leiche, einen Mann, der sich im Wald das Leben genommen hat. In der Nacht nach dem Leichenfund steht Margo am Fenster von Quentin, sie berichtet ihm, dass sie Nachforschungen angestellt hat und dass sie glaubt, dass der Mann sich das Leben genommen hat, weil alle Saiten in ihm gerissen sind. Jahre später, steht Margo wieder an seinem Fenster – ihre beste Freundin hat sie mit ihrem Freund betrogen und Margo überredet Quentin dazu, sie auf einen Rachefeldzug zu begleiten. In dieser Nacht hilft Quentin Margo dabei, sich an all denjenigen zu rächen, die ihr wehgetan haben.

Margo hat Rätsel immer geliebt. Und bei allem, was später passierte, wurde ich den Gedanken nicht los, dass sie Rätsel vielleicht so liebte, dass sie selbst zu einem wurde.

Am Tag nach dem Rachefeldzug verschwindet Margo spurlos. Es passiert nicht das erste Mal, dass sie wegrennt. Ihre Eltern sind den Dramen ihrer Tochter langsam überdrüssig, aber Quentin glaubt, dass er seine große Liebe finden muss. Margo hat bei ihrem Verschwinden geheimnisvolle Spuren hinterlassen. Doch sind diese Spuren wirklich für Quentin bestimmt? Möchte Margo von ihm gesucht und gefunden werden? Quentin überlegt nicht lange, was er möchte und macht sich auf die Suche nach den Spuren, die Margo hinterlassen hat. Schon bald ist er mittendrin in einer aufregenden Schnitzeljagd, immer auf der Suche nach der Margo, in die er sich vor vielen Jahren Hals über Kopf verliebt hat.

Doch als ich über das Gras und seine unterschiedlichen Deutungen nachdachte, musste ich an all die Bilder denken, die ich von Margo hatte, die richtigen und die falschen. Auch von Margo gab es viele Deutungen. Bisher wollte ich vor allem wissen, was aus ihr geworden war, doch jetzt, als ich versuchte die Vielfältigkeit von Whitmans Gras zu verstehen, den Geruch ihrer Decke in meiner Nase, wurde mir klar, dass die wichtigste Frage war, nach wem ich suchte. Wenn es auf die Frage ‘Was ist das Gras?’ so viele Antworten gab, dachte ich, musste es bei der Frage ‘Wer ist Margo Roth Spiegelman?’ erst recht so sein.

Ähnlich wie in Das Schicksal ist ein mieser Verräter hat John Green auch in Margos Spuren ein berührendes Porträt zweier junger Menschen geschaffen: Quentin ist ein sensibler Junge, der fast schon ein wenig zu erwachsen ist für sein Alter, und Margo ist die unerreichbare Schönheit. Auch wenn das ein wenig klingt wie ein Klischee, gelingt es John Green doch, aus diesen Zutaten eine zauberhafte, amüsante und berührende Geschichte zu kreieren. Neben Margo und Quentin ist es übrigens ein Gedichtband, der eine zentrale Rolle in diesem Buch spielt: die Grashalme von Walt Whitman. “Schraub die Schlösser von den Türen los! / Schraub die Türen selbst von ihren Pfosten los!” ist eine Zeile, die sich mir nach dem Lesen eingebrannt hat und John Green gelingt es ganz nebenbei, mir Lust auf einen Dichter zu machen, von dem ich zuvor noch nie etwas gelesen habe. An Margos Spuren hat mir nicht alles gefallen, manches ist tatsächlich etwas klischeehaft, etwas weit hergeholt, etwas unglaubwürdig. Für mich ist es immer ganz besonders wichtig, einer Geschichte glauben zu können und John Green übertreibt es leider stellenweise ein wenig mit seiner Phantasie. Auch das Ende hat sich ein wenig schal angefühlt für mich. Und doch ist der Kern des Buches so berührend wie einfach: ein Mensch ist einfach nur ein Mensch. Quentin hebt Margo aus der Ferne auf ein Podest, überstülpt sie mit Erwartungen, Wünschen und seiner eigenen Fantasievorstellung. Es ist kein Wunder, dass im Laufe des Buches sich immer stärker die Frage aufdrängt, wer Margo eigentlich wirklich ist.

Dazu kommt noch, dass wir anscheinend Schwierigkeiten haben zu akzeptieren, dass andere Leute auch nur ganz normale Menschen sind. Entweder wir verehren sie wie Götter oder wir verachten sie wie Tiere.

Alles in allem ist Margos Spuren ein lesenswertes Jugendbuch: es ist berührend, unterhaltsam und steckt voller wichtiger Fragen. Wer sind wir eigentlich und was sehen wir in anderen Menschen? Das ist große Erzählkunst mit ein paar wenigen Schwächen.

John Green: Margos Spuren. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz, Hanser Literaturverlag, Juli 2015. 336 Seiten, €16,90. 

Bachmannpreis 2016 – es wird wieder gelesen

Vor etwas mehr als einem Monat wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Bachmannpreises bekannt gegeben – und heute Abend beginnen sie dann wieder, die Tage der deutschsprachigen Literatur. Am Abend wird der Wettbewerb mit einer Rede eröffnet und die Lesereihenfolge wird ausgelost. Gelesen und diskutiert wird dann von Donnerstag bis Samstag – die Entscheidung über die Gewinner wird am Sonntag getroffen. Der ganze Wettbewerb wird live auf 3sat, aber auch im Internet, übertragen.

Doch wer wird dieses Jahr überhaupt antreten?

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Marko Dinić: wurde 1988 in Wien geboren und lebt heutzutage in Salzburger. Er hat Germanistik und Jüdische Kulturgeschichte studiert und seit 2012 für unterschiedliche Zeitschriften zahlreiche Texte publiziert. Er ist außerdem der Herausgeber der Anthologie “warten auf das große wort”.

Ada Dorian: wurde 1981 in Hannover geboren und hat Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. Ihr Romandebüt “Betrunkene Bäume” soll 2017 beim Ullstein Verlag erscheinen.

Tomer Gardi: wurde 1974 im Kibbuz Dan geboren und lebt heutzutage in Tel Aviv. Nach einem Studium der Literatur- und Erziehungswissenschaft war er als Herausgeber der Zeitschrift “Sedek: A Journal on the Ongoing Nakba” tätig. Sein Roman “Broken German” erscheint im August im Droschl Verlag.

Isabelle Lehn: wurde 1979 in Berlin geboren und hat im Anschluss an eine Promotion im Fach Rhetorik noch ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig absolviert. Sie hat bereits einige Erzählungen und Essays veröffentlicht, ihr Romandebüt “Binde zwei Vögel zusammen” erscheint im Juli beim Eichborn Verlag.

Sascha Macht: wurde 1986 in Frankfurt an der Oder geboren, heutzutage studiert er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Neben Veröffentlichungen in Zeitschriften erschien in diesem Frühjahr auch sein erster Roman “Der Krieg im Garten des Königs der Toten”.

Selim Özdogan: wurde 1971 in Köln geboren und hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht, zu den bekanntesten gehört “Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist”.  Im Februar erschien sein neuester Roman „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“ im Haymon Verlag.

Sharon Dodua Otoo: ist Britin und wurde 1972 in London geboren. Mittlerweile lebt die Autorin in Berlin und hat bereits zahlreiche Texte veröffentlicht, unter anderem ein Buch mit dem wunderbaren Titel: “die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle”.

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Stefanie Sargnagel: wurde 1986 in Wien geboren und gehört in diesem Jahr zu den wohl bekanntesten Teilnehmern. Unter dem Künstlernamen Sargnagel machte sie sich vor allen Dingen im Internet einen Namen, dort veröffentlichte sie zahlreiche Texte und Zeichnungen über ihre Arbeit in einem Callcenter. Zuletzt erschien von ihr das Buch “Fitness”.

Sylvie Schenk: wurde 1944 in Frankreich und lebt seit 1966 abwechselnd in Frankreich und Deutschland. Seit mehr als zwanzig Jahren veröffentlicht sie Texte und Gedichte in deutscher Sprache. Im Juli erscheint ihr Roman “Schnell, dein Leben” im Hanser Verlag.

Bastian Schneider: wurde 1981 geboren und hat Psychologie und deutsche und französische Literatur studiert. Neben Veröffentlichungen von Essays, Kurztexten und Gedichten, ist in diesem Frühjahr auch sein Romandebüt erschienen. “Vom Winterschlaf der Zugvögel” im Sonderzahl Verlag.

Jan Snela: wurde 1980 geboren und studierte nach seinem Zivildienst Komparatistik, Slawistik und Rhetorik. In diesem Frühjahr erschien bei Klett-Cotta sein Kurzgeschichtenband “Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe”.

Astrid Sozio: wurde 1979 in Hagen geboren und lebt heutzutage in Hamburg. Sozio ist ausgebildete Buchhändlerin, die außerdem Wirtschaftswissenschaften und Creative Writing studiert hat. Im August erscheint ihr Debütroman “Das einzige Paradies“.

Julia Wolf: wurde 1980 geboren und lebt heutzutage in Berlin. Vor einem Jahr erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt ihr vielbeachteter Debütroman “Alles ist jetzt“.

Dieter Zwicky: wurde 1957 in der Schweiz geboren und arbeitet – neben dem Schreiben – als Korrektur. Nach seinem Debüt  „Der Schwan, die Ratte in mir.“ – einem Erzählungsband, der im Jahr 2002 veröffentlichte wurde – erschienen zahlreiche weitere Texte.

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Wer sich übrigens noch eingehender informieren möchte, der kann sich auch vorab schon einmal die Porträts der vierzehn Autoren anschauen.

Ich bin auf jeden Fall schon ganz gespannt auf den diesjährigen Bachmannpreis. Es ist eine bunte Mischung, die dieses Jahr in Klagenfurt antritt: besonders gespannt bin ich auf Selim Özdogan, dessen Bücher ich vor vielen Jahren gerne gelesen habe. Aber auch auf Isabelle Lehn und Sascha Macht bin ich gespannt, genauso wie ich mich auf den Auftritt von Stefanie Sargnagel freue. Auch einige der anderen Titel sind bereits auf meine Wunschliste gewandert! Wie ergeht es euch denn? Werdet ihr den Bachmannpreis verfolgen? Und kennt ihr vielleicht schon einige der Autoren, die antreten werden?

Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die nächsten Tage – möge ein großartiger und interessanter Wettbewerb beginnen!

City on Fire – Garth Risk Hallberg

Der junge amerikanische Autor Garth Risk Hallberg erschafft in City on Fire ein vielstimmiges Panorama, das auf 1070 Seiten von New York im Jahr 1977 erzählt. Das ist rasant, spannend und erstaunlich gut zu lesen. Müsste ich ein kurzes Fazit ziehen, würde ich wohl sagen: beste Leseunterhaltung!

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Die Dinge werden erst dann interessant, wenn sie in die Brüche gehen.

Im Roman von Garth Risk Hallberg beginnt alles mit einem Schneesturm in der Silvesternacht im Jahr 1976: im Central Park – mitten in New York – wird Samantha Cicciaro schwer verletzt im Schnee gefunden. Jemand hat auf die Jugendliche geschossen, direkt neben all den Villen und Geschäftsgebäuden. Dieses Ereignis bildet den Anker und das Zentrum des Romans – um den Fall lösen zu können, muss die Polizei das komplette Umfeld von Sam auf den Kopf stellen. Da ist zum Beispiel der dunkelhäutige Mercer Goodman, der das Mädchen gefunden und die Polizei gerufen hat. Er arbeitet an einer Mädchenschule und lebt in einer Beziehung mit einem Mann, sein Lebensgefährte William ist ein Nachkomme der weithin bekannten und steinreichen Familie Hamilton-Sweeney. Statt die Familiendynastie fortzuführen, lebt William das Leben eines Aussteigers: schon früh verlässt er das Elternhaus, lebt als Künstler und alternativer Musiker, nimmt Drogen und verliebt sich irgendwann in Mercer. Williams Schwester Regan hat zusammen mit ihrem Ex-Mann Keith zwei Kinder, sie hat sich jedoch von Keith getrennt, als sie seine Affäre mit Samantha aufdeckte.

Und sie hatte gelernt, dass man im Grunde nichts von dem horten konnte, was wirklich zählte. Gefühle, Menschen, Lieder, Sex, Feuerwerke: All diese Dinge existierten nur in der Zeit, und wenn der Moment vorbei war, waren auch sie vorbei.

An dieser kurzen Zusammenfassung wird vielleicht schon deutlich. wie viele Leben Garth Risk Hallberg in seinen Roman gepresst hat und wie sehr die einzelnen Figuren miteinander verwoben sind. City on Fire ist kein  wirklicher Kriminalroman, sondern vielmehr ein aufregendes und vielschichtiges Puzzle einer ganzen Stadt – endlos viele individuelle Geschichten werden zu einem einzigen und riesengroßen Panorama zusammengesetzt. Das liest sich großartig und wunderbar unterhaltsam, es ist nur nicht leicht, eine Rezension über ein solches Buch zu schreiben, da es kaum möglich ist, über einen einzelnen Handlungsstrang sprechen zu können, ohne über alle anderen Handlungsstränge zu sprechen.

Und du da draußen: Bist du nicht irgendwie bei mir? Ich meine, wer träumt nicht immer noch von einer anderen Welt als dieser? Wer von uns wäre jetzt bereit, die Hoffnung aufzugeben – wenn das bedeutete, den Wahnsinn, das Rätselhafte, die absolut nutzlose Schönheit der Millionen zuvor möglichen New Yorks aufzugeben. 

Der Roman, der mit einem Schneesturm beginnt, endet mit einem Stromausfall, dem sogenannten Blackout, den es im Juli 1977 tatsächlich in New York gegeben hat. Der Stromausfall ist der einzige Moment des Romans, in dem mich der Autor ein wenig verliert: die Geschichte wird auf den letzten Seiten einfach zu rasant, einige Figuren, die ich zuvor im Laufe von hunderten Seiten ins Herz geschlossen habe, gehen plötzlich aufgrund des rasenden Tempos verloren – ihre Geschichten bleiben unabgeschlossen, werden nicht zu Ende entwickelt.

Er sah die Sonne, die hinter einer Wolke hervorkam, und die Äste der Ulmen, die wie die Arme von Tänzern in die Luft gestreckt waren, und die grünen Gewänder, die sie in den Wind hielten. Alles Nebensächlichkeiten, natürlich, doch das war es, was diese Stadt einem gab und was Romane nicht konnten: nicht, was man brauchte, um zu leben. sondern was das Leben überhaupt erst lebenswert machte.

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City on Fire erinnert in der Aufmachung und in der Gestaltung an Amerikanische Nacht von Marisha Pessl: der herkömmliche Text wird immer wieder durch verschiedene Elemente durchbrochen. Es gibt Zeitungsausschnitte, Briefe, E-Mails, Patientenberichte. Alles davon ist notwendig, um diese ausufernde Geschichte zu erzählen, nichts davon ist überflüssig. Zusammengehalten wird diese Geschichte, die kaum wirkliche Schwächen hat, von einer flüssigen Sprache, die von dem Übersetzer Tobias Schnettner ins Deutsche übertragen wurde.

Alles in allem ist Garth Risk Hallberg mit City on Fire ein wunderbarer und lesenswerter Roman gelungen, der zwar 1000 Seiten stark ist, sich aber leicht lesen lässt. Vielleicht ist das der einzige Makel dieser Geschichte: City on Fire hat nur wenige Ecken und Kanten, der Roman ist nicht besonders mutig und bis auf die Gestaltung auch nicht wirklich unkonventionell erzählt. Er liest sich ein wenig wie eine gute Vorabendserie: spannend zu verfolgen und leicht zu konsumieren. Was soll ich sagen: für mich ist City on Fire ein schöner Unterhaltungsroman – eine Mischung aus ein wenig Kriminalroman, aus viel Familienroman und aus einer großen Portion Gesellschaftsporträt. Vor allen Dingen aber erzählt Garth Risk Hallberg von uns Menschen, vom Leben, von der Liebe und von den dunklen Schattenseiten.

Garth Risk Hallberg: City on Fire. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Tobias Schnettler. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016. 1072 Seiten, €25. 

Blauschmuck – Katharina Winkler

Katharina Winkler legt mit Blauschmuck einen nur schwer zu ertragenden wenn gleich auch sehr lesenswerten Roman vor, der von Liebe und Gewalt erzählt, von den Schrecken einer Ehe und einer viel zu frühen Heirat. Es ist ein Roman, der auf wahren Geschehnissen beruht.

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Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe.

Filiz wächst in einem Tal auf, in dem hundert blaue Frauen leben – es gibt hellblaue Frauen, dunkelblaue, blau-rote und blau-schwarze. Manche von ihnen tragen ihr Blau um den Hals, andere tragen es um ihre Handgelenke oder um ihre Fesseln. Viele von ihnen verbergen den Blauschmuck so gut es geht, einige von ihnen wechseln ihn von Woche zu Woche oder von Tag zu Tag. Verantwortlich für den Blauschmuck sind die Männer des kurdischen Dorfes: Das Werkzeug, Holz oder Eisen, und die Anzahl der Schläge bestimmen den Blauton. Mit dem Begriff Blauschmuck werden die Blutergüsse bezeichnet, die sich in allen Farben und Formen auf den Körpern der Frauen ausbreiten – zugefügt von ihren Männern, Vätern oder Brüdern.

Das Erbarmungslose dieses Textes beginnt schon vor dem ersten Satz, denn in der Widmung erfährt man, dass hier nicht nur eine Geschichte erzählt wird, sondern eine wahre Lebensgeschichte. Erzählt wird die Geschichte von Filiz, die in einem abgelegenen kurdischen Dorf aufwächst. Sie verliebt sich als junges Mädchen in Yunus, läuft mit ihm fort – gegen den Willen ihrer Eltern – und heiratet ihn. Ihn, Yunus, der ihr ein Leben in Jeans und im Glück verspricht. Doch mit den Versprechungen ist es nach der Heirat schnell vorbei: Filiz wird geschlagen, vergewaltigt, gedemütigt, wie eine Sklavin gehalten, beinahe erhängt. Nicht nur ihr Mann quält sie, sondern auch ihre Schwiegermutter, die all das weitergibt, was sie selbst ertragen musste. Ein Kreislauf aus Schmerz und Gewalt, der scheinbar nicht zu durchbrechen ist.

Die Nähmaschine ist eine Wundermaschine. Sie zieht meinen Blick auf die Spitze der Nadel, alle Gedanken, alle Empfindungen sammeln sich dort. Die Nadel stickt meine Seele als Muster auf den Stoff. 

Brutal und ungeschönt erzählt Katharina Winkler vom Martyrium einer Frau, die in einer Welt aufwächst, die von Männern dominiert und beherrscht wird. Der vorangestellte Hinweis machte das Buch für mich zu einer noch beeindruckenderen Lektüre, aber auch zu einer schwierigen. Katharina Winkler erzählt eine Geschichte, die alle Vorurteile gegenüber muslimischen Männern bestätigt, es ist eine Geschichte voller Rückständigkeit und antiquierten Vorstellungen. Eine Geschichte, die das Bild der frauenjagenden Männerhorde wieder auferstehen lässt. Filiz lebt ein Leben ohne Rechte, genauso wie all die anderen Frauen, mit denen sie im Tal aufgewachsen ist. Kann Blauschmuck möglicherweise ein Roman sein, der all die Befürchtungen und Vorurteile noch befeuert? Ich selbst weiß es nicht, glaube aber, dass man diese mögliche Lesart auf jeden Fall im Hinterkopf behalten sollte. Es ist ein richtiges und ein wichtiges Buch, das vielleicht das Schicksal ereilt, zur falschen Zeit zu erscheinen.

Schläge fallen von der Decke. Schläge fallen von den Wänden. Schläge kriechen aus den Ritzen im Boden. Schlag. Um Schlag. Schlag. Um Schlag. Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe.

Die Sprache von Katharina Winkler ist reduziert und einfach. Es gibt viel Weiß auf den Seiten: die Sätze sind kurz, manchmal fast abgehackt. Fast so, als würde die Geschichte von einem Kind erzählt werden, das nie die Chance erhalten hat, erwachsen zu werden. Nichts an diesem Text ist zu viel oder gar überflüssig. Blauschmuck ist ein hartes Buch, doch neben dem ganzen Horror, gibt es auch immer wieder kleine Lichtblicke: Filiz erhält Hilfsangebote und Unterstützung, trifft auf Menschen, die ihr zur Seite stehen. Ihr Leben erscheint ausweglos, ihr Mann ist erbarmungslos, doch Filiz gelingt es dennoch, sich ein ganz klein wenig  Lebensglück zu erhalten.

Ich habe mit Blauschmuck einen ungewöhnlichen Debütroman gelesen, der alles hat, was ein gelungener Roman braucht: es wird auf beeindruckende Art und Weise eine berührende Geschichte erzählt, die mich nicht mehr losgelassen hat. Das Buch habe ich zugeklappt, doch die Geschichte von Filiz spukt mir immer noch durch den Kopf: es ist eine Geschichte, die mich wütend gemacht hat, die mich berührt hat, die mir weh getan hat und die mich am Ende nachdenklich zurückließ. Es ist ein Buch, das nicht einfach zu besprechen ist, das aber dennoch gelesen werden sollte.

Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp Verlag, Februar 2016. 196 Seiten, 18,95€. Weitere Besprechungen gibt es bei: 54books, Das graue Sofa, Revolution baby revolution und der Buchbloggerin

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