Das Wesen der Dinge und der Liebe – Elizabeth Gilbert

Bekannt und berühmte wurde Elizabeth Gilbert durch ihren Bestseller und Welterfolg “Eat, Pray, Love”, der in über dreißig Sprachen übersetzt und mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt wurde. Mit dem  Roman “Das Wesen der Dinge und der Liebe”, der im Berlin Verlag erschienen ist, liegt nun endlich der nächste große Roman der Autorin vor.

“Zusammen mit dem neuen Jahrhundert erblickte Alma Whittaker am 5. Januar 1800 das Licht der Welt.”

In “Das Wesen der Dinge und der Liebe” erzählt Elizabeth Gilbert die Geschichte von Alma Whittaker, die jedoch bereits viel früher beginnt, als im Jahr 1800, denn um die Geschichte Almas zu verstehen, muss man auch die Geschichte ihrer Eltern verstehen. Es ist vor allem die Geschichte ihres Vaters Henry Whittaker, die das Leben von Alma prägen sollte. Dessen Geschichte nahm 1760 eine entscheidende Wendung: Henry, der als Sohn von armen und mittellosen Eltern zur Welt kommt und Wand an Wand neben dem Schweinestall nächtigt, entgeht in diesem Jahr nur knapp der Hinrichtung. Er hat aus den Königlich Botanischen Gärten von Kew Pflanzen gestohlen und weiterverkauft, doch statt am Galgen zu baumeln, wird Henry von Sir Joseph Banks an der Seite von Kapitän Cook zur See geschickt. Die Forschungsreise führt ihn bis nach Peru und auf die Spur des Chinarindenbaums, von dem sich der junge Mann ewigen Reichtum verspricht. Doch nach seiner Rückkehrt muss er die prägende Erfahrung machen, dass er von Sir Joseph Banks nicht ernst genommen wird, weder als Mann, noch als Pflanzenforscher. Es ist vor allem dieses Erlebnis, das Henry zum reichsten Mann Philadelphia machen sollte. Mit seinen gesparten Silbermünzen im Gepäck und der Vorstellung reicher als Sir Jospeh Banks zu werden, macht er sich auf nach Amerika. Mit nach Amerika nimmt er seine Ehefrau Beatrix, die er nicht aus Liebe heiratet, sondern um nicht alleine gehen zu müssen. 1792 schlagen sie ihre Zelte in Philadelphia auf und errichten in kürzester Zeit White Acre, ein herrschaftliches und wunderschönes Anwesen.

Alma erleidet das Schicksal, ganz nach ihrem Vater geraten zu sein. Geerbt hat sie jedoch nicht nur sein Interesse an Pflanzen, bereits in jungen Jahren macht sie sich bewaffnet mit Glasfläschchen, kleinen Verwahrschachteln, Watte und Notizbuch auf die Suche nach Pflanzen, sondern auch seine äußere Erscheinung. Das junge Mädchen ist weit davon entfernt, als Schönheit bezeichnet werden zu können; es ist kein Wunder, dass ihr Vater sie auf den Kosenamen “Plum” (Pflaume) getauft hat. Gesegnet ist sie dafür mit einem blendenden Verstand.

“Sie hätte sich gewünscht, gemeinsam mit anderen leidenschaftlichen Systematikern in einem botanischen Kloster oder einer Art botanischem Ordenshaus Unterschlupf zu finden, wo man ungestört studieren und die aufregendsten Entdeckungen miteinander teilen könnte. Sogar ein Botaniker-Gefängnis wäre schön gewesen!”

Die Diskrepanz zwischen ihrem Intellekt und ihrem äußeren Erscheinungsbild verschärft sich, als sie plötzlich eine Halbschwester an die Seite gestellt bekommt. Ihre Eltern adoptieren die beinahe gleich alte Prudence, die ein Inbegriff von Schönheit und Sinnlichkeit ist. Diese Diskrepanz, die durch ihre neue Halbschwester, schmerzlich augenfällig wird, sollte das ganze zukünftige Leben von Alma bestimmen. Geschätzt wird Alma für ihren Intellekt, doch auch sie hat körperliche Bedürfnisse, sinnliche Wünsche und erotische Träume. Doch es gibt niemand, der diese sehen kann – während Prudence und Almas beste Freundin Retta heiraten, bleibt Alma als alte Jungfer auf dem Anwesen des Vaters zurück. Sie tut das, was sie immer getan hat: sie kümmert sich um die geschäftlichen Belange ihres Vaters und erforscht die Pflanzenwelt, ein besonderes Erkenntnisinteresse hat sie mittlerweile an der Erforschung von Moosen entwickelt. Körperliche Gelüste kann sie nur an sich selbst ausleben, heimlich, in der Bindekammer.

“[…] die Bindekammer und das Studierzimmer in der Remise – Almas Fixpunkte, die wie zwei gegensätzliche Pole für Rückzug und Offenbarung standen. Der eine Raum diente dem Körper, der andere dem Geist. Der eine Raum war klein und fensterlos, der andere luftig und lichtdurchflutet. […] Doch beide Räume gehörten Alma Whittaker, und in beiden Räumen erblühte sie zum Leben.”

Als der Leser bereits glaubt, dass Alma als erfolgreiche Wissenschaftlerin und unbefriedigte Jungfer ihr Leben zu Ende führen wird, gibt es eine überraschende Wende. Ambrose Pike, ein sanftmütiger Orchideenzeichner, tritt in das Leben von Alma und gibt ihr zum ersten Mal in ihrem Leben die Hoffnung, die Liebe doch noch einmal entdecken und erleben zu können. Doch dann muss Alma feststellen, dass die Liebe keine Wissenschaft ist und das es Dinge gibt im Leben, die unergründlich bleiben und sich nicht erforschen und verstehen lassen …

“Das Wesen der Dinge und der Liebe” ist nicht nur der erste wirkliche Roman von Elizabeth Gilbert, zuvor hat sie sich auf autobiographische Veröffentlichungen beschränkt, sondern zugleich der Versuch des ganz großen Wurfes: ein 700 Seiten starker historischer Roman ist es geworden, in dem Fakten und Fiktion verschränkt werden. Vieles kann man daran kritisieren: es handelt sich um einen historischen Roman, der sich jedoch ganz gar nicht altbacken liest, sondern im Gegenteil: wie eine moderne Geschichte. Die Lebensgeschichte von Alma, die beinahe ein ganzes Jahrhundert umspannt, wird in epischer Breite erzählt, doch plötzlich fehlen in der Mitte des Lebens ganze sechsundzwanzig Jahre, die in einem einzigen Satz abgehandelt werden. Auf den 700 Seiten, die das Buch umfasst, sucht man auch einen stringenten Spannungsbogen mitunter vergeblich. Doch Elizabeth Gilbert hat mit “Das Wesen der Dinge und der Liebe” auch einen seltsam mutigen Roman vorgelegt. “Das Wesen der Dinge und der Liebe” erzählt die berührende Geschichte einer Frau der Wissenschaft, die in einem Jahrhundert aufwächst, in dem noch nicht offen geliebt wird, sondern dafür um so mehr im Verborgenen. Alma hat einen blendenden Verstand, auf den sie zurückgreifen kann, doch wie fühlt und liebt man in dieser Welt? Wie entsteht Nähe, Freundschaft und der Wunsch einem anderen ein Opfer zu erbringen? Die Liebe ist keine Wissenschaft und um sie zu verstehen, bedarf es keiner Versuchsanordnung, sondern Gefühle. Alma erkennt dies spät in ihrem Leben, aber gerade noch rechtzeitig und wird für diese Erkenntnis belohnt.

Zusammengehalten und getragen wird der Roman von Alma Whittaker, Wissenschaftlerin und Pflanzensammlerin. Elizabeth Gilbert ist mit Alma eine unglaubliche literarische Figur gelungen, in die sie alles hineinlegt, was den Roman ausmacht. Sie macht Alma zu einer Frau des Verstandes, der jedoch jegliche Gefühle und vor allen Dingen auch die Liebe fehlen. Doch der Roman beinhaltet auch Hoffnung: es ist die Hoffnung darauf, das eigene Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen zu können. Die Message des Romans ist denkbar simpel: niemand ist dazu verdammt, klaglos zu erdulden und jeder hat die Möglichkeit dazu, mutig zu sein und zu handeln. Es gibt Hoffnung! Bei Alma verkommt diese Message nicht nur zu einer leeren Floskel, denn es gelingt ihr in der Tat, den Mut zu finden, ihr Leben und ihre Mitmenschen noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich “Das Wesen der Dinge und der Liebe” so sehr ins Herz geschlossen habe oder nicht doch eher Alma Whittaker. Elizabeth Gilbert hat mir nicht nur eine großartige Hauptfigur geschenkt, sondern auch eine gute Freundin. Lest diesen Roman (es ist natürlich auch ein gutes Buch!) und begebt euch an der Seite von Alma auf eine Reise zur Erforschung der Moose und der Liebe.

6 Comments

  • Reply
    Petra Wiemann
    November 8, 2013 at 4:56 pm

    Auf diese Besprechung habe ich sehnsüchtig gewartet, da ich schon eine ganze Weile um dieses dicke Werk herumschleiche. Obwohl dein Eindruck etwas zwiegespalten ist, bleibt für mich genug positives, um diesem Buch immer noch lesen zu wollen.
    Liebe Grüße,
    Petra

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 11, 2013 at 11:52 am

      Liebe Petra,
      ich Nachhinein ist mir auch aufgefallen, dass meine Besprechung einen extrem zwiespältigen Eindruck machen kann – schön, dass sie dich dennoch nicht abschrecken konnte. Trotz dem, was man kritisieren kann, blieben für mich bei der Lektüre genug positive Aspekte um das Buch zu lieben. Allem voran Alma. Ich wünsche dir bei der Lektüre ganz viel Freude und bin gespannt auf deine Meinung. 🙂

  • Reply
    madameflamusse
    November 8, 2013 at 7:02 pm

    Ich habe auch schon auf diese Rezension gewartet. Weil ich das Titelbild bei Dir gesehen hatte. Es ist ein wunderschöner Einband und dann noch dieser mächtige Titel (in meinen Augen etwas sehr groß). Klingt aufjedenlfall so das auch dieses Buch mit auf meine Wunschliste muß. Aber ob die Liebe allein mit Gefühlen zu verstehen ist bezweifle ich trotzdem. (Auch wenn die Liebe selbst eiN Gefühl ist – aber ist Sie nur ein Gefüh?)
    Vielen Dank fürs Vor_lesen. Ich bin übrigens grad bei den Sommertöchtern, deren Einband ich auch sehr sehr schön finde. 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 11, 2013 at 11:56 am

      In den Einband habe auch ich mich verliebt – auch innerhalb des Buches sind wunderbare Zeichnungen. Es ist ein wirklich besonders liebevoll gestaltetes Exemplar. 🙂 Schön, dass ich dich mit meiner Besprechung begeistert konnte. Ich glaube auch nicht, dass man Liebe nur mit Gefühlen verstehen kann, aber ich glaube, dass zu viel Wissenschaft und Verstand einen manchmal vom reinen leben und lieben abhalten können.

      Liebe Grüße und weiterhin viel Spaß mit den Sommertöchtern. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    keeweekat
    November 10, 2013 at 5:35 pm

    Sehr schöne Rezension, danke dafür! 🙂
    Ich fand Alma bereits nach Klappentext, Leseprobe und Interview mit der Autorin ungeheuer faszinierend und konnte mich gut mit ihr identifizieren, aber nach dem, was du geschrieben hast, bin ich mir noch sicherer, dass ich in ihr eine Protagonistin ganz nach meinem Geschmack finden werde!
    Das Buch steht schon in meinem Regal. Mal sehen, wann ich dazu komme. 😉

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 11, 2013 at 11:57 am

      Ich hoffe, du kommst bald dazu und ich wünsche dir schon jetzt ganz viel Spaß bei der Lektüre! 😀 Schön, dass dich Alma auch so fasziniert, mir erging es von der ersten Seite der Lektüre an ähnlich. Ich habe mich selten zuvor so stark mit einer literarischen Figur identifiziert und war selbst ganz überrascht von mir und meinen Gefühlen.

      Auf deine Eindrücke bin ich bereits jetzt sehr gespannt! 🙂

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