Euphoria – Lily King

Lily King legt mit Euphoria einen beeindruckenden Roman vor – angesiedelt in Neuguinea Anfang der 1930er Jahre berichtet sie nicht nur von einer faszinierenden Forschungsreise, sondern auch von einer aufregenden Liebesgeschichte. All das auch noch wunderbar erzählt – eine große Leseempfehlung!

Euphoria

Ich wurde im Glauben an die Wissenschaft erzogen wie andere Menschen im Glauben an Gott oder die Götter oder das Krokodil.

Lily King ist eine Schriftstellerin, die hier zu Lande noch kaum bekannt ist, dabei ist mit Euphoria – ins Deutsche übersetzt von Sabine Roth – bereits ihr dritter Roman erschienen, der von der New York Times sogar unter die fünf besten Bücher des Jahres gewählt wurde und nun verfilmt werden soll. Historisches Vorbild für den Roman ist die Ethnologin Margaret Mead, die im 20. Jahrhundert die Sexualität bei südpazifischen Völkern erforschte und als Wegbereiterin der sexuellen Revolution galt. Während die Ethnologin im deutschen Sprachraum weniger bekannt ist, gibt es von ihr und über sie zahlreiche englischsprachige Bücher und Artikel.

In Euphoria ist Margaret Mead das historische Vorbild für Nell Stone, so heißt die Hauptfigur des Romans. Gemeinsam mit ihrem Mann Fen ist sie auf dem Weg zu einem Forschungsaufenthalt in Neuguinea. Am Sepik Fluss begegnen sie dem Ethnologen Andrew Bankson, der ebenfalls die Völkerstämme in Neuguinea erforscht. Aus diesem zufälligen Zusammentreffen dreier Ethnologen kreiert Lily King eine brisante Dreiecksgeschichte – die es so, oder so ähnlich, tatsächlich gegeben hat. Nell, die mehr oder weniger unglücklich mit dem unterkühlten und eifersüchtigen Fen liiert ist, verliebt sich Hals über Kopf in den weit liebevolleren und aufmerksameren Bankson.

Brennende Wünsche, eine Flut des Verlangens, die ich in keine Bahn lenken konnte, ein Sichverzehren, ohne zu wissen, wonach. Ich verzehrte mich. Punkt. Es war das Gegenteil von Sterbenwollen. Aber kaum weniger unerträglich.

Lily King setzt ihren Roman aus unterschiedlichen Perspektiven zusammen: ein Teil wird aus der Sicht von Bankson erzählt, wir erhalten aber auch Einblicke in die Tagebücher von Nell Stone. Das exotische Neuguinea ist die Kulisse für eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, die aufgrund der historischen Bezüge zusätzliche Spannung erhält: was ist wirklich so gewesen, was ist reine Fiktion? Wo hört die Phantasie auf und wo fängt die Realität an? Euphoria ist jedoch für mich weit mehr als eine flirrende und fiebernde Liebesgeschichte: Lily King setzt sich auch ausgiebig mit den Forschungen ihrer Figuren auseinander. Wie kann es gelingen, eine andere Kultur zu erforschen? Wie kann man sich ihren Eigenarten respektvoll näher? Gibt es Grenzen, die von Forschern nicht übertreten werden sollten? Diese Fragen und Gedanken werden an Fen und Bankson verdeutlicht, die ganz und gar unterschiedliche Forschungsmethoden bevorzugen.

Ich glaube, mehr als alles andere ist es die Freiheit, nach der ich in meiner Arbeit suche, in all diesen entlegenen Gegenden der Welt – nach einer Gruppe von Menschen, die einander den Raum geben, so zu sein, wie es den Bedürfnissen eines jeden entspricht. Und vielleicht werde ich niemals in einer einzigen Kultur fündig werden, sondern finde Teile davon in verschiedenen Kulturen, die ich dann wie ein Mosaik zusammensetzen und der Welt vorführen kann. Aber die Welt ist taub. Die Welt – und damit meine ich letztlich den Westen – hat kein Interesse an Veränderung oder Weiterentwicklung, und meine Rolle scheint mir an düsteren Tagen wie heute einzig darin zu bestehen, diese exotischen Kulturen noch rasch zu dokumentieren, bevor die westliche Bergbau- & Landwirschaftsmaschinerie sie auslöscht.

Lily King gelingt es, auf wunderbare Art und Weise eine tragische Liebesgeschichte zu erzählen. Dabei wirft sie gleichzeitig spannende Einblicke in die Kunst der Ethnologie und schreibt darüber, was passieren kann, wenn man eine unbekannte Kultur skrupellos entdecken möchte. Euphoria hat mich gut unterhalten, nachdenklich zurückgelassen und neugierig darauf gemacht, endlich einmal die Werke von Margaret Mead zu entdecken.

Lily King: Euphoria. C.H. Beck Verlag, München 2015. 262 Seiten, €19,95. Auf der Verlagshomepage gibt es ein Euphoria-Special. Weitere Rezensionen gibt es bei Herzpotenzial und der Buchbloggerin

17 Comments

  • Reply
    booksandmore81
    February 26, 2016 at 1:12 pm

    Habe das Buch auch vor einiger Zeit gelesen und fand es sehr gut: https://booksandmore81.wordpress.com/2015/07/19/lily-king-euphoria/

    • Reply
      Mara
      March 2, 2016 at 3:00 pm

      Vielen Dank für deinen Link, da schaue ich gleich auf jeden Fall mal vorbei!

  • Reply
    March Hare
    February 26, 2016 at 3:43 pm

    Ich habe das Buch im letzten Herbst gelesen und mochte es sehr. Es ist eine außergewöhnliche und spannend erzählte Geschichte. Mir hat der kritische Blick auf die Ethnologie der damaligen Zeit gut gefallen und die paradoxe Situation, in der die drei Forscher akribisch die Beziehungen der zu erforschenden Menschen untersuchen, ihre eigenen aber völlig an die Wand fahren.

    • Reply
      Mara
      March 2, 2016 at 3:00 pm

      Liebe Marion,

      vielen Dank für deinen Besuch und deine Wortmeldung – ich freue mich darüber, dass dir das Buch ebenfalls gut gefallen hat. Ich mag auch deinen Blick auf diese paradoxe Situation sehr, die mir zuvor gar nicht so aufgefallen war. Ich kann dir aber nur zustimmen!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Constanze Matthes
    February 26, 2016 at 5:29 pm

    Der Roman hat mir auch sehr, sehr gut gefallen. Er regt auch dazu an, über andere Lebensweisen nachzudenken. Zumal man selbst mit Hilfe der Literatur in solche entlegenen Gegenden der Erde nur sehr selten kommt. Viele Grüße

    • Reply
      Mara
      March 2, 2016 at 2:58 pm

      Liebe Constanze,

      ich freue mich, dass dir das Buch ebenfalls gut gefallen hat! Ich fand es auch klasse, dass Lily King es einem ermöglicht, etwas ganz anderes kennenzulernen – erstaunlicherweise war sie selbst wohl nie vor Ort, sondern hat sich vor allen Dingen von Margaret Mead inspirieren lassen. Auf die bin ich jetzt übrigens sehr neugierig geworden!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    dj7o9
    February 27, 2016 at 11:17 am

    Ich freue mich schon sehr auf das Buch und hadere noch mit mir die Büchergilden-Ausgabe auf Deutsch oder doch lieber im Original lesen? Decisions, Decisions 😉

    • Reply
      Mara
      March 2, 2016 at 2:56 pm

      Ich empfehle dir die Büchergilden-Ausgabe – die ist wirklich traumhaft schön, ich könnte sie mir glatt kaufen, nur um sie neben das andere Buch ins Regal zu stellen!

  • Reply
    Silberdistel
    February 29, 2016 at 10:57 am

    Deine Rezension hat mich neugierig gemacht. Auch vom Thema her könnte es mich sehr interessieren. Dankeschön für den Tipp.
    Liebe Grüße von der Silberdistel

    • Reply
      Mara
      March 2, 2016 at 2:54 pm

      Sehr gerne, liebe Silberdistel! Wenn du dir das Buch kaufen solltest, wäre ich sehr gespannt darauf zu erfahren, ob es dir ebenfalls so gut gefallen wird!

      • Reply
        Silberdistel
        March 2, 2016 at 3:50 pm

        Es steht schon mal auf meiner Wunschliste, liebe Mara 🙂

  • Reply
    ODudek
    February 29, 2016 at 12:51 pm

    Ich kann jeden Satz von dir zu diesem wunderbaren Buch unterschreiben.
    Viele Grüße

    • Reply
      Mara
      March 2, 2016 at 2:53 pm

      Na, das freut mich aber sehr – wie schön, dass dir das Buch ebenfalls gut gefallen hat!

  • Reply
    Büchernische
    March 6, 2016 at 4:15 pm

    Liebe Mara,

    nun hast du mich mit deiner Begeisterung angesteckt. Die Stichworte Forschungsreise, Neuguinea und exotisch lassen mich gerade hellhörig werden. Danke für diesen Buchtipp, wird sogleich auf die Merkliste gesetzt 🙂

    Schöne Woche dir!
    Sandra

    • Reply
      Mara
      March 8, 2016 at 4:45 pm

      Liebe Sandra,

      es ist mir doch immer die größte Freude, andere mit meiner Begeisterung anzustecken! Wenn du das Buch lesen solltest, wäre ich sehr gespannt darauf, wie es dir gefallen wird!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Tasmetu
    March 7, 2016 at 2:35 pm

    Liebe Mara,

    eine sehr schöne Rezension 🙂 Das Buch steht bei mir schon seit langem auf der Wunschliste und ich schmachte es jedes Mal an wenn ich in der Buchhandlung bin.
    Allerdings muss ich dir in einem Punkt widersprechen: Mead ist in Deutschland zumindest unter den Ethnologen sehr bekannt. Wir haben bei uns in der Uni sehr viel über sie gesprochen, es ist einer der ersten Namen die man im Ethnologie Studium kennen lernt. In ganz Deutschland gesehen kennt man sie vielleicht nicht, das liegt aber eher daran, dass hier keine Sau weiß was Ethnologie ist 😀 (Ich begegne wirklich selten Menschen die den Begriff überhaupt jemals gehört haben, geschweige denn wissen was es bedeutet)

    Aber nach der Rezension will ich das Buch noch viel mehr kaufen & lesen 😀 Danke dir!

    • Reply
      Mara
      March 8, 2016 at 4:40 pm

      Liebe Tasmetu,

      hab vielen Dank für deinen Besuch und die Richtigstellung meiner Behauptung. Deine Einwürfe habe ich mit großem Interesse gelesen – es ist wahrscheinlich tatsächlich so, dass es einen Kreis an Menschen gibt, der Mead sehr wohl etwas sagt. Ich bin bisher einfach noch nicht in Berührung gekommen mit der Ethnologie, aus diesem Grund war ich auch zum ersten Mal über ihren Namen gestolpert. Ich finde es ganz faszinierend, dass du die Möglichkeit hattest, bereits während deines Studiums mit ihren Texten in Berührung zu kommen.

      Ich freue mich in jedem Fall, dass ich dich neugierig machen konnte und wünsche dir bei der Lektüre ganz viel Freude!

      Liebe Grüße
      Mara

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