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#top5tbrbooks

#igreads und #bookstagram – so heißen wohl die beiden beliebtesten Hashtags, die buchbegeisterte Nutzer und Nutzerinnen bei Instagram benutzen. Weiß jeder von euch, was ein Hashtag ist? Ich wusste das vor einigen Jahren selbst noch nicht so genau. Das Wort lässt sich wohl am besten mit dem Begriff Verschlagwortung erklären. Nach den verwendeten Hashtags können in sozialen Netzwerken dann andere suchen. Ich stelle mir dieses Prinzip immer wie einen riesengroßen Zettelkasten vor.

Lesestapel

In diesem reisengroßen Zettelkasten habe ich vor kurzem einen spanenden Hashtag entdeckt: #top5tbrbooks. Ja, ich weiß, manche Hashtags muss man zweimal lesen. Dieser heißt ausgeschrieben so viel wie: die nächsten fünf Bücher, die ich unbedingt lesen möchte. Wenn man nach diesem Hashtag auf Instagram sucht, dann kann man ganz viele Fotos mit Bücherstapeln entdecken.

Ich fand diesen Hashtag so spannend, da ich so etwas sonst nie mache: ich lege mir eigentlich keine Stapel mit Büchern zurecht, die ich als nächstes lesen möchte. Wie und warum ich Bücher auswähle, ist ein Prozess, der wirklich schwer zu beschreiben ist. Uwe Tellkamp hat sein Schreiben mal als Suchbewegung beschrieben und so würde ich auch mein Lesen beschreiben: die Lektüreauswahl erfolgt dabei ganz intuitiv, ich gehe zum Regal und greife zu dem Buch, auf das ich in diesem Moment die größte Lust verspüre – manchmal drängeln sich wiederum neue Bücher dazwischen, die dringend gelesen werden wollen. Schön finde ich es dann immer, wenn sich im Nachhinein betrachtet Zusammenhänge und Leselinien auftun: zuletzt habe ich zum Beispiel mehrere Schriftstellerbiographien gelesen. Die Auswahl erfolgte in dem Moment jedoch rein zufällig.

Der Hashtag hat mich dazu inspiriert, auch mal einen Stapel anzulegen – ich bin schon gespannt, ob ich mich daran halten werde. Gestern habe ich auf jeden Fall schon zu On the move von Oliver Sacks gegriffen.

Wie ergeht es euch? Wie geht ihr bei der Auswahl eurer Lektüre vor? Habt ihr Lesepläne oder Lesestapel? Und was wären bei euch die nächsten fünf Bücher, die ihr unbedingt lesen wollt?

Machandel – Regina Scheer

Machandel ist das Romandebüt von Regina Scheer, in dem sie nicht nur einen Teil der ostdeutschen Geschichte wieder zum Leben erweckt, sondern gleichzeitig auch eine weitverzweigte Familiengeschichte erzählt. Eine Familiengeschichte voller Träume und Hoffnungen, voll von Freundschaft und Verrat.

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Man muss nicht in einer großen Stadt leben. Alles, was geschehen kann, ist auch in Machandel geschehen.

Regina Scheer macht einen verwunschenen Sommerkaten und ein kleines mecklenburgisches Dorf zum Zentrum ihres Romans. Das Dorf ist fiktiv, liegt nur zwei Stunden von Berlin entfernt in nördlicher Richtung und trägt den Namen Machandel. Ein Name, der nicht zufällig gewählt wurde, sondern auf die uralte Geschichte des Machandelbooms zurückgeht. In den unterschiedlichen Kulturkreisen wird diese Geschichte immer wieder anders erzählt: in dem Märchen der Brüder Grimm begräbt Marlene unter dem Machandelbaum die Knochen ihres Bruders, der anschließend in der Gestalt eines Vogels wieder aufersteht und davon singt, dass er ermordet wurde – durch die eigene Stiefmutter. Das Märchen bildet das Fundament des Romans – im übertragenen Sinne sagt es, dass man die Erinnerung zulassen muss, da in ihr das Geheimnis der Vergebung und Erlösung liegt. Nur wer sich erinnert, dem kann verziehen werden.

Früher. Ich bin schon wie die alten Frauen, die in dem Dorf wohnten, als wir hierherkamen; sie lebten mit Menschen, die nicht mehr da waren, das längst Vergangene gehörte zu ihrer Gegenwart. So geht es mir auch, wenn ich an meinen Katen denke, ein schönes Haus mit einem Badezimmer und großen grünen Kachelöfen, die geölten Fenster aus Lärchenholz, das Fachwerk innen und außen mit Lehm verputzt.

Doch worum geht es eigentlich? Machandel ist ein so weit verzweigter Familienroman und ein so umfassendes Zeitmosaik – Regina Scheers Erzählung umfasst mehr als neunzig Jahre -, dass es nicht ganz leicht fällt, die Handlung zusammenzufassen. 1985 begleitet Clara ihren Bruder Jan in das mecklenburgische Dorf Machandel. Der vierzehn Jahre ältere Jan steht kurz vor der Ausreise aus der DDR, er wurde im Schloss von Machandel geboren und ist in diesem märchenhaften Dorf aufgewachsen. Doch mittlerweile möchte er nur noch weg. Als Clara mit Jan und ihrem Mann damals nach Machandel reiste, entdeckte sie dort einen Sommerkaten. Einen verwunschenen Ort – scheinbar perfekt für die kleine Familie. Ihren Bruder verliert sie – er flüchtet aus der Republik, doch dafür erhält sie einen Platz im Ort seiner Kindheit. Der Sommerkaten wird von Clara zu einem Wochenendhaus hergerichtet, der ihr und ihrer Familie immer wieder Zuflucht gewährt. Schon ihr Vater, der von den Nationalsozialisten verfolgt wurde, ist Jahrzehnte zuvor nach Machandel geflüchtet. Der flüchtende Vater, der damals Kommunist gewesen ist, wird nach dem Krieg zum Staatsdiener. Aus dem Kommunisten wird ein erfolgreicher Minister, doch seine eigenen Kinder wenden sich ab: Jan stellt einen Ausreiseantrag und Clara schließt sich Bürgerbewegungen an. Die Mutter verfällt dem Alkohol.

Aber jetzt ahnte ich, dass ich hier an diesem Ort etwas finden könnte, was wie ein verlorenes Verbindungsstück zu ihm wäre. Und vielleicht auch zu unseren Eltern. 

Regina Scheer lässt ihre Geschichte abwechselnd von fünf unterschiedlichen Stimmen erzählen: drei Männer und zwei Frauen kommen zu Wort und als Leser wird man Teil ihrer Lebensgeschichten. Machandel wird dabei zu einem Knotenpunkt. Eigentlich reist Clara in das Wochenendhäuschen, um an ihrer Dissertation zu arbeiten (über das Märchen Von dem Machandelbloom), doch stattdessen streift sie immer wieder durch das Dorf – es ist ein Streifzug durch die Vergangenheit, ein Streifzug auf der Suche nach Antworten. Ähnlich wie Marlene, die die Knochen ihres Bruders aufsammelt, um sich an ihn zu erinnern und ihn damit wieder zum Leben erweckt, sammelt auch Clara Erinnerungen auf: es sind Erinnerungssplitter, Erinnerungsbilder Erinnerungstrümmer, Erinnerungsbruchstücke. Sie erinnert an die Flüchtlinge aus dem Osten, die nach Machandel kamen – in der Hoffnung dort Unterschlupf zu finden. Sie erinnert an eine russische Zwangsarbeiterin, die im Dorf ein neues Zuhause fand. Sie erinnert an ein junges Mädchen, das in eine Anstalt eingeliefert wurde. Sie erinnert an ihren Vater, der schwerverletzt im Schloss von Machandel gesund gepflegt wurde und sich dabei verliebte.

Ich spürte und wusste allmählich, dass an diesem Ort, in unserem eigenen Haus, etwas geschehen war, das nicht vergessen war, das sich jederzeit plötzlich zeigen konnte, als ein Schmerz in Nataljas Gesicht, als ein Verstummen im Gespräch der Frauen am Bus, in der Geste, mit der sie sich kaum merklich von Wilhelm abwandten. Dieses Ungesagte verwob sich für mich mit dem Märchen vom Machandelbloom, es machte mich traurig. Dennoch fuhren wir so oft wie möglich nach Machandel, als würden wir nur an diesem Ort festhalten können, was uns allmählich verloren ging.

Regina Scheer legt mit Machandel einen Roman vor, der einem Kaleidoskop gleicht – einem Mosaik. Es ist kaum möglich, dieses märchenhafte Panorama aus einzelnen Schicksalen, geschichtlichen Entwicklungen und sozialen Strömungen zusammenzufassen. Es ist erst recht nicht möglich, diesem Panorama auch noch gerecht zu werden. Dem Leser werden ganz viele unterschiedliche Stimmen und Töne geboten, die allesamt von Glaubwürdigkeit und Authentizität getragen werden. Auch von ganz unterschiedlichen Schicksalen wird erzählt: manche der Figuren überstehen alles unbeschadet, andere wiederum nehmen Schaden – manchmal sogar schweren Schaden. Kein Schicksal hat mich unberührt gelassen, denn Regina Scheer erzählt mit so viel Wärme und Zuneigung von ihren Figuren, dass ich mich als Leserin dem nicht entziehen konnte. Geschichte um Geschichte verbirgt sich in diesem großartigen Roman, der dennoch nie überladen wirkt: die Erinnerungsbilder fügen sich Seite für Seite zu einem Ganzen, bis deutlich wird, wie wichtig es ist, Erinnerungen zu bewahren, um weiterleben zu können. Machandel erzählt von der Kraft der Erinnerung und der Einsamkeit im Exil des Vergessens. Von geplatzten Träumen, zerstörten Hoffnungen, von politischen Gräueltaten und schweren Schicksalsschlägen. Der Roman erzählt aber auch von drei starken Frauen, von Liebe und von grenzenloser Hilfsbereitschaft.

Machandel ist ein großartiges und wichtiges Buch, dem ich so viele Leser und Leserinnen wie möglich wünsche.

Urwaldgäste – Roman Ehrlich

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Roman Ehrlich sein Debüt als Schriftsteller gefeiert hat – vor etwas mehr als einem Jahr erschien sein vielbeachteter Roman Das kalte Jahr. In diesem Herbst nun hat er sein zweites Buch vorgelegt, diesmal einen Erzählband, der den Titel Urwaldgäste trägt. Mit diesem entführt uns Roman Ehrlich in den Urwald der heutigen Arbeitswelt und den scheinbar ganz normalen Alltag.

Roman EhrlichIch fühlte mich ohnehin in diesen Tagen als soziales Wesen, als Mensch unter Menschen, unanbietbar.

Urwaldgäste ist ein seltsames Puzzle, das sich aus insgesamt zehn Erzählungen zusammensetzt. Alle Erzählungen können für sich stehend gelesen werden, manchmal begegnet man Figuren jedoch in mehreren der Erzählungen. Allen Erzählungen gemein ist der lapidare und scheinbar harmlose Ton, mit dem Roman Ehrlich einen ganz normalen Alltag beschreibt, der auf den zweiten Blick jedoch nicht mehr ganz normal wirkt. Gemein ist den Erzählungen jedoch auch das übergeordnete Thema: alle zehn kreisen auf unterschiedliche Art und Weise um unsere heutige Arbeitswelt, die eine etwas seltsam anmutende Welt ist. Eine Welt, die von ökonomischen Gesichtspunkten diktiert wird.

Es ist unmöglich, genau zu sagen, wann das geschehen war – wann dieser Zustand begonnen hatte, in dem ich maulfaul, abwesend und auch taub für die Äußerungen meiner Umwelt wurde. Es war ein Vorgang wie die Ankunft des Winters.

Da gibt es zum Beispiel den Protagonisten aus der ersten Erzählung, der zum Schein Physik studiert, um Zugriff auf die studentische Jobbörse zu erhalten. Er heuert bei dem Unternehmen Grinello Clean Solutions an, wo er einsam am PC seine neue Tätigkeit verrichten soll. Das Büro ist hochmodern ausgestattet, dem neuen Mitarbeiter fehlt es an nichts – nur menschliche Kollegen hat er irgendwie kaum. Wenn es ihm mal zu eintönig wird, dann kann er auf seinen USB-Weihnachtsbaum zurückgreifen. Dieser ganze Büroalltag wird von Roman Ehrlich lapidar geschildert, es erscheint alles so normal und alltäglich – in wie vielen Büros in Deutschland sieht es wohl genauso aus: in hochmodern eingerichteten Zimmern arbeiten Menschen stumpf vor sich hin, alleine mit sich und ihren sinnlosen Aufgaben. Keinem ist bewusst, wie einem dabei Stück für Stück das letzte bisschen Menschlichkeit abhanden kommt und von einem roboterhaften Tun ersetzt wird.

Ich stehe im Licht. Ich bin dran. An der Reihe – Aber halt! Halthalthalt. Hat denn so jemals jemand gesprochen? Hat denn, im Leben, jemals einer so geredet, sich so gegeben? Hat denn, hahaha, hihi hat denn so jemals jemand gelacht, hat sich denn je einer so aufgeregt, verdammt, Scheiße, Fuck, so wütend, war je einer so in Rage, so verzweifelt, so außer sich und ohne Hoffnung war jemals jemand so weit entfernt, so abwesend, versunken, verschlossen, verloren, hat sich jemals einer so gesehnt, so herrlich gesehnt, weil er so, so schrecklich verliebt war? Hat jemand, jemals, so direkt das Wort an Sie gerichtet und Sie gefragt, wollte jemals jemand auf diese Art von Ihnen wissen, was eigentlich mit Ihnen los ist?

Da gibt es auch noch Arne Heym, den Protagonisten einer anderen Erzählung, der ein unbefriedigendes Dasein in seinem Job fristet. Als er eines Abends auf eine spannende Werbeanzeige stößt (Lassen Sie sich täuschen!), verändert sich sein langweiliges und alltägliches Leben von einem Moment auf den anderen: plötzlich befindet er sich in einem lebensechten Rollenspiel, bei dem er nie so genau weiß, was Wirklichkeit ist und was Täuschung.

Ich habe eine große Sehnsucht. Ich gehe jeden Tag zur Arbeit. Und diese Arbeit, das ist es halt, was mir stinkt, ist dieser Ort der offenen Fragen, wo wie nirgends sonst ein Raubbau an meiner Sehnsucht getrieben wird. Eine Ausbeutung meiner Träume und Illusionen. Das findet hier statt. Aber sagen Sie mir mal, hat man Ihnen das nicht schon mal gesagt?

Roman Ehrlich legt mit Urwaldgäste einen vielschichtigen und interessanten Erzählband vor, der sich von vielem abhebt, dass unsere deutschsprachige Gegenwartsliteratur ansonsten zu bieten hat. Ein Grund dafür ist sicherlich die Tatsache, dass sich Roman Ehrlich einem wichtigen Themenkomplex annimmt: der Entindividualisierung unserer Arbeitswelt, vielleicht sogar unseres ganzen Lebens. Wo bleibt der Mensch in einer durchorganisierten und hochtechnisierten Welt? Wo bleibt das Menschliche? Wo bleiben Verletzlichkeit und überraschende Momente? Der Erzählton ist lapidar, fast beiläufig – so erschafft Roman Ehrlich eine Welt, die auf den ersten Blick ganz normal erscheint und doch verbergen sich unter dieser Oberfläche Seltsamkeiten, allerhand Skurriles und Befremdliches. In vielen der Erzählungen wird mit Realität und Phantasie gespielt und dabei werden Charaktere erschaffen, die genauso glatt sind, wie die Büros, in denen sie arbeiten. Das macht die Lektüre nicht immer einfach, aber darum nicht weniger spannend.

Urwaldgäste ist keine Lektüre für zwischendurch, ganz sicherlich nicht. Die Erzählungen erfordern nicht nur Zeit, sondern auch, dass man sich auf die Erzählwelt, die Roman Ehrlich erschafft, einlässt.Urwaldgäste ist kein Literatursnack und kein Wohlfühlbuch, aber ein hochinteressanter Erzählband, der es verdient, gelesen zu werden.

Weitere Besprechungen gibt es hier, hier und hier.

blogst: wissen, teilen, bloggen!

Bereits vorletztes Wochenende war ich also auf der blogst-Konferenz in Hamburg. Für all diejenigen, die nicht wissen, was man sich genau darunter vorstellen kann: BLOGST ist aus der Idee entstanden, sich zu vernetzen und Wissen auszutauschen. Bereits seit zwei Jahren gibt es regelmäßig Workshops und Barcamps zu ganz unterschiedlichen Themen und einmal im Jahr schließlich eine große Konferenz. Gegründet wurde dieses ganz besondere Bloggernetzwerk von Ricarda Nieswandt und Clara Moring.

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Im Park Hotel Lindner in Hamburg, gleich neben dem Tierpark Hagenbeck, drehte sich nun zwei Tage lang alles ausschließlich um das große Thema Bloggen. Es gab zahlreiche Vorträge, drei Workshops und auch rund um die Konferenz viele tolle Aktionen der Sponsoren. Eigentlich richtet sich die blogst überwiegend an Blogger und Bloggerinnen der Themenbereiche Food, Design, Lifestyle oder DIY – davon wollte ich mich aber nicht abhalten lassen. Ich durfte an diesem Wochenende also erleben, wie man sich als Exotin so fühlt, denn von insgesamt 200 Teilnehmerinnen (und ja, ein paar Männer waren auch dabei) war ich die einzige Literaturbloggerin.

Das Spektrum der Themen bei der blogst war groß und reichte von trockenen Zahlen und Statistiken (Social Media Monitoring), über erfolgreiche Kooperationen bis hin zu Vorträgen über Leidenschaft und Mut. Die beiden letztgenannten Vorträge haben mich wohl am meisten beeindruckt, denn ich glaube, dass beides – Leidenschaft und Mut – zu den wichtigsten Aspekten des Bloggens gehört und je länger man bloggt, desto größer ist die Gefahr, dass die Leidenschaft unterwegs verloren geht. Die beiden Macherin von sisterMag haben ein paar Ideen aufgezeigt, um dem Bloggerburnout vorzubeugen, von denen ich mir auch die ein oder andere notiert habe.

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Genauso wichtig wie die Leidenschaft ist jedoch auch der Mut dazu, schwierige Themen anzusprechen oder auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Dein Blog, deine Party – das war einer der Sätze, die bei mir hängengeblieben ist. Es gab auch einen spannenden Vortrag über Pinterest, einen derjenigen Social Media Kanäle, den ich bisher noch kaum genutzt habe, auf dem man als Blogger aber auch aktiv sein kann. Aber wer kann das schon, auf allen Kanälen präsent sein, auf denen man angeblich präsent sein muss? Instagram, Twitter, Facebook, Google+. Das war auch eine Erkenntnis, die ich aus diesem Wochenende mitgenommen habe: das, was am Ende zählt, ist der eigene Blog – da kann man ruhig auf den einen oder anderen Kanal verzichten. Ebenso spannend war der Vortrag über Rechtsfragen im Internet – da gibt es so einiges, das ich bisher nicht bedacht und beachtete habe. Und im Workshop zum Thema Bessere Blogtexte schreiben habe ich nicht nur gelernt, weniger Adjektive zu verwenden, sondern auch noch das ein oder andere mehr.

Insgesamt konnte ich aus fast allen Vorträgen so einiges mitnehmen: ich habe tolle Impulse erhalten und viele Gedanken und Ideen wurden in mir angestoßen – als es dann plötzlich vorbei war mit diesem blogstgefühl, hatte ich schon fast Entzugserscheinungen und musste mich erst einmal wieder im Alltag zurecht finden. Natürlich habe ich mich zwischendurch auch etwas verloren gefühlt zwischen all den Food-, Design, DIY- und Lifestylebloggern, doch es war spannend für zwei Tage in diese Bloggerwelt abzutauchen, die doch etwas professioneller organisiert ist, als unsere Welt der Literaturblogger.

Abschließend bleibt mir dann auch nur die Empfehlung, mutig und leidenschaftlich zu sein. Und vielleicht auch einfach mal die eine oder andere Blog-Konferenz zu besuchen, damit ich mich als Literaturbloggerin nicht noch einmal so einsam fühlen muss. Ich verspreche auch, dass es dabei so einiges zu lernen gibt.

Das Geräusch einer Schnecke beim Essen – Elisabeth Tova Bailey

Das Geräusch einer Schnecke beim Essen ist nicht nur ein großartiger Titel, sondern auch ein großartiges Buch. Es ist ein autobiographisches Buch, denn Elisabeth Bailey erzählt davon, wie eine Erkrankung ihr ganzes bisheriges Leben verändern sollte und wie sie sich trotz dessen wieder zurückgekämpft hat. Entstanden ist dabei ein kluger, poetischer und sehr berührender Text.

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Denke nicht daran, wieviel zu tun ist, welche Schwierigkeiten zu bewältigen sind oder welches Ziel erreicht werden soll, sondern widme dich gewissenhaft der kleinen Aufgabe, die gerade ansteht, und lass das für heute genügen.

Elisabeth Bailey arbeitet eigentlich als Journalistin, doch dann sollte eine mysteriöse Viruserkrankung sie jahrelang ans Bett fesseln. Die Erkrankung, die nach einer Europareise der Autorin ausbricht, hat zur Folge, dass das Leben von Elisabeth Bailey ganz und gar zum Stillstand kommt. All das, was vorher war, kann nun plötzlich nicht mehr gemacht werden: der Beruf, geliebte Aktivitäten und das Zusammensein mit Freunden – all das ist plötzlich unmöglich geworden. Stattdessen wird das Leben bestimmt von Arztbesuchen, Kreislaufzusammenbrüchen und einer mysteriösen Muskelschwäche.

Aber was war nun mit der Schnecke? Was sollte ich mit ihr anfangen? So klein sie war, hatte sie doch friedlich vor sich hingelebt, als meine Freundin sie aufhob. Welches Recht hatten wir, in ihr Leben einzugreifen? Wobei ich mir nicht vorstellen konnte, wie das Leben einer Schnecke überhaupt aussah.

Eines Tages bringt eine Freundin ihr eine Topfpflanze mit, unter deren Blättern eine Schnecke sitzt, die sie im Wald gefunden hat. Nicht nur Elisabeth Bailey muss plötzlich mit völlig veränderten Lebensbedingungen zurecht kommen, sondern auch die Schnecke, die ihren natürlichen Lebensraum verlassen hat. Sie lebt lange in den Blättern der Topfpflanze, bevor sie irgendwann in ein Terrarium umgesiedelt wird. Elisabeth Bailey und die Schnecke gehen eine seltsame Form der Gemeinschaft ein: für die nächsten Wochen und Monate wird die Schnecke zu einer ständigen Begleiterin. Einer Begleitung mit inspirierender Wirkung, denn die Schnecke ist – trotz ihrer Größe – eine furchtlose und unermüdliche Entdeckerin. Bailey beobachtet dieses kriechende Tier, das plötzlich in ein ganz anderes Leben gesetzt wurde – ohne Mitspracherecht haben zu können bei dieser Entscheidung. Durch das Beobachten der Schnecke erhält das Leben von Elisabeth Bailey zum ersten Mal seit ihrer schweren Erkrankung wieder einen Sinn, sie hat das Gefühl, gebraucht zu werden. Aber nicht nur das, denn auch ihr Gefühl für das Vergehen der Zeit verändert sich: das gemächliche Tempo der Schnecke überträgt sich auch auf die Autorin, die sich nur im Schneckentempo von ihrer Erkrankung erholt.

Die Schnecke und ich lebten beide in einer veränderten Landschaft, die wir uns nicht selbst ausgesucht hatten – ich stellte mir vor, dass wir ein Gefühl des Verlusts und der Heimatlosigkeit teilten.

Aus der Beobachtung der Schnecke entsteht etwas ganz Erstaunliches: durch die Betrachtung eines anderen Lebewesens verändert sich plötzlich auch die Perspektive aus der Elisabeth Bailey auf ihr eigenes Leben blickt. Ihr Schicksal, in erdrückender Isolation ans Bett gefesselt zu sein, wiegt urplötzlich weniger schwer. Ihr eigenes Erleben wird plötzlich in ein ganz neues Verhältnis gerückt. Die anfängliche Beobachtung wird mit der Zeit zu einer großen Leidenschaft für Schnecken. Die Autorin wird zur Schneckenforscherin und lässt die Leser an all ihren erstaunlichen Erkenntnissen über das Leben von Schnecken teilhaben.

Ich hätte mir niemals träumen lassen, was mich durch das vergangene Jahr gebracht hat: eine Waldschnecke und ihre Nachkommen – ohne sie hätte ich es, glaube ich, wirklich nicht geschafft. Zu beobachten, wie ein anderes Geschöpf seinem Leben nachgeht … gab auch mit, der Beobachterin, einen Daseinszweck.

Das Geräusch einer Schnecke beim Essen ist ein unheimlich zartes und leises Buch, wenn man ganz still ist beim Lesen, glaubt man schon fast die Schnecke beim Essen belauschen zu können. Sie frisst sich so durch die Seiten, Sätze und Wörter, die davon erzählen, wie bereichernd es sein kann, die eigene Perspektive zu öffnen und den Blick ab und an auch mal auf andere Lebensbereiche zu richten. Elisabeth Bailey hat ein wahrhaft zauberhaftes Buch geschrieben, ein Buch irgendwo zwischen Poesie, Wissenschaft und Lebensbetrachtung.

Wie Liebe entsteht – Raija Siekkinen

Die finnische Schriftstellerin Raija Siekkinen erzählt in Wie Liebe entsteht eigentlich gar nicht vom Enstehen der Liebe, sondern viel mehr von ihrem Vergehen. Zehn Erzählungen beschäftigen sich mit dem Moment, in dem die Liebe erlischt, durch die Hintertür verschwindet. Getragen werden die Geschichten von einer leichten Schwere, von heller Düsterkeit.

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Es gab die Zeit davor und die danach und das Einzige, was blieb, war weiterzumachen.

Wie Liebe entsteht ist ein schmales Bändchen. Gerade einmal knappe 160 Seiten umfassen die zehn Erzählungen, denen ein lesenswertes Nachwort des Schriftstellers David Wagner folgt. Allen Erzählungen gemein ist die Tatsache, dass Raija Siekkinen von Frauen erzählt. Frauen, die am Scheideweg stehen. Frauen, die Entscheidungen treffen müssen. Die Situationen, die die Autorin beschreibt, wirken wie aus dem Alltag gegriffen und doch haben all ihre Figuren etwas heldinnenhaftes an sich. Alltagsheldinnen.

Sobald alle Wünsche und Hoffnungen dahin sind, dachte Anna, hat der Mensch eine Grenze überquert und schüttelt auf der anderen Seite den Kopf über seine Taten und Motive, löst sich schließlich. Dann folgt die Beerdigung.

Die Titelgeschichte erzählt von einer Frau, die plötzlich erkennen muss, dass sie schon lange nicht mehr jung ist und der große Teil ihres Lebens bereits vorbei ist. Es gibt nichts mehr im Leben, das sie festhalten möchte, auch ihren Mann liebt sie schon lange nicht mehr. Der Tag, an dem sie dies erkennt, ist ausgerechnet der Tag, an dem ihr Mann ihr seine immer noch andauernde Liebe erklärt. In einer anderen Geschichte fragt ein Mann seine Freundin: Sollen wir nicht doch heiraten? Die ganze Erzählung kreist um diese fünf Worte, die so dahin gesagt sind und doch ein ungeheuer schweres Gewicht haben. Könnte es eine lieblosere Liebeserklärung geben?

An einem Abend ging ich danach noch hinaus, spazierte durch den Schnee und sah zu unserem Haus, dessen Fenster hell leuchteten, und dachte, dass ich in meinem eigenen Leben feststeckte und es keinen anderen Ort gab, an den ich gehen konnte. Ich kehre in meinen Fußstapfen zurück, an der Tür kam mir die Wärme entgegen.

Alle zehn Geschichten, die von Elina Kritzokat hervorragend ins Deutsche übertragen wurden, erzählen von einem Vergehen. Liebe entsteht nicht, Liebe vergeht, doch dafür ensteht vielleicht etwas Neues: eine Freiheit, ein neues Leben, ein Aufbruch in eine neue Zukunft. Das Entstehen und Vergehen spiegelt sich in den Geschichten wider: in fast allen von ihnen spielen Renovierungsarbeiten eine Rolle – etwas Altes vergeht, etwas Neues entsteht. Die Protagonistinnen von Raija Siekkinen stecken fest, empfinden ihr Leben als Falle – alle Illusionen haben sie schon lange verloren, die Liebe fühlt sich für die meisten von ihnen nur noch schal an.

Die Geschichten haben den Charakter eines Kammerspiels. Beim Lesen habe ich das Gefühl, durch die finnische Landschaft zu laufen: die Sonne scheint vom Himmel, doch es ist eisig kalt und eine Schneedecke begräbt alles Lebendige unter sich. Raija Siekkinen verliert nicht viele Worte über ihre Figuren, über die Handlung ihrer Geschichten und doch entfalten diese beim Lesen eine ungeheure Wucht. Worte, die so luftig und lockerleicht daher kommen, besitzen plötzlich eine erschreckende Schwere. Die Autorin macht Worte schwer, gibt Sätzen Gewicht und beschreibt dabei einen in seiner Alltäglichkeit schier bedrückenden Alltag.

Ja, suchten nicht alle Menschen ihr Leben nach diesen Einheiten ab, nach Anfängen und Enden, teilten ihre Zeit in Episoden ein, in denen sie immer eine neue Hauptfigur waren? Auch sie hatte Phasen abgeschlossen und zugeklappt wie ein vollgeschriebenes Tagebuch, das man nie wieder las, höchstens kurz durchblätterte, ehe man es verbrannte. Aber dann war ihr alles wieder aufs Neue begegnet, und sie hatte begriffen, dass so das Leben beschaffen war.

Selten zuvor habe ich Erzählungen gelesen, die auf so wenig Seiten so viel Wucht entfalten, so viel Schwere und Traurigkeit und all das mit einer ungeheuren Leichtigkeit. David Wagner beschreibt sie in seinem Nachwort als leicht-schwer und so verzweifelt und ich möchte mich ihm eigentlich nur noch anschließen. Ja, leicht-Schwer und verzweifelt und doch sind die Geschichten mit so viel Offenheit geschrieben, dass ich als Leserin die einzelnen Fäden nehmen und damit meine eigenen Geschichten spinnen kann.

Philipp Blom – Über Sehnsucht, Träume und Geschichten

Bereits letzte Woche hatte ich von einer spannenden neuen Idee des elektrischen Lesens berichtet und seit heute gibt es sie nun, die ersten zehn Texte der Hanser Box: darunter finden sich Kurzgeschichten und Essays namhafter Autoren wie Javier Marías, Henning Mankell, T.C. Boyle und Thomas Glavinic. Ich habe einmal in die digitale Wundertüte gegriffen, habe mich jedoch für keinen dieser Autoren entschieden, sondern für Philipp Bloms Essay Über Sehnsucht, Träume und Geschichten.

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Ohne Geschichten wären wir blind und taub.

Philipp Blom ist Autor und Historiker. Er schreibt regelmäßig für unterschiedliche Zeitungen und Zeitschriften und hat bereits zahlreiche Bücher publiziert. Ich muss gestehen, dass es vor allem der Titel gewesen ist, der mich neugierig gemacht hat: Geschichten lese ich jeden Tag mit großem Vergnügen, ein Leben ohne wäre für mich nicht vorstellbar. Umso neugieriger war ich darauf zu erfahren, was Philipp Blom über Sehnsucht, Träume und Geschichten zu erzählen weiß.

Von Anfang an hatte unsere Sehnsucht nur eine Waffe gegen die Erfahrung der Sinnlosigkeit in unserem eigenen Leben: Wir haben uns Geschichten erzählt. Geschichten haben Anfang, Mitte und Ende, das Handeln der Figuren hat sinnvolle Konsequenzen, die Guten werden belohnt, die Bösen bestraft, zufällige Fakten erhalten Bedeutung und Funktion, einen Ort im Geschehen.

Auf Einladung des Getty Research Institutes verbringt Philipp Blom einige Monate in Los Angeles, in einem Apartment voller Kunsthistoriker. Sie alle zieht es nach Los Angeles, um dort die eigenen Träume zu leben. Philipp Blom schreibt nicht nur über die Menschen, auf die er dort trifft, zum Beispiel über den Informatiker Sean und seine Frau Penny, die als Archäologin arbeitet und ein akademisches Leben auf der Überholspur geführt hat, sondern auch über die Stadt Los Angeles, in der Sehnsüchte, Hoffnungen und Träume aufeinander treffen, sich manchmal erfüllen und manchmal zerplatzen. Es ist das normale Chaos, das sich Leben nennt. Alle wünschen sich etwas, Glück und Liebe, eine gute Arbeit oder Stabilität, doch manche befinden sich schon zu weit am Rand des Lebens, um sich ihre Wünsche noch erfüllen zu können. Philip Blom, der sich in diesem Essay als großartiger und kluger Erzähler erweist, kommt zu dem Schluss, dass ein Mensch dieses Chaos ohne Geschichten nicht überleben kann. Diese Geschichten können in der Literatur stattfinden oder im Kino, die Hauptsache ist es, in sie eintauchen zu können und durch sie lernen zu können, wie man sich durch das Leben navigieren kann.

Indem wir uns Geschichten erzählen, machen wir eine hässliche Realität nur dadurch schöner, dass wir uns selbst belügen: Geschichten können tatsächlich eine Zukunft schaffen, die ohne sie unmöglich gewesen wäre. Sie bieten nicht nur existenziellen Trost und einen künstlichen, auf falschen Annahmen fußenden Mut – sie erschaffen auch die Welt, in der wir leben. Wir sind und wir werden ein Abbild der Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen.

Philipp Blom schafft es mit leichter Hand in seinem Essay die drei zentralen Themen Sehnsucht, Träume und Geschichten miteinander zu verknüpfen. All dies geschieht mit Los Angeles als Folie, einer Stadt voller Träumender und Gescheiterter, voller Chaos und Geschichten. Zwischendurch streut der studierte Historiker auch immer wieder sein historisches oder auch religiöses Wissen ein und führt den Wunsch danach Geschichten zu erzählen, den bereits Kleinkinder hegen, auf ihren Ursprung zurück.

Über Sehnsucht, Träume und Geschichten ist ein spannender Essay, der mich neugierig auf einen Autor macht, von dem ich zuvor noch nichts gelesen hatte. Es ist aber auch ein Essay, der mich nachdenklich gemacht hat, der mich über die Frage nachdenken ließ, was mir Geschichten eigentlich bedeuten, was mich Geschichten lehren, was mich beim Lesen tröstet und was mich beim Lesen träumen lässt.

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