Das kalte Jahr – Roman Ehrlich

1983 wurde Roman Ehrlich in Aichach geboren. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und an der Freien Universität Berlin. “Das kalte Jahr” ist das Romandebüt dieses jungen Autors, der bereits Stipendiat der Werkstatttage des Wiener Burgtheaters war und an der Autorenwerkstatt Prosa am LCB teilgenommen hat.

“Ich verließ die Stadt auf meinen Füßen zur kältesten Zeit des Jahres.”

Das Land ist eingeschneit. Es ist unter einer Schneedecke begraben, für die es keine Erklärung gibt, die einfach da ist.  Ein junger Mann, der namenlos bleibt, wandert an der Autobahn entlang, um nach Hause zurückzukehren. Er möchte seine Eltern besuchen und befindet sich auf dem Weg zum Haus seiner Kindheit. Die Landschaft, an der der junge Mann entlang wandert, ist von einer weißen Schicht bedeckt, die Seen sind zugefroren, die Felder weiß vom Schnee, der alles unter sich begraben hat. Der Entschluss aufzubrechen, wurde spontan gefällt.

“Ich konnte einfach plötzlich nicht mehr in meiner Wohnung bleiben, in meiner Straßen, dem Viertel, kein einziges Mal mehr um dieselbe Ecke laufen wie gestern schon, mit dem kleinen Supermarkt auf der einen und dem großen Supermarkt auf der anderen Straßenseite, der Haltestelle der Straßenbahn zwischen den beiden Fahrspuren, den zerkratzten Scheiben des Wartehäuschens, dem Schienengeräusch, wenn die Straßenbahn an der Kreuzung um die Kurve fuhr.”

Als er endlich eintrifft, muss der junge Mann jedoch feststellen, dass seine Eltern verschwunden sind. Stattdessen öffnet ihm ein Kind die Tür, es ist ein seltsamer Junge, der kaum spricht und zurückgezogen im Kinderzimmer des jungen Mannes lebt. Wie er sich versorgt, wie er dort lebt, wo die Eltern sind – all das sind Fragen, die unbeantwortet bleiben. Richard, so heißt das Kind, bleibt, wenn die Sprache auf das Warum kommt, stumm. Im Kinderzimmer arbeitet Richard an einem mysteriösen Projekt, hantiert mit Werkzeug, bastelt vor sich hin und hält bei allem, was er tut, die Tür geschlossen. Es dauert lange, bis die beiden eine gemeinsame Sprache finden. Es sind vor allem die Geschichten des jungen Mannes, die Richard begeistern und die beide zusammenführen.

“Das kalte Jahr” ist in zwei Ebenen unterteilt, auf denen die Handlung spielt. Die Geschichte findet zum einen in der kalten und winterlichen Gegenwart statt, in der sich Richard und der junge Mann begegnen. Zum anderen springt die Handlung aber auch immer wieder in die Vergangenheit zurück und damit in die Geschichten, die der junge Mann erzählt. Die Geschichten machen zunächst einen wahllosen Eindruck, doch Geschichte für Geschichte, offenbart sich ihr verbindendes Element. Das Gemeinsame, das alle Geschichten haben, ist die Zerstörung und der Neuaufbau.

“Für Richard mussten die Geschichten sein. Für seine speziellen Bedürfnisse. Von der Welt außerhalb des Ortes mussten sie handeln, von den Menschen, die in diese Welt aufgebrochen waren, auf ihren Füßen über Land oder auf Schiffen über das weite Meer. Ich würde ihm alles erzählen, was ich wusste. Und das war ja schließlich nicht nichts. Es war vielleicht gar nicht mal so wenig.”

Der junge Mann erzählt die Geschichte von Dankmar Adler, der aus dem thüringischen Lengsfeld nach Detroit emigriert und später weiter nach Chicago zieht. Dort erlebt er mit, wie die Stadt 1871 von einem Feuer beinahe vollständig vernichtet wird. Adler, der als Architekt arbeitet, ist an dem Neuaufbau der Stadt maßgeblich beteiligt. Er erzählt die Geschichte von George Wellington Streeter dessen Schiff auf eine Sandbank aufläuft. Kapitän Streeter beschließt, einen neuen Staat auszurufen – bestehend aus dem auf der Sandbank aufgelaufenen Schiff, “Streeters Castle”.

Roman Ehrlichs Roman lässt sich als Dystopie lesen, die Welt, wie wir sie kennen, findet nicht mehr statt. Sie hat aufgehört zu existieren und wurde durch eine kalte und winterliche Landschaft ersetzt. Mögliche Gründe werden nicht genannt und die Bevölkerung scheint sich schon lange mit diesem Zustand abgefunden zu haben. Es ist die Rede von ehemaligen Militärgebieten, von Anlagen, die kriegsgewerblich genutzt wurden – doch vieles bleibt unausgesprochen und verborgen, wie unter schweren Schneeschicht. Obwohl vieles unklar bleibt, habe ich den Roman verschlungen, ich habe ihn wie einen Krimi gelesen – voller atemloser Spannung, bis ich die letzte Seite zugeklappt habe. Habe die poetische Sprache und die sonderbare Atmosphäre in mich aufgesaugt, auch wenn ich nicht alles begreifen konnte. Auch das Ende bringt keine Klarheit, keine Aufklärung – auch wenn man das Buch mit einem Hoffnungsschimmer zuklappen kann, ist dies ein Hoffnungsschimmer, der nichts erklärt. Doch der unerfüllte Wunsch nach klaren Strukturen und einem eindeutigen Ende, trübt mein Lesevergnügen nicht. Denn das, was das Lesevergnügen bei diesem Roman ausmacht, war für mein Empfinden vor allem die persönliche Deutung und Interpretation der Geschichte. Reizvoll sind die unterschiedlichen Anknüpfungspunkte, die der Text bietet und die sich von Leser zu Leser unterscheiden können. Berührt hat mich vor allen Dingen die Rückkehr des Erzählers in das Haus seiner Eltern, die einer Rückkehr in die Kindheit gleichkommt.

“Ich dachte an das Unheimliche, das von meinen Eltern ausging und sie gleichzeitig auch selbst ergriff. Das war kein Schrecken, keine Waffe oder offene Wunde, kein Fleck verbrannter Erde, sondern eine ein für alle Mal feststehende Ordnung, die kaum jemals etwas Beunruhigendes von sich gibt, die einfach nur da ist, mit Selbstverständlichkeit fortwirkt und all das bestimmt, was einem dann schließlich auf weiten Umwegen die Luft abschnürt.”

Wie diese Rückkehr in das Haus der Kindheit und die Begegnung mit diesem verschlossenen und seltsamen Jungen gelesen werden kann, hängt von der jeweiligen Perspektive ab. Der junge Mann bleibt zu allen Menschen auf Distanz, kommt nur schwer ins Gespräch, auch Richard lebt zurückgezogen und mit seinen eigenen Projekten beschäftigt – begegnet der junge Mann möglicherweise sich selbst als Kind? Und wo sind die Eltern? Haben die Eltern den jungen Mann als Kind alleine gelassen, haben sie das Kind sich selbst und seiner eigenen Welt überlassen?

Roman Ehrlich erzählt eine Geschichte der Kälte. Die winterliche Kälte überträgt sich auf die zwischenmenschlichen Beziehungen in diesem Text. Die schwer lastende Einsamkeit der Menschen und die Beziehungslosigkeit untereinander spiegelt sich in der unwirtlichen Landschaft wider, die kalt und zugeschneit ist. Ergänzt wird der Roman durch zahlreiche Fotografien und Zeichnungen, die dem Text den Anstrich von Wahrheit und Wirklichkeit geben.

“Das kalte Jahr” ist ein lesenswerter Roman, der jedoch weniger als zusammenhängender Text funktioniert, denn als ein großes literarisches Puzzle. Teilchen für Teilchen und Bild für Bild setzt sich der Text zusammen, dabei bleibt es nicht aus, dass nicht alle Puzzlestücke zueinander passen. Ich habe dennoch einen großartigen und hochpoetischen Roman gelesen, über Einsamkeit und menschliche Leere. Die Beschreibung der Rückkehr in die Kindheit, habe ich als unheimlich melancholisch empfunden, passend zu der winterlichen Landschaft. Überhaupt habe ich selten zuvor einen Roman mit so wunderschönen Landschaftsbeschreibungen gelesen, wie diesen hier. Eine großartige und sehr empfehlenswerte Lektüre, der ich viele Leser und Leserinnen wünsche.

18 Comments

  • Reply
    5 Fragen an Roman Ehrlich! | buzzaldrins Bücher
    July 29, 2013 at 8:12 am

    […] Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und an der Freien Universität Berlin. “Das kalte Jahr” ist das Romandebüt dieses jungen Autors, der bereits Stipendiat der Werkstatttage des Wiener […]

  • Reply
    Eva Jancak
    July 29, 2013 at 8:52 am

    Interessant, daß ich dieses Buch auch schon in der Hand hatte, es ist ja unmittelbar nach dem Bachmannlesen erschienen und gab es vor zwei Wochen beim Thalia in St. Pölten. Ich habs durchgesehen, die Fotos sind mir aufgefallen. In der Jurydiskussion ist ja der Vergleich mit ” Coby County” von Leif Randt, der schon früher dort gelesen hat, aufgekommen. Ich hatte bei der Lesung den Eindruck, ein bemühtes Buch und vielleicht ein bißchen auf den Wettbewerb hinkonstruiert. Roman Ehrlich hatte in Klagenfurt ja auch Pech und ist bei der letzten Preisrunde übergeblieben, zuviele gute Texte, bzw. mit den fünfhundert Euro davongekommen, die es ja bei diesen Preis der “Automatischen Suchmaschine” oder so, gegeben hat.
    Ich bin gespannt, ob ich das Buch in ein zwei Jahren auf den Abverkaufsstößen beim “Thalia” finde. Inzwischen habe ich unter anderen “Du stirbst nicht” von Kathrin Schmidt, der dBP von 2009 und was mich besonders neugierig machte und ich demnächst lesen werde “Axolotl Roadkill” von Helene Hegemann, um das es ja auch große Aufregungen gegeben hat, gefunden. Eine schöne Sommerwoche und noch viel Spaß beim Lesen!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 31, 2013 at 1:06 pm

      Liebe Eva,

      genau – wenn ich das richtig verstanden habe, hat der Verlag die Veröffentlichung vorgezogen, was sich ja auch aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit bei der Preisvergabe angeboten hat. Über den Vergleich mit “Coby County” war ich auch gestolpert, lustigerweise hatte ich mir das Buch erst wenige Wochen zuvor gekauft und möchte es unbedingt auch noch lesen. Von Leif Randt kenne ich nämlich noch nichts. Das Roman Ehrlich trotz seines großartigen Textes ganz leer – naja fast ganz leer – ausgegangen ist, tat mir für ihn auch sehr leid. In einem anderen Jahr, mit anderen Konkurrenten hätte er möglicherweise sogar gewonnen.

      Liebe Grüße
      Mara

      P.S.: “Axolotl Roadkill” kann ich dir nur empfehlen! Großartig und ich freue mich schon sehr auf den neuen Roman von Helene Hegemann! 🙂

      • Reply
        Eva Jancak
        July 31, 2013 at 2:23 pm

        Gibt es ein neues Hegemann-Buch?

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          August 2, 2013 at 10:23 am

          Ja! 😀 Es erscheint Ende August und ich warte bereits lange und mit großer Vorfreude darauf!

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    July 30, 2013 at 4:02 pm

    Hallo Mara,
    ein bisschen fröstelt es mich nach Lektüre Deiner Besprechung. Ich bin nicht sicher, ob das das Buch ist, was ich grade lesen möchte, obwohl ich grade die Form interessant finde, der inhalt hört sich ein wenig sehr konstruiert an, aber vielleicht macht das ja gerade das puzzlen beim Lesen interessant. Mal sehen, ob mir das Buch mal zufällig übern Weg läuft… anyway: hier habe ich das Gefühl, Deine Rezension gefällt mir besser (weil sie wie immer richtig gut formuliert und strukturiert ist), als dann möglicherweise das Buch.

    Liebe Grüsse, Kai

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 31, 2013 at 1:00 pm

      Lieber Kai,

      danke für das großartige Kompliment, auch wenn ich natürlich ein ganz klein wenig traurig bin, dass meine Besprechung dich nicht so überzeugen und neugierig machen konnte, dass du auch das Buch lesen möchtest.
      Der Roman ist sicherlich ungewöhnlich; ungewöhnlicher als vieles, was heutzutage so an Neuerscheinungen erscheint, ich habe es aber als sehr lesenswert und spannend empfunden. Vielleicht ist das Buch ja doch noch etwas für deine winterliche Lektüre, denn bei kälteren Außentemperaturen fällt es vielleicht auch leichter, sich in diese winterliche Landschaft hineinzuversetzen. 😉

      Sonnige Grüße
      Mara

      • Reply
        skyaboveoldblueplace
        July 31, 2013 at 2:44 pm

        Liebe Mara,
        ich will noch keinen Wintre, ich will jetzt SOMMER… aber gut, überredet: ich werde eine Winterliste aufmachen und da kommt der Roman Ehrlich drauf. Und dann schaun mer mal…
        Liebe Grüsse, Kai

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          August 2, 2013 at 10:20 am

          Lieber Kai,
          hach, megatoll! Ich freue mich, dass ich dich überreden konnte! 😀 Ich mag übrigens den Winter etwas lieber als den Sommer, zumindest was diese tropischen Temperaturen betrifft, die wir im Moment haben. Da sehnen ich und der Hund uns doch den Herbst herbei. 😉

          Sommerliche Grüße
          Mara

  • Reply
    schifferw
    August 1, 2013 at 10:31 am

    Reblogged this on Wortspiele: Ein literarischer Blog and commented:
    Ein vielschichtiges Ausloten von Nähe und Einsamkeit – die Empfehlung, diesen Roman zu lesen reiche ich gerne weiter!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 2, 2013 at 10:13 am

      Ich danke ganz herzlich für das Teilen und Weiterreichen der Besprechung, denn dieser ambitionierte Roman hat es verdient, von möglichst vielen Lesern gelesen zu werden. 😀

  • Reply
    kommentarblog
    August 4, 2013 at 6:24 pm

    Für mich der interessanteste Klagenfurt-Text in diesem Jahr. Anscheinend fallen meine Favoriten oft gerade so durch. Letztes Jahr war das für mich Andreas Stichmann. Bei Roman Ehrlich erinnert mich einiges an McCarthys “The road”, anderes überhaupt nicht. Außerdem mag ich noch auf meine reichlich verspätete “Einzelkritik der Jury” hinweisen und endlich auch mal für die Aufnahme in deine Lieblingslinks danken.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 5, 2013 at 10:57 am

      Bei Andreas Stichmann fällt mir ein, dass sein Buch hier auch noch ungelesen im Regal steht … da muss ich schnellst möglichst etwas ändern … kann der Tag nicht vielleicht mehr Stunden haben? Nur zum Lesen? Das wäre herrlich. 😉
      Ich danke dir auch für den Hinweis auf deine Einzelkritik und werde da bestimmt bald einmal einen Blick drauf werden.

  • Reply
    “Das kalte Jahr” | open mike - der blog
    August 7, 2013 at 5:25 pm

    […] Buzzaldrins Bücher steht nach der Lektüre fest: ”‘Das kalte Jahr’ ist ein lesenswerter Roman, der […]

  • Reply
    caterina
    August 12, 2013 at 8:23 pm

    Jawoll, wird gelesen! Früher oder später, versprochen! Vielleicht fällt mir ja ein Exemplar in Köln in die Hände ;).

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 13, 2013 at 12:21 pm

      Sehr schön! 🙂 Ich glaube, es könnte dir gefallen … und wer weiß, vielleicht hast du ja Glück in Köln!

  • Reply
    Debütantenball | buzzaldrins Bücher
    June 18, 2014 at 4:34 pm

    […] Ehrlich, Das kalte Jahr – David Finck, Das Versteck – Jan Skudlarek, […]

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    Urwaldgäste - Roman Ehrlich - Buzzaldrins Bücher
    December 8, 2014 at 12:12 pm

    […] gefeiert hat – vor etwas mehr als einem Jahr erschien sein vielbeachteter Roman Das kalte Jahr. In diesem Herbst nun hat er sein zweites Buch vorgelegt, diesmal einen Erzählungsband, der den […]

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