Der Umfall – Mikael Ross

Mikael Ross erzählt in seiner Graphic Novel die Geschichte von Noel, dessen Leben sich durch einen Umfall von einem Moment auf den anderen ändert – und plötzlich ist nichts mehr so wie vorher. Der Comickünstler erzählt drastisch und gleichzeitig mit großer Sensibilität. Eine starke Geschichte, ein starkes Buch – und eine große Empfehlung!

Zwei große Kerls kommen. Hauen die Badtür durch. Packen Mumsie in ‘ne Decke aus Gold. Sie sieht ganz klein aus zwischen denen. Die fahren irre schnell. Mit tatü tata und allem!

In Der Umfall wird die Geschichte von Noel erzählt – schon auf den ersten Seiten wird deutlich, dass Noel – dessen genaues Alter wir nicht erfahren – eine geistige Behinderung hat. Noels Leben verändert sich von einem auf den anderen Moment, als er seine bewusstlose Mutter findet, die im Badezimmer einen Schlaganfall erlitten hat. Noel kennt das Wort Unfall nicht, er weiß nur, dass die Mutter einfach umgefallen ist und jetzt im Koma liegt. Das, was passiert ist, ist für ihn nur der Umfall. Als Noel versucht den Notruf zu wählen, hat er Schwierigkeiten seinen Namen zu nennen – und auch die Straße und die Hausnummer der Wohnung, fallen ihm erst nicht ein. Es sind diese kleinen Momente, die mich beim Lesen besonders berührt haben.

Da Noel nicht alleine leben kann und keine Verwandten hat, die sich um ihn kümmern, wird für ihn ein Betreuungsplatz gesucht. Von Berlin muss er ganz alleine nach Neuerkerode ziehen. Was ich erst nach der Lektüre erfahre: den Ort Neuerkerode gibt es wirklich. Es ist ein dörflicher Ortsteil der niedersächsischen Stadt Wolfenbüttel, in dem ausschließlich Menschen mit einer Behinderung leben – es gibt dort einen Friseur, einen Bäcker, einen Supermarkt und auch Werkstätten und Arbeitsplätze.

Der Umfall erzählt auch von Noels neuem Alltag in Neuerkerode – Mikael Ross erzählt von Freundschaften und ersten Liebschaften, von Karnevalsfeiern, Rockkonzerten und der einen oder anderen Prügelei. Der Comic ist als Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum entstanden, und so überrascht es nicht, dass Mikael Ross auch auf die Vergangenheit zurückblickt: eine Bewohnerin von Neuerkerode erzählt von ihrem behinderten Bruder, der sich erst begeistert vom Nationalsozialismus zeigte und später dann miterleben muss, wie immer mehr seiner Freunde abtransportiert werden und nicht mehr wiederkommen. Bis auch er selbst aus dem Dorf verschwindet und nie mehr zurückkehrt.

All diese Episoden werden aus der Perspektive der Betroffenen erzählt, was die Graphic Novel für mich nochmal besonders berührend und spannend gemacht hat. Es wird kaum etwas erklärt, viele Zusammenhänge muss man sich selbst erschließen, in dem man in das Leben dieser fremden Menschen eintaucht.

Für mich war Der Umfall meine erste Graphic Novel – und ich bin restlos begeistert. Mikael Ross erzählt eine berührende Geschichte, die trotz aller Tragik auch häufig spannend und hochkomisch ist. Noel habe ich in kurzer Zeit ins Herz geschlossen, er ist warmherzig und schlägt sich tapfer bei dem Versuch, in seinem neuen Leben zurecht zu kommen.

Was ich zum Abschluss sehr erwähnenswert finde: Mikael Ross wirft mit seiner Arbeit ein Schlaglicht auf eine Bevölkerungsgruppe, die in der Literatur kaum vorkommt. Der junge Autor hat mehr als zwei Jahre lang für die Graphic Novel recherchiert und ich bin froh, dass ich sie entdeckt habe und hoffe, sie wird noch viele weitere Leser und Leserinnen finden.

Mikael Ross: Der Umfall. Avant Verlag, Berlin. 128 Seiten, 28€.

 

 

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