Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr – Zoran Ferić

Zoran Ferić wurde 1961 in Zagreb geboren. Er hat an der Philosophischen Fakultät von Zagreb studiert und als Gymnasiallehrer gearbeitet. “Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr” ist bereits das fünfte Buch von Zoran Ferić, das im Folio Verlag erscheint. Die TransferBibliothek des Folio Verlags, in der auch dieses Buch erschienen ist, hat es sich zum Ziel gesetzt, überwiegend Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus dem ost- und südosteuropäischen Sprachraum zu veröffentlichen. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass ich den Roman bei “Blogg dein Buch” gewonnen habe.

Zoran Ferić erzählt in “Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr” eine weit verzweigte Geschichte, in dessen Mittelpunkt der Gynäkologe Tihomir Romar steht. Tihomirs ehemalige Klasse trifft sich auf seine Initiative hin nach fünfzig Jahren wieder, um die gemeinsame Abifahrt zu wiederholen. Auf der Tramuntana, einem Segelboot, das seine beste Zeit schon lange hinter sich hat, fahren die mittlerweile 70jährigen erneut die Küste Dalmatiens entlang.

“Wir waren einmal dreißig. Wie es Tage gibt im Monat. Jetzt waren wir noch zwölf. Wie die zwölf Apostel. Und so, wie wir damals, 1961, mehr waren und unser Leben kürzer, so waren wir jetzt, 2010, erheblich weniger, hatten aber ein unvergleichlich längeres Leben hinter uns. Als würde hier eines mit etwas anderem gleichgesetzt und sich gegenseitig aufheben. Damals waren wir neunzehn, jetzt waren wir achtundsechzig.”

Die Erzählung von Zoran Ferić springt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her. Er lässt seine Hauptfigur Tihomir Romar in Rückblicken seine Lebensgeschichte erzählen: über das Aufwachsen in einem kriegsgeschüttelten Land, die Abenteuer mit seinen beiden besten Freunde Roman und Radovan und das langsame Sterben seiner Mutter. Im Mittelpunkt steht jedoch die Beziehung Tihomirs zu seiner Klassenkameradin Senka. Auf der Tramuntana sehen beide sich nach fünfunddreißig Jahren Schweigen und Funkstille wieder und kommen zum ersten Mal wieder ins Gespräch.

“[…] wir waren selbstsüchtig. Du genauso wie ich. Liebe ist eine selbstsüchtige Hure. Und das ist für uns die wichtigste Schlussfolgerung dieser Abireise.”

Tihomir und Senka haben eine wechselseitige, intensive und zugleich fast selbstzerstörerische Beziehung geführt und doch sind beide lange Zeit nicht voneinander losgekommen und ihre Leben haben sich auf immer dunkleren Pfaden miteinander verstrickt.

Der Titel des Romans wird auch zugleich im ersten Satz aufgegriffen: “Das Alter kam am 23. Mai 2010 gegen 11 Uhr”. In genau diesem Moment kommt Tihomir nämlich aufgrund einer “glücklichen Fügung” auf die Idee, die gemeinsame Abifahrt fast fünfzig Jahre später zu wiederholen.

“Und während ich dem Geschöpf zusah […], kam mir die Idee, dass auch wir aus der 4c, die wir aller Wahrscheinlichkeit nach bereits alle im Ruhestand und mit Sicherheit schon am Schrumpfen waren, unsere Abiturreise mit dem Schiff wiederholen könnten. Von Opatiha nach Zadar. So wie im Jahre 61.”

Tihomir ist seit Kurzem in Rente gegangen. Sein Leben wird bestimmt von dem Gefühl “der Nutzlosigkeit” und auch die Prostata macht ihm mittlerweile zu schaffen, so dass er sich “für einen kurzen Augenblick” eine zweite Jugend wünscht oder etwas Ähnliches.

“Das bedeutet, von nun an und in Hinkunft war ich alt. Viel älter, als ich noch gestern war oder heute Morgen. Wer hätte gedacht, dass das Alter an einem einzigen Tag kommt,  dass es einem von einem frechen Kellner serviert wird wie ein schaler Kaffee und dass das zudem noch an der Schwelle vom Frühling zum Sommer geschieht.”

“Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr” sprudelt über vor Ideen und Einfällen. Es gibt so viele Themen und Handlungsstränge, dass ich unmöglich alle beschreiben oder gar aufzählen kann. Die Erzählung springt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart hin und her; die Passagen aus der Vergangenheit und die Rückblenden auf Tihomirs fatale Beziehung mit Senka, haben mir besser gefallen, als die Beschreibungen der Abifahrt. Die Passagen aus der Gegenwart besitzen häufig einen ironischen Unterton, der mich leider nicht begeistern konnte.

Damit komme ich auch zu einem meiner größten Kritikpunkte an diesem Roman. Leider leidet die Geschichte von Zoran Ferić  und damit verbunden auch mein eigenes Lesevergnügen massiv unter einer immer wieder holprigen Übersetzung. Übersetzt aus dem Kroatischen hat den Roman Klaus Detlef Olof und ich bin während der Lektüre gehäuft über unglückliche oder auch holprige Formulierungen gestolpert, genauso wie über ungebräuchliche Begriffe. In so einem Fall wäre es sicherlich interessant, das Buch in seiner Originalsprache zu lesen und mit der Übersetzung abzugleichen. Es sind häufig nur Kleinigkeiten, über die ich gestolpert bin, Sätze die nicht falsch sind, sich aber unrund anhören (“Ich belegte einen Platz mit Beschlag.”).

Ein weiterer Kritikpunkt von mir betrifft die Figurenzeichnung. Für mich war es nicht immer leicht die Handlung der Figuren nachzuvollziehen. Verstärkt ging mir das so bei den Passagen auf dem Schiff, aber auch bei einer Figur wie Senka, die mir seltsam ferngeblieben ist. Immer wieder haben die Figuren in meinen Augen irrational agiert. Diesen Eindruck hatte ich verstärkt in den Dialogpassagen, die häufig wie am Reißbrett geschrieben wirkten. Aber auch hier spielt sicherlich wieder die Übersetzung eine Rolle.

Insgesamt ist “Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr” eine interessante Geschichte, die vor allem von vielen starken Ideen und Handlungssträngen lebt – das sind die Bereiche in denen Zoran Ferić brilliert. Ich habe mich gerne und mit viel Freude mit Tihomir auf eine Reise in seine Vergangenheit begeben. Es ist jedoch schade, dass das Buch – in der Gesamtperspektive – unter dieser etwas holprigen und unrunden Übersetzung leidet.

7 Comments

  • Reply
    caterina
    October 21, 2012 at 7:24 pm

    Klingt ganz so, als wäre die Geschichte nach meinem Geschmack. Schade, dass dich die Übersetzung nicht überzeugen konnte. Bin auf jeden Fall sehr gespannt auf die Lektüre! 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      October 22, 2012 at 11:48 am

      Liebe Caterina,
      die Geschichte ist wirklich toll! 🙂 Wirklich schade, dass die Übersetzung nicht ganz so gelungen ist. Mich würde in solchen Fällen immer interessieren, warum das passiert ist, woran es lag. Das Buch hat sich übrigens heute früh auf den Weg gemacht (entschuldige die Verspätung) und ich bin schon gespannt, wie es dir gefallen wird.
      Viele Grüße
      Mara

      • Reply
        caterina
        October 22, 2012 at 9:14 pm

        So weit kommt’s noch, dass du dich für die Verspätung entschuldigst – tztztz!
        Aber die Frage, die du aufwirfst, beschäftigt auch mich. Ist es nur (d)eine subjektive Wahrnehmung? Und falls nicht – warum ist es dem Verlag nicht aufgefallen? Oder ist es sogar eine bewusste Entscheidung seitens des Übersetzers / des Verlages, weil vielleicht das Original ähnlich holprige Stellen aufweist? Wären wir des Kroatischen mächtig, wäre es sicherlich eine spannende Sache, das mal zu überprüfen…

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          October 24, 2012 at 12:28 pm

          Liebe Caterina,

          genau exakt diese Fragen haben mich auch umgetrieben und beschäftigt. Bereits bei der Lektüre, aber auch beim Schreiben der Besprechung. Ich würde mich – ganz uneigennützig natürlich – sehr darüber freuen, wenn du das Buch bald lesen würdest, um herauszufinden, ob es vielleicht in der Tat eine subjektive Wahrnehmung von mir ist. Der Autor hat in Kroatien einige Literaturpreise für dieses Buch gewonnen, es würde mich schon überraschen, wenn das Original ebenfalls holprige Stellen aufweisen würde.

          Also: bitte das Buch schnell lesen, damit ich weiß, ob ich mit meiner Einschätzung alleine bin! 😉
          Viele Grüße
          Mara

      • Reply
        caterina
        October 27, 2012 at 3:36 pm

        Ich habe es heute endlich mal geschafft, zur Post zu gehen und das Päckchen abzuholen. Vielen, vielen Dank dafür! Ich bemühe mich, so bald wie möglich zu lesen 🙂
        Liebe Grüße,
        caterina

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          October 27, 2012 at 5:01 pm

          Ich freue mich, dass es gut bei dir angekommen ist! Ich habe es direkt weitergeschickt, weil es so schön verpackt war – wenn also noch irgendwas anderes beiliegt, einfach wegschmeißen. 😉 Ich wünsche dir schon jetzt viel Spaß bei der Lektüre und bin ganz gespannt, wie es dir gefallen wird und auf deine Eindrücke die Übersetzung betreffend.

          Viele Grüße
          Mara

  • Reply
    Blogparade 2012 « buzzaldrins Bücher
    December 31, 2012 at 11:40 am

    […] Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr, Zoran Feric […]

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