Mädchen IV mit Leguan – Alexandra Lavizzari

Die Schriftstellerin Alexandra Lavizzari wurde in Basel geboren und hat Ethnologie und Islamwissenschaft studiert. Seit 1999 lebt sie abwechselnd in Rom, in der Schweiz und in England. Sie hat bereits einige belletristische, kunstgeschichtliche und literaturkritische Werke veröffentlicht. Auf dem Blog “Lesewelle” gab es bereits letzte Woche einen Hinweis auf ihren biographischen Essay über Annemarie Schwarzenbach.

“Was nicht erzählbar ist, hängt an der Seele wie die wachsende Frucht an einem Baum. Irgendwann knickt die Seele unter der Last, wenn man sie nicht durch Sprechen befreit.”

“Mädchen IV mit Leguan” erzählt die Geschichte eines namenlosen Mädchens, das mit zehn Jahren in einen Steinbruch stürzt und schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird. Die körperlichen Schäden des Unfalls verheilen mit der Zeit, doch das Mädchen hat nicht nur ihre Erinnerungen an den Unfall und die vorherigen Monate verloren, sondern auch ihre Sprache. Sie hört auf zu kommunizieren.

“Dazu müsste ich den Mund auftun und einen Laut von mir geben. Was ich seit einer Woche und zwei Tagen nicht mehr tue. Es heißt, ich habe die Sprache verloren. Möglich, aber sicher bin ich nicht. Ich denke, wenn ich mich anstrenge, könnte ich Schwester Tina sagen oder Mama, nur strenge ich mich nicht an. Oder nicht genug.”

Sie verweigert sich allen therapeutischen Maßnahmen und auch ihre Eltern finden keinen Zugang mehr zu ihrer Tochter. Der Vater ist häufiger auf Geschäftsreise, als zu Hause und die Mutter versinkt immer wieder in ihre Beschäftigung mit der Kunst. Der Sturz in den Steinbruch scheint nicht nur ein unglücklicher Unfall gewesen zu sein. Das Mädchen empfindet ihn als tiefen Einschnitt, der ab jetzt das Leben vor und nach dem Unfall durch eine gewaltig klaffende Lücke voneinander trennt.

“Trotzdem sagen mir die Namen nichts. Sie haben nichts mit mir zu tun, weil ich nicht diejenige bin, für die man mich hält. Zwischen mir und der Welt, die Mutter ins Zimmer zaubert, gibt es einen Graben. Ich stehe allein auf meiner Seite. Wenn ich jedoch hinüberblicke, wo die anderen stehen, sehe ich mich dort auch.”

“Ich ziehe mich noch tiefer in meinen Körper zurück, um mich vor den Schmerzen davonzustehlen. Inzwischen kenne ich den Weg. Er ist nicht lang, er führt unter Ohrensausen in einen dunklen Raum, der sich auflöst, sobald ich mitten drin stehe. Der Boden ist weg und ich falle, falle, falle, bis ich an der erstbesten Erinnerung hängen bleibe. Niemand fängt mich auf und niemand ahnt, dass ich jetzt mit fremden Kindern ins Wasser tauche, auf dem die Asche der Toten schwimmt.”

Stumm kehrt das junge Mädchen in die Schule zurück, kapselt sich von ihren Mitschülern ab, beginnt immer häufiger Schulstunden zu schwänzen oder bei gemeinsamen Ausflügen zu fehlen. Sie findet erst langsam den Weg zurück in die Normalität, doch irgendwann beginnt sie schließlich doch wieder damit  zu sprechen. Mit der Sprache kommen auch Erinnerungsfetzen und Traumbilder zurück. Erinnerungen an den Unfall, der vielleicht gar kein Unfall gewesen ist. Bilder, die das junge Mädchen ängstigen und die aus den Monaten vor ihrem Sturz stammen. Erinnerungen und Bilder, die sie nicht einordnen kann, nicht zuordnen, doch die wie ein “Alp” auf ihrer Brust lasten.

Erzählt wird der Roman aus der Perspektive des mittlerweile erwachsen gewordenen Mädchens, die ihre Geschichte einem Unbekannten erzählt.

“Hauptsache, Sie unterbrechen mich nicht. Ich werde nämlich lange erzählen. Wie Scheherazade werde ich die ganze Nacht erzählen.”

Für den Leser setzt sich Seite für Seite, Stück für Stück ein Puzzle zusammen. Ein Bild entsteht, Erinnerungen und Eindrücke werden zusammengefügt.  Die Erzählung des Mädchens beginnt im Krankenhaus und endet mit dem Moment der Wahrheit, in dem sie alle Puzzlestückchen zusammengefügt hat.

Der seltsame Titel des Romans bezieht sich auf ein Bild, das ein mit der Mutter befreundeter Künstler von dem jungen Mädchen vor dem Unfall gemalt hat und das den Titel “Mädchen IV” trägt. Der ausgestopfte Leguan ist ein Geschenk ihres Vaters, während sie im Krankenhaus liegt. Sie tauft ihn auf den Namen Trauma und im Laufe der Jahre erzählt sie ihrem Leguan ihr Geheimnis. Sie öffnet die Naht an seinem Bauch und füllt ihren Leguan mit ihren Erinnerungen, mit ihren Ängsten, mit ihrer Scham. Mit diesem monströsen Es:

“Es. Das Wörtchen steht inzwischen für alles Unaussprechbare, Mutter führt es ständig im Mund. Es steht für meine Narben, meine Schmerzen, meine Alpträume, meine Stummheit und vor allem, mit großem E, für jenen Novembertag, der damit tot geschwiegen wird.”

Sie möchte, dass ihr Leguan genau so ist, wie sie: mit Wunden und einem Geheimnis.

Alexandra Lavizzari hat mich mit ihrem Roman “Mädchen IV mit Leguan” nicht nur überzeugt, sondern auch begeistert und tief beeindruckt. Der Roman lebt von seiner Hauptfigur: das junge Mädchen besitzt einen speziellen Ton, eine Stimme, die mich von Beginn an in einen Sog gezogen hat. Ihre Erzählung ist von Verzweiflung geprägt und diese Verzweiflung wird unheimlich roh und ehrlich, ungefiltert, geschildert. Ihre Gedanken und Gefühle haben mich verstört und erschüttert.

“Ich habe mich verändert, bin nicht mehr ich, oder ich bin ich und ein anderes Ich dazu, das in mir wächst und mir Gedanken eingibt, die nicht zu mir gehören.”

Es gibt auch Passagen, die in einem leicht selbstironischen Ton gehalten sind, über die man beinahe ein bisschen schmunzeln kann.

“Mein Trauma – denn es gehört mir, dieses rätselhafte Ding – erklärt und entschuldigt alles und mich selbst bringt es in den Genuss grenzenloser Nachsicht.”

“Mädchen IV mit Leguan” ist ein Buch, das in den Feuilletons der größeren Zeitungen leider noch kaum Aufmerksamkeit erregt hat, dabei hätte es dieser beeindruckende Roman mehr als verdient, besprochen und beachtet zu werden. “Mädchen IV mit Leguan” ist ein ungewöhnlicher Text, der mich sehr nachdenklich und verstört zurückgelassen hat. Alexandra Lavizarri gewährt dem Leser Einblicke in den Kopf eines traumatisierten Kindes, das sich allein gelassen fühlt mit sich, den Erinnerungen und der Angst. Ein Mädchen, das sich selbst als “Besudelte” bezeichnet, besudelt von Scham und Ekel, für die kein Platz ist in der perfekten Welt ihrer Eltern. Alexandra Lavizzari entlässt den Leser nicht mit einem Happy End, sie hat mich überrascht und verstört aus der Geschichte entlassen, mit einem Ende, über das ich wohl noch lange nachdenken muss.

Eine empfehlenswerte Lektüre, der ich viele Leser wünschen würde.

7 Comments

  • Reply
    literaturen
    November 12, 2012 at 8:56 am

    Das klingt ja in der Tat sehr interessant. Wie bist du denn auf dieses Buch gestoßen? Ich hatte es vor dem Auftauchen auf deinem Blog auch noch nicht gesehen!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 12, 2012 at 2:07 pm

      Wie ich in meinem Kommentar an Buechermaniac bereits erklärt habe, bin ich durch die “Lesart” auf das Buch gestoßen. Eine super Zeitschrift, die ich dir nur empfehlen kann, falls sie auch in einer deiner Buchhandlungen ausliegen sollte. Ich glaube – da ich auch noch deinen Kommentar zum Buch von Corinna T. Sievers im Kopf habe – dass dir das Buch gefallen könnte und kann es dir nur empfehlen! 🙂

  • Reply
    buechermaniac
    November 12, 2012 at 11:36 am

    Liebe Mara

    Mit dem zweitletzten Satz hast du echt die Neugierde geweckt. Aber keine Angst, ich lese das Buch nicht von hinten, sondern von vorne 😉 Der Titel ist so schräg, auch wenn du hier erklärst warum der Roman so heisst, würde ich in der Buchhandlung glatt an diesem Buch vorbeilaufen.

    Genau das frage ich mich auch, wie literaturen: Wie bist du auf dieses Buch aufmerksam geworden?

    Liebe Grüsse
    buechermaniac

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 12, 2012 at 1:58 pm

      Liebe buechermaniac,

      ich freue mich, dass ich mit meiner Besprechung deine Neugier wecken konnte. Die Auflösung am Ende ist für mich sehr verstörend gewesen und ich würde mich freuen, falls du den Roman lesen würdest, darüber zu sprechen. Es ist schwierig darüber zu schreiben, ohne nicht zu viel zu verraten.

      Der Titel ist in der tat schräg. Ich habe in dem kostenlosen Büchermagazin “Lesart” über das Buch gelesen. Dort gab es eine längere Besprechung und ich war sofort begeistert: das Cover hat mich irgendwie magisch angezogen, genauso wie der Buchinhalt. Die “Lesart” ist wirklich eine tolle Zeitschrift, in der auch unbekanntere Titel vorgestellt werden.

      Viele Grüße
      Mara

  • Reply
    Fast eine Liebe | lesewelle
    January 9, 2013 at 5:24 am

    […] findet auf dem Blog “buzzaldrins Bücher” eine lesenswerte Rezension zu ihrem Roman “Mädchen IV mit Leguan “ und ein Interview mit der […]

  • Reply
    Conor
    August 6, 2013 at 6:27 am

    Liebe Mara!
    “Mädchen IV mit Leguan” ist ein beeindruckender Roman, der mich noch nach Beenden gedanklich beschäftigt. Ich habe ihn soeben beendet.
    In der Tat ist es schwierig, darüber zu schreiben, ohne zuviel zu verraten. Ist das Puzzle zusammengesetzt, erscheint das Geschehene nachvollziehbar.
    Deine Rezension hat mich – mal wieder:) – auf ein lesenswertes Buch aufmerksam gemacht, dafür ein Dankeschön!
    “Lesart” – dieses Büchermagazin werde ich mir merken und danach Ausschau halten.

    Liebe Grüße
    Conor

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 7, 2013 at 11:03 am

      Liebe Conor,

      ich freue mich, dass dich das Buch ähnlich beeindrucken konnte wie mich – bei mir hat die Lektüre auch noch lange nachgewirkt, als ich das Buch zugeklappt habe.
      Die “Lesart” solltest du in der Tat im Auge behalten, dort gibt es immer schön – auch häufig etwas abseitige – Tipps. Ich freue mich immer auf jede neue Ausgabe! 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

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