Teheran, Stadt ohne Himmel – Amir Hassan Cheheltan

Amir Hassan Cheheltan wurde 1956 in Teheran geboren und hat bislang sechs Romane sowie fünf Erzählbände veröffentlicht. Aufgrund seiner Tätigkeit als Schriftsteller wurde er in seinem Heimatland immer wieder bedroht, so dass er mit seiner Familie für zwei Jahre nach Italien zog. “Teheran, Stadt ohne Himmel” ist der dritte Teil seiner Trilogie über die iranische Hauptstadt und konnte in seinem Heimatland aufgrund der Zensur bisher noch nicht vollständig veröffentlicht werden. Zuvor erschienen in Deutschland bereits “Amerikaner töten in Teheran” und “Teheran Revolutionsstraße”. Übersetzt wurde der Roman von Kurt Scharf, der viele Jahre Mitarbeiter des Goethe-Instituts in Teheran, Porto Alegre, Berlin, Istanbul und Lissabon war und Mitbegründer des Haus der Kulturen der Welt in Berlin ist.

In “Teheran, Stadt ohne Himmel” erzählt Amir Hassan Cheheltan die Geschichte seiner Hauptfigur Keramat. Keramat ist eine gleichermaßen faszinierende sowie auch ambivalente Figur. Eine Figur, die nicht eindeutig gut oder böse ist. Keramat sieht gut aus, er ist mutig und er scheut vor Gewalt nicht zurück. Als er zehn Jahre alt ist, verlässt er seine Familie und läuft weg. Auf seiner Flucht wird er von einem englischen Unteroffizier missbraucht und schwört sich selbst, sobald er in der Lage dazu ist, zurückzuschlagen, sich zu wehren. Er schließt sich einer Gang an, organisiert einen Schwarzhandel und schlägt Kapital aus dem Krieg zwischen dem Iran und dem Irak.

“Er wusste nur eins: Er musste sich rächen, und zwar an allen. An all den herausgeputzten Frauen, deren hochhackige Schuhe auf dem Asphalt der Straßen klapperten und die allesamt von sich behaupteten, vom Scheitel bis zur Sohle keusch und züchtig zu sein. An allen Männern, die stets nach Kölnisch Wasser rochen, und wenn Keramat genauer über sie nachdachte, hatte er den Verdacht, dass sie sich sogar die Augenbrauen zupften, so sehr war alles an ihnen glatt, gesäubert und geschniegelt.”

Der Roman spielt an einem einzigen Tag – von vier Uhr nachmittags bis vier Uhr nachmittags – im Leben von Keramat, der mittlerweile als Direktor im Foltergefängnis “Evin” tätig ist. Trotz der Brutalität, zu der Keramat in seiner Tätigkeit als Direktor fähig ist, werden auch andere Seiten von ihm gezeigt: Die Seite des Ehemannes, der zu Hause bei seiner Familie lebt. Die Seite des Opfers, das in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde. Die Seite eines Mannes, der unter schlimmen Alpträumen und Angstzuständen leidet.

“Er wusste, dass Träume durch geschlossene Türen gehen können, auch Albträume. Nichts kann sie aufhalten. Sie vermögen von weit her zu dir zu kommen und bei dir zu bleiben, viele Stunden, ja sogar tagelang.”

Beim Lesen habe ich mich immer wieder selbst dabei ertappt, Mitleid mit Keramat zu empfinden und mich im selben Moment über diese Empfindung zu erschrecken.  Nicht umsonst trägt das Buch den Untertitel “Eine Chronologie von Albtraum und Tod”.

“Ich weiß nur eins, ich bin wieder gefickt. Damals habe ich mich ficken lassen, und dann hab ich mich doch wieder aufgerappelt, und jetzt bin ich wieder dran.”

Keramat erscheint dem Leser als gealterter Mann, der zunehmend im Zorn auf seine Vergangenheit zurückblickt. Der sich an eine Vergangenheit erinnert, in der er sich selbst als Verlierer wahrnimmt, als Opfer der Umstände. Schon lange sieht er sich nicht mehr als der gut aussehende Frauenheld, auch wenn die Gefühle für das andere Geschlecht trotz der Ehe mit seiner Frau Ghontsche immer wieder aufflammen. Besonders Tala hat es ihm angetan, “es war stets diese Tala, die ihm vor Augen kam, manchmal angeheitert und flatterig, manchmal ernst und mürrisch, manchmal auch trübsinnig und griesgrämig.”

Amir Hassan Cheheltan hat mit Keramat eine schwierige Hauptfigur erschaffen, die innerlich zerrissen wirkt. Hin- und hergerissen zwischen einem Leben als Berühmtheit in der Teheraner Unterwelt und dem einfachen Leben, als gealterter Mann, der mit einer armen Tochter eines Kramladenbesitzers verheiratet ist. Immer wieder scheinen diese gegensätzlichen Pole an ihm zu ziehen, zu reißen, ihn in die eine oder andere Richtung zerren zu wollen. Tala ist die Verbindung zwischen diesen beiden Welten. Sie entstammt der reichen Gesellschaft des Schahs und wurde von Keramat lange angebetet. Nun sucht sie wieder den Kontakt zu ihm, zu dem Keramat, der sich mittlerweile gewandelt hat, der schon lange nicht mehr derselbe ist, der er mal war.  Wird sie ihn wieder zurückziehen können, auf die dunkle Seite der Macht?

Amir Hassen Cheheltan ist mit “Teheran, Stadt ohne Himmel” ein beeindruckendes Buch gelungen, das sowohl eine ambivalente Hauptfigur porträtiert, als auch ein gespaltenes Land. Der Darstellung des Autors zu folgen ist nicht immer einfach, vor allem auch für westliche Leser, die wenig Wissen über die aktuelle politische Situation dieses Landes haben. Dankbar habe ich anschließend das ergänzende und informative Nachwort des Übersetzers gelesen. “Teheran, Stadt ohne Himmel” ist das beeindruckende psychologische Porträt eines widerwärtigen und gleichzeitig so verletzlichen Mannes, der in einem Land lebt, das immer wieder durch politische Ereignisse erschüttert wurde, die auch in diesem Buch in Rückblicken aufgegriffen werden. Eine beeindruckende, wenn auch für westliche Leser sicherlich ungewöhnliche Lektüre. Ich kann jedem nur empfehlen, sich auf dieses iranische Abenteuer einzulassen.

2 Comments

  • Reply
    Sherry
    February 11, 2013 at 5:56 pm

    Ich danke dir von Herzen für diese Buchbesprechung. Ich habe mich nicht getraut, dieses Buch zu lesen, weil ich genau das befürchtet habe: Mitleid mit jemandem zu haben, der meine Landsmänner und -frauen seit 34 Jahren foltert. Ich muss überlegen, ob ich das tue, aber letztendlich wird kein Weg daran vorbei führen, ich werd’s irgendwann lesen [müssen].

    Es hätte kein anderer als ein zerrissener Charakter protraitiert werden können. Wir Iraner sind allesamt zerrissen. Gespalten zwischen Religion und Wissensdurst, zwischen Unfreiheit und Kunstschaffenheit, zwischen Antikem Iran und dem Heutigen. Diese Diskrepanz können wir nicht akzeptieren; diesen Rückstand nicht verkraften, wo wir einst Hochkultur waren. Das zerreißt uns. Einige leugnen ihre Herkunft, die anderen ergeben sich übermäßigem Patriotismus. Es ist ein Chaos in uns, das ich nicht beschreiben kann.

    Danke dir.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 13, 2013 at 5:15 pm

      Liebe Sherry,

      zunächst einmal möchte ich mich bei dir für deinen Besuch bedanken, aber auch für deinen interessanten und hilfreichen Kommentar. Die Hauptfigur von Amir Hassan Cheheltan ist in der Tat schwierig, vor allem wegen dieser Vernunft. Für mich war es richtiggehend schrecklich, zu lesen was er in seiner Funktion als Direktor tut und in der Vergangenheit getan hat, aber an anderen Stellen immer wieder im ersten Moment Mitleid mit ihm zu empfinden. Ein bisschen hat mich diese Opferrolle, in die sich Keramat begibt, auch gestört an dem Roman.

      Leider kenne ich den Iran nicht sehr gut und auch viele der beschriebenen politischen Ereignisse im Roman haben mir nichts gesagt. Ich finde es spannend, dass du sagst, dass diese Ambivalenz und Zerrissenheit scheinbar auf ein ganzes Land zu übertragen ist. Spannend finde ich auch, dass das Buch im Iran selbst ja nur teilweise veröffentlicht werden konnte und der Autor auch vor den Bedrohungen nach Europa fliehen musste.

      Viele Grüße
      Mara

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