Die Kraft der Poesie …

poetry-on-the-road-logoGestern Abend wurde im Kleinen Haus des Theater Bremens das 14. Internationale Literaturfestival „poetry on the road“ eröffnet. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt und die Veranstalter hätten noch sehr viel mehr Karten verkaufen können – so groß war am gestrigen Abend das Interesse der Bremer an Dichtung und Kultur.

Eröffnet wurde der Abend von Regina Dyck, der Veranstalterin von „poetry on the road“ und der Staatsrätin Carmen Emigholz. „poetry on the road“ begrüßt in diesem Jahr 26 Dichter aus 18 Nationen, die von insgesamt vier Kontinenten anreisten. Bei diesen Dimensionen wird Sprache zu einem multi-lingualem Konzept. Regina Dyck wünschte in ihrer Eröffnungsrede allen Besuchern viele spannende und poetische Begegnungen und eines kann ich an dieser Stelle vorwegnehmen: es gab einige wunderbare Begegnungen, sowohl mit bekannten Stimmen, auf die ich mich schon im Vorfeld gefreut hatte, als auch mit neuen und unbekannten Stimmen.

Gelesen und performt haben am gestrigen Abend Michael Augustin, Olga Martynowa, Lars Gustafsson, David Grossman, Wolf Biermann, Bas Böttcher, Eckhard Henscheid und Jorge Drexler. Die poets haben in ihrer Muttersprache gelesen, während eine Powerpoint-Präsentation im Hintergrund für die deutsche Übersetzung sorgte. Olga Martynowa las auf Russisch, David Grossman auf Hebräisch, Michael Augustin auf Englisch und Jorge Drexler sang auf Spanisch. Die Möglichkeit, diesen unterschiedlichen Sprachen und Sprachmelodien zu lauschen, war eine ganz besondere Erfahrung an diesem Abend.

Auf ein Highlight des vergangenen Abends kann und will ich mich gar nicht festlegen, fast alle Auftritte haben mich durch ihren ganz eigenen Charme begeistern können.

Etwas ganz besonderes war für mich der Auftritt von David Grossman, dessen beeindruckendes Buch „Aus der Zeit fallen“ ich bereits auf meinem Blog vorgestellt habe. Mit wenigen englischen Worten hat Grossman die Entstehungsgeschichte seines experimentellen Romans geschildert und dabei spürbar eine Beklemmung unter den Zuhöreren verursacht. Er schreibt, um gegen die Sprachlosigkeit nach dem Tod seines Sohnes anzugehen. Gestern hat er aus eben diesem Roman, „Aus der Zeit fallen“, gelesen und bei dem beeindruckten Publikum für eine Gänsehautatmosphäre gesorgt. Der anschließende Applaus fiel dementsprechend laut und wohlwollend aus und seine Bücher waren nach der anschließenden Pause am Büchertisch bereits fast ausverkauft. Ich habe mir zum Glück noch eines gesichert und freue mich schon auf die Lektüre.

Auch der spanischsprachige Songwriter und Oscargewinner Jorge Drexler, wusste das Publikum – nicht nur durch seine Deutschkenntnisse – zu begeistern, so dass den spanischen Refrain des letzten Liedes alle zusammen sangen. Auch Wolf Biermann griff zur Gitarre und trug dem Publikum zwei von seinen Liedern vor. Eckhard Henscheid („Das einzige, das sich auf Menschheit reimt, ist Henscheid.“) brachte die Zuschauer mit seinem trockenen und spöttelnden Humor nicht nur einmal zum Lachen und sorgte mit seinem Gedicht zu Ehren des Fußballers Bum Kun Cha für Erheiterung. Michael Augustin, der auf Englisch vortrug, stellte eine Vielzahl an spannenden, unterhaltsamen und schwermütigen Fragen, die alle in irgendeiner Form mit dem Gedicht zusammenhingen.

Ein Auftritt stach für mich dann völlig unerwartet und überraschend doch heraus: der Bremer Bas Böttcher brachte mit seinen humorvollen und poetischen Sprachspielen das zurückhaltende norddeutsche Publikum förmlich zum Kochen.

Bas Böttcher wurde 1974 geboren und gehört zu den bekanntesten deutschen Rap-Poeten. Das, was er mit Sprache macht, ist wohl am ehesten dem Poetry Slam zuzuordnen. Es geht um Authentizität,  Rhythmus, Sprachgefühl und allen möglichen Themen aus dem Alltag. Im Veranstaltungsheft wird sein Umgang mit Lyrik als Rap-Poesie bezeichnet. Sein gestriger Auftritt war einfach nur in jeglicher Hinsicht großartig: seine Vorträge waren nicht nur humorvoll, sondern spielten auch auf einer ungeheuer feinen Ebene mit Sprache.

“Aus falsch mach ich Flash
Aus Fehler mach ich Flair.”

Ich kenne leider nur wenige Poetry Slammer, geschweige denn Rap-Poeten, doch diesen Auftritt habe ich als unheimlich inspirierend empfunden. Ich hoffe sehr, dass dies nicht meine letzte Begegnung mit Bas Böttcher gewesen ist. Auf seiner Homepage kann man sich weiter über den jungen Sprachkünstler informieren. “Syntax Error”, mein Lieblingsstück des vergangenen Abends, kann man sich hier in voller Länge anhören.

Ich habe gestern einen großartigen Abend verbracht, der aufzeigen konnte, dass Poesie und Dichtung immer noch leben, immer noch gebraucht werden und immer noch eine gewaltige Sprachmacht entfalten können. Ich nehme für mich viele neue Eindrücke und Entdeckungen mit und die Hoffnung, dass es immer noch möglich ist, Menschen mit Sprache zu bewegen und zu erreichen.

12 Comments

  • Reply
    Petra Gust-Kazakos
    June 8, 2013 at 1:35 pm

    Das muss ein toller Abend gewesen sein, liebe Mara! Danke fürs Teilhabenlassen : )

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 10, 2013 at 12:24 pm

      Liebe Petra,
      gern geschehen! 🙂 Ich freue mich, dass ich meine Begeisterung teilen konnte.

  • Reply
    caterina
    June 8, 2013 at 3:10 pm

    Haha, ich hätte mal erst diesen Beitrag lesen und dann deinen FB-Post auf We read Indie kommntieren sollen ;). Also auch du stellst eine Verbindung her zwischen Poetry Rap und Poetry Slam (mir fällt gerade auf, dass man gar nicht sagen kann, sie seien das Gleiche oder zumindest ähnlich, da ja das erste Wort eine Textsorte ist und das zweite eigentlich einfach nur die Bezeichnung für die Veranstaltung, den Wettbewerb der Poeten – oder ist Poetry Slam auch eine Textsorte?). Wie dem auch sei: Auf FB habe ich Ken Yamamoto erwähnt, und wenn ich mir jetzt so Bas Böttcher anschaue, würde ich sagen, dass das schon in eine sehr ähnliche Richtung geht. Yamamoto hat mich damals beim Poetry Slam in Berlin auch sehr beeindruckt – die Poesie, der subtile Witz und die Kunstfertigkeit, mit der er seine Gedichte vorgetragen hat – sehr schön! Kann man ihn vielleicht auch als Poetry Rapper bezeichnen? Hm. Es lohnt sich offenbar, noch etwas eingehender mit dem Phänomen zu beschäftigen.

    Und über deine Zeile und den kurzen Videobeitrag zu Grossman freue ich mich natürlich. Was für eine faszinierende Sprache. Was für ein faszinierender Mann!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 10, 2013 at 12:23 pm

      Liebe Caterina,

      du stellst eine Reihe interessanter Fragen, die ich dir leider auch nicht alle beantworten kann, da der Bereich “Poetry Rap” für mich noch absolutes Neuland sind. Durch meine Entdeckung von Bas Böttcher werde ich mich aber in Zukunft sicherlich noch intensiver mit diesem Phänomen beschäftigen. Bei Wikipedia habe ich übrigens gelesen, dass man mit “Poetry Slam” in der Tat die Veranstaltung bezeichnet, die Gattung wäre dann wohl “Slam Poetry” – eine Definition, die aber auch nicht alle teilen würden. 😉 Du siehst also: ein weites Feld! Ken Yamamoto kenne ich leider noch nicht, du hattest ihn hier aber schon einmal erwähnt. Bei Bas Böttcher fand ich das faszinierende vor allem die Tatsache, dass er nicht nur Poesie vorgetragen hat, sondern dies auch noch unheimlich sprachfertig und mit viel Witz und Ironie. Zu Poetry Rap konnte ich im Internet aber kaum etwas finden, vielleicht haben sich die Veranstalter diese Bezeichnung also auch nur ausgedacht. Wobei ich das Wort – im Deutschen würde man dann Rappoet sagen – sehr mag und auch als passend für den Auftritt von Böttcher empfinde.

      Das Vorlesen von David Grossman hat mich auch fasziniert, sicherlich auch wegen der Sprache, der man wunderbar zu hören konnte. Mich hat er als Mensch und Autor unheimlich beeindruckt. 🙂

  • Reply
    dasgrauesofa
    June 8, 2013 at 5:14 pm

    Ein schöner Bericht über einen offensichtlich tollen Abend. Vielen Dank, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 10, 2013 at 12:15 pm

      Liebe Claudia,

      gern geschehen! 🙂 Ich habe mich gefreut, hier mit anderen Literaturinteressierten meine Begeisterung teilen zu können.

  • Reply
    Eva Jancak
    June 9, 2013 at 7:47 am

    Spannend spannend, was ich da nicht ganz versäumte während ich eindlich einmal in einem sehr edlen Rahmen vor hundert Leuten auch in einem vollen Haus gelesen habe und den Bericht über eine vierzig Jahre Veranstaltung der Grazer Autorenversammlung ins Netz stellte.
    Ich war ja vor ein paar Tagen bei einem Symposium im Literaturhaus übers Archivieren und da ist auch ein bißchen über die neuen Möglichkeiten des Netz diskutiert worden, ob das jetzt die Demokratie für alle ist, ihre Meinung sagen und sich zu präsentieren oder nicht vielleicht doch Schrott und Massenüberflutung für die man sich keine Zeit nimmt.
    Ich sehe das nicht so und finde es fein auf diese Art und Weise mitzubekommen, was da in Bremen passiert, von dem ich sonst wahrscheinlich keine Ahnung hätte.
    Von David Grossmann habe ich ein Buch auf meiner Leseliste, kennengelernt habe ich ihn über das “Frankfurt-Surfen”, als er den Friedenspreis bekommen hat und das neue Buch der Olga Marynova würde ich auch gern lesen, das alte habe ich auf der Liste und habe sie vor und nach dem Bachmannpreis in der “Alten Schmiede” hören können.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 10, 2013 at 12:11 pm

      Liebe Eva,

      ich finde auch, dass das Netz – neben all den negativen Begleiterscheinungen – auch viel Positives bietet, beispielsweise durch die Möglichkeit, auf Veranstaltungen hinzuweisen. Vielleicht habe auch durch meinen Bericht den ein oder anderen animiert, das Festival im nächsten Jahr zu besuchen.

      Von David Grossman habe ich “Aus der Zeit fallen” vorgestellt, das mich tief bewegt hat. “Eine Frau flieht vor einer Nachricht” habe ich leider noch nicht gelesen, es steht hier aber schon bereit und ich bin gespannt darauf – genauso wie auf meine Neuerwerbung. Olga Martynowas Buch steht hier auch, ihr Auftritt hat mir aber leider – im Vergleich zu allen anderen – nicht ganz so gut gefallen, auch wenn ich mich sehr darauf gefreut hatte. 🙁

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Eva Jancak
        June 10, 2013 at 12:28 pm

        Warum nicht?

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          June 11, 2013 at 3:30 pm

          Oh, sie konnte mich mit ihrer Art und dem Gedicht, das sie vorgetragen hat, einfach nicht erreichen. Da hatte ich mir irgendwie mehr oder auch etwas anderes erhofft/versprochen. 🙂

  • Reply
    Karo
    June 9, 2013 at 9:55 am

    Schön, dass du so viel Spaß gehabt hast! Es ist ja nicht immer selbstverständlich, dass Autoren auch vor großem Publikum unterhalten, fesseln oder anregen können. Aber dieser Abend schien ja nur positive Überraschungen bereit gehalten zu haben 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 10, 2013 at 12:07 pm

      Liebe Karo,
      da hast du natürlich Recht, Besuche von Lesungen können natürlich auch für böse Überraschungen sorgen. Die einzige kleinere Enttäuschung war für mich der Auftritt von Olga Martynowa, die mich weder mit ihrem Gedicht noch mit ihrer Art sonderlich begeistern und erreichen konnte, was ich sehr schade fand, da ich mich bereits sehr auf sie gefreut hatte. 🙂

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