Der Tunnel – William H. Gass

Download gassWilliam H. Gass gehört in Amerika zu den größten Schriftstellern. Bevor jedoch vor einiger Zeit sein wohl wichtigstes Werk “Der Tunnel” auf Deutsch erschienen ist, hatte ich noch nichts von ihm gehört. “Der Tunnel” ist ein sicherlich monumentales Werk, was auch äußerlich bemerkbar wird, da es beinahe 1100 Seiten umfasst und dementsprechend schwer in der Hand liegt.

William H. Gass erzählt die Geschichte von William Frederick Kohler, einem Geschichtsprofessor. Dieser wollte eigentlich nur  die Einleitung für sein neues Werk “Schuld und Unschuld in Hitlerdeutschland” fertigstellen. Das Buch ist schon fertig, nur die Einleitung fehlt noch und Kohler tut sich schwer damit. Er beginnt zu schreiben, die Seiten füllen sich auch, aber mit der Zeit wird immer klarer, dass er eigentlich nicht mehr an seiner Einleitung schreibt, sondern mittlerweile beinahe dabei ist, eine Lebensbeichte abzulegen, die viel tiefer geht.

“Meine Gedanken scheinen aus dem Kopf gezogen wie ein Gedicht von Rilke. Tagebuch meines anderen Ich, wollte er sein Buch einmal nennen. Tagebuch meines anderen Buches. Wie wäre das als Titel?”

William Frederick Kohler kam 1938 als amerikanischer Soldat nach Deutschland und erlebte die Geschehnisse dort aus nächster Nähe mit. Wobei er sie nicht nur miterlebte, sondern auch aktiv mit agierte, indem er auch Steine in jüdische Geschäfte warf. Später arbeitete er als Berater während des Nürnberger Prozess mit. Als er damit beginnt, an seiner Einleitung zu schreiben, ist er vor allem frustriert. Frustriert von seiner “fetten” Frau Martha, seinen “dummen” Kindern, seinen Geliebten, die ihn einfach wieder verlassen und auch von seiner Arbeit als Professor und seinen Institutskollegen. Über allem steht der Frust einer vergifteten Kindheit, mit einem schwerkranken Vater und einer alkoholabhängigen Mutter. Kohler beginnt zu schreiben und seine Hasstiraden wechseln sich ab mit Kindheitserinnerungen, Limericks, Gedichten und Beobachtungen der Gegenwart. Genauso wie Gass ist auch Kohler begeisterter Leser von Rilke und auch sonst sehr literarisch interessiert. Trotzdem läuft der Leser beinahe nie Gefahr, zuviel Sympathie mit ihm zu empfinden. Immer wieder überwiegen Hasstiraden, die auch antisemitisches Denken enthalten.

“Mein indifferentes Prinzip lautet schlicht, dass eigentlich niemand jemand anderen vertragen kann. Mein Rassismus erstreckt sich also auf die ganze Menschheit. Ich bevorzuge niemanden. Ich lasse niemanden außen vor.”

Dieses Spiel mit Literatur, der Frage, wieviel man – in der Fiktion – sagen kann, ist immer wieder faszinierend. Ich habe selten einen Roman mit einer so unsympathischen Hauptfigur gelesen, bei dem ich doch immer weiter lesen musste und mich zwischendurch sogar dabei erwischt habe, dass mir Kohler trotz allem leid tat.

Damit seine Frau Martha seine Aufzeichnungen nicht findet – für die er sich dann doch beginnt zu schämen – beginnt Kohler damit, im Keller ein Loch zu graben – dies ist auch der Grund dafür, warum der Roman den Titel “Der Tunnel” trägt. Kohler gräbt und gräbt, bis das Loch langsam größer wird und schließlich zu einem Tunnel wird.

Mehr als 25 Jahre hat Gass an diesem Buch geschrieben und zumindest in Amerika hat er damit einen sehr großen Erfolg gehabt. In der “Neuen Züricher Zeitung” werden auf musikalische Parallelen des Buchaufbaus hingewiesen: “12 Kapitel, 12 Themen, 12 Tonfolgen”. Auch wenn William H. Gass nicht an jeder Stelle den richtigen Ton trifft, hat mich sein Buch als großangelegtes und vor allem auch auf faszinierende Art und Weise durchkomponiertes Projekt begeistern können. Ich hatte beim Lesen in der Tat das Gefühl ein monumentales Werk in den Händen zu halten (und damit beziehe ich mich nicht nur auf das Gewicht). Gass selbst zieht durch einige intertextuelle Verweise Verbindungen zu Proust, Kafka und Rilke und ich denke, dass es angemessen ist, auch ihn in die Reihe großartiger Schriftsteller einzusortieren.

Ein wirkliches Leseerlebnis; von Vergnügen wage ich an dieser Stelle nicht zu sprechen. Es macht auch Spaß; das Lesen war aber auch immer wieder harte Arbeit und hat viel Durchhaltevermögen erfordert. Ich bereue es aber nicht und habe das Gefühl durch diese Lektüre auch viel gewonnen zu haben: auf jeden Fall werde ich nicht drum rum kommen, so bald als möglich wieder etwas von Rilke zu lesen.

2 Comments

  • Reply
    klappentexterin
    November 10, 2011 at 8:57 pm

    Ich habe seit jeher Respekt vor dicken Wälzern und Menschen, die sie lesen. Von “Der Tunnel” habe ich schon einiges gehört, doch mir fehlte bislang ein klares Bild, das hast du mit deiner Rezension geschaffen. Schön, dass ich dieses monumentale Werk bei dir entdecken konnte und vielleicht kommt eines Tages der Moment des Aufschlagens…

    Viele Grüße

    Klappentexterin

    • Reply
      maragiese
      November 12, 2011 at 3:45 pm

      Hallo klappentexterin,

      danke für deinen lieben Kommentar. Ich habe eine Schwäche für dicke und möglichst auch noch schwierige Wälzer – da kann ich dann einfach kaum noch vorbeigehen. Bei “Der Tunnel” hatte ich – ähnlich wie du – eigentlich keine Vorstellung darüber, auf was genau ich mich eigentlich einlasse.
      Auch wenn der Roman sehr komplex, vielschichtig und nicht leicht zu verstehen ist, habe ich ihn sehr gerne gelesen. Und natürlich würde ich mich darüber freuen, wenn in der Blog-Welt noch weitere Leser sich an dieses Werk herantrauen …

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