Schönheit und Schrecken – Peter Englund

Der Schwede Peter Englund ist sowohl Historiker als auch Schriftsteller. Nach seiner Tätigkeit als Journalist und Korrespondent in verschiedenen Kriegsgebieten, arbeitet er seit 2001 als Professor für historische Narratologie in Stockholm und ist gleichzeitig als Sekretär an der Schwedischen Akademie tätig. In dieser Tätigkeit ist mir der Name Peter Englund auch zum ersten Mal über den Weg gelaufen – quasi als Überbringer der Nobelpreisträger. Sein neuestes Werk “Schönheit und Schrecken. Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs erzählt in neunzehn Schicksalen” hat mich sofort angesprochen – ich habe jedoch zunächst aufgrund des hohen Preises gezögert. Widerstehen konnte ich schlussendlich jedoch nicht … und vorweg festhalten kann ich schon einmal, dass sich für dieses Werk wirklich jeder Cent gelohnt hat.

Im Vorwort erklärt Peter Englund, worum es ihm in seinem Werk geht:

“Wir begleiten neunzehn Personen, alle real (das Buch enthält nichts Erfundenes, sondern beruht auf Dokumenten unterschiedlicher Art, die diese Menschen hinterlassen haben), alle unbekannt oder vergessen, alle weit unten in den Hierarchien.”

Erzählt werden die Geschichten von ganz unterschiedlichen Menschen, die an vielen unterschiedlichen Schauplätzen in den Krieg involviert sind – an der Ostfront, den Alpen, dem Balkan, Ostafrika und Mesopotamien. In kleinen chronologisch geordneten Sequenzen erzählt Peter Englund über die Kriegserfahrungen dieser neunzehn Personen. Schon früh wird klar, dass jeder einzelne ganz unterschiedliche Beweggründe und eine ganz unterschiedliche Motivation hat. Bei vielen spürt man eine große Begeisterung, an etwas “Großem” teilnehmen zu können, andere geraten ungewollt in die Kriegsmaschinerie, andere erleben den Krieg von zu Hause – aus der Ferne – mit.

Einer der neunzehn Personen ist Herbert Sulzbach, der mit einer großen Begeisterung und viel Stolz in den Krieg zieht.

“Sulzbach ist einer von vielen, die in der Überzeugung hinausmarschiert waren, das Ganze sei in einigen Wochen vorbei – daher die Eile, die sich als Eifer tarnt -, doch gegen Neujahr hatte man enttäuscht feststellen müssen, dass noch kein Ende abzusehen war.”

Diese Enttäuschung im Laufe des Buches immer stärker spürbar. An einer Stelle sagt ein Offizier, dem ein Bein amputiert wurde: “Ja, im Moment bin ich ein Held, aber in einem Jahr werde ich nur noch ein Krüppel unter vielen sein.” Diese immer stärker spürbare Enttäuschung, die zunehmenden Zweifel werden von Peter Englund sehr eindrucksvoll herausgearbeitet und ich habe den Eindruck gewonnen, dass vielen der beschriebenen Personen gar nicht bewusst gewesen ist oder möglicherweise auch bewusst gemacht wurden, auf was sie sich einlassen.

Mit der Zeit kippt die anfängliche Kriegsbegeisterung in einen immer stärkeren Wunsch nach Frieden:

“Aber irgendwas geschieht. Etwas in der Sprache hat sich verändert. Vorläufig nur auf den Straßen. Man hört jetzt Menschen über ihre Sehnsucht nach “Frieden” reden.”

Besonders beeindruckt haben mich die Passagen über den französischen Beamten Michel Corday, der zwar nicht direkt in den Krieg involviert ist, die Auswirkungen davon in Frankreich aber am eigenen Leib miterleben muss. Seine Passagen sind geprägt durch sehr interessante und punktgenaue Beobachtungen:

“Die Leute sagen oft: ‘Nach dem Krieg werde ich …’, im selben ruhigen Ton, wie sie sagen: ‘Nach dem Duschen werde ich …’. Sie setzen dieses weltumstürzende Geschehen mit einer Naturkatastrophe gleich. Sie kommen nicht auf den Gedanken, dass sie selbst es aufhalten könnten, dass seine parasitäre Existenz auf ihrer Zustimmung beruht.”

Aufgrund der Tatsache, dass Peter Englund insgesamt in immer wieder abwechselnden Passagen, insgesamt von neunzehn Personen und deren Schicksalen berichtet, bestand für mich immer wieder die Gefahr, einzelne Personen durcheinander zu bringen, oder auch der ein oder anderen Person nicht ganz so nahe zu kommen. Dies habe ich aber nicht als einen allzu großen Nachteil empfunden und mich mit der Zeit immer besser an die Struktur des Buches gewöhnt.

Peter Englunds “Schönheit und Schrecken” ist sicherlich kein klassisches Geschichtsbuch, aber ich habe sehr viel über die Zeit des Ersten Weltkriegs gelernt und einen tiefen Einblick in das Leben und Schicksal von ganz normalen Menschen gewonnen.

Ein Leseerlebnis, das Arbeit und Anstrengung erfordert, das ich jedoch jedem nur wärmstens empfehlen kann.

7 Comments

  • Reply
    keeweekat
    January 4, 2014 at 3:42 pm

    Tolle Besprechung, ich hatte das Buch auch schon ganz oft in der Hand. Da du dein Leseerlebnis als recht anstrengend beschreibst, werde ich aber auch weiterhin noch überlegen, ob ich es mir zu Gemüte führe. Für den Jahresbeginn steht mir vorläufig der Sinn nach etwas leichterer Kost. 😉

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      January 6, 2014 at 12:30 pm

      Liebe Katja,

      ja, ich habe das Lektüreerlebnis in der Tat sowohl als anstrengend aber auch als bereichernd in Erinnerung. Ich hoffe, du wirst irgendwann Zeit und Muße dafür finden – beides braucht man für solche Bücher, man wird aber häufig reich beschenkt. Mir steht der Sinn im Moment aber auch eher nach leichterer Kost, das Buch von Christopher Clark steht hier z.B. immer noch ungelesen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Kathrin
    February 23, 2014 at 12:01 pm

    Dieses Buch hatte ich nun vor rund zwei Jahren auf Empfehlung meines Buchhändlers gekauft und seither steht es ungelesen im Regal. Sophie von Literaturen hat mir nun den wunderbaren Hinweis gegeben, dass du zu “Schönheit und Schrecken” eine Rezension verfasst hattest. 🙂 Ich suche nämlich schon länger nach ein paar Leseeindrücken, um mich endlich zu der Lektüre des Buches zu motivieren – auch weil ich fürchtete, es könnte “zu sachlich” sein. Daher: Danke für deine Besprechung! Auch wenn ich nach deinem Fazit (“Arbeit und Anstrengung”) weiß, dass ich das Buch erst lesen sollte, wenn ich meine Masterarbeit beendet habe und mein Kopf wieder frei genug ist,um mich richtig darauf einlassen zu können.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 23, 2014 at 12:33 pm

      Liebe Kathrin,

      schön, dass du durch Sophie den Weg hierher gefunden hast. Meine Lektüre von “Schönheit und Schrecken” liegt ja nun in der Tat bereits einige Zeit zurück, ich habe es als lesenswert in Erinnerung, aber auch als mühsam. Das Buch ist wirklich nichts, was man mal eben zwischendurch lesen könnte. Ich wünsche dir viel Erfolg für deine Masterarbeit und dass du vielleicht danach den Kopf frei hast für dieses Buch … 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Kathrin
        February 24, 2014 at 6:57 pm

        Dass es keine Lektüre für zwischendurch ist, ahnte ich (das ist bei einem solchen Thema wohl auch nicht anders zu erwarten) – vor allem fürchtete ich,dass ich zu sehr mit Fakten überladen würde oder Schwierigkeiten wegen der wechselnden Themen und Personen haben würde. Andereseits hat genau das mich aber auch zum Kauf bewogen… Gut zu wissen,dass sich der Kauf gelohnt hat, auch wenn ich das Buch erst in ein paar Monaten genießen kann. Ich bin gespannt, welche Eindrücke es bei mir hinterlassen wird.

        Vielen Dank auch für deine lieben Wünsche bezüglich meiner Masterarbeit. Leider steh ich hier noch am Anfang – und zähl schon die Wochen, bis ich abgeben kann und mich wieder stärker dem Lesen und Bloggen widmen kann 😉

  • Reply
    Kaffeehaussitzer
    June 2, 2014 at 2:18 pm

    Schöne Besprechung, der ich nur zustimmen kann: Ein ganz, ganz großartiges Buch. http://kaffeehaussitzer.de/?p=2806

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 4, 2014 at 4:23 pm

      Danke für den Link zu deiner Besprechung, es war toll, dadurch noch einmal in das Buch eintauchen zu können, meine Lektüre liegt ja nun doch bereits etwas zurück. 🙂

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