Gerron – Charles Lewinsky

XXIV/4-247

Eine Nummer. Dies ist die Nummer die Kurt Gerron in Theresienstadt bekommt. Der berühmte deutsche Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron, der in der Uraufführung von Bertolt Brechts “Dreigroschenoper” mitgespielt hat, wird – wie alle anderen auch – in Theresienstadt zu einer Nummer. Ein Leben, ein Mensch, auf eine Zahl reduziert.

Charles Lewinsky erzählt in seinem neuen Roman die Lebensgeschichte des deutschen Schauspielers Kurt Gerron. Kurt Gerron heißt eigentlich Gerson, wird aber am Anfang seiner Karriere in Gerron umgetauft. Charles Lewinskys Erzählung beginnt an dem Punkt, an dem Kurt Gerron, der damals schon mit seiner Frau Olga in Theresienstadt lebt, vor eine sehr schwerwiegende Wahl gestellt wird. Der Obersturmführer Rahm möchte, dass Kurt Gerron einen Film über Theresienstadt dreht. Jedoch keinen Film, der die Wahrheit über die Zustände in Theresienstadt erzählt, sondern einen Märchenfilm, eine Beschönigung der Tatsachen. Kurt Gerron muss sich entscheiden, ob er diesen Film unter diesen Voraussetzungen drehen möchte, oder ob er sich weigert – wobei eine Weigerung gleichzeitig bedeutet, dass er und seine Frau Olga auf Transport nach Auschwitz geschickt werden würden. Mit dieser Entscheidung muss sich Kurt Gerron auch gleichzeitig dafür entscheiden, was für ein Mensch er ist.

“Manchmal tue ich Dinge, für die man Mut haben müsste. Und bin doch gar kein mutiger Mensch. Ich meine nur immer noch – und dabei müsste ich unterdessen wirklich gelernt haben, dass das nicht stimmt -, ich meine nur immer noch, dass man die Dinge beeinflussen kann.”

Ausgehend von dieser Gewissensfrage – wenn man eine solche Entscheidung, denn überhaupt so bezeichnen kann – reflektiert Kurt Gerron sein Leben. Am 11.5.1897 als Kurt Gerson geboren, erlebt er eine nicht unbedingt glückliche Kindheit. Eine Kindheit ohne viel Wärme und Liebe. Im Ersten Weltkrieg kämpft er als Soldat mit, nach dem er noch schnell sein “Notabitur” machen konnte – bei einem Angriff verliert er seine Männlichkeit und wird ehrenvoll entlassen. Später beginnt er ein Medizinstudium, merkt aber schon schnell, dass er eigentlich eine “Rampensau” ist, dass er auf die Bühne gehört. Es folgen Auftritte im “Blauen Engel” und in der “Dreigroschenoper”.

In der Folge wechselt der Roman immer wieder zwischen den langen Monologen Kurt Gerrons und seinen Reflexionen über die Vergangenheit sowie dem aktuellen Geschehen in Theresienstadt. Kurt Gerron hinterfragt seinen Charakter, seine Moralvorstellungen, seine Schuld, seine Verantwortung und reflektiert auch über die Konsequenzen seiner Entscheidung für andere.

“Wer unter die Wölfe fällt, muss mit ihnen heulen. Kantaten singen bringt da nichts. Wer in Rahms Gewalt ist, muss seine Filme für ihn drehen.  […] Ein toter Held ist auch nur eine Leiche. […] Ich habe gelernt, ohne Freiheit zu leben. Ohne Hoffnung. Warum, verdammt noch mal, fällt es mir so schwer, es ohne Gewissen zu tun?”

Charles Lewinsky ist ein faszinierender, bedrückender und vor allem auch beklemmender Roman gelungen, der zwei Schwerpunkte setzt: Kurt Gerrons Leben als Schauspieler und das von den Nationalsozialisten verursachte Leid. Besonders beeindruckend finde ich hierbei die Sprache, da der Bericht Kurt Gerrons in einer sehr einfachen, klaren, direkten und an vielen Stellen sogar humorvollen Sprache gehalten ist. Trotz all dem Leid, hatte ich den Eindruck, dass Kurt Gerron dennoch nicht verzweifelt und aufgibt. Man erfährt sehr vieles über das Leben in Theresienstadt und die Schikanen, unter denen die Menschen gelitten haben. Nach meiner Lektüre des Romans von Peter Englund habe ich persönlich auch noch einmal mit großem Interesse die Passagen über den Ersten Weltkrieg gelesen und viele Querverweise finden können. Interessant sind auch die Passagen über das Schauspiel- und Theaterwesen der damaligen Zeit und die vielen bekannten Persönlichkeiten, auf die Kurt Gerron im Laufe seines Lebens getroffen ist.

Charles Lewinksy gelingt es auf eine sehr beeindruckende Art und Weise Fakten und Fiktion miteinander zu verweben. Dabei entsteht ein faszinierendes Bild der damaligen Zeit und Gesellschaft. Schon “Melnitz” hat mich begeistern können und auch “Gerron” ist eine ganz klare Leseempfehlung.

3 Comments

  • Reply
    Conor
    March 20, 2012 at 3:56 pm

    Hallo, Mara!
    Dann sollte ich den Roman nicht so lange auf meinem SUB liegen lassen… – danke für deine schöne Rezension.
    Mir wird er sicher auch gut gefallen, unser Lesegeschmack ähnelt sich.
    Einen schönen Blog hast du, ich schaue immer mal wieder rein.:)

    Liebe Grüße
    conor

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 24, 2012 at 9:37 am

      Hallo Conor,
      ich habe mich sehr über deinen Kommentar bei mir gefreut!
      “Gerron” hat mich damals sehr begeistert, vor allem am Ende konnte ich das Buch irgendwann kaum noch aus der Hand legen. Es gibt aber auch nicht so überschwängliche Stimmen zu dem Buch … deshalb bin ich schon sehr gespannt zu hören, wie es dir gefallen wird!
      Ich freue mich auch sehr darüber, dass du ab und an bei mir auf dem Blog vorbeischaust 🙂
      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Doppelpass. Ein Fortsetzungsroman – Charles Lewinsky | buzzaldrins Bücher
    March 25, 2013 at 3:11 pm

    […] geworden ist er durch seinen Roman “Melnitz”. Zuletzt erschien von ihm der Roman “Gerron”, der für den Schweizer Buchpreis nominiert gewesen […]

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