Im Bereich einer Nacht – Jean Cayrol

Cayrol“Im Bereich einer Nacht” von Jean Cayrol war für mich ein sogenannter “Blindkauf” – bei Amazon gab es über das Buch noch keine Rezension und auch in der Welt der Blogs und Bücherforen, konnte ich bisher keine Meinungen dazu finden. Aufmachung und Inhalt haben mich jedoch schon sehr lange angesprochen … letzte Woche schließlich konnte ich dann einfach nicht mehr dran vorbeigehen und habe es gekauft – eine Entscheidung die ich im Nachhinein absolut nicht bereue. Ganz im Gegenteil: ein klein wenig habe ich das Gefühl ein Juwel, einen kleinen Schatz entdeckt zu haben.

Jean Cayrol ist ein eher unbekannter französischer Schriftsteller, obwohl er eigentlich ein sehr interessantes Leben geführt hat. Am einschneidendsten  sind sicherlich die Tatsachen, dass er in der Résistance gekämpft hat und das KZ Mauthausen überlebt hat. Der vorliegende Roman wurde schon einmal Ende der fünfziger Jahre in Deutschland veröffentlicht und sogar mit dem “Bremer Literaturpreis” ausgezeichnet. Der Schöffling Verlag hat sich – anläßlich von Jean Cayrols 100. Geburtstag am 6. Juni 2011 – dazu entschieden, den Roman noch einmal neu herauszubringen. Übersetzt von dem vergleichsweise sehr viel bekannteren Schriftsteller Paul Celan.

Jean Cayrol erzählt die Geschichte von François, einem jungen französischen Mann, der zu seinem 30. Geburtstag in die Heimat zurückkehrt, um seinen Vater zu besuchen. Schnell wird klar, dass er diese Reise eigentlich nur sehr ungern angetreten ist:

“Er selbst hatte sie ja gewollt, diese Reise. Niemand hatte ihn gezwungen, dieser Landschaft gegenüberzutreten, die nun sacht seine Kindheit zu umschließen begann, diese Landschaft, die in jedem Baumstamm ihre Greisenhaftigkeit bekundete, die unter einem riesigen Haufen von Efeu und verwilderten Pflanzen ein erschöpftes, aus ein paar Steinen bestehendes Dorf verbarg.”

François kommt am Abend aus Paris an, wo er seine Verlobte Juliette zurückgelassen hat, und es ist schon so dunkel, dass er kaum noch das Ziffernblatt seiner eigenen Uhr lesen kann.  Trotz der bedrohlichen Dunkelheit, betritt er den Wald um sich auf den Weg nach Sainte-Veyres, seinem Heimatdorf, zu machen – doch schon nach kurzer Zeit verirrt er sich in der Dunkelheit. Hunde und Katzen beginnen ihm aufzulauern und mit der Zeit ist François immer orientierungsloser und dabei auch noch müde und erschöpft. Er begegnet unterschiedlichen Gesprächspartnern: Kindern, einem Landstreicher, er wird von einer seltsamen Frau im Auto mitgenommen und schließlich gewährt ihm eine Familie in ihrem Haus Unterschlupf.  Interessanterweise kennt keine der Personen auf die er trifft, das Dorf in das er möchte. Es scheint dort nur unter dem Namen Chauvigny bekannt zu sein.

Die Familie, die ihn schließlich aufnimmt, scheinen eine Vielzahl eigener Probleme zu plagen und obwohl er dies nicht will, wird François in diese Geheimnisse hineingezogen. In ihrem Wohnzimmer liegt ein Toter aufgebahrt, die Frau Raymonde erzählt, dass sie zunehmend erblindet, die jüngste Tochter Claire rennt von zu Hause weg, ein anderer Sohn ist schon seit mehreren Jahren verschwunden und in der Nacht kehrt auch noch der gewalttätige Vater Simon von der Arbeit zurück.  Erst am darauffolgenden Tag gewinnt François seine Orientierung zurück und erfährt, wer der aufgebahrte Tote wirklich ist.

Mir hat der Roman von Jean Cayrol sehr gut gefallen, was sicherlich auch an der poetischen und sehr freien Übersetzung von Paul Celan liegt. Auch wenn mir als Leser sich nicht immer gleich erschlossen hat, wer grade spricht, was grade passiert und wie viel davon Wirklichkeit ist, hat mich der Roman doch sprachlich überzeugen können.

“Ein Glück, dass es Juliette gibt, ohne solche toten Bäume, ohne Ameisen, meine gute Juliette, die mir das Grauen meiner Kindheit vor Augen geführt hat; sie war der Sauerteig, den ich brauchte. […] ‘Du schreibst, um von mir fortzugehen’, sagte sie immer. Ich schreibe besser, seitdem ich sie liebe. Ich will es ihr sagen, an ihrem Geburtstag, auf ihren Mund.”

In einem sehr interessanten Nachwort seziert Ursula Hennigfeld den Roman auf eine sehr beeindruckende Art und Weise und zeigt Interpretationen und Denkrichtungen auf, die ich – das kann ich hier gestehen – so alle selbst nicht entwickelt habe. Was sicherlich ein sehr zentrales Thema ist, ist François Kindheit und die Erinnerungen an diese Kindheit. Seine Mutter ist sehr früh gestorben und sein Vater hat jede Form der Erinnerung an sie unterdrückt und verboten. Was bleibt François noch an eigener Erinnerung an seine Vergangenheit?

“An unsere Kindheit kommt man nur heran, indem man sich über sie lustig macht.”

“Im Bereich einer Nacht” kann sicherlich auch auf einer oberflächlichen Ebene gelesen werden, um jedoch auch die Tiefe, die unendlich vielen Schichten des Romans verstehen zu können, ist eine sehr genaue Lektüre erforderlich. Ich werde den Roman in den nächsten Tagen sicherlich noch einige Male aufschlagen und in die Hand nehmen.

4 Comments

  • Reply
    atalante
    November 22, 2011 at 6:03 pm

    Danke für Deine Rezension. Das Buch liegt schon ein bisschen länger auf meinem SUB, muss aber unbedingt vor Jahresende noch gelesen werden.

    • Reply
      maragiese
      November 23, 2011 at 11:32 am

      Oh, interessant zu lesen, dass auch andere schon auf dieses Buch aufmerksam geworden sind … ich bin schon sehr gespannt darauf zu erfahren, wie es dir gefallen hat!

      • Reply
        atalante
        January 2, 2012 at 6:17 pm

        Jetzt ist es auch geschafft, fast noch im alten Jahr. Mir hat es sehr gut gefallen. Der Roman entwickelt einen richtigen Lesesog. Absolut empfehlenswert.

        • Reply
          maragiese
          January 3, 2012 at 12:23 pm

          Ich freue mich sehr über deine Rückmeldung zu dem Roman und dass er dir auch gefallen hat. Das mit dem Lesesog stimmt und das habe ich auch ähnlich empfunden. Ich konnte den Roman irgendwann nur noch sehr schwer zur Seite legen, da ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht …

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