Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen – Robert Bober

Ich hatte mir den Roman “Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen” zum einen aufgrund einer sehr überzeugenden Rezension gekauft, zum anderen aber vor allem auch wegen der schönen, wirklich wunderschönen Gestaltung des Romans. Man hält nicht nur einen Roman in der Hand, sondern ein kleines Schmuckstück. Im Einband sind Straßenkarten von Paris abgedruckt, die das Viertel zeigen, in der sich die Hauptperson Bernard Appelbaum überwiegend aufhält. Auf der letzten Seite sieht man ein schönes schwarz/weiß-Foto des Cafes Chez Victor, in dem Bernard sehr viel Zeit verbringt.

Bei Robert Bober findet man jedoch nicht nur ein schön gestaltetes Buch. Nein, auch der Inhalt konnte mich überzeugen.

Robert Bober erzählt die Geschichte des jungen Mannes Bernard Appelbaum. Durch Zufall wird er durch einen ehemaligen Ferienbetreuer für eine Statistenrolle in dem Film Jules und Jim von Francois Truffaut angeworben.  Dort trifft er Laura wieder, die er in einer Einstellung küssen soll – beide kennen sich schon aus dem Ferienlager und Bernards alte Gefühle flammen wieder für sie auf. Aber das ist nur ein kleiner Nebenstrang in Robert Bobers Roman.

Bernard und seine Mutter schauen sich den Film gemeinsam im Kino an und Bernards Mutter erinnert sich durch den Film an ihre eigene Geschichte und Vergangenheit und beginnt damit, ihrem Sohn bruchstückhaft von dieser Zeit zu erzählen. Sie erzählt die Geschichte von Bernards Vater Yankel und seinem späteren Stiefvater Leizer. Bernards Mutter Hanna, Yankel und Leizer waren beste Freunde, bis sich Yankel und Hanna nach einer gemeinsam besuchten Tanzveranstaltung ineinander verliebten und heiraten. Auch Leizer war in Hanna verliebt, musste an diesem Abend aber aufgrund eines unglücklichen Zufalls zu Hause bleiben. Ihre Freundschaft zu dritt zerbrach zunächst daran, da nur einer der beiden besten Freunde Hanna heiraten konnte.

Yankel wurde Hannas erster Ehemann und Bernards Vater. 1942 – seine Familie hielt sich vor den Nationalsozialisten versteckt – verschwand er jedoch spurlos, als er noch einmal in die alte Wohnung zurückkehrte. Als Hanna kurz darauf Leizer wiedertraf, wurde er ihr zweiter Ehemann und der zweite Sohn Alex wird geboren. Bei einem Flugzeugabsturz 1949 auf dem Weg nach Amerika verstirbt schließlich auch Leizer.

“So hatte ich keine Erinnerung an meinen Vater, erinnerte mich aber an den Vater meines Bruders, der wiederum selbst keine Erinnerung an seinen Vater hatte.”

Durch diese Erzählungen seiner Mutter wird das Interesse Bernards an seiner Vergangenheit und der Vergangenheit seiner Eltern neu geweckt. In der Küche findet er eine Kiste mit alten Fotos, er besucht Bibliotheken, Friedhöfe, beginnt zu forschen und nachzufragen …

“Wo ich doch meine Kindheit, in die ich jetzt zu meiner Überraschung zurückkehrte, unbewusst auf Abstand gehalten hatte – die Vergangenheit erneut zu durchleben hatte ich nicht das geringste Bedürfnis, auch wenn ich mich jetzt hartnäckig bemühte, sie zu vergegenwärtigen, um sie zu verstehen zu versuchen.”

Die Reise in die Vergangenheit endet mit einem Besuch in Auschwitz, wo Bernard endlich herausfinden kann, was mit seinem Vater Yankel passiert ist.

Robert Bober hat ein ruhiges, ein unaufgeregtes, beinahe nüchternes Buch geschrieben. Trotzdessen hat mich diese kleine Familiengeschichte gepackt und lange nicht mehr loslassen können. In einem Interview habe ich von Robert Bober die Aussage “Ich verweigere, was man Pathos nennt” gelesen und dies trifft auch auf diesen kleinen Roman zu – aber grade aufgrund dieser nüchternen und unaufgeregten Sprache hat Robert Bober bei mir eine große Wirkung erzielen können.

Eine wirklich schöne, kleine Familiengeschichte, die ich nur weiter empfehlen kann. Ach übrigens: sie ist auch wunderschön gestaltet.

6 Comments

  • Reply
    Konstantin [derschoeneblog.de]
    November 25, 2011 at 11:48 am

    Vielen Dank für diese Rezension. Nach nunmehr drei Büchern aus dem Kunstmann Verlag, habe ich bereits begonnen das Sortiment zu durchstöbern – aber dieses Buch ist doch in der Tat an mir vorbeigegangen und trifft dabei offenbar genau mein Geschmack. Ich habe es umgehend auf meine Liste gesetzt.

  • Reply
    maragiese
    November 25, 2011 at 1:13 pm

    Hallo Konstantin,

    ich bin schon sehr gespannt darauf zu hören, wie es dir gefallen wird! Meinem Geschmack hat es zumindest genau treffen können.
    Durch Robert Bober habe ich – leider erst jetzt – diesen tollen Verlag entdeckt und durchstöbere heute auch schon eine ganze Weile das Sortiment und mein Wunschzettel wird länger und länger.

  • Reply
    caterina
    November 25, 2011 at 9:46 pm

    Die Geschichte klingt, als würde sie mir gefallen. Um Familiengeschichten vor dem Hintergrund des Holocaust komme ich ohnehin nicht herum. So wird es früher oder später auch mit diesem Buch sein. Aber was mich speziell an diesem noch viel mehr reizt, ist der wunderbare wunderbare Titel! So viel Schönheit und Wahrheit in einem Satz.

  • Reply
    Petra Gust-Kazakos
    November 26, 2011 at 8:10 am

    Klingt sehr gut! Danke für die Empfehlung.

  • Reply
    maragiese
    November 26, 2011 at 11:28 am

    Hallo caterina und Petra,

    danke für eure lieben Kommentar und ich freue mich sehr, dass ich mit meiner Rezension euer Interesse an dem Roman wecken konnte! Ich bin schon gespannt wie ein Flitzebogen, ob er euch so gut gefällt, wie mir … 🙂

    Der Titel ist wirklich fantastisch und ist mir auch gleich ins Auge gesprungen … darüber hinaus ist er auch noch so sehr auf den Inhalt des Buches zu übertragen. Im Einband steht übrigens, dass er aus einem Gedicht von Pierre Reverdy stammt …

    • Reply
      caterina
      November 26, 2011 at 1:09 pm

      Oh, Dankeschön für den Hinweis. Das ganze Gedicht habe ich leider nicht ausfindig machen können, nicht einmal auf Französisch, immer wieder nur das Fragment «On ne peut plus dormir / tranquille quand on a / une fois ouvert les yeux». Vielleicht ist es tatsächlich nur ein Satz, er kann ja wunderbar allein stehen.

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