Die Elenden von Łódź – Steve Sem-Sandberg

Steve Sem-Sandberg erzählt in “Die Elenden von Łódź” die Geschichte des Ghettos Litzmannstadt in Łódź  nach. Im Nachwort erklärt er, dass er sich weitestgehend an der Ghettochronik und an anderen Zeugenaussagen von Überlebenden orientiert hat. Diese hat er zum Teil durch Fiktion ergänzt, oder auch wahre Begebenheiten fiktionalisiert.

Der Roman beginnt mit der Bildung des Ghettos des Jahres 1939. Ein Rundschreiben, unterzeichnet von Friedrich Uebelhoer, wird zitiert:

“Zu welchen Zeitpunkten und mit welchen Mitteln das Getto und damit die Stadt Lodsch von Juden gesäubert wird, behalte ich mir vor. Endziel muss jedenfalls sein, dass wir diese Pestbeule restlos ausbrennen.” 

Im Mittelpunkt steht dabei vor allem die Rolle von Chaim Rumkowski. Der Judenälteste. Der Präses. Chaim Rumkowski begegnet einem als fast undurchschaubarer Charakter mit so vielen unterschiedlichen Facetten: ein Fabrikant, der vor allem seinen wirtschaftlichen Vorteil vor Augen hat – gleichzeitig Waisenheime für Kinder gründet, um diese zu retten und sie aber gleichzeitig auch immer wieder zu missbrauchen. Chaim Rumkowski fungiert als Bindeglied zwischen den Nationalsozialisten und der jüdischen Bevölkerung und wird dabei immer wieder vor sehr schwierige Entscheidungen gestellt.

Es gibt von Chaim Rumkowski an vielen Stellen immer wieder Aussagen, die nur sehr schwer nachzuvollziehen sind. Stellen bei denen ich das Gefühl hatte, er begibt sich mit den Nationalsozialisten auf eine Stufe. Vor allem die folgende, ist mir nachdrücklich im Gedächtnis geblieben:

“Auf Juden konnte man nur in kollektiver Form verweisen. In festen Mengen. In Quoten, als Quantität. Also überlegte Rumkowski: Um das Untier verstehen zu lassen, was du meinst, musst du selbst wie jenes denken. Keinen Einzelnen sehen, sondern eine Vielzahl.”

Neben Chaim Rumkowski werden auch noch eine Vielzahl an anderen Charakteren und Schicksalen beschrieben und erzählt. Auch der Alltag im Ghetto wird sehr detailliert und ausführlich beschrieben.

Steve Sem-Sandberg überlässt es dem Leser zu werten. Zu entscheiden, welche Charaktere und welche Handlungen als positiv und welche als negativ empfunden werden. Der Autor wertet nicht. Dies macht die Lektüre von “Die Elenden von Łódź” zu einem nicht leicht zu lesendem und vor allem auch nicht leicht auszuhaltendem Roman. Auch Tage nach der Lektüre fällt es mir schwer die Frage zu beantworten, wie ich Chaim Rumkowski und seine Taten letztendlich bewerte. Steve Sem-Sanberg bietet in seinem Nachwort eine mögliche Antwort auf diese Frage an:

“Die Frage, ob Rumkowski als Retter oder Verräter, als Held oder Sündenbock anzusehen ist (eine Frage, mit der sich die Getto-Geschichtsschreibung vom ersten Augenblick an beschäftigte), ist also von einer bestimmte Warte ais äußerst theoretisch. Alles hängt von der Perspektive ab, aus der man die Sache betrachtet.”

Ich bin mir noch nicht sicher, ob mich diese Antwort zufriedenstellen kann, da auch die unterschiedliche Perspektive, sicherlich nicht alles erklären kann. Vor allem die Tatsache, dass sich der Judenälteste Chaim Rumkowski – anscheinend nachweislich – an den Kindern in seinen Waisenhäusern vergangen hat, müsste meiner Meinung nach sehr kritisch bewertet werden.

Steve Sem-Sandberg schreibt als Nichtjude und Nichtbetroffener über das Ghetto in Łódź. Auch wenn er sich überwiegend an der Ghettochronik orientiert, schreibt er dennoch etwas Fiktives über eine erschreckende und kaum zu begreifende Realität. In vielem hat mich dieses an “Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell erinnert und die damals viel diskutierte Frage, ob so ein Vorgehen erlaubt sein kann und darf. Ich möchte diese Frage an dieser Stelle nicht diskutieren.

Nur so viel: ich befürchte, dass die Generation, die diese Gräueltaten erlebt hat und darüber berichten kann, langsam ausstirbt – wenn sie nicht schon ausgestorben ist. Und  ich bin froh, dass ein Schriftsteller wie Steve Sem-Sandberg sich getraut hat, diese Geschichte zu erzählen und die schrecklichen Taten damit in Erinnerung zu behalten.

Ein schwer verdauliches, aber absolut empfehlenswertes Buch!

P.S.: Dies sollte natürlich kein Bewertungskriterium darstellen, bei über 600 Seiten habe ich aber sehr stark ein Lesebändchen vermisst!

7 Comments

  • Reply
    buechermaniac
    December 7, 2011 at 7:14 am

    Schweres Geschütz, was du hier gelesen hast. Dass man solche Lektüre nicht so einfach zu verdauen ist, kann ich sehr gut nachvollziehen. Es gibt nichts Unmenschlicheres als der Mensch.

    • Reply
      flattersatz
      December 7, 2011 at 8:51 am

      .. da widerspreche ich dir jetzt einfach: genau das ist das menschliche am menschen, kein tier würde so handeln…. den menschen macht eben aus, daß er gut sein kann und böse. und gerade bei rumowski kommt beides vor. aus (wie in der rezension angedeutet) vllt schäbigsten motiven tut er viel gutes für kinder im getto, gleichzeitig füttert er die vernichtungsmaschine der deutschen mit dem, was sie verlangt. dadurch kann er die bestie andererseits für einige zeit ruhig stellen, die endgültige vernichtung verhindert er natürlich nicht, die ist unabhängig von allen praktischen/pragmatischen gesichtspunkten ideologisch um jeden preis gewollt.

  • Reply
    flattersatz
    December 7, 2011 at 8:58 am

    Ich habe das buch ja auch gelesen und besprochen und wie du (und der autor) komme ich zu keinen eindeutigen urteil über diesen rumowski. sowas gefällt uns natürlich nicht, wir lieben es, alles in eine eindeutige schublade zu stecken und dann zu wissen: der war böse bzw. der war gut. rumowski war beides, er hat gutes getan und böses (um diese simplifizierenden begriffe zu verwenden). nun könnte man sagen, er hat auch das gute aus bösen motiven heraus getan und wenn man sich dann fragt, woher kommen die bösen motive, findet man vllt dafür auch wieder gründe… es ist einfach wahrzunehmen, er hat dies und jenes gemacht, sowohl gut als auch böse gehandelt.

    uns gefallen helden natürlich besser als duckmäuser. so kommt uns der aufstand im warschauer getto heldenhaft vor (er ist es ja auch) und er ist es, der im gedächtnis verankert ist. die unterwerfung und anbiederei von rumowski wirkt dagegen schäbig, unwürdig, wenig heldenhaft. aber die frage ist (und ich traue mir die antwort nicht zu, noch weniger eine bewertung) wer hat für die kurze zeit, in der die gettos existierten, für die dort zusammengepferchten “mehr” erreicht, so wenig dieses “mehr” auch ist…..

  • Reply
    maragiese
    December 7, 2011 at 3:19 pm

    Danke für die Kommentare und vor allem für deine noch einmal sehr hilfreichen Anmerkungen, flattersatz – ich habe diese mit großem Interesse gelesen. Gerade die Tatsache, dass es keine klare Antwort auf die Frage gibt, ob das, was Chaim Rumkowski getan hat, von Grund auf böse ist, oder ob er auch gute Motive dabei hatte, hat die Lektüre von “Die Elenden von Lodz” für mich sehr interessant, aber auch sehr schwer aushaltbar gemacht.

    Wobei ich schon gestehen muss, dass gegen Ende des Buches, die negative Sicht auf Chaim Rumkowski für mich überwogen hat. Interessant fand ich, dass die Chaim Rumkowski selbst mit der Wendung am Ende scheinbar nicht gerechnet hatte – bis zu letzt hatte er es nicht für möglich gehalten, selbst auf Transport geschickt zu werden.

    Steve Sem-Sandberg ist auf jeden Fall ein guter Roman gelungen, der sehr viel Diskussionsstoff bieten kann …

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    [Rezension] Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź « Syn-ästhetisch
    September 26, 2012 at 1:55 pm

    […] überzeugende Rezension findet ihr auch bei Mara. Teilen macht reich!Gefällt mir:Gefällt mir4 bloggers like this. von → REZENSIONEN […]

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    Eva Jancak
    April 27, 2013 at 6:01 am

    Da würde ich die Lektüre der “Fliegenfängerfabrik” von Andrzej Bart sehr dazu empfehlen

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 28, 2013 at 11:37 am

      Ich danke dir für die Empfehlung, die ich mir gleich mal notiert habe! 🙂

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