Vom Ende einer Geschichte – Julian Barnes

In dem knapp 200 Seiten schmalen Büchlein “Vom Ende einer Geschichte”, das in diesem Jahr den einflussreichen Booker Prize gewonnen hat, erzählt der englische Autor Julian Barnes die Geschichte von Tony Webster und analysiert damit einhergehend dessen Reflexion über sich selbst und seine eigene Vergangenheit.

“Wie oft erzählen wir unsere eigene Lebensgeschichte? Wie oft rücken wir sie zurecht, schmücken sie aus, nehmen verstohlene Schnitte vor? Und je länger das Leben andauert, desto weniger Menschen gibt es, die unsere Darstellung infrage stellen, uns daran erinnern können, dass unser Leben nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte, die wir über unser Leben erzählt haben. Anderen, aber – vor allem – uns selbst erzählt haben.”

Im ersten Teil des Romans erinnert sich Tony Webster an seine Jugend, sein Aufwachsen und seine Schulzeit zurück. Er erzählt von seinen Freunden Colin und Alex, mit denen er ein freundschaftliches “Dreigespann” bildet. Diese Verbundenheit zeigt sich an einem lustigen Erkennungszeichen: alle drei tragen ihre Armbanduhr mit dem Ziffernblatt Richtung Handgelenk.  Später stößt der schüchterne, doch gleichzeitig hochbegabte Adrian Finn zu diesem Trio dazu. Nachdem Schulabschluss trennen sich die Wege der vier Jungs, Tony Webster zieht es zum Geschichtsstudium nach Bristol. Dort lernt er seine erste Freundin, die schöne, aber in seinen Augen hochmanipulative Veronica Ford, kennen. Sie führen eine kurze Beziehung, die für beide unglücklich und unbefriedigend endet. Später erfährt Tony, dass Veroncia und sein ehemals bester Freund Adrian mittlerweile ein Paar sind. Tony bricht daraufhin den Kontakt zu den beiden ab und hört erst das nächste Mal wieder etwas von ihnen, als er über den Selbstmord von Adrian informiert wird, der sich mit nur 22 Jahren das Leben nimmt.

Schon im ersten Teil des Romans gibt es immer wieder Stellen, an denen es Hinweise darauf gibt, dass Tonys Erinnerungen möglicherweise gefärbt oder gar unwahr sind:

“Haben sie das genauso gesagt? Höchstwahrscheinlich nicht. Dennoch ist dies meine genaueste Erinnerung an das, was gesagt wurde.”

“Das ist meine wichtigste faktische Erinnerung. Alles andere sind Eindrücke und halbe Erinnerungen und daher vielleicht bloßer Selbstschutz […].”

Zum Ende dieses Abschnitts, werden Tonys Zweifel an seiner eigenen Version der Vergangenheit zunehmend stärker und er kommt zu folgender Einsicht:

“Ich habe viel erlebt und viel überstanden. ‘Wer viel erlebt, kann viel erzählen’ – so heißt es doch, nicht wahr? Geschichte ist nicht die Summe der Lügen der Sieger, […] das weiß ich jetzt. Sie ist eher die Summe der Erinnerungen derer, die viel erlebt und viel überstanden haben und meistens weder Sieger noch Besiegte sind.”

Im zweiten Teil des Romans, ist Tony Webster bereits pensioniert. Vierzig Jahre sind vergangen und er ist mittlerweile bereits verheiratet gewesen, doch wurde wieder geschieden. Er hat Susie, eine Tochter und wurde auch schon mit Enkelkindern beschenkt. Seine Vergangenheit holt ihn ein, als er vom Tod Sarah Fords, der Mutter von Veronica in Kenntnis gesetzt wird. Er erhält von ihr zwei Dokumente und 500 Pfund, ohne genau zu wissen warum, da er eigentlich nie eine nähere Beziehung zu dieser Frau hatte. Tony erfährt, dass es sich bei dem Dokument um Adrians Tagebuch handelt, dass jedoch von Veronica nicht herausgegeben wird. Aufgrund dieser Erschütterung in seinem Leben, sieht sich Tony dazu gezwungen, seine Vergangenheit noch einmal neu zu überdenken und zu hinterfragen. Vor allem muss er sich anschauen, was für ein junger Mann er damals wirklich gewesen ist und ob die Informationen, die er nun erhält, mit seinem eigenen Selbstbild übereinstimmen …

“Vom Ende einer Geschichte” ist ein schmales, ruhiges, aber dennoch auch sehr eindringliches und berührendes Buch. Julian Barnes kommt ohne viele pompöse oder spektakuläre Effekte aus, aber hat mich grade aufgrund dieser gelassenen und ruhigen Erzählweise in seinen Bann gezogen.

Tony Webster ist ein sehr echter, sympathischer Charakter und die Fragen, die er sich stellt, die Zweifel die ihn überfallen, betreffen sehr wahrscheinlich das Leben jeden älteren Menschen. Tony ist dazu gezwungen, einen Teil seiner Vergangenheit neu zu bewerten und als Leser begleitet man ihn auf diesem Weg.

Ein schönes, ein sehr philosophisches Buch. Eine Empfehlung!

1 Comment

  • Reply
    Unbefugtes Betreten – Julian Barnes « buzzaldrins Bücher
    November 27, 2012 at 12:46 pm

    […] und hat bereits zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Zuletzt erschien von ihm der Roman “Vom Ende einer Geschichte”, der sich nicht nur 130.000-mal verkaufte, sondern für den er auch noch den Man Booker Prize […]

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