Meine Zeit der Trauer – Joyce Carol Oates

“Diese Erinnerungen sind eine Pilgerreise.”

In „Meine Zeit der Trauer“ beschreibt und verarbeitet die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates den Tod ihres Mannes Raymond Smith und die Zeit danach. Den Kampf einer Witwe um ein Überleben. Ein Weiterleben. Joyce Carol Oates und Ray Smith, wie er von allen genannt wird, waren über 47 Jahre verheiratet. Für Oates war Smith der erste feste Freund und seit ihrer Heirat im Januar 1961 waren beide kaum länger als einen Tag voneinander getrennt.

“[…] ich empfinde so viel Liebe für ihn und zugleich die Vergeblichkeit einer solchen Liebe. Denn so, wie mein damals noch junger Mann die kümmerliche Kresse unbedingt am Leben erhalten wollte, so wollen wir den am Leben erhalten, den wir lieben. Wir sehnen uns danach, ihn zu beschützen, ihn vor Unglück zu bewahren. Ein Sterblicher sein heißt zu wissen, dass man das nicht kann, aber dennoch versuchen muss.”

Trotz eigener schriftstellerischer Ambitionen arbeitete Ray Smith vorwiegend als Lektor und Verleger. Gemeinsam mit seiner Frau veröffentlichte er mehr als dreißig Jahre lang die „Ontario Review“, eine angesehene Literaturzeitschrift. Zusammen mit seiner Frau und den beiden Katzen Reynard und Cherie lebten beide in Princeton, ein ruhiges, aber sehr glückliches und zufriedenes Leben. Bis zu einem Tag im Februar, an dem Ray schon sehr früh morgens mit Schmerzen und Fieber aufwacht. Obwohl er das selbst nicht möchte, bringt ihn seine Frau umgehend in das kleine Princetoner Provinzkrankenhaus. Dort wird eine Lungenentzündung diagnostiziert. Nach einer Woche und der Aussicht, dass Ray eigentlich in die Reha entlassen werden soll, stirbt er für alle völlig überraschend und unerwartet an einer Sekundärinfektion, die rasend schnell die zweite Lunge angegriffen hat.

In “Meine Zeit der Trauer” versucht Oates die Schuld die sie empfindet sowie die sehr starken Selbstvorwürfe zu verarbeiten. Es war ihre Entscheidung, ihren Mann in dieses Krankenhaus zu bringen. Außerdem reflektiert sie sehr eindringlich die Ängste, Traurigkeit und Schmerzen die sie bei dem Verlust ihres Mannes und auch noch sehr lange Zeit danach, empfindet. Ihr Zuhause, das für sie immer ein Ort des Wohlfühlens war, ist für sie plötzlich kein Zuhause mehr. Es widerstrebt ihr dort zu sein. Ohne Ray. Selbst die Katzen, hat sie das Gefühl, geben die Schuld an Rays Tod ihr und ignorieren sie die meiste Zeit. Für diesen unendliche schmerzhaften Verlust findet Oates immer wieder beeindruckende Worte und Bilder:

“Einen Menschen zu verlieren, mit dem man 47 Jahre verheiratet war, ist, als verlöre man einen Teil von sich selbst – den wertvollsten Teil. Der gebliebene Rest kommt mir so dezimiert vor, so kaputt.”

“Das Alleinsein hat etwas Grauenvolles. Schlimmer noch als Einsamkeit.”

“Von meinen Studenten ahnt wohl niemand, dass ‘Professor Oates’ frisch amputiert ist, die Wunde blutet noch, und dass in ihrem Kopf außerhalb dieses Seminars das Chaos herrscht.”

Nach dem Tod ihres Mannes fällt es ihr sehr lange sehr schwer normal weiterzuleben. Sie hat sehr viele Formalitäten zu erledigen, von denen sie sich von Beginn an überfordert fühlt. Der Zwang, nach dem Tod ihres Mannes in irgendeiner Form weiter zu funktionieren, wird von Oates sehr eindrücklich und lebensnah beschrieben. Sie muss sich zunächst weiter um die Arbeit ihres Mannes kümmern, für den fast täglich Manuskripte, Briefe oder Nachrichten auf dem Anrufbeantworter eintreffen. Oates selbst ruft – wenn sie nicht zu Hause ist – häufig den Anrufbeantworter an, da die Nachricht auf dem Band von ihrem Mann gesprochen wird. Für sie ist dies die letzte Möglichkeit, immer wieder seine Stimme zu hören.

Oates erreicht im Laufe der Monate nach Rays Tod einen Zustand, in dem sie ohne medikamentöse Hilfe nicht mehr einschlafen und tagsüber kaum noch funktionieren kann. Aus Angst süchtig zu werden – so wie ihre eigene Mutter – versucht sie die Medikamentendosis wieder zu reduzieren. Ihr Glück ist es, dass sie viele gute Freunde hat, die sich um sie kümmern. Auch wenn dies an manchen Stellen fast schon bizarre Züge annimmt und von Oates sehr humoristisch beschrieben wird: fast stündlich klingeln Boten an ihrer Tür, die Fresskörbe vorbeibringen. Irgendwann beschließt die Witwe alles nur noch ungesehen und ungegessen in den Müll zu schmeißen. Zu schmerzhaft ist es für sie, sich mit Rays Tod zu beschäftigen.

Joyce Carol Oates verarbeitet in “Meine Zeit der Trauer” den Tod ihres Mannes. Sie schildert ihren Schmerz, ihre Hilflosigkeit. Verliert zwischendurch aber nicht ihren Humor, der immer wieder zwischen den Zeilen aufblitzt. Sie reflektiert ihre Beziehung zu Raymond Smith und hinterfragt dabei vor allen Dingen auch ihr eigenes Verhalten an vielen Stellen kritisch. Gefallen haben mir auch die vielen literarischen Stellen, sie trifft sich beispielsweise mit dem Schriftsteller Philip Roth zum Essen.

Ein interessantes, berührendes Buch. “Meine Zeit der Trauer” hat große Ähnlichkeiten mit “Das Jahr magischen Denkens” von Joan Didion, auf das Oates auch in ihrem Roman selbst mehrmals Bezug nimmt. Leider gibt es stellenweise auch recht zähe und langatmige Abschnitte – insgesamt habe ich die Lektüre aber als sehr anregend empfunden. Ich denke, dass der Roman vor allem auch für Menschen, die selbst einen Verlust erlitten haben, sehr hilfreich sein kann.

8 Comments

  • Reply
    Klappentexterin
    January 2, 2012 at 7:10 pm

    Liebe Mara,
    vor einigen Wochen bin ich über das Buch gestolpert, nun finde ich es bei dir wieder und wundere mich nicht. : ) Wir haben doch einige Übereinstimmungen, wie ich schon öfter freudig festgestellt habe. (Deine aktuelle Lektüre interessiert mich z.B. auch sehr und steht schon in meinem Regal.) Nun aber zu deiner Besprechung, die ich sehr gern gelesen habe. Es ist ein bewegendes und mutiges Werk, das die Autorin verfasst hat. Wie ich vermutet habe, geht es einem sehr nah und könnte – wie du schon schreibst – gerade Menschen helfen, die einen Verlust erlitten haben. Ich musste bei dem Thema ebenfalls an “Das Jahr magischen Denkens” denken, das immer noch ungelesen in meinem Regal steht. Dieses hier wandert zwar auf meine Wunschliste, muss sich aber erstmal ein bisschen gedulden. Ich danke dir dennoch sehr für deine Besprechung, die mich in meinem Lesevorhaben bestätigt hat.

    Herzlichst,

    Klappentexterin

    • Reply
      maragiese
      January 3, 2012 at 12:57 pm

      Liebe Klappentexterin,
      ich habe deinen schönen Kommentar hier bei mir schon gestern am späten Abend gelesen und mich sehr darüber gefreut. Komme aber erst jetzt dazu, dir ausführlicher zu antworten.
      Ich freue mich auch sehr, über unsere Lektüre-Übereinstimmungen (ich werde auch gleich deinen neusten Beitrag über Karen Russell kommentieren, deren Buch auch schon lange auf meiner Beobachtungsliste stand).
      Das Buch von Joyce Carol Oates ist in der Tat sehr berührend und vor allem mutig, da sie sehr viele persönliche Momente mit dem Leser teilt. An manchen Stellen hat mich diese große Intimität, das Teilen persönlicher Informationen, fast schon peinlich berührt. Ich hatte nicht damit gerechnet, zu erfahren, wie viele Schlafmittel Oates im Haus hat und dass sie kurz davor war, sich nach dem Tod ihres Mannes, auch selbst das Leben zu nehmen.
      “Das Jahr magischen Denkens” (das du übrigens unbedingt lesen solltest) und “Meine Zeit der Trauer” haben in der Tat einige Gemeinsamkeiten, sind gleichzeitig aber auch grundverschieden. Didion zitiert immer wieder ganze Abschnitte aus soziologischen, philosophischen oder auch medizinischen Essays, die sich mit dem Sterben auseinandersetzen. Didion geht bei der Suche nach Trost und in der Hoffnung Antworten zu finden, sehr tief in die Literatur. Literarische Zeugnisse bieten ihr in ihrem Schmerz Rettung. Diesen Drang habe ich bei Joyce Carol Oates nicht gespürt – bei ihr steht viel mehr im Vordergrund, wie sie als Witwe weiter leben soll, wie sie weiter funktionieren kann, wie sie alle Formalitäten erledigen soll. Geholfen hat ihr dabei weniger die Literatur, als ihre vielen Freunde und die Tatsache, dass sie sehr schnell (nach beinahe schon zwei Wochen), wieder in den Lehrbetrieb an der Universität zurückgekehrt ist. Elementare Fragen über den Tod, den Prozess des Sterbens, stellt sie sich jedoch kaum.
      Ich bin gespannt darauf, wann du zu “Meine Zeit der Trauer” greifen wirst und natürlich auch, wie es dir dann gefallen wird.
      Ich bitte um Entschuldigung für diese doch sehr lange und umfangreiche Antwort,
      Mara

      • Reply
        Klappentexterin
        January 3, 2012 at 8:56 pm

        Liebe Mara,

        bevor mir meine Augen gleich zufallen, wollte ich noch schnell ein Dankeschön für deine Antwort hierlassen. Sie war gar nicht zu lang, ganz im Gegenteil: wunderbar und informativ!

        Viele Grüße

        Klappentexterin

  • Reply
    Ada Mitsou
    January 3, 2012 at 12:26 pm

    Joyce Carol Oates reizt mich immer wieder. Ich kann gar nicht genau sagen, warum das so ist, denn bisher habe ich gar nicht viel von ihr gelesen und auch nichts, was mich total umgehauen hätte, und doch blitzt der Name immer wieder in meinem Hinterkopf auf, wenn es um Neuerscheinungen geht (in diesem Monat kommt auch wieder ein neues Werk von ihr auf den Markt).

    Deine Rezension ist sehr einfühlsam und leise geschrieben und ich habe den Eindruck, dass diese Schreibweise sehr gut zu der Geschichte hinter dem Buch passt. Muss man in der richtigen Stimmung für das Buch sein? Oder meinst du, dass man es eigentlich jederzeit lesen könnte?

    Liebe Grüße!

    • Reply
      maragiese
      January 3, 2012 at 1:15 pm

      Liebe Ada,
      herzlichen Dank für deinen lieben Kommentar, der sehr interessant für mich zu lesen war. Vor allem deine Bemerkung zu Beginn trifft lustigerweise auch auf mich zu. Der Name Joyce Carol Oates schwirrt bei mir auch immer wieder im Kopf herum, irgendwie verbinde ich mit ihrem Namen sehr viel, einige Romane stehen sogar ungelesen hier bei mir im Regal. Auch als ich “Meine Zeit der Trauer” im Buchladen gesehen hatte, habe ich gleich gewusst, dass ich dieses Buch lesen möchte. Doch eigentlich hatte ich zuvor noch nie etwas von ihr gelesen …
      Das Werk, das diesen Monat erscheint, ist nun aber auch vorgemerkt. Jetzt, wo der Einstieg geschafft ist, würde ich gerne noch weiteres von ihr lesen. Obwohl ich natürlich auch die noch ungelesenen Bücher aus meinem überquellenden Regal lesen könnte … 😉

      Ich habe mich sehr gefreut, dass dir meine Rezension anscheinend gefallen hat. Ich habe mich darum bemüht, mich beim Schreiben meiner Rezension in meine Leküreerfahrung einzufühlen und glaube, dass ich meinen Schreibstil sicherlich auch ein Stück weit dem Ton des Buches angepasst habe …

      Ich denke schon, dass man das Buch jederzeit lesen kann. Ich habe mich dazu entschieden, es zwischen den Feiertagen zu lesen, da ich in dieser Zeit auch die Ruhe hatte, mich darauf einzulassen. Ruhe und Zeit sollte man bei der Lektüre schon haben …

      Herzliche Grüße
      Mara

  • Reply
    flattersatz
    January 28, 2012 at 6:26 am

    Es gibt ja zum Thema: Verlusterfahrung, Trauer mittlerweile eine ganze Menge an Titeln, viele Menschen, die literarisch begabt sind, schreiben sich ihren Kummer von der Seele. Und das ist gut so! Denn man kann selbst jederzeit in eine solche Situation kommen, daß ein geliebter Mensch stirbt, durch Krankheit, durch einen Unfall… natürlich durchleidet man dann die eigene Trauererfahrung, die kann einem keiner abnehmen, aber es ist wichtig, daß man weiß – und da hilft diese Art von Büchern, weil sie einen darauf vorbereitet – daß das, was einem geschieht, was man fühlt, was man erleidet, “normal” ist, daß es keinen Zeitplan gibt, demzufolge man nach x Wochen wieder fröhlich und “gesund” zu sein hat. Trauer kann sich auf sehr viele Arten zeigen oder auch verstecken, wenn man sie nicht zeigt….

    Knapp 500 Seiten erscheint mir lang, du deutest es ja auch an. Ich habe mir den Titel aber doch notiert, herzlichen Dank für deine Buchvorstellung!

    Liebe Grüße
    fs

    • Reply
      maragiese
      January 28, 2012 at 8:47 pm

      Lieber flattersatz,

      herzlichen Dank für deinen Kommentar und deine Eindrücke, die du hier hinterlassen hast. Auch ich denke, dass Romane wie die von Joyce Carol Oates, aber auch das Buch von Joan Didion (im nächsten Monat erscheint das nächste von ihr, dass sich mit dem Tod ihrer Tochter beschäftigt) sehr wichtig sind. Ich habe bisher nur wenige Verlusterfahrungen machen müssen, aber die Lektüre von Büchern wie “Meine Zeit der Trauer” hilft mir dennoch sehr mich zumindest in irgendeiner Form auf etwas vorzubereiten, was zwangsläufig irgendwann passieren wird …
      Ich habe das Gefühl, dass du einen sehr umfangreichen Lektürevorrat an Büchern zu genau diesen Themen (Verlusterfahrung und Trauer) hast und freue mich auf noch den ein oder anderen guten Tipp, den ich wahrscheinlich bei dir im Blog finden werde.

      500 Seiten sind in der Tat viel und zwischendurch gibt es immer wieder zähe und langatmige Passagen – insgesamt liest sich das Buch aber doch sehr schnell und flott.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Sag ihren Namen – Francisco Goldman | buzzaldrins Bücher
    July 1, 2014 at 6:16 pm

    […] von jemanden, der Teil deines Lebens gewesen ist, ist immer schmerzhaft. Joyce Carol Oates hat in “Meine Zeit der Trauer” über den Verlust ihres Mann geschrieben, der nach 47 gemeinsamen Jahren plötzlich verstorben ist. […]

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