„Man blickt zurück um zu erkennen, wie vergänglich alles ist.“
Die japanisch-koreanische Autorin Aly Cha erzählt in ihrem Debüt „Schnee in April“ eine umfangreiche, aufwühlende, intensive und sehr berührende Familiengeschichte.
Die Geschichte umfasst eine Zeitspanne von 1880 bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein. Das Buch ist in insgesamt drei Abschnitte geteilt, die alle irgendwie miteinander verknüpft sind – diese Verknüpfungen offenbaren sich erst im Laufe der Lektüre, auch wenn man manche Verbindungen schon früh zu erahnen beginnt. So erging es mir zumindest. Aufgrund dieser umfassenden Geschichte und den vielen Verknüpfungen, fällt es mir etwas schwer eine Rezension über den Roman zu schreiben, ohne Gefahr zu laufen, dass ich zu viel verrate.
Die Geschichte beginnt in den sechziger Jahren – genauer gesagt am 13. Januar 1969 – in Japan. Als Leser erfährt man, dass die junge Mutter Miho zusammen mit ihrer sechsjährigen Tochter Yuki mit dem Zug auf dem Weg nach Osaka ist. Miho sucht der ihre Mutter Asako auf, bei der sie ihre Tochter zurücklässt. Ihrer Mutter sagt sie, dass sie weg muss. Yuki erzählt sie, dass sie vorfährt nach Amerika und Yuki in ein paar Monaten nachkommen lassen wird. Schon sehr früh im Buch merkt man, dass es zwischen Miho und Asako unüberbrückbare Differenzen. Eine unüberwindliche Kluft zwischen Mutter und Tochter:
„’Ich betrete dieses Haus nicht’, sagte Miho. ‚Aber ich muss das Kind eine Weile hierlassen. Ich komme später zurück – in ein paar Monaten oder so, meine ich. Hier.’ Bemüht, Yuki nicht zu wecken, reichte sie das Kind an ihre Mutter weiter. Noch immer wich sie Asakos Blicken aus, als würde sie zu Stein, falls ihre Augen sich träfen.“
Für ein sechsjähriges Kind verhält Yuki sich erstaunlich reif und erwachsen. Auch wenn sich alles verändert in ihrem Leben, lebt sie sich bei ihrer Großmutter schnell ein und beginnt damit zum ersten Mal in ihrem Leben eine Vorschule zu besuchen um lesen und schreiben zu lernen. Die ganze Zeit über behält sie die Gewissheit, dass ihre Mutter irgendwann zurückkehren wird, um sie zu holen:
„’Mami hat gesagt, ich muss eine Weile bei dir ins Osaka wohnen. Es ist sehr weit. Wusstest du das? […] Sie holt mich wieder ab, bevor die Kirschblüte vorbei ist. Ganz bestimmt, bevor alle Blüten abgefallen sind, sagt sie.’“
Der zweite Teil des Romans beginnt in den 80er Jahren des 19. Jahrhundert – also fast ein Jahrhundert vor der Zeit, in der der erste Teil des Romans spielt. Erzählt wird die Geschichte des jungen Mädchens Makachi, die auf einer kleinen, sehr weit abgelegnen Insel vor Japan aufwächst. Nach dem Tod ihres geliebten Vaters, der auf See stirbt, als sie dreizehn Jahre ist, wird sie von ihrer Mutter in die Stadt an eine Pensionswirtin verkauft. Dort arbeitet Makachi die nächsten Jahre lang unter großen Qualen und Misshandlungen als Dienstmädchen für alles … bevor sie sich eines Tages in einen der anwesenden Gäste verliebt und – als sie schwanger wird – mit ihrem Geliebten die Pension verlässt um nach Amerika zu fliehen. Das Kind der beiden nennen sie Asako …
Im dritten Teil werden abschließend alle Stränge zusammengeführt und dem Leser werden Verbindungen und Verknüpfungen klar.
Aly Cha erzählt auf einfühlsame Art und Weise eine mehrere Generation umfassende Familiengeschichte. Sie verfolgt die Geschichte von Miho und Yuki bis in das 19. Jahrhundert zurück und man hat das Gefühl, dass sie das Unglück und Pech in jeder Generation fortgesetzt hat und beinahe schon multipliziert hat. Als würde ein schlechtes Karma auf der Familie lasten. Eine besondere Rolle spielen dabei immer wieder die Mütter, die ihre Kinder alleine lassen, zurücklassen, im entscheidenden Moment im Stich lassen. Den ersten Teil des Romans habe ich noch als etwas zäh empfunden, aber in den anschließenden beiden Abschnitten habe ich das Buch kaum noch aus der Hand legen können. Zu sehr hat mich das Schicksal der beschriebenen Charaktere gefesselt. Es gibt viele tolle Stellen, die ich mir angestrichen habe, eine ist mir besonders im Gedächtnis geblieben:
„Sie konnte nichts ändern. Ihr blieb keine andere Wahl, als sich mit ihrer Familie abzufinden, wie sie war – verschiedene, nicht zueinander passende Stäbchen, die man in den gleichen Kasten geworfen hatte.“
Wenn man hinter die Oberfläche der Geschichte blickt, wirft der Roman darüberhinaus einige elementare Fragen auf, die mich während und vor allem jetzt nach der Lektüre, beschäftigen. Der Roman legt nahe, dass die nächste Generation die Fehler der vorherigen wiederholt. Ist das tatsächlich so? Neigen wir dazu, die Fehler unserer eigenen Mütter erneut zu begehen? Gibt es in Familien Dynamiken, die sich einfach immer wieder wiederholen? Ist das Schicksal dadurch möglicherweise immer wieder vorprogrammiert? Haben wir gar keine Chance uns dagegen zu wehren. Ich glaube, keine Antworten auf diese Fragen zu haben. Sie werden mich aber wohl noch die nächsten Tage lang beschäftigen.
“Schnee im April” ist ein tolles Buch. Ein Roman, mit dem ich mich sehr wohl gefühlt habe. Empfehlenswert für jeden, der gerne umfangreiche Familiengeschichten liest. Aly Cha hat eine richtig gute geschrieben!

8 Comments
buechermaniac
January 5, 2012 at 10:05 amDieses Buch liegt schon längere Zeit auf meinem SuB. Du hast mich mit deiner schönen Rezension sehr neugierig gemacht und ich glaube ich muss den Roman ein bisschen weiter oben auf den Stapel legen.
Auf diesem Weg wünsche ich dir noch alles Gute für das neue Jahr und auch im Jahre 2012 viele schöne literarische Entdeckungen. Einen Dank auch, dass du öfters bei mir vorbeischaust. Das freut mich sehr.
Liebe Grüsse
maragiese
January 5, 2012 at 6:54 pmIch kann dir nur empfehlen, den Roman so schnell wie möglich zu lesen. Er ist wirklich wunderschön und sehr berührend. Eine richtige Wohlfühl-Lektüre, die jedoch auch tiefergehende Fragen stellt. Ich bin schon sehr gespant, wie es dir gefallen wird.
Auch ich wünsche dir ein schönes literarisches Jahr 2012 uns ich hoffe, dass du auch in diesem Jahr einige mir unbekannte Bücher auf deinem Blog vorstellen wirst – ich habe schon einige toll Lektüreentdeckungen bei dir gemacht.
Mila
January 9, 2012 at 9:36 pmDas hört sich wundervoll an. Scheint genau ein Roman für mich zu sein. Danke für diese “Perle”, die ich ohne deine Rezension sonst wohl nicht entdeckt hätte. LG Mila
maragiese
January 10, 2012 at 12:43 pmLiebe Mila,
ich freue mich sehr, dass ich mit meiner Buchvorstellung dein Interesse wecken konnte. Ich hätte das Buch wahrscheinlich auch nicht entdeckt und gelesen, wenn es nicht jemand begeistert bei den Büchereulen vorgestellt hätte … ich habe es als ganz wundervoll empfunden und bin gespannt darauf, wie es dir gefallen wird!
Klappentexterin
January 15, 2012 at 7:31 pmLiebe Mara,
ich habe mich nicht getraut, nach dem zweiten Absatz weiterzulesen, weil das Buch ja noch bei mir in meinem japanischen Regal steht und mich täglich anlächelt. Aber du hast schon eingangs wunderschöne Worte gefunden, dass ich mich noch mehr darauf freue und zu einem späteren Zeitpunkt in deine Rezension ganz eintauchen werde.
Herzlichst,
Klappentexterin
maragiese
January 18, 2012 at 12:09 pmLiebe klappentexterin,
ich habe mich sehr über deinen Kommentar zu meiner Rezension gefreut. Es war nicht schwer schöne Worte zu finden, da mich das Buch sehr berührt hat und dabei viele Gedanken und Emotionen freigesetzt.
Ich bin gespannt, wie es dir gefallen wird, wenn du es liest und würde mich natürlich dann über eine kleine Rückmeldung hier freuen!
Liebe Grüße
Mara
P.S.: Gestern habe ich mir übrigens auf deine überzeugenden Rezensionen hin “Das schönste Wort der Welt” und “Mein sanfter Zwilling” gekauft. Ich freue mich schon sehr auf beide Bücher!
Doris Küstner
February 14, 2012 at 10:06 amIch greife hier gerne nochmal deine Worte auf: Es ist ein ganz wundervolles Buch!
maragiese
February 15, 2012 at 11:59 amJa, es ist in der Tat ein wirklich wundervolles Buch, das ich jedoch ohne deine begeisterte Rezension wohl nicht für mich entdeckt hätte. Ich danke dir dafür … 🙂