Für den Rest des Lebens – Zeruya Shalev

fuer-den-rest-des-lebens-072461896“Der Rest ihres Lebens, besser gesagt, die letzte Frist des Lebens, die ihr zusteht, kommt ihr absurderweise wie eine Ewigkeit vor, denn weil ihr jede Bewegung fehlt, scheint sich die Zeit endlos zu dehnen.”

Dies sagt Chemda Horovitz, eine ältere Frau, die mittlerweile schwer erkrankt ist. Sie ist bettlägerig und reflektiert über ihr vergangenes Leben. Im Verlauf des Romans wird sie zunehmend dement und kann sich kaum noch an ihre eigene Vergangenheit erinnern geschweige denn ihre eigenen Kinder erkennen. Durch Chemda erfährt man als Leser sehr vieles über das Aufwachsen in einem Kibbuz, das mir schon fast als Verlust der familiären Strukturen erscheint. So wird es zumindest von Chemda empfunden, deren Eltern zu der ersten Kibbuz-Generation gehörten. Schlafen muss sie im Kinderhaus, getrennt von ihren Eltern. Ihre Mutter ist kaum zu Hause, sondern arbeitet sehr viel im Ausland – der Vater kann nur wenig Liebe geben. Es kommt immer wieder vor, dass er Chemda schlägt. Doch ich hatte den Eindruck, dass die kaum vorhandene Mutterliebe, die Abwesenheit der Mutter für Chemda am schwersten zu ertragen ist.

“Was ist das alles, fragt sie, und fragt schon nicht mehr, warum alles so ist, wie es ist, auch nicht, wie es so gekommen ist, sondern nur, was es eigentlich ist, wie die Tage vergingen, bis sie in dieses Zimmer kam, in dieses Bett, womit haben sich die zigtausend Tage gefüllt, die an diesem Körper hochkletterten wie Ameisen an einem Baumstamm, schließlich ist es ihre Aufgabe, sich zu erinnern, und sie erinnert sich nicht.”

Chemda Horovitz ist eine der drei Perspektiven, aus der der Roman erzählt wird. Bei den anderen beiden handelt es sich um Avner und Dina Horovitz, ihre beiden erwachsenen Kinder. Mit Hilfe der erlebten Rede taucht man als Leser abwechselnd in diese drei Perspektiven ein.

Avner ist ein Rechtsanwalt, der sich auf Menschenrechte spezialisiert hat und sich vor allen Dingen für die Rechte der Beduinen einsetzt. Er lebt zusammen mit seiner Frau Schlomit und den gemeinsamen Söhnen. Schon ganz zu Beginn des Romans erlebt er einen für ihn sehr entscheidenden und wichtigen Moment: vom Krankenbett seiner Mutter aus beobachtet er ein sich liebendes, inniges Paar. Der Mann ist sterbenskrank und beide verlassen das Krankenhaus, damit er zu Hause sterben kann. Dieser Moment, diese Beobachtung lässt Avner nicht los. Dieses Bild kann er nicht mehr vergessen. Getrieben von der Sehnsucht nach Liebe, Nähe und Geborgenheit macht er sich auf die Suche nach diesem Paar und deren Geschichte.

Im Mittelpunkt des Romans steht aber eigentlich Dina. Avners Schwester. Chemdas Tochter, die sie eigentlich nie wirklich gelernt hat zu akzeptieren. Geboren wird Dina am Tag, als ihr Großvater stirbt. Für Chemda bleibt die Geburt ihrer Tochter für immer mit dem Verlust des Vaters verbunden. Als ihre Mutter zu Beginn des Romans ins Krankenhaus gebracht wird, ist Dina Mitte vierzig. Als Leser merkt man mit der Zeit immer deutlicher, dass Dina sich in einer schwierigen Situation, einer Krise befindet – sie selbst bezeichnet sich als eine Frau, die sich in den Wechseljahren befindet.

“Ich bin krank […], ich brauche Hilfe, ich habe etwas verloren und weiß nicht, ob ich es je wiederfinde.”

Ihre Tochter Nizan ist 16 Jahre alt und nabelt sich immer stärker ab. Dina fühlt sich aufgabenlos. Ihren Mutterpflichten, ihrer Mutterrolle enthoben. Ihr Mann Gideon arbeitet als erfolgreicher Fotograf und ist kaum zu Hause. Den Verlust ihrer Rolle als Mutter empfindet Dina als sehr schwerwiegend und einschneidend. Sie wünscht sich, dass Nizan nicht ihr einziges Kind sein würde. Damals war sie ursprünglich mit Zwillingen schwanger, doch Nizans Bruder überlebt nicht. Er stirbt. Nun wünscht sie sich diesen Sohn, den sie nie bekommen hat. Für sie ist die Entscheidung, die sie trifft, folgerichtig: Sie möchte ein Kind adoptieren. Doch Gideon ist dagegen, er geht soweit, dass er sie vor die Wahl stellt – er oder das Kind. Auch Nizan hat Schwierigkeiten Dinas Wunsch zu akzeptieren. Sie fühlt sich ersetzt und ausgetauscht.

Um diesen Kern rankt und webt Zeruya Shalev die Perspektiven von Chemda und Avner. Als Folie; als Beiwerk und Begründung von Dinas Wunsch ein Kind zu adoptieren.

“Für den Rest des Lebens” war mein erster Roman von Zeruya Shalev und es gibt vieles, was mir gut gefallen hat. Für mich gehören die Abschnitte, die um Dinas Wunsch kreisen, zu den intensivsten und eindrücklichsten Passagen des Romans. Der schleichende Beginn von Dinas Kinderwunsch, der zunehmend zu einer Art Wahn heranwächst, wird sehr eindrücklich beschrieben. Ganze Nächte verbringt Dina vor ihrem Computer und schreibt mit anderen Frauen, die den selben Wunsch haben, wie sie. Die Passagen über die Diskussionen zwischen Dina und Gideon, der zunächst versucht mit Verständnis zu reagieren und dann zunehmend wütend wird, haben mich sehr stark berührt, gepackt und lange nicht mehr losgelassen.

Weniger gut gefallen hat mir, dass die Perspektiven von Chemda und Avner im Laufe des Buches immer stärker vernachlässigt werden und irgendwann nur noch Dinas Kinderwunsch untergeordnet sind. Dinas Wunsch ein zweites Kind zu haben, trotz ihres Alters erneut Mutter zu sein, wird immer wieder legitimiert und begründet und für mein Empfinden beinahe schon symbolisch überfrachtet und verklärt. Wie gesagt: vieles an Zeruya Shalevs Roman hat mir gut gefallen, vor allem auch sprachlich – am Ende ist der Funke jedoch leider nicht so ganz übergesprungen. Schrecklicherweise kann ich nicht einmal genau den Finger darauf legen, warum. Mein Fazit lautet vielleicht – zu viel. Zu viel Symbolik, zu viele Erklärungen, zu viel Überfrachtung. Am Ende vielleicht auch zu viel Liebe. Irgendwann wird alles einfach nur noch dem Wunsch Dinas nach Liebe unterworfen. Alles andere spielt dagegen nur noch eine untergeordnete Rolle: Chemda und ihre Geschichte des Aufwachsens in einem Kibbuz, Avners Leben.

Ich habe das Buch mit einem traurigen Gefühl und einem komischen Nachgeschmack zugeklappt. Traurig darüber, dass es zwischen uns irgendwie nicht richtig gefunkt hat …

5 Comments

  • Reply
    Klappentexterin
    February 15, 2012 at 4:33 pm

    Liebe Mara,

    wenngleich ich es sehr schade finde, überrascht mich dein Eindruck keineswegs. Denn ich habe in der Zwischenzeit von anderen Lesern ähnliche Kritikpunkte wie deine aufgeschnappt. Erst letzte Woche unterhielt ich mich mit einem Bücherfreund, ein großer Shalev-Fan, über “Für den Rest des Lebens”. Entgegen seiner Erwartung war er gar nicht glücklich mit dem Roman. So hat er sich viel mehr durchgebissen, als er dachte, und hat es dann doch irgendwann aufgegeben und zur Seite gelegt. Da war einfach zu viel drin, zu viel Bedeutung, zu viel Gefühl. Wie du siehst, stehst du mit deinen Gedanken nicht allein da. Vielleicht ein kleiner Trost. Und doch erstaunt es wieder einmal, wie unterschiedlich Bücher wahrgenommen werden, nicht wahr? Ich finde es sehr schön, dass du Zeruya Shalev trotzdem eine zweite Chance geben möchtest.

    Herzlichst,

    Klappentexterin

    PS: Deine aktuelle Lektüre liegt gerade übrigens neben meinem Bett. Liest du es gern? Mir haben die ersten Seiten schon sehr gefallen.

    • Reply
      maragiese
      February 16, 2012 at 12:40 pm

      Liebe Klappentexterin,

      ich danke dir für deine Worte, über deinen Kommentar habe ich mich sehr gefreut. Und ja, es tröstet mich sicherlich ein wenig, dass ich scheinbar doch nicht ganz alleine stehe mit meinen Empfindungen und Gedanken zu diesem Roman.
      Ich finde es auch immer erstaunlich, wie unterschiedlich Bücher wahrgenommen werden … ich glaube, dass die Romane von Zeruya Shalev verstärkt dazu anregen, ein Stück weit zu polarisieren, da sie über sehr explosive Themen schreibt: eine Frau in den Wechseljahren, die alles tut, um ein Kind adoptieren zu können – auch wenn das bedeutet, dass sie ihre eigene Familie dadurch verlieren könnte. Ich weiß nicht warum, aber ich konnte eher Gideons Standpunkt nachvollziehen … mit Dina bin ich dagegen nicht wirklich warm geworden.

      Zu meiner aktuellen Lektüre: grandios! Ich habe schon unendlich viele Sätze angestrichen und Post-Its reingeklebt und bin begeistert!

  • Reply
    caterina
    February 15, 2012 at 7:37 pm

    Es gibt also auch weniger enthusiastische Stimmen zu diesen Buch! Von meinem Vorhaben, Zeruya Shalev selbst zu entdecken, bringt mich das natürlich nicht ab, aber es bestätigt mich darin, nicht mit diesem Roman zu beginnen. Hast du trotz deines zwiespältigen Leseeindrucks vor, andere Bücher von Shalev zu lesen?

    • Reply
      maragiese
      February 16, 2012 at 12:52 pm

      Liebe caterina,
      es freut mich, dass dich meine Rezension nicht davon abbringen wird, Zeruya Shalev selbst entdecken zu wollen. Wie die Klappentexterin geschrieben hat: Bücher können so unterschiedlich wahrgenommen werden …
      Trotz meines zwiespältigen Eindrucks plane ich auf jeden Fall, noch andere Bücher von Zeruya Shalev zu entdecken. Aus irgendeinem Grund reizt sie mich einfach zu sehr, als das ich nicht noch das ein oder andere Buch von ihr probieren möchte. Leider bin ich mir doch sehr unsicher, womit ich jetzt am besten weitermachen sollte von ihr … vielleicht hat ja noch irgendjemand hier diesbezügllich Tipps für mich! 🙂

      • Reply
        caterina
        February 16, 2012 at 7:44 pm

        Die Klappentexterin hat mir Späte Familie als Einstieg empfohlen, vielleicht wäre es auch für dich das richtige Buch, um Shalev nochmal neu zu entdecken?

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