Die Mechanik des Himmels – Tom Bullough

Der junge walisische Autor Tom Bullough erzählt in “Die Mechanik des Himmels” die Geschichte von Kostja – besser bekannt als Konstantin Ziolkowski, der auch als “Vater der russischen Raumfahrt” bezeichnet wird. Obwohl es sich bei “Die Mechanik des Himmels” um einen Roman handelt, beruht er dennoch auf wahren Ereignissen und Personen – auch wenn ich, wie ich ehrlicherweise gestehen muss, vorher noch nie etwas von Konstantin Ziolkowski gehört hatte.

“Kostja lebte in einem kleinen Holzhaus mit munteren Wänden und drei rechteckigen Fenstern, die von verschnörkeltem Schnitzwerk und einer Regenleiste eingerahmt waren, die unter dem eisernen Dach wie der Unterrock einer kostenintensiven Dame hervorragte.” 

Die Geschichte beginnt im russischen Winter 1867, als Konstantin Ziolkowski ein zehnjähriger Junge ist und von allen noch Kostja genannt wird. Er lebt mit seiner großen Familie, die insgesamt zehn Mitglieder zählt, in einer kleinen russischen Stadt in sehr ärmlichen Verhältnissen. Nach einem Ausflug in die russischen Wälder, um seinem Vater eine Brotdose auf die Arbeit zu bringen, erkrankt der kleine Kostja schwer an Scharlach.

“Er war morgens mit Halsschmerzen aufgewacht, und wenn er hustete und versuchte, den Frosch im Hals wegzukriegen, spürte er einen plötzlichen Schwindel und musste sich auf eine Bank setzen […].”

Trotz der begrenzten medizinischen Möglichkeiten der damaligen Zeit überlebt er zwar, zurück bleibt jedoch eine leichte Behinderung: Kostja ist von nun an beinahe taub.

“Nur die Leute, die Kostja schon vor seiner Krankheit gekannt hatte, verfügten noch über normale Stimmen. Um neue Leute zu verstehen, musste er entweder sein Ohr ganz nah an ihren Mund halten oder ihre Lippen und Augen beobachten und die Mitteilung auf diese Weise entschlüsseln, was kompliziert war.”

Trotz dieses Schicksalsschlag und allen Einschränkungen die dadurch entstehen und unter denen Kostja vor allem im Umgang mit Gleichaltrigen leidet, die ihn häufig verspotten, verfolgt er sehr hartnäckig seine Träume und Ziele. Aufgrund der Armut seiner Familie und der Tatache, dass er fast gehörlos ist, hat Kostja auch große Schwierigkeiten in der Schule, obwohl er schon früh die Mathematik mag, weil er ihre “Musik” liebt, und durch naturwissenschaftliche Experimente auf sich aufmerksam macht. Als Jugendlicher verblüfft er seinen Vater, als er sich selbst ein “Hörrohr” bastelt – ein Gerät, das in der Funktion wahrscheinlich dem heutigen Hörgerät ähnelt. Nur mit Hilfe von vielen Opfern gelingt es seinem Vater, ihn schließlich zum Studium nach Moskau zu schicken. Doch auch dort muss er zunächst mit Widrigkeiten kämpfen, da er nicht zum Studium zugelassen wird und auf die Hilfe des verschrobenen Bibliothekars Nikolaj Fedorow angewiesen ist, der ihn bei seinem Selbststudium unterstützt und mit Literatur versorgt. In dieser Bibliothek wird der Grundstein von Konstantins späterem Interesse und seiner wissenschaftlichen Laufbahn gelegt, hier eignet er sich in stundenlanger Arbeit all jene Kenntnisse an, die ihn befähigen “Vater der russischen Raumfahrt” zu werden.

“Er erzählte […] alles über sein Raumfahrzeug. Er erzählte ihr, dass es sie augenblicklich aus Moskau wegbringen könnte und von der ehernen Routine, über die sie ihm täglich schrieb, und sie mit einer Geschwindigkeit, die selbst den visionärsten Fabrikanten von Heißluftballons und Dampflokomotiven unvorstellbar wäre, an jeden Ort im Universum transportieren könnte, den sie besuchen wolle. […] Es könnte sie zum Mond bringen. Es könnte sie auf eine Reise um die Sonne herum mitnehmen.”

Tom Bullough ist es gelungen, eine schöne, unaufgeregte Geschichte zu erzählen. Mit leichter Hand gelingt es ihm mit Hilfe wunderschöner Bilder und Sätze den Leser zurück in das neunzehnte Jahrhundert und in Kostjas Welt zu katapultieren. Ein sehr dichter Roman, der sich vor allem durch eine unendlich liebevolle Zeichnung der Personen auszeichnet und durch ein gelungenes Portrait des neunzehnten Jahrhunderts und dem Leben in Russland. Der Stil von Tom Bullough besitzt sehr viel Ruhe und Unaufgeregtheit – für den ein oder anderen möglicherweise zu viel. Ich habe jedoch sowohl die Sprache des Romans als auch das langsame Erzähltempo sehr genossen. Und ich habe es genossen, an jeder Stelle merken zu können, wie viel Zuneigung Tom Bulloughs für seine Figuren empfindet.

Übersetzt wurde der Roman sehr elegant und in einer wunderbaren Sprache übrigens von Thomas Melle, der vor kurzem mit dem Roman “Sickster” auf sich aufmerksam gemacht hat, für den er auch für den Deutschen Buchpreiss nominiert war.

Ein wunderschönes Portrait eines sehr interessanten Menschen und eines genauso faszinierenden Zeitalters. Eine Empfehlung für jeden, der die Ruhe findet, sich für ein solches Buch die Zeit zu nehmen!

4 Comments

  • Reply
    Doris Küstner
    February 19, 2012 at 5:32 pm

    Vielen Dank für deine schöne Rezension.
    Ich habe mir das Buch heute Mittag parat gelegt und werde noch heute Abend mit dem Lesen anfangen.
    Nun freue ich mich noch mehr drauf.

    • Reply
      maragiese
      February 21, 2012 at 5:07 pm

      Liebe Doris,
      ich freue mich, dass dir meine Rezension gefallen hat! Was für ein Zufall, dass du es auch gleich schon da hast und als nächstes lesen möchtest. Ich bin schon sehr gespannt darauf zu erfahren, wie es dir gefallen wird … mich hatte eine Rezension auf “Glanz & Elend” von dem Buch überzeugt und es hat mich gerade auch wegen seines ruhigen und unaufgeregten Erzählens überzeugt. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass genau dies anderen Lesern vielleicht nicht so gut gefällt.
      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Doris Küstner
    February 23, 2012 at 5:32 pm

    Liebe Mara,

    ….und es hat mir sehr gut gefallen!
    Ich mochte diese unaufgeregte Art und Weise wie Tom Bullough seinen Protagonisten quasi jede Hürde hat nehmen lassen.

    Liebe Grüße
    Doris

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 24, 2012 at 1:10 pm

      Liebe Doris,

      … ich freue mich, dass es dir gut gefallen!
      An manchen Stellen nimmt die Zuneigung von Tom Bullough für seinen Protagonisten ja schon ein bisschen überhand, aber ich fand es größtenteils einfach liebevoll, wie er ihn durch jede Prüfung schickt.

      Liebe Grüße
      Mara

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