Ihre Nacht – Banana Yoshimoto

Obwohl ich in den vergangenen Jahren schon viel über Banana Yoshimoto gehört und gelesen habe, ist “Ihre Nacht” der erste Roman, den ich nun auch wirklich von ihr lese. Und auch dieser wäre wohl wieder an mir vorbeigegangen, wenn er in den vergangenen Wochen nicht sowohl von der Klappentexterin als auch von synästhetisch begeistert besprochen worden wäre.

In “Ihre Nacht” erzählt Banana Yoshimoto die Geschichte von Yumiko und ihrem Cousin Shôichi. Ihre Mütter waren Zwillinge, doch das Leben ihrer Kinder hätte nicht unterschiedlicher verlaufen können.

“Er konnte sich auf festen, sicheren Boden unter den Füßen verlassen, bei mir war alles wackelig und unsicher. Mein ganzes Leben lang hatte ich verzweifelt versucht, irgendwie, irgendwo Halt zu finden.”

Während Shôichi eine glückliche Kindheit verbracht hat, die geprägt war von einer engen Bindung zu seiner Mutter, hat Yumiko sehr unter ihrer geld- und machtgierigen Mutter gelitten. Unter einem beinahe abwesenden Vater. Unter einer sterilen, lieblosen Atmosphäre in ihrem Zuhause.

Nachdem seine Mutter nach langer Krankheit verstorben ist, besucht Shôichi eines Tages Yumiko in Tokio, die dort ein unglückliches und einsames Singleleben führt.

“Er hat gut lachen, das Leben zeigt sich ihm von seiner besten Seite. Auf mich aber wartet Ungemach, ich drohe im Schlamm des Teiches dort zu versinken, wie eine Ameise zertreten zu werden oder noch als verpuppter Falter zu verenden. So sehen meine Zukunftsperspektiven aus.”

Shôichi erklärt, dass er von seiner Mutter geschickt wurde, deren letzter Wunsch es gewesen sei, Yumiko zu helfen, falls diese Hilfe benötige – um wieder gut zu machen, dass sie ihr all die vergangenen Jahre nicht habe helfen können. Shôichi überredet Yumiko zu einer Reise in die Vergangenheit, um sich all dem zu stellen, was in ihrer Kindheit passiert ist. Schon auf den ersten Seiten des Romans wird deutlich, dass Yumiko ein Geheimnis verbirgt, dass es einen dunklen Schatten gibt, der auf ihr Leben fällt.

“Ich fühle mich wie eine Art Krankheitserreger, das wurde ich einfach nicht los. Wo ich bin, ist immer auch ein Hauch von Tod, der sich wie ein Schleier über alles legt. Abgesehen von einem dunklen, geheimnisvollen Etwas, das da zwischen Mann und und Frau herrscht, kann ich in einer Beziehung nichts Positives erkennen. So viel ist schiefgelaufen, so viel missraten, und dennoch lebe ich … Ist das nicht unendlich traurig?”

Dieser dunkle Schatten bezieht sich sowohl auf das Leben ihrer Mutter, die zusammen mit ihrer Schwester etwas Fürchterliches erlebte in ihrer Kindheit als auch auf Yumikos Vergangenheit, in der sich dieses fürchterliche Ereignis wiederholt.

“Ich habe damals so verrückte, unvergessliche Dinge gesehen und gehört, dass sie mich nicht mehr losgelassen, sozusagen Besitz von mir ergriffen haben.”

Shôichi und Yumiko besuchen Orte der Vergangenheit und stellen sich den dunklen Schatten der Vergangenheit. Yumiko sucht ihr Elternhaus auf, das mittlerweile verlassen ist und leer steht. Sie besucht das Grab ihres verstorbenen Vaters und nimmt sich die Zeit, noch einmal in ihre Vergangenheit einzutauchen. Stück für Stück offenbart sich dem Leser, was damals mit Yumiko und ihren Eltern geschehen ist. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten, um niemanden die Spannung und Verblüffung über die Entwicklungen im Laufe des Romans zu nehmen. Mich hat vor allem die Wendung am Ende des Romans überrascht; ähnlich wie bei Téa Obrecht bindet auch Banana Yoshimoto magische, phantastische Elemente in die Erzählung ein. In eine Erzählung, die ich bis zu diesem Zeitpunkt für real gehalten habe. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Wende hin zum Übersinnlichen positiv oder negativ bewerten soll. Sie deutet sich im Roman an, hat mich dennoch sehr überrascht. Was möglicherweise jedoch mehr zählt, als die Frage, nach Magie oder Wirklichkeit, ist die Moral, die sich für mich zwischen den Zeilen in “Ihre Nacht” verbirgt.

“Etwas , was ich mal hatte, war nicht mehr da. Daher rührte meine Traurigkeit. Aber mit dieser Erfahrung war ich sicher nicht allein. Kein Mensch, der in seinem Leben nichts verliert.”

In der Tat befürchte ich, dass es keinen Menschen gibt, dem es nicht so geht. Yumiko hat etwas verloren, ihr wurde etwas genommen. Etwas weggenommen. Doch Banana Yoshimoto zeigt in “Ihre Nacht”, wieviel Kraft es einem gibt, mit dieser Traurigkeit nicht allein sein zu müssen. Die Tatsache, einen Gefährten zu haben, macht vieles leichter, macht vieles heiler. In den Stunden, die Yumiko mit Shôichi verbringt, blüht sie, wie eine schon lang verwelkte Blüte, wieder auf. Auch wenn das sicherlich pathetisch klingen mag. Shôichi gibt Yumiko die Möglichkeit, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und damit etwas, was nicht mehr ungeschehen zu machen ist, zu verarbeiten und hinter sich zu lassen.

“Ihre Nacht” ist eine eine flüssig geschriebene Erzählung mit einer überraschenden Wende und vielem, was sich zwischen den Zeilen verbirgt. Ein schönes Buch, was mir gut gefallen hat, auch wenn es mich nicht restlos überzeugen konnte. Dazu hat mir irgendetwas gefehlt; “Ich nannte ihn Krawatte” – ein Buch, das auch in Japan spielt – konnte mich viel intensiver packen und begeistern. Dennoch: “Ihre Nacht” ist ein sicherlich gut erzählter Roman, der für den Leser viele Überraschungen bereithält.

4 Comments

  • Reply
    Klappentexterin
    April 10, 2012 at 6:49 am

    Liebe Mara,

    schade, dass dich Banana Yoshimoto mit ihrem aktuellen Roman nicht ganz überzeugen konnte, aber immerhin hattest du schöne Lesestunden. Mir hat von der Autorin “Amrita” bislang am besten gefallen. Nur für den Fall, dass du irgendwann noch einmal einen Leseversuch mit ihr starten möchtest.

    Herzlichst,

    Klappentexterin

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 10, 2012 at 4:03 pm

      Liebe Klappentexterin,

      ich wollte noch einmal bekräftigen, dass der Roman nicht einen so negativen Eindruck bei mir hinterlassen hat, wie es vielleicht in meinem Fazit anklang. Es gab vieles, was mir gut gefallen hat. Sehr überrascht hat mich aber sicherlich die Wendung zum Übersinnlichen. Ist das etwas, was du als typisch für den Stil von Banana Yoshimoto bezeichnen würdest?
      “Amrita” ist notiert und ich freue mich schon darauf. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Klappentexterin
    April 24, 2012 at 9:30 am

    Liebe Mara,

    huch, nun habe ich doch glatt vergessen, dir zu antworten. Verzeih! Nein, so habe ich es auch nicht verstanden (dass dir der Roman gar nicht gefallen hat), aber es fehlte dir etwas, das i-Tüpfelchen sozusagen. Das Übersinnliche ist ein typisches Merkmal ihrer Werke. Anfangs mag es sich ein wenig befremdlich anfühlen, doch mit der Zeit gewöhnt man sich dran. Es gehört zu ihr wie die Sonnenstrahlen zur Sonne. “Amrita” mochte ich deshalb so gern, weil der Roman unwahrscheinlich kraftvoll ist und mir in einer nicht ganz so leichten Zeit eine wertvolle Lektüre war.

    Herzlichst,

    Klappentexterin

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 24, 2012 at 12:07 pm

      Liebe Klappentexterin,
      kein Problem, denn auch ich finde im Moment kaum Zeit um Kommentare zu schreiben oder auf etwas zu antworten. Seitdem die Uni wieder losgegangen ist, versuche ich mit den mir zur Verfügung stehenden Stunden zu jonglieren, für vieles fehlt nun einfach die Zeit.
      Ja, irgendwie fehlte mir das i-Tüpfelchen, das, was mich bei “Ich nannte ihn Krawatte” so begeistert hat, habe ich hier nicht finden können. “Amrita” wurde mir auch schon bei Twitter empfohlen, dann werde ich das wohl als nächstes von ihr lesen. Ich bin schon sehr gespannt darauf. 🙂
      Liebe Grüße
      Mara

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