Aufziehendes Gewitter – Stefan Merrill Block

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“Ich weiß, dass mein Großvater eine Zeit lang in einer berühmten psychiatrischen Klinik voller großer Dichter und Denker war. Aber eben doch in einer psychiatrischen Klinik. Ich weiß nicht, ob ich Frederick und sein Erbe bewundern oder fürchten soll.”

“Aufziehendes Gewitter” ist der zweite Roman des jungen Schriftstellers Stefan Merrill Block. In seinem ersten Roman “Wie ich mich einmal in alles verliebte” beschäftigte er sich mit der Erkrankung Alzheimer – der Roman beruht auf wahren Begebenheiten, da auch seine Großmutter an einer sehr schweren Form von Alzheimer litt. Auch seinem neuen Roman “Aufziehendes Gewitter” liegen wieder wahre Begebenheiten zugrunde, es handelt sich um die Geschichte seiner Großeltern: Katharine Mead Merrill und Frederick Frances Merrill. Im Mittelpunkt steht diesmal Stefan Merrill Blocks Großvater, der für eine Weile in einer psychiatrischen Klinik lebte und die Auswirkungen, die dies auf  Katharine und ihre Kinder hat.

Die Geschichte, die Stefan Merrill Block erzählt, spielt in der amerikanischen Stadt Boston und springt zwischen unterschiedlichen Zeitebenen hin und her, im Mittelpunkt steht der Sommer 1962. Frederick wird verhaftet, weil er betrunken auf der Route 109 Autofahrern sein bestes Stück präsentiert. Um einer längeren Haftstrafe zu entgehen, willigt Frederick der Einweisung in die psychiatrische Klinik Mayflower Home for the Mentally Ill (die Einrichtung Mayflower Home ist Fiktion angelehnt an das MacLean Hospital, in das sein Großvater damals wirklich eingeliefert worden war) ein. Dieser Moment auf der Route 109 stellt den Höhepunkt von einer Vielzahl von Eskapaden in den vergangenen Monaten und Jahren dar. Frederick, der einstige Marineoffizier, ist an irgendeiner Stelle seines Lebens vom Weg abgekommen: sein Familienglück mit Katharine und ihren vier Kindern ist mit der Zeit immer schaler und zerbrechlicher geworden. Frederick kommt abends spät nach Hause, er trinkt zu viel Bourbon und hat immer wieder Affären mit anderen Frauen. Seine Familie leidet unter Fredericks Verhalten, das mit der Zeit immer schlimmer wird. Als er in das Mayflower Home eingeliefert wird, sind alle erst einmal erleichtert. Vor allem seine Frau Katharine:

“Frederick war ein Alkoholiker, ein Schürzenjäger, ein Verrückter, der sich an der Landstraße entblößt hat. Er war verrückt, sie war normal. Er war selbstsüchtig, sie war aufopfernd.”

Stefan Merrill Block beschreibt Fredericks Leben in der Klinik, in der er länger bleiben muss, als angenommen – Katharine bemüht sich zunächst nicht, ihn wieder nach Hause zu holen. Einige der Insassen des Mayflower Home sind berühmte Dichter und Denker, wie dies auch in Wirklichkeit im MacLean Hospital der Fall war. Als Leser begegnet man interessanten Charakteren, denen ich allen in meiner kurzen Rezension gar nicht gerecht werden kann. Für mich stechen vor allem der Dichter Robert Lowell und der jüdische Professor Shlomi Schultz heraus. Schultz war ein ehemals angesehener Linguistikprofessor in Harvard, der seine ganze Familie verloren hat. Seitdem hört er Geräusche in Dingen und Objekten, Geräusche, die nur er hört. Niemand sonst. Auch das Klinikpersonal wird sehr detailliert dargestellt, jeder Charakter in seinen eigenen Facetten. Besonders sympathisiert habe ich mit der jungen Rita, die zu weich erscheint für die Arbeit im Mayflower Home und eine sehr enge Bindung zu den einzelnen Bewohnern hat, die sie nicht nur als Patienten sieht, sondern auch als Menschen. An einer Stelle fragt sich Rita:

“Warum können manche Menschen Kriege, Hungersnöte, Völkermord ertragen, während andere schon in einer komfortabel eingerichteten Welt, in der die Menschen lediglich Dinge sagen, die nicht immer stimmen, den Verstand verlieren? Warum ist  einfache Stille für manche so schrecklich, dass sie umfassende, detaillierte Halluzinationen brauchen, um sie zu kompensieren?”

Frederick leidet unter seinem Klinikaufenthalt. Sein Leid nimmt zu, als das Mayflower Home einen neuen Direktor bekommt und damit auch neue Regeln und Vorschriften. Das einzige, was Frederick Halt gibt, ist sein Tagebuch, in das er regelmäßig schreibt. Er schreibt Sätze wie diese hier:

“Frederick denkt: Die Trauer, den Dingen immer entrückt zu sein, entweder über oder unter ihnen.”

Und er schreibt lange Briefe an Katharine und seine Kinder:

“Alles, was ich wollte war, Dich und die Mädchen davon zu überzeugen, dass etwas möglich war. Dass harte Arbeit, Liebe und Vernunft genügen, um aus unserem Leben etwas zu machen, das uns niemand mehr nehmen kann. Ich habe versucht, so zu sein, wie du mich angefleht hast zu sein, wie ein Vater sein sollte. Verlässlich. Wenn ich ins Straucheln geraten bin, habe ich versucht, es zu verbergen.”

Immer wieder wird deutlich, dass Frederick an etwas zerbrochen ist. An was? An der Welt? Den Anforderungen? Dem Leben? Dem Vatersein?

Neben dem Klinikaufenthalt von Frederick, wird ein Sommer in den achtziger Jahren beschrieben. Der Sommer, in dem sich Katharine dazu entscheidet, alle Briefe, die sie von Frederick noch aufbewahrt hatte, all die “Sachen von Frederick, die wegzuwerfen sie nicht über sich bringt, mit denen sie aber auch nicht leben kann”, zu verbrennen. Auch die Perspektive von Stefan Merrill Blocks Mutter, Susie, die zur Zeit der Einlieferung ihres Vaters gerade erst dreizehn Jahre alt war, wird eingebunden.

Am Ende des Romans erklärt Stefan Merrill Block den Impuls, sich der Geschichte seines Großvaters Frederick zu widmen. Mit ihm hat er mehr gemeinsam, als er lange dachte, da auch bei Stefan Merrill Block vor einiger Zeit – als er gerade einmal fünfundzwanzig ist – eine bipolare Störung diagnostiziert wird.

“Eines Nachts vor vier Jahren, in meiner heruntergekommenen Studentenwohnung, verschob sich etwas in mir, und ich konnte vier Tage lang nicht schlafen. […] Manische Depression. Das angebliche Leiden meines Großvaters.”

“Aufziehendes Gewitter” ist ein fiktiver Roman, der jedoch auf wahren Begebenheiten beruht: der psychischen Erkrankung und dem Klinikaufenthalt von Frederick, vieles andere ist Fiktion. Stefan Merrill Block hat mit den Leuten gesprochen, die seinen Großvater gekannt haben, hat alles gelesen, was er über seinen Großvater, die Klinik und die Krankheit finden konnte und doch:

“Ich weiß noch immer nicht, ob das, was in uns ist und manchmal zischend auflodert, eine Krankheit ist oder einfach ein Ausdruck dessen, was wir sind.”

Stefan Merrill Block ist mit “Aufziehendes Gewitter” ein wunderbarer Familienroman gelungen. Obwohl er über einen dunklen Fleck seiner Familie schreibt, habe ich mich an keiner Stelle als Voyeur gefühlt. Ganz im Gegenteil: Stefan Merrill Block schildert alle Charaktere mit einer ungeheuren Warmherzigkeit und Liebe. Dies macht es möglich, dass ich mich als Leser dennoch immer wieder auf der Seite Fredericks sah, der mir leid tat – ein paar Seiten später, habe ich dann wieder mit Katharine und ihren Kindern mitgefühlt. Stefan Merrill Blocks Sprache zeichnet sich durch eine unheimliche Kraft aus, die einen starken Sog beim Lesen auf mich ausgeübt hat. Trotz der zeitlichen Sprünge und vielen unterschiedlichen Charaktere bin ich nie Gefahr gelaufen, den Überblick zu verlieren.

Stefan Merrill Block ist es gelungen, mich vor allem durch seine starke, elegante und poetische Sprache zu überzeugen. Doch auch der Inhalt hat mich fasziniert: “Aufziehendes Gewitter” beschäftigt sich mit psychischen Erkrankungen und welchen Einfluss diese auf den Erkrankten und die Angehörigen haben können. Doch trotz seiner Erkrankung, seiner Fehler und Schwächen, bleibt Frederick dank der liebevollen Beschreibung von Stefan Merrill Block, dennoch ein in irgendeiner Form liebenswerter und vor allen Dingen bemitleidenswerter Mensch.

“Aufziehendes Gewitter” hat mir sehr viel besser gefallen, als “Wie ich mich einmal in alles verliebte”. Eine Überraschung und eine eindeutige Empfehlung!

2 Comments

  • Reply
    Petra Gust-Kazakos
    April 14, 2012 at 5:04 pm

    Liebe Mara, ich fand ja schon “Wie ich mich einmal in alles verliebte” ausgezeichnet und freue mich nun sehr, bei dir zu lesen, dass Block ein weiteres Buch geschrieben hat. Das will ich auch gern haben : )

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 15, 2012 at 1:27 pm

      Liebe Petra,
      ich freue mich, dass du “Aufziehendes Gewitter” auch lesen möchtest – berichte doch bitte, wie es dir gefällt. Ich bin schon sehr gespannt darauf, was andere zu dem Roman sagen. Wenn mich ein Buch so sehr begeistert, habe ich manchmal Angst, dass es vielleicht nur mir so gehen könnte. “Wie ich mich einmal in alles verliebte” konnte mich vor einigen Jahren ja nicht so ganz überzeugen, “Aufziehendes Gewitter” dafür um so mehr!

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