Wenn Eulen schrein – Janet Frame

Der Roman der neuseeländischen Autorin Janet Frame “Wenn Eulen schrein” entstand bereits in den fünfziger Jahren. Der C.H. Beck Verlag hat sich dazu entschieden, ihn in einer überarbeiteten Übersetzung in diesem Jahr erneut zu veröffentlichen. “Wenn Eulen schrein” (der Titel ist übrigens ein Zitat aus einem Stück von Shakespeare) war der erste Roman von Janet Frame und begründete ihren literarische Weltruhm. Gleichzeitig war er für die Autorin auch eine Rettung; durch den entstandenen Ruhm wurden Ärzte auf die Situation von Janet Frame aufmerksam, die damals über acht Jahre lang in einer “Nervenheilanstalt” festsaß. Dort erlitt sie das Schicksal – abgestempelt als eine angeblich Schizophrene – keine adäquate Behandlung zu bekommen; eine Lobotomie steht ihr damals schon kurz bevor. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen, Janet Frame gelingt mithilfe eines Auslandsstipendium die Flucht.

Im letzten Jahr erschien von Janet Frame bereits der Roman “Dem Sommer entgegen”, der auf ihren Wunsch posthum veröffentlicht wurde.  Er war so stark autobiographisch beeinflusst, dass er erst nach dem Tod der Schriftstellerin veröffentlicht werden sollte. Auch “Wenn Eulen schrein” wirkt auf mich zumindest autobiographisch gefärbt.

Im Mittelpunkt steht die Familie Withers, die der eigenen Familie von Janet Frame ähnelt. Der Vater Bob arbeitet als Eisenbahnmitarbeiter und die Mutter Amy kümmert sich um den Haushalt. Bob und Amy haben vier Kinder: Francie, Toby, Daphne und das jüngste Kind Chicks. Sie leben in Waimaru, ganz im Süden Neuseelands, in einem Gebiet, wo es sonst kaum etwas Nennenswertes gibt – man hat nur sich selbst, sonst nichts.

“Ihre Stadt, Waimaru hieß sie, war klein wie die Welt und lag auf halber Strecke zwischen dem Südpol und dem Äquator, das heißt, genau auf dem fünfundvierzigsten Breitengrad. […] Wie fühlte man sich, wenn man auf dem fünfundvierzigsten Breitengrad stand? Man fühlte sich auch nicht anders als sonst.”

Familie Withers Isolation und Einsamkeit ist besonders stark ausgeprägt, weil sie zu den ärmsten Familien in Waimaru gehört. An Weihnachten muss Amy überlegen, wieviele Weihnachtskarten sie sich erlauben können und an wen sie dieses Jahr eine schicken werden. Unter dem Weihnachtsbaum beschenken sie sich gegenseitig mit Socken, da sie sich nichts anderes leisten können. Auch die Kinder fallen aufgrund der armen Verhältnisse aus denen sie kommen, aus dem sozialen Gefüge heraus.

“Francie Withers ist dreckig. Francie Withers ist arm. Die Withers baden nicht am Wochenende, und sie wohnen nicht auf dem South Hill, und sie haben keinen Staubsauger, und für sie gibt es keine Tanzstunde und keine Klavierstunde und keine Geburtstagsfeier und keine Fotos aus dem Dainty Studio, die man am Freitag ins Fenster stellen kann.”

Das Unglück und Leid scheint die Familie Withers magisch anzuziehen: Francie stirbt sehr jung bei einem tragischen Unfall, Toby leidet unter schweren epileptischen Anfällen und Daphne wird in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. In all diesen Schicksalen klingt auch das Schicksal von Janet Frames eigener Familie an: ihre beiden Schwestern ertranken, ihr Bruder war Epileptiker und wie bereits erwähnt, wurde auch Janet Frame in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Nur das jüngste Kind, Chicks, scheint ein glücklicheres Schicksal zu haben: sie heiratet in eine höhere Schicht hinein, zieht mit ihrem Ehemann fort, bekommt Kinder und möchte nur noch bei ihrem wirklichen Namen Teresa genannt werden. Sie schämt sich für ihren Bruder und dessen Anfälle und erst recht für ihre Schwester Daphne. Sie versucht sich in einer höheren Schicht zu etablieren, in die sie nicht hineingeboren wurde, und erscheint dabei seltsam unbeholfen und bemitleidenswert, was immer wieder zu amüsanten aber gleichzeitig auch unendlich traurigen Sequenzen führt. Aber auch Chicks, die jetzt Teresa genannt werden möchte, ist nur scheinbar glücklich. Alle Angehörigen der Familie Withers hatten sich eigentlich ein anderes Leben erträumt, für sich selbst und für ihre Geschwister, Kinder beziehungsweise Eltern.

“Danach hackte Francies Vater auf etwas anderem herum, in der Art, wie jemand beim Stricken an den Fäden zupft, um ein Loch zu machen; doch ihr Vater bohrte an etwas in seinem Innern herum, an dem alle Jahre seines Lebens gestrickt hatten und dessen Muster, das Senkrecht und Waagerecht der Zeit durcheinandergeraten und ganz anders geworden war, als er es sich erträumt hatte.”

Während zu Beginn des Romans vor allem die Kindheit der vier Kinder in Waimaru beschrieben wird, die bestimmt ist von den finanziellen Sorgen der Familie, wechselt im Laufe des Romans die Perspektive: das Schicksal jedes der vier Kinder wird bis in sein Erwachsenenleben verfolgt. Am meisten beeindruckt haben mich dabei die Szenen über Daphne, die mit dem Verdacht auf Schizophrenie in eine Anstalt eingeliefert wird. Ihre Eltern sind nicht in der Lage oder vielleicht auch nicht gebildet genug, um ihr zu helfen oder sie zu unterstützen und überlassen sie ihrem Schicksal. Aber auch das Tagebuch von Chicks ist sehr aufschlussreich und teilweise beängstigend zu lesen: an vielen Stellen in ihren Einträgen wird das ganze Unglück der Familie Withers deutlich. Chicks, die scheinbar in einer höheren Schicht angekommen ist, macht einen bemitleidenswerten und erbärmlichen Eindruck. All diese Fäden und Stränge werden von Janet Frame in höchster Kunst immer wieder miteinander verbunden und zusammengeführt und dem Leser offenbart sich auf diese Weise ein umfassendes und sehr trauriges Porträt der Familie Withers.

“Wenn Eulen schrein” war für mich die erste Begegnung mit der neuseeländischen Schriftstellerin Janet Frame, über die bereits sogar ein Film gedreht worden ist. Und was soll ich sagen? Ich bin begeistert. Die Sprache des Romans ist hochpoetisch und lyrisch und Janet Frame gelingt es immer wieder beeindruckende und berührende, aber auch teilweise surrealistische Bilder zu schaffen. Vor allem die Passagen über Daphne, aber auch Teile aus der Geschichte über Toby, stechen in meinen Augen dabei heraus. Der Roman ist nicht “leicht” zu lesen, man muss sich in die besondere Sprache von Janet Frame einlesen und doch war ich schon nach wenigen Seiten nahezu einem Sog ausgesetzt und konnte den Roman kaum noch aus der Hand legen.

Ein bedrückender Roman über eine tragische Familiengeschichte, der mich sehr berührt hat. Janet Frame ist eine zu Unrecht fast vergessene Autorin und ich bin dem C.H. Beck Verlag sehr dankbar dafür, das er die Bücher dieser großartigen Schriftstellerin neu veröffentlicht.  Ich kann Janet Frame und ihrem Roman “Wenn Eulen schrein” nur möglichst viele Leser wünschen, die auch Lust darauf haben, diese Schriftstellerin zu entdecken.

19 Comments

  • Reply
    Doris Küstner
    April 17, 2012 at 2:04 pm

    Liebe Mara,

    sehr schöne Besprechung!
    Ich freue mich sehr dass dir das Buch ebenso gut gefallen hat und wir zu 100 % gleicher Meinung sind.

    Ganz liebe Grüße
    Doris

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 18, 2012 at 6:41 pm

      Hallo liebe Doris,

      wenn ich nicht deine begeisterten Worte gelesen hätte, hätte ich sicherlich nicht so schnell mit dem Roman begonnen. Ich danke dir dafür! Mir hat der Roman wirklich ausgesprochen gut gefallen, auch wenn er gleichzeitig doch auch sehr verstörend und traurig ist. Definitiv keine leichte Lektüre!

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Doris Küstner
        April 18, 2012 at 7:12 pm

        Liebe Mara,
        aber sehr gerne doch!
        Ich sehe, unsere gegenseitige Begeisterung ist in den vielen Monaten in denen wir nichts voneinander gehört haben, nicht verloren gegangen. Sehr gut!
        Ja, in der Tat ein sehr verstörendes Buch – ein Buch das unheimlich lange nachwirkt.

        Herzlichst, Doris

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          April 19, 2012 at 6:23 pm

          Liebe Doris,
          doch doch, dein Kommentar ist verständlich – zumindest für mich. Ich bin wirklich sehr froh, dass sich der C.H. Beck Verlag Janet Frames Werk angenommen hat und ich hoffe, dass wir uns auf noch einige neue Ausgaben freuen dürfen in den kommenden Monaten.
          Die gemeinsame und gegenseitige Begeisterung freut mich auch sehr. Es ist einfach ein schönes Gefühl, dass meine Büchervorstellungen auf Interesse stoßen und noch schöner ist es, ein Buch zu lesen, was uns beide gleichermaßen begeistert und über das man sich dann austauschen kann.

          Ich bin schon sehr gespannt auf “Dem neuen Sommer entgegen”, auf das ich mich schon freue!
          Liebe Grüße
          Mara

          • Doris Küstner
            April 19, 2012 at 6:26 pm

            Liebe Mara,

            “Dem neuen Sommer entgegen” wird dir gefallen. Ich bin mir ziemlich sicher!

            Liebe Grüße
            Doris

  • Reply
    buechermaniac
    April 18, 2012 at 7:53 am

    Hallo Mara

    “Wenn Eulen schrein” habe ich vor einer Ewigkeit gelesen. Wenn du den Film “An angel at my table” noch nicht kennst, dann kann ich ihn dir nur empfehlen. Ist auch schon wieder 22 Jahre her, seit ich ihn gesehen habe. Aber ich erinnere mich sehr gut, dass ich danach unbedingt “Wenn Eulen schrein” lesen wollte. Keine einfache, aber eine sehr eindringliche Lektüre.

    LG buechermaniac

    • Reply
      Doris Küstner
      April 18, 2012 at 8:03 am

      Guten Morgen buechermaniac,

      der Film “An at my table” wird im Herbst bei C.H. Beck als Neuauflage erscheinen, worüber ich mich sehr freue.
      Solange werde ich mir den Film aufsparen.

      LG, Doris

      • Reply
        buzzaldrinsblog
        April 18, 2012 at 6:47 pm

        Liebe Doris,

        danke für die zusätzliche Info! Dann freue ich mich schon jetzt sehr darauf und werde wohl auch so lange warten, bis ich auch den Film schauen. Ich fühle mich so, als hätte ich mit Janet Frame eine ganz besondere Schriftstellerin entdeckt – ein bisschen so, wie bei Richard Yates vor einigen Jahren.

        Liebe Grüße
        Mara

      • Reply
        Doris Küstner
        April 18, 2012 at 7:19 pm

        Hallo an alle,

        ich sehe gerade dass sich mein post von heute morgen 8:03 h etwas wirr liest, aber ich denke man versteht dass ich natürlich das Buch “Ein Engel an meiner Tafel” meine.

        Liebe Grüße
        Doris

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 18, 2012 at 6:45 pm

      Hallo buechermaniac,

      es gibt wohl auch eine ältere Ausgabe von “Wenn Eulen schrein”, die wirst du dann wohl damals gelesen habe. Ich bin sehr froh und dem C.H. Beck Verlag sehr dankbar dafür, dass er Janet Frame noch einmal neu herausgibt. “An Angel at my table” kenne ich noch nicht, möchte ich aber sehr gerne sehen. Ich habe gelesen, dass er auf mehreren Büchern von Janet Frame beruht. Ich beginne erst damit, diese Autorin für mich zu entdecken, aber ich freue mich auf jedes Buch, was ich von ihr noch werde lesen können …

      Begeisterte Grüße
      Mara

  • Reply
    dieseitenspinnerinnen
    April 18, 2012 at 5:57 pm

    Mir ging es wie Büchermaniac. Nachdem ich den Film sah, musste ich die Bücher lesen. Wie schön, dass die Romane neu aufgelegt werden. Janet Frame ist wirklich eine interessante, tolle Autorin. LG Mila

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 18, 2012 at 6:50 pm

      Liebe Mila,
      ich finde es interessant, dass viele von euch Janet Frame schon kennen und bereits vor vielen Jahren etwas von ihr gelesen habt. Vielleicht bin ich dafür ein bisschen zu jung. 😉
      Ich finde sie aber auch sehr interessant, “Wenn Eulen schrein” hat mich wirklich umgehauen.

      Noch einmal etwas ganz anderes, wofür hier wahrscheinlich auch nicht der richtige Ort ist, aber ihr habt euren Blog gelöscht? Warum das denn? Es erscheint mir so, als hätte ich was verpasst – ich habe euch immer gerne besucht.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        buechermaniac
        April 19, 2012 at 2:37 pm

        Hallo Mara

        Mit Erstaunen stelle ich fest, dass du glaubst der Blog der Seitenspinnerinnen sei gelöscht? Der lebt munter. Ich war heute bereits am Lesen und kommentieren bei diesen tollen Autorinnen und Blogerinnen.

        Liebe Grüsse
        buechermaniac

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          April 19, 2012 at 5:48 pm

          Liebe buechermaniac,
          ich war dem Link in Milas Profil gefolgt, der auf die WordPress-Seite verweist und eine Fehlermeldung anzeigte. Ich muss aber gestehen, dass ich gestern auch einen langen Tag hatte und nicht mehr ganz aufnahmefähig gewesen bin. Jetzt finde ich auch wieder auf die Seite und freue mich über neue Einträge.

          Liebe Grüße und Entschuldigung für die entstandene Verwirrung aufgrund meiner kurzen “Umnachtung”,
          Mara

  • Reply
    Doris Küstner
    April 18, 2012 at 7:17 pm

    Liebe Mara,

    ich nochmal.
    Mit Janet Frame hast du wirklich eine tolle Autorin für dich entdeckt, das ging mir nicht anders.
    Meine alte suhrkamp-Taschenbuchausgabe ist leider bei einem meiner vielen Umzüge verloren gegangen. Ich mochte die Ausgabe wegen des Titelbildes so gerne.

    Liebe Grüße
    Doris

  • Reply
    synaesthetisch
    May 10, 2012 at 5:50 pm

    Hallo Mara,
    ich bin eben auf das Buch gestoßen, Simone sagte mir, dass du es hier rezensiert hast. Jetzt mag es es erst recht gerne lesen. Du willst es mir nicht zufliig leihen ;)? Hast du auch andere Bücher von Janet Frame gelesen?

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 10, 2012 at 6:19 pm

      Hey 🙂
      ich freue mich sehr, dass du Interesse an dem Buch hast, mich hat es ja sehr beeindruckt. Bald trudelt hier auch der andere Roman von Janet Frame ein, auf den ich mich schon sehr freue.
      Ich kann dir das Buch sehr gerne ausleihen, gib mir einfach noch mal deine Adresse und ich schicke es dir zu. Ich freue mich, wenn Janet Frame unter die Leute kommt … 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Ein Engel an meiner Tafel – Janet Frame « buzzaldrins Bücher
    October 22, 2012 at 11:16 am

    […] Janet Frame wurde 1924 in Neuseeland geboren, wo sie im Jahr 2004 auch verstarb. Sie war das dritte von fünf Kindern und wurde in einfachen Verhältnissen geboren. Ihre Familie wurde von zahlreichen tragischen Ereignissen hart getroffen, genauso wie Janet Frame selbst, bei der fälschlicherweise Schizophrenie diagnostiziert wurde. Aufgrund dieser Diagnose musste Janet Frame mehrere Jahre in geschlossenen Kliniken verbringen. Diese Ereignisse und Erfahrungen hat sie in ihren Büchern verarbeitet. Auf meinem Blog habe ich in den vergangenen Monaten bereits “Dem neuen Sommer entgegen” und “Wenn Eulen schrein” vorgestellt. […]

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