Bugatti taucht auf – Dea Loher

Dea Loher ist eine der meist gespielten Dramatikerin Deutschlands, zuletzt wurde ihr Stück “Diebe” aufgeführt. Daneben arbeitet sie auch als Schriftstellerin und gewann vor drei Jahren bereits den Berliner Literaturpreis. “Bugatti taucht auf” ist ihr erster Roman, 2005 erschienen bereits die Erzählungen “Hundskopf”.

Hinter dem Titel “Bugatti taucht auf” verbirgt sich eine wahre Geschichte, die umso trauriger ist, weil sie trotz all ihrer Sinnlosigkeit passiert ist. Es geht um ein Auto, den Bugatti Typ 22, der seit den dreißiger Jahren auf dem Grund eines Sees lag. Um das Autowrack ranken sich schon seit vielen Jahren Gerüchte und Legenden. Und es geht um einen jungen Mann, im Buch wird er Luca genannt und in Wirklichkeit heißt er Damiano Tamagni. Der junge Offizier Tamagni wird mit gerade einmal dreiundzwanzig Jahren in einer Februarnacht während der Karnevalsfeierlichkeiten in Locarno totgeprügelt. Von drei Jugendlichen, die ohne Grund auf den am Boden liegenden Tamagni eintreten. Tamagnis Eltern gründeten nach seinem gewaltsamen und so plötzlichen Tod eine Stiftung, um ihrem Sohn ein Denkmal zu setzen. Gemeinsam entschloss man sich dazu, das Wrack des Bugatti Typ 22 zu bergen, um Geld für die Stiftung sammeln zu können. Daneben sollte dieser Einsatz als Andenken an den Hobbytaucher Damiano Tamagni auch ein symbolischer Akt sein. Das ist der Stoff, der die Grundlage für Dea Lohers Roman darstellt, der aufgrund seiner Detailtreue und Genauigkeit schon beinahe den Charakter eines Romans verliert und schon fast als Reportage oder Dokumentation eines schrecklichen und unfassbaren Verbrechens gelesen werden kann. Ergänzt wird der Roman durch Informationen und Hintergrundwissen zu der Familie Bugatti, das an mehreren Stellen im Text eingewoben wird.

Der Roman teilt sich in drei Abschnitte, die zwar miteinander verbunden sind, deren Zusammenhang sich aber erst beim Lesen erschließt. Er beginnt mit Aufzeichnungen aus dem Tagebuch von Rembrandt Bugatti, der zu der italienischen Autobaudynastie gehörte, aber einen anderen Weg als sein Bruder Ettore eingeschlagen hatte – er formt Tierskulpturen. Die Tagebuchaufzeichnungen umfassen die Jahre 1914 bis 1916 und reichen bis zum Selbstmord von Rembrandt Bugatti, der an Depressionen litt. In den Aufzeichnungen geht es um unglückliche Beziehungen, die er mit Frauen führt, um die zunehmende politische Bedrohung, der er in Antwerpen ausgesetzt ist und dem traumatischen Ereignis, als Freunde von ihm mit dem Auto einen Radfahrer überfahren. Die Aufzeichnungen von Bugatti sind von Dea Loher in einem eigenwilligen und ungewöhnlichen Stil gehalten, der mich jedoch begeistert und sehr berührt hat. Loher gelingt es schmerzhafte, aber authentische und intensive Worte zu finden für die Seelenqualen von Rembrandt Bugatti. Folgende Stelle hat mir aus den Aufzeichnungen am besten gefallen, es gibt noch viele andere, für die es hier keinen Platz gibt, um sie alle zitieren zu können.

“Ich bin müde. Ich wäre gern ein anderer.

An manchen Tagen nur Rauschen, lauter, leiser, höher, tiefer, Rauschen.

Es wird Meer um mich.

(unter Wasser)

Mein Leben ist nicht in Unordnung geraten. Es ist im Zerfallen. 

Es ist, als ob ich mich auflöste. Die Ränder meines Ichs sind verschwommen und weit weg; ich kann mich nicht mehr erkennen, nicht wiederfinden, es überrascht mich, dass andere in mir eine Person erkennen, die handelt, eine Meinung hat und zum Arzt geht. 

Ich existiere nur noch, wenn ich in die Kirche gehe und bete.”

Im zweiten Abschnitt von “Bugatti taucht auf” geht es um den Mord an Damiano Tamagni – im Buch wird er Luca Mezzanotte genannt. Luca wird während einer Februarnacht in Locarno von drei Jugendlichen totgeprügelt, Luca wollte dort Karneval feiern.

“Er war ein Junge, wie ihn sich alle Eltern wünschen, sagte sein Vater.”

Akribisch, detailliert und beinahe schon erschreckend nüchtern, werden die Vorkommnisse dieser Nacht von Dea Loher beschrieben. Sie nimmt dabei unterschiedliche Perspektiven ein, beschreibt wie der Abend für Luca verlaufen ist, was seine Mörder vor der Tat gemacht haben. Loher rekonstruiert, wie es zu dem Aufeinandertreffen zwischen Luca und den Tätern kommen konnte und wie die anschließende Auseinandersetzung und die Tat passiert sind. Einige Passagen lesen sich fast wie Zeugenaussagen, wie ein Gerichtsprotokoll. Viele Aussagen widersprechen sich gegenseitig, es gibt kaum eine Erklärung für das, was geschehen ist. Für das, was aus einer kleinen Auseinandersetzung – in die Luca nicht einmal direkt involviert war – entstehen konnte. Es klingt schrecklich banal, aber das, was passiert ist, hat keinen Sinn, es gibt keine Erklärung, keine Ursache, keinen Grund. Das empfinde ich beinahe als das Schrecklichste. Es gibt nichts, was man begreifen oder verstehen könnte.

“[…] weil es da diesen Tod gab, den Tod an dem einen Abend im Februar, den der Verstand nicht begreifen konnte, für den niemand eine schlüssige Erklärung hatte, der von drei jungen Männern einfach weggeschwiegen, vergessen oder in eine verwirrende und bewusst konfuse Erzählung umgeformt wurde, eine lückenhafte und widersprüchliche noch dazu, so dass jede Mühe der Rekonstruktion, und vor allem jede Mühe der Rekonstruktion, die auch eine Rekonstruktion der Gründe, des Anlasses und der Ursachen sein wollte, ins Leere, ins ewig und unaufhaltsam Leere verlief. Umberto [Anmerk.: Lucas Vater] blickte gewissermaßen ins Nichts, und dieses Nichts gab keinen Blick zurück.”

Im letzten Teil des Romans werden die beiden Erzählstränge zusammengeführt: Dea Loher erzählt aus der Perspektive von Jordi, einem entfernten Bekannten der Familie von Luca, was nach dem Mord geschehen ist. Jordi besucht Lucas Familie, erlebt die Trauer und Bestürzung seiner Eltern mit, die vor dem Nichts stehen. Vor etwas, das sich nie erklären oder begründen lassen wird. Jordi fühlt sich dazu verpflichtet, etwas für Luca zu tun, etwas für seine Familie zu tun. Vielleicht auch dazu, etwas für sich selbst zu tun. Er entscheidet sich dazu, das Wrack des Bugatti zu bergen, das auf dem Grund des Lago Maggiore vermutet wird, um Luca ein Denkmal zu setzen. Das ist der Punkt, an dem alle Teile der Geschichte zu einem Ende zusammengeführt werden.

Mir hat “Bugatti taucht auf” von Dea Loher ausgesprochen gut gefallen. Im Vordergrund dabei steht für mich eine atmosphärisch sehr dichte Sprache, besonders sticht dabei das mittlere Kapitel heraus. Dort gelingt es Dea Loher mit ihrem nüchternen, protokollartigen Stil, wirkliche Beklemmungen auszulösen. Dea Loher überzeugt in “Bugatti taucht auf” auch mit ihrem breitgefächerten Hintergrundwissen, das sie an vielen Stellen in die Geschichte einfließen lässt; bisher hatte es noch keine Autorin, kein Autor, geschafft, mich so für ein Automobilthema zu begeistern und zu interessieren. Dies ist aber auch nur ein Teil der Geschichte, genauso faszinierend ist auch der Einblick in das Leben von Rembrandt Bugatti. Und natürlich der Mord an Luca, der in seiner Beschreibung, in dem Schmerz, den Dea Loher durch ganz nüchterne, einfache Worte transportiert einige der eindringlichsten Passagen des Romans enthält.

Ein großartiger Roman, ein großartiges Debüt und einer der besten deutschsprachigen Romane, die ich seit langem gelesen habe. Ein Roman, den ich unbedingt weiterempfehlen möchte!

16 Comments

  • Reply
    haushundhirschblog
    April 21, 2012 at 4:38 pm

    Lieben Dank für diese mitreißende Besprechung .. die eingefügten Zitate machen Lust, dieses Buch auf der Stelle lesen zu wollen.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 23, 2012 at 10:30 am

      Lieber haushundhirschblog,
      was freu ich mich, dass ich dich so begeistern konnte! Ich glaube, dass einiges von meiner Begeisterung an dem Buch, auch in meine Rezension herübergeschwappt ist … es freut mich, wenn ich andere damit anstecken kann. Sag doch Bescheid, wenn du das Buch auch gelesen haben solltest!

  • Reply
    Annegret
    April 22, 2012 at 5:18 am

    Das hört sich wirklich sehr interessant an. Hüpft sofort auf meine Endloswunschliste. Danke fürs Vorstellen.
    Schönes Wochenende.
    Annegret

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 23, 2012 at 10:29 am

      Liebe Annegret,
      freut mich, dass dich meine Besprechung angesprochen hat. 😉 Für mich war Dea Loher mehr ein Zufallskauf, weder wusste ich besonders viel über das Buch vorher, noch verrät der Klappentext besonders viel. Umso mehr habe ich mich dann darüber gefreut, wie sehr mir der Roman gefallen hat.
      Ich wünsche dir eine angenehme Woche,
      Mara

  • Reply
    caterina
    April 24, 2012 at 9:48 pm

    Bei dem Titel und dem Cover, die mir durchaus gut gefallen, hätte ich eher etwas Humoristisches erwartet, also das genaue Gegenteil von dem, was das Buch tatsächlich ist. Der Fall Tamagni war mir völlig unbekannt, Dea Lohers “Reportagenroman” scheint ihn auf sehr eindrückliche Weise aufzugreifen: Auch dies ist, wie der geborgene Bugatti, ein wunderschönes Denkmal für den toten Jungen. Aber auch ein wunderbares Lektüreereignis, wie man aus deinem enthusiastischen Fazit unschwer herauslesen kann…

  • Reply
    buzzaldrinsblog
    April 25, 2012 at 7:24 am

    Ich hatte vor allem bei dem Titel erst einmal an einen Kriminalroman gedacht, mit dem Hauptkommissar Bugatti, ich weiß auch nicht, wie ich auch diese Assoziation gekommen bin. Über den Fall Tamagni habe ich mich dann auch erst im Laufe meiner Lektüre informiert und war schockiert über diese Form der so sinnlosen Gewalt.
    Dea Lohers Roman ist in der Tat ein fantastisches Lektüreereignis, ganz wunderbar und sehr empfehlenswert. Ein Roman, dem ich viele Leser nur wünschen kann …

  • Reply
    michele locarnese
    April 29, 2012 at 4:09 am

    ich wohne in locarno kaum 100 m von dem ort entfernt, wo dieser mord vor vier jahren stattgefunden hat. und ich war in jener nacht zu hause. erst am nächsten morgen habe ich an der via borghese gesehen, das da in jener winternacht etwas schrecjkliches passiert ist. wie wohl dea loher auf diesen stoff gekommen ist?

  • Reply
    michele locarnese
    April 29, 2012 at 4:11 am

    hier übrigens die adresse der homepage eines vereins, der sich gegen gewalt einsetzt und der von der familie und von freunden von damiano gegründet wurde: http://www.damianotamagni.ch/

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 29, 2012 at 10:20 am

      Lieber Michele,
      danke für deine Nachricht, die ich sehr interessant fand, da du “direkter” betroffen warst. Ich wohne in Deutschland und hatte vor dem Roman von Dea Loher noch nie etwas über Damiano Tamagni und diese schreckliche Tat gehört. Wie Dea Loher dazu gekommen ist, genau diesen Stoff zu verarbeiten, weiß ich leider auch nicht. Ich habe schon viel gegoogelt, aber leider nichts finden können – Dea Loher scheint nicht viele Interviews zu geben.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Conor
    June 21, 2012 at 7:44 am

    Dank deiner schönen Rezi habe ich diesen wunderbaren Roman nun auch gelesen und kann mich deiner Meinung anschließen.
    Es ist eine interessante Idee von Dea Loher, einen solchen dreiteiligen Roman zu schreiben, der auf wahren Tatsachen beruht.
    Eine Textstelle finde ich ebenfalls zitierenswert:
    “So viele sinnlose Dinge, täglich, die Hauptarbeit besteht darin, sich der Sinnlosigkeit entgegenzustemmen, dem “vergeblich” irgendetwas entgegenzusetzen, und seien es dumme (..) kleine Tierfiguren.”
    Ich finde, er passt gut zu dem Thema. Auch Jordi setzt der sinnlosen Tat etwas entgegen, indem er das Auto bergen lässt.

    Liebe Grüße
    Conor

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 23, 2012 at 2:17 pm

      Liebe Conor,

      danke für deinen lieben Kommentar. Ich freue mich sehr, dass dir der Roman auch gut gefallen hat. Im nächsten Monat habe ich schon geplant, einige weitere Texte von ihr zu kaufen – ich würde gerne mehr von ihr entdecken. Ihre Art zu schreiben gefällt mir einfach unheimlich gut, genauso wie die Themen, die bei ihr eine Rolle spielen.
      Die Idee, diesen Roman so zu schreiben, finde ich auch sehr interessant. Leider gibt es sehr wenig Informationen über Dea Loher, so dass ich leider gar nicht weiß, wie und warum sie auf diese Thematik gekommen ist.

      Danke für das schöne Zitat, das vieles in mir wachgerufen hat. 🙂 In der Tat setzt Jordi mit dem, was er tut ein Zeichen. Ein Zeichen gegen die Sinnlosigkeit des Verbrechens.

      Ganz liebe Grüße und ein schönes Wochenende
      Mara

  • Reply
    Sieben – Deutscher Buchpreis 2012 » Atalantes Historien
    August 17, 2012 at 3:07 pm

    […] Dea Loher: Bugatti taucht auf (Wall­stein, März 2012) SWR-Bestenliste Juni […]

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    Hundskopf – Dea Loher « buzzaldrins Bücher
    October 27, 2012 at 10:43 am

    […] und meistgespielten Theaterautorinnen Deutschlands. Vor einigen Monaten habe ich ihren Roman “Bugatti taucht auf” gelesen, mit dem sie auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreis stand. Ich freue mich übrigens […]

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    Dea Loher las im Rahmen der Literatour Nord in Bremen « buzzaldrins Bücher
    November 12, 2012 at 11:46 am

    […] Literatour Nord las die Autorin Dea Loher im Café Ambiente in Bremen aus ihrem Roman “Bugatti taucht auf”. Moderiert wurde die Lesung von Prof. Dr. Gert Sautermeister. In seiner Vorstellung der Autorin […]

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    Dea Loher: Hundskopf | We read Indie
    May 31, 2013 at 8:26 pm

    […] und meistgespielten Theaterautorinnen Deutschlands. Vor einigen Monaten habe ich ihren Roman “Bugatti taucht auf” gelesen, mit dem sie auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreis stand. Ich freue mich übrigens […]

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