Was Frauen schreiben – Ruth Klüger

Zum ersten Mal kennengelernt habe ich die Schriftstellerin und Germanistin Ruth Klüger in ihren sehr persönlichen und aufwühlenden Erinnerungen “weiter leben”. “Frauen lesen anders” habe ich schon eine Weile in meinem Regal stehen, bisher jedoch noch ungelesen. “Was Frauen schreiben” weckte sofort mein Interesse: zum einen finde ich Schreibtische faszinierend und auf dem Buchcover ist ein Schreibtisch abgebildet. Leider erfährt man es nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass es der Schreibtisch von Ruth Klüger ist. Ich finde es spannend, mir die Schreibtische, die Arbeitsplätze, den Ort des Schaffens, von Schriftstellern anzuschauen. Mein Interesse wurde jedoch vor allem geweckt, da “Was Frauen schreiben” eine Sammlung von Rezensionen – natürlich nur von Büchern, die von Frauen geschrieben wurden, bis auf einen Roman von Hennig Mankell – ist, die Ruth Klüger in unterschiedlichen Zeitungen, aber überwiegend in der Literarischen Welt, veröffentlicht hat. Ich habe geglaubt, mir noch gute Tipps und Hinweise für mein eigenes Schreiben von Rezensionen holen zu können.

Den gesammelten Rezensionen ist ein Vorwort von Ruth Klüger vorangestellt, in dem sie ihre Motivation für dieses Thema erläutert. Sie geht auf das Paradox ein, dass es auch heutzutage noch immer mehr männliche Autoren gibt, dafür aber mehr weibliche Leserinnen. Dies führt sie auf die “passive Rolle” zurück, die man den Frauen jahrhundertelang “aufgezwängt” hat. Ihr vorheriger Essay hatte den Titel “Frauen lesen anders”, doch gegen die These, dass Frauen anders schreiben, verwahrt sie sich schon gleich zu Beginn ihres Vorwortes:

“Autoren sind einmalige Individuen, und alles, was sie erlebt und gedacht haben, mag ihre jeweils einmaligen Schöpfungen beeinflussen, natürlich auch ihr Geschlecht, aber eben nicht nur das.”

Für die Zusammenstellung dieser Rezensionen hat sie sich aus zwei Gründen entscheiden, zum einen, weil “Autorinnen noch immer unterschätzt sind” und zum anderen, weil sie glaubt, dass die Zusammenstellung ihrer Rezensionen vielleicht doch größere Zusammenhänge ergeben könnte: schreiben Frauen vielleicht intimer, psychologischer, sorgfältiger?

Abschließend schreibt Ruth Klüger, dass ihre Kritiken einen “Blick aufs Leben durch anders geschliffene Gläser” ermöglichen sollen. Schon jetzt kann ich bestätigen, dass ihr das gelungen ist.

In ihren Rezensionen bespricht Ruth Klüger ganz unterschiedliche Schriftstellerinnen: sie stellt Bücher von bekannten Autorinnen wie Herta Müller, Doris Lessing und Nadine Gordimer vor, die alle den Nobelpreis gewonnen haben. Sie widmet sich aber auch unbekannteren und jüngeren Autorinnen wie Yiyun Li, Slavenka Drakulic oder Verena Stefan. Daneben stellt sie auch Sachbücher vor, beispielsweise Barbara Beuys Biographie über die Malerin Paula Modersohn-Becker.

Sehr sympathisch finde ich, dass die Bücher, die Ruth Klüger ausgewählt hat, in allen Genres zu Hause sind. Für mich sehr überraschend, outet Ruth Klüger sich als bekennende Harry-Potter-Anhängerin, die am Erscheinungstag des sechsten Bandes vor dem Haus auf den Postboten wartet und erst einmal nichts anderes mehr tun kann, bis sie den Band ausgelesen hat. Sie kommt zu dem sicherlich überpointierten Fazit:

“Die Harry-Potter-Bücher entwickeln sich allmählich zu einem Kinder-Proust.”

Jede Rezension für sich, ist ein kleiner, aber immer sehr unterhaltsamer und interessanter Einblick in eine ganz eigene Welt, in die ich abgetaucht bin. Ich war in Worpswede, bei Frida Kahlo und habe mich auch zum ersten Mal in die mir fremde Welt von Harry Potter vorgewagt.  Viele von den vorgestellten Autorinnen kannte ich bisher noch gar nicht und etliche Bücher sind in den letzten  Tagen auf meine Wunschliste gewandert.

Mich haben Ruth Klügers Rezensionen, die alle sehr ehrlich, pointiert und ausgewogen sind, sehr beeindruckt und ich kann sie mir für mein eigenes Rezensionsschreiben nur zu Herzen nehmen.

“Was Frauen schreiben” ist für jeden Bücherblogger ein interessanter Einblick in das Schreiben von Rezensionen. Ich habe viele Anregungen für mich selbst gefunden, sowohl für mein eigenes Schreiben, aber auch für meinen Zugang zu Büchern und Literatur. Sehr empfehlenswert (nicht nur für Frauen!)

18 Comments

  • Reply
    atalante
    May 6, 2012 at 5:54 pm

    Liebe Mara, danke für diese Besprechung. Das Buch möchte ich nun auch unbedingt lesen, obwohl ich solche Titel immer ein wenig merkwürdig finde. Harry Potter habe ich übrigens auch gerne gelesen, allerdings stand ich nicht mit Zauberstab vor den Buchhandlungen. Ihn jedoch als Kinder-Proust zu bezeichnen finde ich ebenso skurril wie Du.
    Freundliche Grüße,
    Atalante

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 7, 2012 at 9:43 am

      Liebe atalante,
      ich freue mich sehr, dass ich mit meiner Besprechung dein Interesse wecken konnte und bin schon sehr gespannt darauf, zu erfahren, wie es dir gefällt. In der Tat: der Titel ist vielleicht wirklich ein bisschen merkwürdig, aber es versteckt sich keine feministische Literaturtheorie dahinter, sondern einfach ein paar hochinteressante Buchvorstellungen.
      Ich habe Harry Potter bisher noch nicht gelesen, aber ich fand es lustig über die Begeisterung von Ruth Klüger zu lesen, die dann auch berichtete, am Erscheinungstag E-Mails von Professorenkollegen zu bekommen, die von ihren aktuellen Leseerfahrungen berichten. Ich war mir nicht bewusst, dass das Harry-Potter-Fieber unter Akademikern so ausgebreitet ist. 😉
      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        atalante
        May 7, 2012 at 10:52 am

        Oh, an feministische Literatur hatte ich gar nicht gedacht, und dagegen auch nichts einzuwenden. Ich dachte eher an solche Titel wie “Frauen, die lesen, sind…”. Da gruselt es mich immer ein wenig.
        Ich werde demnächst Sekundärliteratur zu Harry Potter vorstellen, von einem Literaturwissenschaftler verfasst. 😉

      • Reply
        buzzaldrinsblog
        May 7, 2012 at 12:13 pm

        Aaaachso, dann habe ich scheinbar falsche Assoziationen bei dir angenommen. Titel wie “Frauen, die lesen, sind …” kenne ich aber auch nur zu gut, da mache ich lieber einen Bogen drum. 😉
        Als Literaturwissenschaftlerin bin ich dann natürlich schon jetzt sehr gespannt auf die Sekundärliteratur zu Harry Potter und deine Rezension dazu!

  • Reply
    buechermaniac
    May 7, 2012 at 5:48 am

    Liebe Mara

    Das klingt nach einem sehr interessanten Buch. Werde ich mir wohl auch mal anschauen. Aber ein Harry Potter-Fan, wie Ruth Klüger, werde ich sicher nie, weil mich dieses Genre einfach noch nie fasziniert hat.

    Schöne Woche wünscht dir
    buechermaniac

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 7, 2012 at 9:49 am

      Liebe buechermaniac,

      ich bin gespannt auf deine Meinung, bitte berichte unbedingt, wie es dir gefällt! Ein Harry Potter Fan werde ich wohl auch nicht mehr, bisher hatte mich das Genre einfach nicht gereizt. Wobei ich es interessant, welche Bücher Ruth Klüger auswählt und dass sie sich nicht scheut, auch Harry Potter zu besprechen. Es gab noch einige andere Bücher, um die ich – aufgrund ihrer Thematik oder ihrer Genrezugehörigkeit – intuitiv eher einen Bogen gemacht hätte. Ich finde es spannend, dass ihr Lesegeschmack so eklektisch ist und scheinbar keinen Genregrenzen unterliegt.

      Ganz liebe Grüße und eine schöne Woche
      Mara

  • Reply
    Annegret
    May 7, 2012 at 9:40 am

    Hallo Mara,

    danke für die Vorstellung des Buches. Vielleicht schaffe ich es, dieses Buch mal irgendwann zu lesen. Auf jeden Fall wandert es auf meine Endloswunschliste. Ich bekenne, daß ich auch Harry-Potter-Fan bin. Ich habe die Bücher nicht gelesen. Meine Kinder haben alle Bücher von Harry Potter gelesen und mir beim Lesen viel davon erzählt. Außerdem habe ich die Filme gesehen. Aber das ist ein anderes Thema.
    Wenn ich Rezensionen schreibe, habe ich das Problem, daß ich kaum die Stimmung unterbringen kann, die ich während dem Lesen empfunden habe. Daran muß ich noch gewaltig arbeiten. Kannst Du mir da Empfehlungen geben?

    Liebe Grüße
    Annegret

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 7, 2012 at 12:20 pm

      Liebe Annegret,

      ich freue mich, dass das Buch auf deine Endloswunschliste wandert. Ich habe auch so eine endlos lange Wunschliste und werde wahrscheinlich den Großteil davon nie lesen können, weil zwischendurch wieder viel zu viele andere interessante Bücher erscheinen. Zwischendurch ist das manchmal ganz schön frustrierend. 😉
      Ich finde es sehr interessant zu erfahren, wieviele Harry-Potter-Fans hier doch herumschwirren – damit hatte ich irgendwie nicht gerechnet. Ich habe zwar auch einen Harry-Potter-Film geschaut, nachhaltig beeindruckt hat mich dieser jedoch nicht.

      Hui, es freut mich auf jeden Fall, dass du mich nach einem “Tipp” fragst, nach einer Empfehlung. Ich befürchte nur, dass ich dir keinen konkreten Rat geben kann. Ich mache mir häufig schon während meiner Lektüre Rezensionsnotizen und schreibe dann nach Beendigung des Buches handschriftlich alle weiteren Gedanken dazu auf. Bei Büchern, die mich emotional sehr berühren oder ein bestimmtes Gefühl vermitteln, fließen meine Gedanken und Emotionen häufig einfach durch den Stift auf das Papier. Wenn ich ein Wort für diesen Prozess finden müsste, würde ich ihn “Gedankenfluss” nennen. Es ist etwas, was rein automatisch passiert. Ich kann dir also eigentlich nichts anderes raten, als hemmungslos so über Gefühle und Stimmungen die du beim Lesen hast zu schreiben, wie es gerade in die Tastatur rutscht. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Annegret
        May 7, 2012 at 2:23 pm

        Liebe Mara,
        ich glaube fest daran, daß mit der Zeit das Schreiben einfach besser wird und ich die Stimmung entsprechend einfangen und niederschreiben kann. In den letzten Jahren ist die Basis der Bücher, die ich lese, breiter geworden, weil ich durch die Kids den Spaß an anderen Genren kennen lernen durfte. Meine Kids sind keine stillen Leser. Sie erzählen oft von dem, was sie gerade lesen. So wird Harry Potter und das ganze Drumherum erst richtig interessant, wenn man die Zusammenhänge kennt. Ich sage mal ganz leise, daß die Harry-Potter-Geschichten eine eigene Philosophie haben. Und wenn man von den Büchern absieht, so gibt es in den Filmen richtig gute Charakterköpfe, die auch für Erwachsene interessant sind.

        Viele Grüße
        Annegret

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          May 8, 2012 at 7:08 pm

          Liebe Annegret,
          schreibst du Rezensionen nur für dich, oder hast du einen Blog oder ein Forum, in die du diese stellst? Ich habe meine Rezensionen früher immer in der Büchereule gepostet, wo lange und ausführliche Beschäftigungen mit einem Buch aber häufig nicht unbedingt auf Interesse gestoßen sind. Ich hatte immer das Gefühl, mich kurz fassen zu müssen. Erst hier auf meinem Blog konnte ich mein Schreiben noch einmal weiterentwickeln und die Qualität meiner Rezensionen hat sich – zumindest habe ich das Gefühl – verbessert.
          Wenn du sagst, dass die Harry-Potter-Geschichten ihre eigene Philosophie haben, kannst du dir wahrscheinlich mit Ruth Klüger die Hand geben. Auch sie verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Ich könnte mir vorstellen, dass es dir bestimmt Spaß machen würde, ihre Rezensionen zu Harry Potter zu lesen (oder deinen Kindern vorzulesen).

          Liebe Grüße
          Mara

  • Reply
    Petra Gust-Kazakos
    May 7, 2012 at 10:10 am

    Liebe Mara, ich hab’s auch schon bestellt und freue mich drauf – nach deiner Empfehlung erst recht : )

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 7, 2012 at 12:21 pm

      Liebe Petra,
      toll! Ich bin schon sehr gespannt darauf, zu hören, wie es dir gefällt! 🙂

  • Reply
    dieseitenspinnerinnen
    May 7, 2012 at 1:14 pm

    Liebe Mara, ich bin schon allein ein Harry-Potter-Fan, weil es die gute Rowling geschafft hat, Bücher für so viele Kinder (und Erwachsene) zum Leben zu bringen. Letztes Jahr war ich mit Beate in Oxford im Christ Church College und da standen die Kids Schlange, nur um einen Blick in den Speisesaal von Hogwarths (der dem CCC Speisesaal nachempfunden wurde) zu werfen.
    Über Ruth Klugers neues Buch bin ich ein paar Mal im Netz gestolpert, aber ich hatte zuvor nicht so recht die Intention, es zu lesen. Dank deiner Rezension bin ich jetzt aber neugierig darauf geworden. Es ist doch klasse, wenn sie an die verschiedensten Genres offen rangeht. Herzlichst, Mila

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 8, 2012 at 7:05 pm

      Liebe Mila,
      danke für deinen interessanten Kommentar. Aus dieser Perspektive habe ich das noch nie betrachtet, aber natürlich ist es toll, dass dank Harry Potter ganz viele Kinder und sicherlich auch Erwachsene zum Lesen gekommen sind. Ich kann mir vorstellen, dass erst durch Harry Potter einige Schüler entdeckt haben, dass man Bücher auch im Original und auf Englisch lesen kann. Das ist sicherlich auch toll!
      Es freut mich, dass dich meine Rezension neugierig gemacht hat. Ich fand Ruth Klügers offenen Zugang zu Literatur und allen möglichen Genres sehr erfrischend und toll und ihre Rezensionen machen einfach nur Spaß – es ist, als würde man immer wieder in eine unbekannte Welt abtauchen.
      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Anonymous
    May 7, 2012 at 9:57 pm

    […] […]

  • Reply
    Annegret
    May 9, 2012 at 6:26 am

    Liebe Mara,

    bisher habe ich Rezensionen geschrieben bei vorablesen und bei buchgesichter. Seit kuzer Zeit bin ich Co-Autorin im BlauRaum von Friederike Krempin. Rezensionen machen mir sehr viel Spaß, aber ich muß noch daran arbeiten, so daß ich mit dem Ergebnis zufrieden sein kann.

    Viele Grüße
    Annegret

  • Reply
    Zitat des Tages (02) – Ruth Klüger | Zerreißproben – ein besonderes Gedicht | skyaboveoldblueplace
    July 16, 2015 at 4:57 pm

    […] Blog übrigens bereits 2012 eine sehr lesenswerte Besprechung zu Klügers oben erwähnten Band Was Frauen schreiben veröffentlicht […]

  • Reply
    Bücher über Bücher - eine Sammlung | Buzzaldrins Bücher
    April 25, 2016 at 7:50 am

    […] Tania Schlie: Wo Frauen ihre Bücher schreiben | Stefan Bollmann: Frauen, die lesen, sind gefährlich | Stefan Bollmann: Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug | Stefan Bollmann: Frauen und Bücher | Ruth Klüger: Was Frauen schreiben […]

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