Die Glücksparade – Andreas Martin Widmann

Download (88)Nachdem ich nun mehrere Debütantinnen vorgestellt habe, ist Andreas Martin Widmann der erste Schriftsteller in dieser Reihe. Der junge Autor – 1979 in Mainz geboren – studierte Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaft. 2008 promovierte er in Neuer Deutscher Literatur und unterrichte sogar zeitweise an der University of London. “Die Glücksparade” ist sein erster Roman.

“Egal, worum es ging, ich hatte begriffen, dass man Pläne für sich behalten und nur heimlich in die Tat umsetzen sollte. Wenn es schiefging, merkte es keiner.”

Andreas Martin Widmann erzählt die Geschichte des fünfzehnjährigen Simon. Simon lebt dort, wo andere Urlaub machen: in einem Container auf einem Campingplatz. Er lebt dort mit seinen Eltern, sein Vater hat auf dem Campingplatz einen Job als Platzwart gefunden. Viel Raum gibt es nicht für die drei, am Anfang war es zumindest noch neu und eng. Irgendwann ist es nur noch eng.

Simons Leben ist von Unsicherheiten geprägt, so etwas wie Stabilität ist ein Begriff, der kaum auf sein Leben zu übertragen ist. Geprägt wird dieses durch das unstete Verhalten seiner Eltern: erst vor zwei Jahren war Simon aus Hanau in eine andere Stadt umgezogen, nun wollen seine Eltern schon wieder umziehen. Damals hatte seine Mutter ihre Stelle im Reisebüro verloren. Simons Vater blieb – wenn er Arbeit hatte – selten für längere Zeit bei ein und derselben Arbeitsstelle: er arbeitete bei einem Wachdienst, lieferte für UPS Pakte aus oder war als Hilfsfahrer tätig. Es kommt immer wieder zu Umzügen und Planänderungen und Simon ist der Unstetigkeit seiner Eltern ausgeliefert.

“Ich weiß nicht, was damals dahintersteckte, aber er sagte, er wollte einen Schnitt machen und sich woanders umschauen. Jetzt war es wieder so weit.”

Auch wenn es nicht explizit formuliert wird, wird doch an vielen Stellen deutlich, dass Simon unter dem Leben mit seinen Eltern leidet. Der Container gibt ihm kein Gefühl der Sicherheit, kein Gefühl von Heimat – es ist schwer für ihn, sich dort zu Hause zu fühlen.

“Ich weiß nicht, ob das Gefühl, das ich hatte, Angst war oder etwas anderes, jedenfalls hatte ich alle möglichen unguten Gedanken. Ich dachte, dass mein Vater seine Stelle hier verlieren könnte und wir nie wieder auf die Beine kämen, dass der Container das Einzige wäre, was uns blieb und stellte mir vor, er würde abbrennen und dass wir dann nirgendwo mehr hingehen könnten.”

Glücklicher wird Simon erst, als sein Vater einen Wachhund anschafft. Danach ist der junge Schäferhund Benni Simons täglicher Begleiter. Abwechslung bieten im Sommer auch die unterschiedlichen Campingplatzbesucher. Vor allem die junge Lisa Heller, die eine eigene Fernsehshow mit dem Namen “Glücksparade” bekommen soll, zieht Simons Aufmerksamkeit auf sich. Haben Lisa und sein Vater vielleicht sogar ein gemeinsames Geheimnis?

Als es jedoch auf den Winter zugeht und der erste Schnee fällt, verändert sich die Stimmung auf dem Campingplatz. Simon und seine Eltern sind bald die einzigen, die übriggeblieben sind und es ist unsicher, wie es für die drei weitergehen wird …

“Glaubst du, dass diese ganze Geschichte noch irgendwie gut ausgeht?”

Andreas Martin Widmann ist ein tolles Debüt gelungen, das sich für mich vor allem durch seine atmosphärische Dichte und bedrückende Stimmung auszeichnet. Simon ist ein toller Junge, eine Figur mit Identifikationspotential, die dem Strudel eines unsteten Lebens ausgesetzt ist.

“Es kann immer noch schlimmer kommen, solange man noch nicht tot ist, dachte ich, und ich fand den Gedanken auf eine merkwürdige Art und Weise schön, als läge ein Ausweg darin.”

Ich finde es traurig, dass Simon so wenig Stabilität und Sicherheit spürt, dass er mit seinen fünfzehn Jahren bereits so denkt. Das Leid Simons ist kein greifbares Leid. Das bedrückende Gefühl, das sich beim Lesen in meiner Brust ausgebreitet hat, ist kaum in wirkliche Worte zu fassen. Es passiert nichts “Schlimmes” und doch hat mich der Roman sehr bedrückt. Vielleicht liegt es am fehlenden Glück: Simons Familie strampelt sich ab, um irgendwie zurecht zu kommen. Doch die Stellen, die Orte, die mit Glück besetzt sein sollten, sind verwaiste Leerstellen. Weder die Eltern selbst empfinden Glück, noch empfinden sie Glück oder Freude aneinander. Sie reiben sich auf und Simon befindet sich irgendwo dazwischen. Sehr eindrücklich ist mir folgender Dialog in Erinnerung geblieben:

“‘Das ist keine Wohnung, das ist ein Hamsterkäfig’ sagte meine Mutter.

Mein Vater seufzt.

‘Dafür bezahlen wir keine Miete. Außerdem finde ich um diese Jahreszeit keinen, der uns den Container abkauft. Und du willst bloß wieder alles hinschmeißen.’

‘Das stimmt nicht.’

‘Doch, es stimmt. Mit Büchern machst du dasselbe, du fängst eins an, aber nach hundert Seiten hörst du auf.’

‘Und du liest gar nicht.’

‘Mir fehlt die Geduld, aber ich weiß es.’

‘Wenn Bücher dich langweilen, ist das nicht meine Schuld.’

‘Verstehst du nicht, worum es geht? Die ganzen Bücher über Diäten oder Pilates oder was weiß ich.’

‘Hör auf damit, Robert’ sagte meine Mutter. Ihre Stimme klang schrill und gleichzeitig müde. Seit langem hörte ich sie meinen Vater wieder beim Namen nennen. Fast war es, als hörte ich es zum ersten Mal.

‘Ich versuch nur, den verdammten Laden zusammenzuhalten’, sagte mein Vater. ‘Aber es haut einfach nicht hin, so einfach ist das.'”

“Die Glücksparade” ist ein toller Debütroman eines jungen und talentierten Autors, der mich sehr begeistert hat. Es passiert nicht viel, doch wer Spaß an einem dichten und atmosphärischen Text hat, der viel zwischen den Zeilen verbirgt, dem kann ich “Die Glücksparade” nur empfehlen. Beim Lesen hatte ich nicht das Gefühl, den Text eines Debütanten zu lesen – ganz im Gegenteil: der Text strahlt sehr viel Ruhe, Souverenität und Gelassenheit aus. Eine Leseempfehlung!

3 Comments

  • Reply
    Annegret
    June 29, 2012 at 10:57 pm

    Eine sehr interessante Rezension. Ich wähne mich schon mitten in der Geschichte. Ich glaube, meine Endloswunschliste wird um ein weiteres Buch verlängert.
    LG
    Annegret

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 3, 2012 at 1:05 pm

      Liebe Annegret,
      es freut mich sehr zu hören, dass “Die Glücksparade” es auf deine Wunschliste geschafft hat. Es ist sicherlich ein ruhiges Buch, aber gerade das hat mir gut gefallen. Zwischendurch habe ich mich immer wieder an den großartigen Richard Ford erinnert gefühlt. Ich bin gespannt, wie dir das Buch gefällt, falls du es lesen wirst!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Private Büchersammlungen: Maras Bücher « kbvollmarblog
    December 18, 2012 at 6:10 pm

    […] einige beeindruckende Autoren und Autorinnen aus Deutschland für mich zu entdecken: Pia Ziefle, Andreas Martin Widmann, Vea Kaiser, Martin Horváth oder auch Kathrin Weßling fallen mir dabei als erste ein. Besonders […]

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