Himmelsmechanik – Maurizio Maggiani

Maurizio Maggiani, der 1951 in einfachen Verhältnissen geboren wurde, hat einen kunterbunten Lebenslauf: er arbeitete als Gefängnislehrer, als Lehrer blinder Kinder, als Kameramann und als Konstrukteur von hydraulischen Pumpen. Seit 1987 schreibt Maggiani und hat für seine Texte bereits zahlreiche italienische Preise gewonnen. Maggiani hat eine recht umfangreiche Homepage, die aber leider nur auf Italienisch verfügbar ist.

„Wenn wir über das sprechen, was kommen wird, erzählen wir von dem, was gewesen ist, und je weiter wir uns voranwagen, desto mehr graben wir im Vergangenen.“

Erzählt wird der Roman “Himmelsmechanik” von einem namenlosen Erzähler, der anfängt zu schreiben, “damit nichts von dem verloren geht, was noch bleibt.” In der Nacht, in der Barack Obama zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wird, zeugen der Erzähler und seine Frau Nita ein Kind. Das ist der Beginn des Romans, der Einstieg in den stetig fließenden Erzählstrom. Nita ist nicht nur überzeugt davon, eine Tochter zur Welt zu bringen, sondern glaubt auch noch, dass dies am 15. August geschehen wird – an Mariä Himmelfahrt. Die Zeitspanne zwischen der Zeugung und dem errechneten Geburtstermin bildet den Erzählrahmen des Romans.

“Und das, was entstehen wird, wird der Index und das Glossar meines Lebens sein […].”

Erst spät im Roman erfährt der Leser, dass der Erzähler erfolgreich Chemie und Physik in England studiert hat und ein talentierter Rugbyspieler gewesen ist. Trotz dieser großartigen Ausbildung entscheidet er sich weder für einen wissenschaftlichen Beruf, noch für eine Karriere als Sportler. Er geht zurück in seine Heimat, in die norditalienische Gebirgslandschaft der Garfagnana. Dort arbeitet er als Sprengmeister, er ist der einzige in dieser Gegend. Leider beinhaltet das Buch keine Karten oder Bilder, auf denen die Region abgebildet ist. In meinem Kopf habe ich mir die Garfagnana als Gegend mit vielen kleinen abgelegenen Bergdörfern vorgestellt, mit selten begangenen Pfaden und dichten Kastanienwäldern.

Mit sehr viel Wärme und Liebe zum Detail beschreibt der Erzähler die Bewohner der Garfagnana. Es sind zu viele Figuren, zu viele Geschichten, zu viele Schicksale, um alle erwähnen zu können. Sehr eindrücklich in Erinnerung geblieben sind mir die Passagen über die Duse, die Mutter des Erzählers. Ihr Vater liebte und bewunderte die Schauspielerin Eleonora Duse und so nannte er dann auch seine Tochter. Auch die beste Freundin der Duse, Santarellina, ist mir als starke und eigensinnige Frau im Gedächtnis geblieben. Sie kümmerte sich beinahe wie eine zweite Mutter um den Erzähler. Und dann gibt es da noch – neben vielen weiteren Figuren – den Omo Nudo, den nackten Mann, der eigentlich Giannoni Bresci heißt. Er wird von allen – außer Nita – immer nur der Omo Nudo genannt, weil er eines Tages nackt und zu Fuß in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist. Er war im Konzentrationslager Sachsenhausen, das er nach seiner Rückkehr nur noch als “da oben” bezeichnet.

“Bresci wurde mit sechzehn Jahren, nur wegen des Namens, den er trug, auf der Straße von den Schwarzen Brigaden ergriffen; sie verkauften ihn an die Deutschen und die deportierten ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er als Politischer interniert wurde.”

Maurizio Maggiani erzählt in “Himmelsmechanik” keine kohärente Geschichte, es gibt keinen Plot, keine Handlung. Es gibt einzig und allein den namenlosen Erzähler, der die Fäden in der Hand hält und der nur ab und an Gefahr läuft, zu sehr ins Plaudern zu geraten. Er erzählt ineinander verwobene Geschichten, die beim Leser ganz unterschiedliche Gefühle wecken, die traurig, rührend, aber auch unterhaltsam sind. Für mich waren beim Lesen vor allem zwei Themen sehr zentral: die Liebe des Erzählers zu Nita und ihre gemeinsame Liebe für Bücher.

“In jenen Tagen war nicht viel zu tun, außer klafterweise Holz in den Kamin werfen und den wärmsten Platz zu suchen, an dem man lesen konnte, der am Ende immer das Bett oben war. Nita stellte nachts den Dinkel zum Einweichen hin, und morgens kochte sie die Suppe, dann nahm sie zwei, drei Bücher und legte sich neben mich.”

Der namenlose Erzähler erzählt auch – verwoben in die anderen Schicksale – Nitas Geschichte, die mich sicherlich am meisten berührt hat. Nita, die er als “zwanghafte Leserin” bezeichnet und die bei ihm geblieben ist, obwohl er so sehr versucht hatte, sie zu vertreiben.

“[…] doch wenn ich mich nun dort blicken lasse, ist alles, was ich vorfinde, ein Raum voller Liebe. Randvoll, vollgestopft, verstopft mit Liebe. Liebe, die bis zur Dachkammer reicht, die auf den Fußboden gleitet, in den Fensterritzen steckt, sich im Eckschrank ausbreitet, wo wir die Wurst haben, die wir heute Abend essen. Sie ist immer das, was sie sagt, und sie tut immer das, was sie ist; und das genügt, um die Existenz der reinen Ader ihrer Liebe zu beweisen.”

Maurizio Maggiani ist mit “Himmelsmechanik” ein großartiges Buch gelungen, ein Buch der leisen Töne, der verschlungenen Geschichten, das nur stellenweise Gefahr läuft, langatmig und zäh zu werden. “Himmelsmechanik” ist ein Buch, für das man Ruhe braucht, auf das man sich einlassen muss, dann kann es gelingen, die Kastanienwälder rauschen zu hören, unter den Füßen Pfade zu spüren, die noch nicht begangen worden sind und den Stimmen der Menschen zu lauschen, die in den Tälern der Garfagnana leben.

“Dieses ganze Tal ist voll von Zeit und ist mit Menschen bevölkert gewesen, die sich durchschlugen und der Zeit misstrauten, weil sie den Verdacht hegten, es gäbe mehr davon, als man ihnen zusammen mit den Kalendern verkauft hatte. Und noch immer schlagen sie sich durch und vermehren sich weiterhin, damit sich auch ihre Kinder durchschlagen, und deren Nachkommen bis zur hundertsten Generation. Und alles, was sie wollen, ist etwas mehr Zeit, als ihnen versprochen wurde von den Regierungen und den Heiligen und den Astronomen.”

“Himmelsmechanik” ist ein gelungenes sprachliches Experiment, das bei mir die Lust geweckt hat, mehr von diesem Autor zu entdecken.

13 Comments

  • Reply
    buechermaniac
    July 18, 2012 at 5:30 am

    Wenn ich mir die Gegend um Garfagnana so anschaue, dann erinnert mich das stark ans Verzascatal, im Tessin. Es hat grosse Ähnlichkeit. Die Bewohner eines Tales eignen sich hervorragend für interessante Charaktere eines Romans. Von denen scheint es in diesem Roman, den du so schön skizzierst, eine Menge zu geben. Aber einmal eine ganz andere Frage: Wann liest du eigentlich all die feinen Bücher? Ich bin nur halb so schnell unterwegs.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 18, 2012 at 7:08 pm

      Ich kannte die Garfagnana vor diesem Buch weder vom Aussehen, noch vom Namen. Auch wenn ich natürlich schon mal in Italien war. Auch das Verzascatal ist mir kein Begriff (auch wenn die Bilder sehr schön aussehen). Ich glaube auch, dass die Talbewohner ein unerschöpfliches Reservoir an interessanten und faszinierenden Schicksalen bieten und von Maggiani mit sehr viel Liebe porträtiert werden.
      Die Frage die du mir stellst, haben mir in letzter Zeit auch andere gestellt. Ich selbst habe gar nicht das Gefühl, so viel oder so schnell zu lesen. Ich versuche in jeder freien Minute in mein Buch zu linsen, mehr mache ich auch nicht. Jetzt stehen bei mir aber einige Hausarbeiten und ein interessanter Nebenjob an, da wird das Lesetempo dann auch drunter leiden …

  • Reply
    atalante
    July 18, 2012 at 5:58 am

    Danke für diesen Buchtipp, Mara, und vor allem für den Link auf die Seite des Autors. Dort gibt es viele weitere Texte zu lesen, die zum Teil auf wirklich skurrilen Ideen basieren.

    Saluti,
    Atalante

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 18, 2012 at 7:13 pm

      Liebe Atalante,
      ich beneide dich um deine italienischen Sprachkenntnisse. Auch ich würde gerne mehr von Maggianis Homepage verstehen können. Als nächstes Buch von ihm habe ich mir “Reisende in der Nacht” notiert, mir hat seine Sprache und seine Art des Erzählens einfach sehr gut gefallen.

      Angetane Grüße
      Mara

  • Reply
    Brigitte
    July 18, 2012 at 11:25 am

    Genau das richtige Buch für mich, liebe Mara. Danke für das Daraufaufmerksammachen.

    Lieben Gruß
    Brigitte

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 18, 2012 at 7:14 pm

      Das freut mich sehr, liebe Brigitte. (Und glaube nicht, dass ich deinen interessanten Kommentar zu Jürg Amann überlesen habe, im Moment wächst mir einfach alles ein bisschen über den Kopf, aber sehr gerne möchte ich darauf noch antworten.) Ich glaube, dass dir die “Himmelsmechanik” sehr gefallen könnte …

  • Reply
    caterina
    July 18, 2012 at 9:43 pm

    Man sollte meinen, ich kenne mich in der italienischen Literaturlandschaft aus. Aber dass dem ganz und gar nicht so ist, weiß ich zwar, wird mir aber immer wieder von neuem dank Rezensionen wie diesen bewusst, in denen mir Autoren begegnen, die mir gänzlich unbekannt sind (nicht dass ich von der Himmelsmechanik zum ersten Mal höre, aber vor dieser deutschen Übersetzung und den Stimmen war mir der Autor tatsächlich kein Begriff). Was du über den Roman schreibst, macht Lust aufs Lesen. Viel mehr noch macht es jedoch Lust darauf, in diese Gegend zu reisen, die ich noch nicht kenne, die aber offenbar sehr reizvoll ist.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 19, 2012 at 7:16 pm

      Ich freue mich sehr, liebe Caterina, dass du durch meine Rezension auf meinen Buch aufmerksam wurdest, dass dir so zuvor noch nicht ins Blickfeld gerückt war. Ich hatte von Maggiani auch erst etwas durch die SWR-Bestenliste gehört (eine sehr interessante Liste, für dich als Listen-Fan) und jetzt hat er mich für sich gewonnen, durch seine unnachahmliche Art zu erzählen. Schon jetzt freue ich mich darauf, mehr von ihm zu entdecken …

      Die Gegend der Garfagnana ist wirklich sehr reizvoll beschrieben und hat auch bei mir den Wunsch geweckt, sie eines Tages mal zu bereisen … 🙂

  • Reply
    kommentarblog
    July 19, 2012 at 8:24 pm

    Das hört sich schön an, muss ich zugeben.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 22, 2012 at 10:57 am

      Dein Kommentar hat mich lächeln lassen. Ich kann mir ausmalen, wie schwierig es ist, dich zu überzeugen mit einer Rezension, um so mehr freue ich mich, dein Interesse geweckt zu haben. Herzlichen Dank auch für deinen ausführlichen Kommentar bei Das ist Wasser. Damit werde ich mich in den kommenden Tagen beschäftigen …

  • Reply
    kommentarblog
    July 25, 2012 at 10:05 pm

    “Setzen wir, dass man vom 5000. Tag an leidlich mit Verstand zu lesen fähig sei; dann hätte man, bei einem green old age von 20.000, demnach rund 15.000 Lesetage zur Verfügung. […] Ich möchte es noch heilsam-schroffer formulieren: Sie haben einfach keine Zeit, Kitsch oder auch nur Durchschnittliches zu lesen: Sie schaffen in Ihrem Leben nicht einmal sämtliche Bände der Hochliteratur!” (Arno Schmidt; Trommler beim Zaren. 190 f) – Sehr zufällig bin ich die Tage über dieses Zitat gestolpert. Zuerst dachte ich “aber genau so”, dann dachte ich weiter und fand so viele Haken an der Sache, dass daraus wohl ein eigener Eintrag für kommentarblog wird … Aber das Lächeln: Gern geschehen, absolut.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 26, 2012 at 5:08 pm

      Lieber Kommentarblog,
      ich finde dein Zitat von Arno Schmidt sehr interessant. Ich habe zwar noch nicht viel von ihm gelesen, aber mich immer vergangenen Semester im Rahmen eines Seminars mit ihm beschäftigt und “Schwarze Spiegel” von ihm gelesen.
      Ich musste an ein ganz ähnliches Zitat von ihm denken: “Das Leben ist so kurz! Selbst wenn Sie ein Bücherfresser sind, und nur fünf Tage brauchen, um ein Buch zweimal zu lesen, schaffen Sie im Jahr nur siebzig. Und für die fünfundvierzig Jahre, von fünfzehn bis sechzig, die man aufnahmefähig ist, ergibt das 3150 Bände: die wollen sorgfältig ausgewählt sein.”
      Ich mag den Begriff Bücherfresser. Schmidt soll ja dafür bekannt sein, dass er ein manischer Leser und Schreiber gewesen zu sein. In meinen Unterlagen habe ich mir einen Satz über seinen Text “Schwarze Spiegel” notiert, der mir sehr im Gedächtnis geblieben ist: “Der Erzähler bildet eine ästhetische Opposition gegen der Rest der Welt”. Kurzzeitig hatte ich mir überlegt, einen Teil des Satzes als Untertitel für meinen Blog zu nehmen, doch ich wollte nicht zu snobistisch erscheinen. 😉 Wie auch immer: Schmidt ist wirklich ein faszinierender Mensch und Schriftsteller. Danke für das Zitat. Würde mich sehr freuen, dazu einen Beitrag auf deinem Blog zu lesen..

  • Reply
    kommentarblog
    August 3, 2012 at 9:26 pm

    Liebe Mara, mein nächster Beitrag ist endlich fertig und ich bin mal wieder im Netz. Ich muss zugeben: Ich habe ja noch nie wirklich Schmidt gelesen. “Die Gelehrtenrepublik” trage ich seit Jahren mit mir herum und ab und an klopft sie bei mir an. Aber dann sind da immer andere, die mehr drängeln. Aber zu dieser Thematik mehr auf kommentarblog unter “Wenn einer nicht besonders gerne liest …”
    Unglaublich auch, was hier bei Dir schon wieder alles Neues steht. Nur gut, dass ich nicht permanent Zugang zum Internet habe. Gruß.

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