Das Liebesspiel – Dawn Tripp

“Das Liebesspiel” ist bereits der dritte Roman der amerikanischen Schriftstellerin Dawn Tripp. Schon für ihre beiden ersten Romane “Mondgischt” und “Wasserzeit” hat sie von Publikum und Kritik – unter anderem von der Literaturkritikerin Elke Heidenreich – viel Lob erhalten. Für mich war “Das Liebesspiel” der erste Roman dieser Autorin, deren Bücher sehr stark von Landschaftsbeschreibungen ihrer Heimatregion Massachusetts geprägt sind.

“Einst glaubte ich, es gebe eine Trauer, die ich anfassen könnte, eine Trauer, in der ich mich vergraben könnte, ich glaubte, wenn ich mich nur tief genug hineingrübe, würde ich sie finden, sie wäre solide, sie wäre etwas, das ich hochheben und tragen könnte, ein Gewicht in meinen Armen – aber nicht das hier.”

Im Mittelpunkt von Dawn Tripps Roman “Das Liebesspiel” stehen zwei Familien, die durch Geheimnisse, Lügen und die Liebe zwischen zwei Menschen ein für immer miteinander verwobenes Schicksal teilen. Dawn Tripp gelingt es, zwei unterschiedliche Zeitebenen und mehrere unterschiedliche Perspektiven in ihrer Erzählung miteinander zu verweben, ineinander fließen zu lassen. Die Geschichte springt zwischen dem Jahr 2004 und den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hin und her. 1957, als Jane Weld elf Jahre alt ist, verschwindet ihr Vater Luce. Man findet sein verlassenes Ruderboot in der Nähe der Kiesgrube an der Drift Road. Luce Weld war ein Kleinganove, ein Dieb, der ganze Stadtteile nicht mehr betreten konnte, da ihm dort nur Ärger drohte. Und er hatte eine Beziehung mit Ada Varick. Eine Affäre mit der fünffachen Mutter – Scott, Green, Huck, Ray und Junie heißen ihre Söhne. Ihr Mann Silas war Alkoholiker und gewalttätig und Luce Weld war ihm ein Dorn im Auge. Anfang der Sechziger wird in der Nähe der Kiesgrube eine neue Brücke gebaut und im Zuge der Bauarbeiten findet man einen Schädel mit einem Einschussloch.

“Jeder, der zwei und zwei zusammenzählen konnte, wettete, dass jener Schädel die letzte dürftige Spur war, die Luce Weld hinterließ.”

2004, kehrt Marne, die Tochter von Jane Weld aus Kalifornien in ihre Heimatstadt zurück und zieht wieder bei ihren Eltern ein. Sie verliebt sich in Ray Varick, einen der fünf Söhne von Ada und Silas. Silas wurde von Anfang an mit dem Verschwinden von Luce Weld in Verbindung gebracht – eigentlich ist es für Marne undenkbar, sich aufgrund dieser Vergangenheit in ein Mitglied der Familie Varick zu verlieben. Und doch: trotz aller Geheimnisse, trotz all dem, was ungesagt bleibt, sind die Gefühle, die sie für Ray empfindet, nicht mehr zu leugnen.

Eine dritte Perspektive ist die von Jane Weld, die, trotz der Umstände des Todes ihres Vaters, sich immer noch mit Ada Varick jeden Freitag auf eine Partie Scrabble trifft. Diese Partie Scrabble bildet den Handlungsrahmen des Romans, umfasst die Geschichte, fungiert als Zweigstelle für die unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen. Während der Partie denkt Jane an viele Episoden aus ihrer Vergangenheit zurück.

“[…] ich spüre, dass sich das Schweigen zwischen uns öffnet wie ein Feld, diese feinen Lichtfäden, die ihr Leben mit meinen verknüpfen – mein Vater, ihr Mann, unsere Söhne …”

“Das Liebesspiel” von Dawn Tripp ist sehr viel mehr als ein einfacher Liebes- oder auch Familienroman. Es ist eine anspruchsvolle Geschichte mit vielen unterschiedlichen Schichten, mit ineinander verzweigten Perspektiven und Familiengeschichten, die vor allem sprachlich zu überzeugen weiß. Die unterschiedlichen Perspektiven vereint das Unglück, das über beiden Familien liegt, die Unzufriedenheit. Zwei Söhne von Ada – Green und Junie – sind bereits verstorben, ihr Sohn Scott ist ein Kriegsveteran. Huck verhält sich wie ein typischer Yankee, er ist ein Prolet und nach einer gescheiterten Ehe wieder bei seiner Mutter eingezogen. Auch Marne ist nicht glücklich, hat viele gescheiterte Beziehungen hinter sich und arbeitet immer noch lediglich in kurzfristigen Aushilfsbeschäftigungen. Beide Familien wirken lückenhaft, wie Flickwerk, es franst überall aus und keiner findet eine gemeinsame Basis, auf der man glücklich miteinander sein könnte.

Ein Leitmotiv des Romans ist der Spaß an der Sprache, der sich im gemeinsamen Scrabblespiel äußert und in einem Bibliotheksbuch, das von Ada Varick ausgeliehen und nie zurückgebracht wurde und durch eine Reihe von Zufällen mittlerweile in den Besitz der Familie Weld übergegangen ist. Für June ist dieses Buch eines der wenigen Dinge, die ihr von ihrem Vater geblieben sind. Es ist der Grundstein für ihre Begeisterung für Literatur, die sich darin äußert, dass sie ganze Seiten aus Büchern ausschneidet und sammelt.

“Es war ein Impuls, eine Gewohnheit, manchmal ein Bedürfnis, Nahrung, Atem, Schlaf – ich war Ezechiel, der die Schriftrollen aß, ohne genau zu verstehen, was ich tat oder warum.”

“Das Liebesspiel” ist ein Buch über die Liebe, über Familien und deren Geheimnisse und darüber, dass man nicht aufhört, jemanden zu lieben, nur weil dieser nicht mehr da ist.

“Man hört nicht damit auf, nur der Teil von dir, der aufgehört hat zu sein, der Teil von dir, der außerhalb deines Körpers dein Herz war, aber nicht mehr ist, dieser Teil blieb hängen in dem Damals, das man verloren hat, hielt inne, drehte sich um, sah zurück, wie Lots Frau, die auf dem Hügel zur Salzsäule erstarrte, in der Rückschau auf die Stunde des eigenen Lebens, als man Sonnenlicht war.”

Mich hat “Das Liebesspiel” sehr positiv überrascht. Es hat mich vor allem aufgrund seiner Sprachgewalt, der sprudelnden Freude an der Sprache, begeistert. Zu Beginn des Romans hatte ich Schwierigkeiten damit, mich bei den ganzen unterschiedlichen Perspektiven und Familienangehörigen zurecht zu finden, doch dann hat die Geschichte einen starken Sog auf mich ausgeübt und es fiel mir zwischendurch schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Ein toller Roman, der mich unterhalten, berührt und begeistert hat.

6 Comments

  • Reply
    buechermaniac
    July 21, 2012 at 6:19 pm

    Als ich gesehen habe, dass du ein Buch von Dawn Tripp liest, war ich gespannt auf deine Rezension. Vor sechs Jahren habe ich ihren ersten Roman “Mondgischt” gelesen, der mir sehr gefallen hat. Damals hiess die Autorin allerdings noch Dawn Clifton Tripp. Ich mag Geschichten, die an der Ostküste der Staaten spielen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass mir der neue Roman auch gefallen würde.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 22, 2012 at 10:54 am

      Ach, das finde ich ja interessant, dass du bereits eines ihrer Bücher kennst. Ich bin erst durch ihren aktuellen Roman auf sie aufmerksam geworden, als Dawn Clifton Tripp kannte ich sie noch nicht (ich finde so etwas immer ganz lustig, aus Marketinggründen oder warum auch immer, den Autorennamen zu ändern oder auf den zweiten Vornamen zu verzichten). Ich habe noch nicht viele Geschichten gelesen, die an der Ostküste spielen, aber diese hier hat mich wirklich begeistert und sehr positiv überrascht – ich hatte vorher, um ehrlich zu sein, nicht ganz so viel davon erwartet. Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Spaß bei der Lektüre, falls du dich entscheiden solltest, ihn zu lesen …

  • Reply
    atalante
    July 25, 2012 at 10:06 am

    Hallo Mara, wenn ich jetzt noch einmal durch Deine Rezension in das Buch hinein finde, muss ich sagen, daß mich auch das fantastische oder wahlweise pathologische Element, dass vor allem am Schluss der Geschichte deutlich wird, weshalb ich es hier nicht näher ansprechen möchte, gestört hat.

    Wie empfandest Du die akribischen Zeitangaben?

  • Reply
    buzzaldrinsblog
    July 25, 2012 at 8:12 pm

    Liebe atalante,

    die akribischen Zeitangaben finde ich zur Unterstützung und Orientierung ganz sinnvoll, aber ich habe sie auch nicht so sehr beachtet. Natürlich habe ich sie dann am Ende noch einmal herangezogen, da ich mich über die Datierung gewundert habe – ich denke, dass darauf ja auch dein Hinweis auf die “fantastischen oder wahlweise pathologische” Elemente abzielt, oder? Eigentlich bin ich kein Freund von fantastischen Elementen, doch in diesem Fall hat es mich nicht gestört, es hat sich als passend angefühlt.

    Wenn ich übrigens vorher gelesen hätte, dass das Buch als “Liebesthriller” beworben wird, hätte ich es wohl nicht zur Hand genommen. Interessant, was sogenannte “Genre-Labels” manchmal anrichten können.

    Liebe Grüße
    Mara

  • Reply
    Nasus
    July 27, 2013 at 6:47 pm

    Gekauft und für gut befunden. Ich hab die ganze Reihe gelesen und bin positiv überrascht.

    LG Nasus

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 28, 2013 at 6:00 am

      Hallo Nasus,

      erst einmal: willkommen auf meinem Blog! 🙂 Ich habe das Buch von Dawn Tripp auch sehr gerne gelesen – aber was meinst du mit Reihe? Gibt es mehrere Bände, die aufeinander aufbauen?

      Liebe Grüße
      Mara

    Hinterlasse hier Deinen Kommentar ...

    %d bloggers like this: