Mohr im Hemd oder wie ich auszog die Welt zu retten – Martin Horváth

51U56pDoTSL._SY344_BO1,204,203,200_Martin Horváth wurde 1967 in Wien geboren und studierte dort Musik und darstellende Kunst. Seit 1988 lebt und arbeitet er als freischaffender Musiker. Er verbrachte mehrere Jahre in New York und arbeitete dort als Journalist und Übersetzer, nebenbei beschäftigte er sich mit einem Forschungsprojekt zur Geschichte der österreichisch-jüdischen Emigration in die USA. Er hat bereits zahlreiche Preise und Stipendien erhalten. “Mohr im Hemd oder wie ich auszog die Welt zu retten” ist sein Romandebüt.

“Damit Sie’s gleich wissen: Meine Haut ist braun. Dunkelbraun. Man könnte auch sagen kaffeebraun, was man natürlich in dieser Stadt der tausend Kaffeehäuser etwas präziser formulieren muss: Je nach Tageslicht und Laune zeigt sich mein schöner Teint nämlich einmal heller, einmal dunkler, schimmert morgens meist in feinem Melangebraun, gibt sich mittags kleiner- oder großerbraunerbraun, verfärbt sich nachmittags zu eleganten Einspännerbraun, um am Abend schließlich – Herr Ober, zahlen bitte – bei sattem Espresso- oder Mokkabraun zu landen.”

Martin Horváth erzählt in seinem Roman “Mohr im Hemd oder wie ich auszog die Welt zu retten” die Geschichte von Ali. Ali ist – laut eigener Aussage – fünfzehn Jahre alt und lebt in einem Asylbewerberheim in Wien. Er isst am liebsten Mohr im Hemd, eine österreichische Süßspeise.

“Mein Name ist Ali und ich bin neu in dieser Stadt. Seit kurzer Zeit lebe ich in einem Heim unweit der Donau und kenne mittlerweile alle hundertdreißig Mitbewohnerinnen und -bewohner sowie alle Betreuerinnen und Betreuer beim Namen.”

Ali lebt mit seinen Mitbewohnern im obersten Stockwerk, im sogenannten Leo. Gemeinsam ist den Bewohnern des obersten Stockwerks, dass alle minderjährig sind und dass sie aus ihrem Heimatland fliehen mussten. Sie kommen allein, häufig auf Irrwegen, mit eigentlich anderen Zielen, in Wien an. Ihre Familien müssen sie zurücklassen. Sie kommen aus afrikanischen Ländern, aus osteuropäischen Staaten. Sie entfliehen Krisenregionen und landen in einem Land, dessen Sprache sie nicht beherrschen. Manche von ihnen fahren zum ersten Mal Rolltreppe oder wissen nicht, was eine Ampel ist.

“Was all diese Menschen, seien es Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, miteinander verbindet: Sie warten. Geduldig oder ungeduldig, ängstlich oder zuversichtlich, apathisch oder voller Tatendrang warten sie auf Papiere. Papiere mit Stempeln, Papiere, die ihnen erlauben, ihre Flucht zu beenden und anzukommen in diesem Land, Papiere zum Arbeiten, zum Leben, zum Hoffen, Papiere, auf denen ihr Menschsein amtlicherseits bestätigt wird: Eine Unterschrift hier und dann noch eine da, und nun der Nächste, dalli, dalli!”

Fliehen ohne Anzukommen. Mit der ständigen Furcht zu leben, irgendwann wieder gehen zu müssen. Vielleicht, irgendwann. Ali scheint mit dieser Unsicherheit gut zurecht zu kommen, besser als andere. Ali weint nicht, lieber flirtet er mit seinen Betreuerinnen. Ali schreit auch nicht im Schlaf und wenn doch, liegt da ein Irrtum vor. Ali hat seine Augen und Ohren überall, er kann sich unsichtbar machen und Gespräche auch durch geschlossene Türen mitanhören. Irgendwo findet sich immer ein Loch, durch das er lauschen kann. Ali möchte nichts von seiner Geschichte erzählen, doch die Geschichten seiner hundertdreißig Mitbewohnerinnen und Mitbewohner möchte er sich einverleiben, sie in sich aufnehmen. Das ist Alis Aufgabe.

“[…] meine Aufgabe ist es, den Geschichten meiner Mitbewohner hinterherzuspüren. Es sind Geschichten mit vielen exotischen Namen, die schwer zu merken sein mögen, Geschichten, so sei ausdrücklich gewarnt, in denen eindeutig die dunklen Kapitel überwiegen. Dunkel, weil viele Bewohner dieses Hauses Schlimmes erlebt haben; dunkel, weil manche nichts von sich preisgeben wollen; dunkel aber auch, weil nicht immer klar ist, ob sie die Wahrheit sagen oder sie zurechtbiegen und Dunkles erfinden, um sich zwecks Erlangung von Asyl in ein besseres Licht zu rücken. Ich, ich bin jedenfalls hier, um die Geschichten aufzuspüren, sie der Finsternis zu entreißen, um solcherart Licht ins Dunkel zu bringen, und zwar in jeder Hinsicht.”

In einem Interview bezeichnete Martin Horváth seine Hauptfigur Ali als Hofnarr, eine Bezeichnung, die in Teilen sicherlich stimmig ist: Ali ist lustig, unterhaltsam, schelmisch, närrisch. Aber unter dieser humoristischen Schicht liegt sehr viel mehr. Sehr viel Wahrheit, sehr viel Weisheit. Ali ist ein Narr, der jedoch auf seine närrische Art Dinge anspricht und erkennt, die viel Mut erfordern.

“Es geht ein Mi-Ma-Muselmann in eurem Land herum, fidibum, er zündet viele Häuser an und legt die Leute um. Er rüttelt sich, er schüttelt sich, er wirft ein Bömblein hinter sich, es geht ein Mi-Ma-Muselmann in eurem Land herum, bumm!”

Im Laufe des Romans verwischen die Grenzen zwischen der Realität und Alis Narrenwelt immer stärker. Ali verliert sich in einer Traumwelt und irgendwann ist nicht mehr ganz klar, was Realität ist und was nur noch in Alis Kopf geschieht. Martin Horváth scheint Gefallen an dem Spiel mit Realitäten zu haben, an Dingen, bei denen man nicht genau sagen, was sie eigentlich sind und ob sie überhaupt da sind. Als literarische Vorbilder nennt er in einem Interview passenderweise eine Reihe von lateinamerikanischen Autoren, in dessen Zentrum ein “Nebeneinander von Realität und Mythos steht”. 

Immer präsent bleibt den ganzen Roman hindurch die schwierige politische Situation der Asylbewerber. Das Warten ohne zu wissen, ob man jemals ankommen darf. Die unmenschliche Bürokratie. Aber auch die Ablehnung, die den Bewohnern von der Bevölkerung entgegenschlägt, die Vorurteile, mit denen sie zu kämpfen haben. Das Ende des Romans – Martin Horváth bezeichnet dieses als Epilog – ist sicherlich ungewöhnlich, wenn auch nicht überraschend.

“Mohr im Hemd oder wie ich auszog die Welt zu retten” ist ein lustiger und unterhaltsamer Schelmenroman, dessen Lesevergnügen vor allem auch in der tollen Hauptfigur Ali begründet liegt. Daneben überzeugt aber auch die Sprache des Romans: Martin Horváth zündet in seinem Text ein Feuerwerk an gelungenen Sprach- und Wortspielen, die mir ausgesprochen gut gefallen haben. Ich habe in den vergangenen Jahren kaum ein vergleichbares Buch gelesen, das so offensiv und alternativ mit Sprache und Worten operiert, jongliert, spielt. Ein wahres Lesevergnügen!

12 Comments

  • Reply
    caterina
    October 29, 2012 at 11:39 am

    Ja, ein absolutes Vergnügen! Aber eines mit Tiefgang, man wird hier nicht einfach nur auf hohem Niveau unterhalten, sondern auch – und vor allem – zum Denken angestoßen. Zum Mitfühlen. Vielleicht auch zum Handeln. Ein grandioses, ein amüsantes, ein wichtiges Buch!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      October 29, 2012 at 12:19 pm

      Liebe Caterina,

      schön, dass du diesen Aspekt – den Tiefgang, die Ernsthaftigkeit des Themas – in deinem Kommentar noch einmal betonst, da er möglicherweise in meiner Besprechung etwas kurz gekommen ist. Das Buch ist amüsant und humoristisch, aber auch bewegend, traurig, erschreckend. Ich habe vor der Lektüre nicht so viel über die Asylpolitik gewusst und war beim Lesen immer wieder sehr erschrocken: über Familien die auseinandergerissen werden, Kinder, die ganz allein durch die weite Welt reisen, Babys, die einen Abschiebungsbescheid erhalten. Und. So. Weiter.

      Danke für die Empfehlung! 🙂

  • Reply
    dermannfuerdentext
    October 29, 2012 at 1:12 pm

    Reblogged this on Der Bär liest.

  • Reply
    Petra Gust-Kazakos
    October 30, 2012 at 4:27 pm

    Klingt sehr interessant, liebe Mara, danke für den Tipp – wieder einmal : )

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      October 30, 2012 at 7:49 pm

      Freut mich, dass ich dein Interesse wecken konnte, liebe Petra – das Buch ist wirklich außergewöhnlich!

  • Reply
    5 Fragen an Martin Horváth! « buzzaldrins Bücher
    October 31, 2012 at 8:53 pm

    […] Emigration in die USA. Er hat bereits zahlreiche Preise und Stipendien erhalten. “Mohr im Hemd oder wie ich auszog die Welt zu retten” ist sein […]

  • Reply
    jancak
    November 1, 2012 at 2:29 pm

    Das ist ein interessantes Buch, das ich auch gern lesen würde, leider habe ich die Lesung in der Hauptbücherei veräumt, aber vielleicht habe ich bei der Buch-Wien oder sonstwo die Gelegenheit

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 1, 2012 at 3:13 pm

      Hallo Eva,
      ich kann dir das Buch nur wärmstens empfehlen. Es ist großartig! 🙂 Eine Lesung mit dem Autor aus diesem Buch stelle ich mir auch sehr interessant vor, schade, dass du diese verpass hast – ich drücke dir die Daumen, dass es zu einer anderen Gelegenheit klappen wird. 🙂

      • Reply
        jancak
        November 5, 2012 at 10:41 am

        Ja, am 28.11. gibt es unter dem Motto “Ausgewählte literarische Neuerscheinungen – Lebens -Erzähl -Muster “Martin Horvath, Markus Köhle und Hanno Millesi in der Alten Schmiede, allerdings findet da gleichzeitig eine Lesung der Preisträgerinnen des ExilPreises im Amerlinghaus statt und da wurde mit Ekaterina Heider ja auch ein neues Erzähltalent gefunden, das ich sehr empfehlen kann.

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          November 7, 2012 at 11:39 am

          Danke für diese Empfehlung, Eva, ich habe mir den namen der Autorin gleich mal notiert. Überhaupt finde ich es grandios, was da im Moment an junger und interessanter Literatur aus Österreich kommt. Am Wochenende habe ich von Anna Weidenholzer “Der Winter tut den Fischen gut” gelesen und war total begeistert, ein großartiges Buch! 🙂

  • Reply
    jancak
    November 7, 2012 at 1:04 pm

    Ja, das ist eine interessante Autorin, deren Anfänge ich von den ersten Lesungen und den ersten Texten in Literaturzeitschriften, meist gemeinsam mit Cornela Travnicek, miterleben konnte. Ansonst denke ich, es wird auch deutsche Literaturtalente geben, die ich allerdings meist erst entdecke, wenn sie in Klagenfurt lesen oder über die Bücherblogs, denn da sind mir viele der Bücher, die beispielsweise hier besprochen werden, vollkommen unbekannt und merke auch, daß es umgekehrt so ist, so daß ich denke, daß ich da mit meinen Blog vielleicht ein bißchen nachhelfen kann. In Österreich, bzw. Wien scheints auch mehr Veranstaltungen zu geben, das heißt in Berlin gibts wahrscheinlich noch viel viel mehr, aber die sind, wenn ich es richtig mitbekomme, nicht kostenlos und die Blogger scheinen auch nicht sehr viele Veranstaltungen zu besuchen, was ich schade finde, weil man da ja in Kontakt mit dem Autor kommt, ihn was fragen kann etc.
    Auf etwas anderes kann ich jetzt auch noch hinweisen, was vielleicht nicht so bekannt ist, nämlich den Schweizer Buchpreis, der am Sonntag vergeben wird, da gabs am Montag eine Lesung im Literaturhaus und da habe ich einen Autor, nämlich “Thomas Meyer” entdeckt, dessen “Wolkenbruch” ich wirklich sehr empfehlen kann und mir auch vorstellen könnte, daß er vielleicht gewinnen wird.

  • Reply
    Rezension: Martin Horváth, Mohr im Hemd oder wie ich auszog die Welt zu retten | Leipzig.Lebensmittel.Punkt.
    May 14, 2014 at 4:06 pm

    […] Ursprünglich veröffentlicht auf buzzaldrins Bücher: […]

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