Gleitflug – Anne-Gine Goemans

Die Schriftstellerin und Journalistin Anne-Gine Goemans wurde 1971 geboren. “Gleitflug” ist bereits ihr zweiter Roman und ihr erster, der ins Deutsche übersetzt wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im niederländischen Spaarndam.

Anne-Gine Goemans erzählt in “Gleitflug” die Geschichte des vierzehnjährigen Gieles. Gieles, der in den Niederlanden lebt, lebt ein ungewöhnliches Leben: er wohnt direkt neben der Landebahn eines Flughafens und er hat zwei Gänse, amerikanische Tufted Buff, die  er nur unter der Bedingung halten darf, dass sie nicht fliegen.

“Sobald sie das taten, mussten sie weg. Außerdem war er für ihre Betreuung verantwortlich, praktisch bedeutete das vor allem: für das Entfernen von Kot. Die Gänse kackten durchschnittlich einmal pro Minute.”

Gieles’ Gänse leben auf dem neben dem Flughafen liegenden Campingplatz. Ein Campingplatz direkt neben einem Flughafen? Genau. Besucht wird dieser “Hot Spot” von plain spotters, Menschen, die das Beobachten von Flugzeugen lieben. Der Campingplatz gehört Onkel Fred, mit dem Gieles – gemeinsam mit seinem Vater Willem – lebt. Gieles’ Vater und sein Onkel Fred, sind eineiige Zwillinge.

“Willem Slob hatte kaum noch Haare, Onkel Fred mit seinen schwarzgrauen Locken dagegen fast schon zu viele. Die Gestalt von Gieles Vater erinnerte an Statuen von kraftstrotzenden Staatsmännern. Onkel Fred war schmal und hatte einen schleppenden Gang, eine Folge seiner Kinderlähmung. Er fuhr mit einem Elektromobil und benutzte eine Krücke. Einen Spazierstock wollte er auf keinen Fall.”

Nur Gieles’ Mutter ist häufig nicht da. Sie reist mit Solarkochern durch afrikanische Länder, um dort Entwicklungshilfe zu leisten. Ihre Aufenthalte werden in letzter Zeit immer länger, sie fährt immer häufiger weg und wenn sie anruft, streitet sie sich meistens mit Gieles’ Vater.

“Gänse zogen fort, um zu überleben. Das war verständlich. Aber er konnte nicht begreifen, warum seine Mutter fortzog. In Gebiete, in denen es nichts zu essen und zu trinken gab. Seine Mutter unternahm eine Art umgekehrten Vogelzug gegen den Strom. Vögel würden sie für verrückt erklären.”

Doch Gieles hat sich bereits einen Plan überlegt: die “Geniale Rettungsaktion 3032”:

“Noch dreizehn Wochen und vier Tage, dann würde seine Mutter mit Flug 3032 nach Hause kommen. So lange war Ellen noch nie weg gewesen.”

Ein wichtiger Bestandteil seines Plans sind seine zwei Gänse, die er irgendwann – zu Trainingszwecken – auf die Namen Tufted und Bufted tauft. In den Wochen bevor Gieles’ Mutter zurückkehrt, muss dieser jedoch feststellen, dass das Leben ganz überraschend seine ganzen Pläne durchkreuzt: Gieles ist verliebt, in Gravitation, die er im Internet kennengelernt hat. Sie ist siebzehn und hat vierzehn Piercings, behauptet sie zumindest. Und dann lernt er auch noch Super Waling kennen, einen “Fettsack”, für den sich Gieles eigentlich schämt, wenn sie zusammen gesehen werden – doch Waling hat sehr viel zu erzählen: nicht nur über die Geschichte des Dampfpumpwerks, sondern auch darüber, wie es ist, mit einem Geheimnis zu leben, bis es einen aufschwemmt. Schließlich bekommt Gieles durch Zufall noch zwei zusätzliche Gänse”welpen”: Wallie und ihre verfressene große Schwester.

Anne-Gine Goemans Roman setzt sich aus mehreren Teilen zusammen: zum einen steht Gieles’ Leben und seine “Geniale Rettungsaktion” im Zentrum, daneben wird aber auch in mehreren Abschnitten die Lebensgeschichte von Ide und Sophia Warrens, den Urururgroßeltern von Super Waling, erzählt. Ein weiterer Teil des Romans sind Ausschnitte des Briefes, den Gieles – in einem unfreiwillig sehr unterhaltsamen Französisch – an Christian Moullec schreibt, um Tipps für sein Training mit den Gänsen zu bekommen. Christian Moullec gibt es wirklich, er ist  ein weltberühmter “Gänsespezialist, Meteorologe, Pilot, Filmemacher, Ornithologe, Fotograf, Autor, Veganer und Tierschützer”. Bekannt geworden ist er durch seine Arbeit mit Vögeln, bei denen ihn vor allem das Zugverhalten interessiert. Er hat zwölf Wildgänse aufgezogen und ihnen das Fliegen beigebracht. Christian Moullec ist Gieles’ großes Vorbild.

Anne-Gine Goemans ist ein faszinierender und bezaubernder Roman gelungen, der sehr viele unterschiedliche Facetten besitzt: es geht um Gieles’ Gänse, die man während der Lektüre einfach liebgewinnen muss, es geht um das langsame Entdecken der ersten Liebe, um einen Flugzeugabsturz, ein Dampfpumpwerk und um Geheimnisse. Darum, wie sehr Geheimnisse einen von innen vergiften können. Man merkt Anne-Gine Goemans an, dass sie Spaß am Fabulieren hat, dass es ihr Freude macht fantasievoll zu erzählen. Sie entführt einen in ganz unterschiedliche Welten und erzählt dabei mit einer ungeheuren Leichtigkeit. Ich habe bei der Lektüre viel schmunzeln müssen, vor allem über die Versuche von Gieles seine geliebten Gänse zu trainieren. Ab und an habe ich aber auch ein paar kleine Tränen verdrücken müssen.

Im Mittelpunkt von Anne-Gine Goemans Roman stehen Menschen, die nicht perfekt sind, die einen Makel haben, die einen Fehler gemacht haben. Es gelingt der Autorin jedoch mit sehr viel Wärme und Mitgefühl über ihre Figuren zu schreiben. Besonders ans Herz gewachsen ist mir sicherlich Super Waling und die Geschichte seiner Urururgroßeltern Sophia und Ide Warrens, aber natürlich auch seine eigene Geschichte und wie er zu dem Menschen geworden ist, der er heute ist. Super Waling ist anders, aber das macht ihn  nicht weniger liebenswert. “Gleitflug” wird nicht nur zu einer wahren Entdeckungsreise für Gieles, sondern auch für Waling, einen Menschen, der sich eigentlich schon selbst aufgegeben hatte.

Ich habe “Gleitflug” sehr gerne gelesen. Es ist eine vordergründig leichte Erzählung, die jedoch an vielen Stellen auch Tiefgang besitzt und vor allem durch die liebevolle Figurengestaltung der Autorin überzeugt. Ein märchenhaftes, traurigschönes Buch mit dem ich mich sehr wohl gefühlt habe.

Überzeugt hat mich auch die liebevolle Aufmachung des Romans, die sich gegenüber anderen Neuerscheinungen abhebt. Der Insel Verlag hat auch eine schöne Homepage zum Buch eingerichtet und wer möchte kann sich auch noch das passende Lied zum Buch anhören:

4 Comments

  • Reply
    laura
    November 3, 2012 at 11:30 pm

    Liebe Mara, deine Rezension macht mich neugierig auf dieses Buch, das mir angenehm locker geschrieben zu sein scheint, so dass man auch mal lachen oder schmunzeln kann – ohne jedoch den Tiefgang fehlen zu lassen. Und da ich durch meinen momentanen Job viel mit Flugzeugen und Fliegen zu tun habe, passt es auch irgendwie gerade.. Wenn ich dann zwischendurch mal was leichteres brauche, komme ich auf deinen Tipp zurück.
    Übrigens: Ich mags, dass du eingangs immer kurz was zum Autor schreibst 🙂 LG Laura

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 4, 2012 at 12:16 pm

      Liebe Laura,
      du hast das sehr schön zusammengefasst: angenehm locker, aber dennoch mit Tiefgang. Ich habe “Gleitflug” wirklich sehr gerne gelesen, auch wenn ich sonst eigentlich nicht häufig Bücher lese, die lockerleicht sind und die mir dann auch noch gefallen. Anne-Gine Goemans hat mich mit ihrer außergewöhnlichen Geschichte von der ersten Seite an verzaubert. Ich möchte nur nicht, dass du den Begriff “leicht” missverstehst: “Gleitflug” ist keine oberflächliche Geschichte, kein Frauenroman, keine seichte Literatur – “Gleitflug” ist ein federleichter, schwebender Roman, der mich verzaubern konnte.

      Ich freue mich, dass dir meine Eingangsbemerkungen zum Autor gefallen. Ich habe diesen Habitus noch aus einem Bücherforum in dem ich lange aktiv war übernommen und noch nicht abgelegt. 😉

      • Reply
        laura
        November 4, 2012 at 1:39 pm

        Keine Sorge, leichte Kost im Sinne von Frauenromanen erwarte ich nach deiner Rezension nicht von “Gleitflug” 😉 Ich hatte es wirklich mehr als lockerleichten, schwebenden Roman (wie man es vielleicht von Kinderbüchern kennt) verstanden, was mir bei meiner sonstigen Lektüre inmoment entgegenkommt. Mit so richtig leichten seichten Frauenromanen komme ich ganz selten in Kontakt, das gibt mir nichts! LG Laura

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          November 7, 2012 at 11:44 am

          Liebe Laura,
          dann freue ich mich, dass wir uns nicht missverstanden haben! 🙂 Lockerleicht, schwebend, verzaubernd und märchenhaft sind auch die Worte, die mir zu “Gleitflug” einfallen. Eine wirklich schöne und abwechslungsreiche Lektüre. Ich bin gespannt, wie dir das Buch gefallen sollte, falls du es in die Hand nimmst! Zu Frauenromanen schreibe ich lieber nicht, nach dem ich vor einem halben Jahr mit einem unüberlegten Kommentar zu Krimis für ordentlich Wirbel gesorgt habe … da möchte ich nicht erneut jemandem auf die Füße treten. 😉

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