Der Duft des Sussita – Robert Scheer

Der Schriftsteller Robert Scheer wurde 1973 in Carei, einer Stadt in Rumänien, geboren. Ungarisch ist seine Muttersprache. Zwölf Jahre später wanderte er mit seiner Familie nach Israel aus. Er versuchte sich später als Rockmusiker und spielte mit seiner Band “Nutcase” in kleineren Clubs in London. Sie besaßen jedoch keine Arbeitserlaubnis und wurden schließlich ausgewiesen. Dann studierte er Philosophie in Haifa und Tübingen und arbeitete als Buchhändler und Bauarbeiter. “Der Duft des Sussita” ist sein Debüt als Schriftsteller.

Die Geschichten in “Der Duft des Sussita” sind in mehrerer Hinsicht mit dem Leben von Robert Scheer verknüpft und enthalten viele Episoden, die der Wirklichkeit entsprechen. Thematisiert wird beispielsweise die Karriere als Rockmusiker. Ich fand es sehr spannend, die Geschichten zu lesen und im Anschluss zum Autor zu recherchieren. Ich habe ganz häufig gedacht: oh, das stimmt ja tatsächlich. Daneben finde ich es aber auch sehr interessant und mutig, dass Robert Scheer – der mehrere Sprachen spricht – das Buch auf Deutsch veröffentlicht hat, obwohl er erst mit 26 Jahren begonnen hat, Deutsch zu lernen.

“Worte erzählen nie die Wahrheit.”

“Der Duft des Sussita” ist ein schmaler Band mit insgesamt zwölf Kurzgeschichten. Die Geschichten sind alle lose miteinander verknüpft. Ein verbindendes Element ist Onkel Sauberger, der in mehreren Geschichten auftaucht.

Fast allen zwölf Geschichten vorangestellt sind Zitate des Begründers des politischen Zionismus Theodor Herzl. Dies ist bereits ein erster Hinweis darauf, welches Thema eine zentrale Rolle in Robert Scheers Geschichten spielt: das Land Israel. Robert Scheer beschäftigt sich in seinen Geschichten immer wieder mit dem Bild Israels, mit einem Land, in dem er selbst sehr lange gelebt hat. Die Stadt Tel Aviv wird erwähnt, die als Insel in diesem Land bezeichnet wird, als “ein anderes Land, ein Land innerhalb des Landes”, bewohnt von Leuten, die nichts hören wollen vom Krieg.

“Hier gibt es überhaupt keine Lösungen. Die Lösung besteht hier aus Konflikt. Konflikt und mehr Konflikt. Eine Eskalation des Zusammenstoßes. Lösungen sind hier unerwünscht. Nicht machbar. Frieden scheint in diesem Teil der Welt ein unerreichbarer Traum zu sein. Das ist das wahre Gesicht des Nahen Ostens. Sein Profilbild. Sein Porträt. Ohne Bearbeitung, ohne Verschönerung, ohne Photoshop.”

Die Geschichten von Robert Scheer zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sich scheinbar realistische Situationen urplötzlich wandeln und in etwas Absurdes kippen. Beinahe in jeder der zwölf Geschichten gibt es eine Wendung ins Surreale. Denken muss ich beispielsweise an die Titelgeschichte des Romans über ein israelisches Auto, den Sussita. Der Sussita ist der ganze Stolz der Familie, es sind vor allem nostalgische Gefühle, die mit ihm verknüpft werden.

“Wie die Dinosaurier sind inzwischen auch die Sussitas ausgestorben. Die Sussitas sind Vergangenheit. Meine Geschichte stammt gleichfalls aus der Vergangenheit. Eine Sussita-Geschichte. Eine gescheiterte Geschichte. Mercedes und Porsche haben überlebt. Jaguar und Toyota haben überlebt. Der Sussita konnte die Prüfung der Zeit nicht bestehen.”

Urplötzlich wird dieser von Kamelen gefressen: sie werden von dem süßlichen Fladenbrotduft des Sussitas angezogen und das einzige Mittel sich dagegen zu schützen sei ein “Anti-Kamel-Spray”.

Bei Robert Scheers Geschichten bin ich immer wieder von einem Moment der Ungläubigkeit in eine kurze Ratlosigkeit gestolpert, Gefühle des Erstaunens und der Verwirrtheit wechselten sich ab mit Erheiterung und Verblüffung. Besonders prägnant als Beispiel für diese Gefühlsvielfalt ist mir die Geschichte “Das Evangelium nach Matthäus” in Erinnerung geblieben:

“Das Evangelium nach Matthäus heißt: Defensives Mittelfeld.”

Oder auch die “Front Catering GmbH”, die sich fürchtet, das Essen an die Front zu liefern, was zu einer Unterversorgung der Soldaten führt – der Ich-Erzähler schreibt über dieses Phänomen einen Artikel für Die Zeit.

Das Spannende an den Geschichten von Rober Scheer war für mich vor allem das Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit, vermengt mit der Frage, was von dem Erzählten möglicherweise noch autobiographisch sein könnte. In meinen Augen war der Text an den Stellen am Stärksten, an dem er – zwischen all den surrealistischen Wendungen und der spürbaren Absurdität – sich mit ernsthaften Themen beschäftigt.

“Nachdem Lothar Matthäus Netania verlassen hatte, brauchte man hier keinen Übersetzer mehr, also bin ich seit damals, was ich im Leben schon einige Male gewesen bin. Mal gern, mal weniger gern. Vielleicht ist es ja, was ich am liebsten bin. Und obwohl es doch mehr eine Berufung als ein wirklicher Beruf zu sein scheint, meine neue Arbeit, einem Schicksal gleich. Ja, Schicksal. Oder, man könnte es einfach, wenn man will, die schwerste Arbeit der Welt nennen. Ich habe nichts dagegen. Ob meine Arbeit wirklich die schwierigste ist, kann ich nicht beurteilen. Können Sie es? Ich bin arbeitslos.”

In Erinnerung ist mir auch eine Passage über einen Selbstmordattentäter geblieben, die sich sehr eindrücklich liest.

“Warum tut man so etwas? Warum will man sich selbst und andere töten? Woher kommt so viel Hass? Woher eine so hoffnungslose Verzweiflung?”

Robert Scheer hat mit “Der Duft des Sussita” einen kurzweiligen Kurzgeschichtenband vorgelegt, der sich durch eine vordergründige Komik und Absurdität auszeichnet. Hinter dieser Komik verbergen sich ernsthafte Passagen, die man beim Lesen Schicht für Schicht freilegen muss, um sie entdecken zu können. Diese Passagen haben mir sehr gut gefallen. Robert Scheer ist ein ungewöhnlicher Chronist des heutigen Israels und zeichnet ein Bild dieses Landes, das ich so zuvor noch nicht gelesen habe. Er spielt mit Worten, es gibt Spott und Komik, beispielsweise für die Bewohner Österreichs. An manchen Stellen hätte ich mir jedoch vielleicht doch etwas mehr Ernsthaftigkeit  und Substanz gewünscht, statt einer erneuten Wendung ins Absurde, denn die ernsthaften Passagen haben mir am besten gefallen.

Robert Scheer kann schreiben und hat dies in seinem Debüt-Erzählband eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Er findet in seinen Erzählungen eine ganz eigene, eingängige Stimme, einen komischen, stellenweise schnodderigen Ton, der doch sehr viel Wahrheit enthält. Ich habe dieser Stimme gerne “zugehört” und hätte ihr auch noch einige hundert Seiten weiter zu hören können. Ein ungewöhnliches Debüt, eines ungewöhnlichen und interessanten Schriftstellers, das ich nur empfehlen kann.

2 Comments

  • Reply
    literaturen
    November 16, 2012 at 9:31 pm

    Also über die “Front Catering GmbH” musste ich jetzt doch lachen. Und grinsen über das “Anti-Kamel-Spray”. Klingt nach einem kurzweiligen Leseerlebnis. Und schön, dass sich da jemand offensichtlich eine etwas kritischere Israelhaltung leistet. Ist ja nicht einfach heute.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 18, 2012 at 4:30 pm

      Liebe Sophie,
      ach ich freue mich sehr, dass ich mit meiner Besprechung dein Interesse wecken. “Der Duft des Sussita” ist in der Tat ein sehr kurzweiliges Leseerlebnis, mit viel Spott und Komik, aber auch sehr viel Ernsthaftigkeit und Wahrheit. Der Zugang zu seinem Thema und die Beschreibung des Lebens in Israel ist herrlich erfrischend und direkt und aus aktuellen Anlass ja leider um so brisanter.

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