Unbefugtes Betreten – Julian Barnes

Der englische Autor Julian Barnes wurde 1946 geboren und hat bereits zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Zuletzt erschien von ihm der Roman “Vom Ende einer Geschichte”, der sich nicht nur 130.000-mal verkaufte, sondern für den er auch noch den Man Booker Prize erhielt.

“Ach ja, der gute alte englische Humor, an den gewöhnen sich die Leute erst mit der Zeit.”

Mir erging es ähnlich, auch ich musste mich erst einmal an den englischen Humor gewöhnen, aber auch an die Tatsache, dass es sich bei “Unbefugtes Betreten” um Kurzgeschichten handelt und nicht um einen Roman. Mich hatte die Lektüre von “Vom Ende einer Geschichte” vor etwas weniger als einem Jahr sehr begeistert, “Unbefugtes Betreten” ist anders, schon allein aufgrund der Tatsache, dass keine zusammenhängende Geschichte erzählt wird, sondern vierzehn Kurzgeschichten, die in zwei Teile geteilt sind.

Julian Barnes streift in seinen Kurzgeschichten ganz unterschiedliche Themen: man lernt den Immobilienmakler Vernon kennen, der eine neue Freundin findet und endlich glücklich werden könnte, um dann doch wieder alles falsch zu machen. Man trifft auf Geoff, der von seiner Freundin Cath verlassen wurde und diese gleich durch die nächste ersetzt hat, die er mit seinen Erwartungen, die er an sie stellt, bereits nach kürzester Zeit erdrückt und dabei beiden die Luft zum Atmen nimmt.

Den englischen Humor findet man sicherlich am stärksten im Erzählzyklus “Bei Phil & Joanna: 1 -4”. Es handelt sich um Tischgespräche zwischen Phil, Joanna und ihren Freunden. Dabei werden ganz unterschiedliche Themen umkreist: Sex, Politik, Krieg, Krebs. Der Humor in diesen Gesprächen ist subtil und ergibt sich häufig beinahe schon fast aus einer unfreiwilligen Komik:

“‘Wisst ihr, wie Eier in der französischen Umgangssprache heißen? Valseuses. Walzertänzerinnen. Eben weil sie beweglich sind.’

‘Ist das nicht weiblich? Valseuses, meine ich.’

‘Doch.’

‘Warum sind Klöten auf Französisch weiblich?’

‘Wir sind eindeutig vom Thema abgekommen.’

‘Testicules ist nicht weiblich. Aber valseuses.’

‘Weibliche Klöten. Das bringen nur Franzosen.’

‘Kein Wunder, dass die gegen den Irak-Krieg waren.’

‘Na und. Alle an diesem Tisch ebenso.’

‘Ich war irgendwie so 60/40.’

‘Wie kannst du bei so etwas wie Irak 60/40 sein? Und bei der Theorie, die Erde sei eine Scheibe, bist du da auch 60/40?’

‘Genau. Da bin ich auch 60/40.'”

In anderen Geschichten gibt es zwar humorvolle Passagen, doch hinter diesem vordergründigen Humor verbergen sich häufig tiefer sitzende Gefühle. Exemplarisch dafür steht sicherlich die Geschichte “Die Welt des Gärtners”, in der Julian Barnes das Leben von Martha und Ken beschreibt, einem Pärchen, das vor lauter Beschäftigungszwang gar nicht mehr merkt, wie weit sie sich eigentlich voneinander entfernt haben und wie wenig sie sich noch zu sagen haben. Abgesehen von humorvollen Plattitüden, hinter denen sie ihre wahren Befindlichkeiten verstecken.

“Die Ehe war eine Zwei-Personen-Demokratie, außer bei Stimmengleichheit, da verkam sie zur Autokratie.”

Das Thema Beziehungen ist in den Kurzgeschichten von Julian Barnes sicherlich eines der zentralen Themen. Nicht umsonst heißt eine meiner Lieblingsgeschichten auch “Beziehungsmuster”. Es geht darum, wie man Beziehungen führen kann, was man manchmal aufgeben muss, aber auch darum, dass es möglicherweise manchmal besser ist, sich auf sich selbst zu besinnen, anstatt sich Hals über Kopf in die nächste Beziehung zu stürzen. In “Beziehungsmuster” erzählt Julian Barnes auf sehr berührende Art und Weise mit wenigen Worten und feinen Strichen die Geschichte eines Mannes, der seine Frau verloren hat. Er muss erst zurück in die Vergangenheit reisen, um sich seiner Trauer stellen und diese auch aushalten zu können.

“Er hatte geglaubt, er könne sich das Vergangene wieder zu eigen machen und dann langsam Abschied nehmen. Er hatte gedacht, Kummer ließe sich lindern, oder wenn nicht lindern, dann wenigstens beschleunigen, ein bisschen vorantreiben, wenn er an einen Ort zurückkehrte, an dem sie glücklich gewesen waren. Aber er konnte nicht über den Kummer gebieten. Der Kummer gebot über ihn. Und in den kommenden Monaten und Jahren würde ihm der Kummer vermutlich noch viele andere Lehren erteilen. Dies war nur die erste.”

In zwei der vierzehn Kurzgeschichten wagt sich Julian Barnes auf ein ganz anderes Terrain und bricht aus dem Erzählstil und Tonus der anderen Geschichten aus. Es verschlägt ihn ins 18. und 19. Jahrhundert, er erzählt die Geschichte eines stummen Portraitmalers und verarbeitet den Stoff rund um den bekannten Arzt Messmer und seine Behandlungsmethode des Magnetismus. Ein Stoff, mit dem sich bereits Alissa Walser in ihrem historischen Roman “Am Anfang war die Nacht Musik” beschäftigt hat.

Julian Barnes Kurzgeschichtenband “Unbefugtes Betreten” gefällt mir an den Stellen am besten, die von einer gewissen Ernsthaftigkeit geprägt sind. Möglicherweise disqualifiziert mich meine Vorliebe für Ernsthaftigkeit für den englischen Humor, aber die humorvolleren Kurzgeschichten haben mich nicht im Entferntesten so stark berühren und erreichen können, wie die, bei denen ich das Gefühl hatte, dass der Humor nicht im Vordergrund stehen würde.

Neben der Geschichte “Beziehungsmuster” hat mich vor allem auch die letzte Geschichte in diesem Band mit dem Titel “Pulse” überzeugen können, in der die Mutter des Erzählers sehr schnell und überraschend heftig erkrankt. Bei diesen beiden Geschichten hätte ich mir manchmal gewünscht, sie würden mehr Seiten haben. Ich hätte mir gewünscht, mich länger in ihnen aufhalten zu können, mehr von den Protagonisten zu erfahren, sie einige Seiten länger begleiten zu dürfen.

Julian Barnes Roman “Vom Ende einer Geschichte” war großartig und auch sein Kurzgeschichtenband “Unbefugtes Betreten” ist auf seine Art und Weise großartig erzählt, auch wenn mich nicht alle Geschichten gleichermaßen überzeugen konnten. Die Kurzgeschichten in “Unbefugtes Betreten” haben mich als Leser berührt, unterhalten und überrascht. Ein wahrer Lesegenuss.

6 Comments

  • Reply
    Petra Gust-Kazakos
    November 27, 2012 at 2:17 pm

    Ein toller Schriftsteller, ich mag ihn auch. Natürlich habe ich nicht alles von ihm gelesen, aber was ich las, war toll. Auch “Flaubert’s Parrot”, ein älterer Roman schon, ebenfalls lesenswert (falls du weiter machen willst mit Barnes, liebe Mara).

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 27, 2012 at 2:24 pm

      Ich finde auch, dass er ein wirklich toller Schriftsteller ist und ich freue mich schon jetzt darauf, hoffentlich bald wieder etwas neues von ihm zu lesen. “Flauberts Papagei” habe ich bereits vor einigen Jahren gelesen, es hat mir damals sehr gut gefallen. Auch “Arthur & George” kenne ich bereits, genauso wie “Vom Ende einer Geschichte”. Ungelesen steht hier noch sein Buch “Nichts, was man fürchten müsste”, irgendwann gerne lesen würde ich auch noch “Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln”, das Buch kenne ich von ihm nämlich auch noch nicht …

  • Reply
    Dina
    November 27, 2012 at 3:29 pm

    Danke für diesen Post, den ich mit Interesse gelesen habe. Ich kenne nicht viel von Julian Barnes, las neulich “The sense of an ending” und bin gespannt auf diese Kurzgeschichten.

    Herzliche Grüße!

    P.S.
    Selma Buchfee ist ganz flatterig aufgeregt, sie hat dir eine Frage auf The World according to Dina gestellt, kannst du bei Gelegenheit nachschauen…? das wäre echt lieb, sie macht mich kirre. 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 27, 2012 at 8:06 pm

      Liebe Dina,

      ich freue mich über deinen Kommentar und deinen Besuch bei mir. Für mich ist “The sense of an ending” unerreicht, der Roman hat mir damals wirklich ausgesprochen gut gefallen. Kurzgeschichten sind immer etwas Spezielles und für mein Empfinden schwerer zugänglich als ein Roman, “Unbefugtes Betreten” habe ich dennoch gelesen. Vielleicht auch, weil ich mich im Moment sehr viel mit “Beziehungsmustern” beschäftigen muss. 😉

      Liebe Grüße
      Mara

      P.S.: Danke, dass du mich auf den Kommentar von Selma Buchfee aufmerksam gemacht hast, den ich sonst wohl gar nicht mehr bemerkt hätte. 🙂

  • Reply
    Bücherphilosophin
    November 28, 2012 at 5:27 pm

    Das freut mich zu hören, dass dich dieser Erzählband überzeugen konnte. Ich habe schon länger vor etwas von Barnes zu lesen und überlege nun, ob ich mich nicht mit diesem Buch zunächst an seine Erzählweise heran tasten soll. Deine Einschätzung bestätigt mich nun in meinem Interesse für das Buch.
    Als Schreibende habe ich ein anderes Verhältnis zu Kurzgeschichten und kann den Sätzen, die ganze Passagen, ja Romankapitel, zusammen schrumpfen mehr abgewinnen, auch wenn man sich am Ende nach ein paar mehr Seiten sehnt 😉

    Hattest du, trotz deiner Vorliebe für Ernsthaftigkeit, das Gefühl Komik und Tragik vertragen sich in diesem Band?
    Oder wirken die Tischgespräche so als zeigten sie zum Beispiel der erkrankten Mutter mit ihrer deftigen Heiterkeit eine lange Nase?

    LG, Katarina 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      November 29, 2012 at 3:27 pm

      Liebe Katarina,
      ich freue mich, dass ich mit meiner Besprechung dein Interesse an diesem Buch bestätigen konnte. Ich habe es gerne gelesen, es wäre aber nicht unbdeingt das erste Buch von Julian Barnes, das ich dir empfehlen würde, dazu hat mir “Vom Ende einer Geschichte” einfach zu gut gefallen. “Unbefugtes Betreten” ist auf seine eigene Art und Weise auch lesenswert, war für mich aber nicht ganz so zugänglich und von daher bin ich mir nicht sicher, ob es als Einstieg in Barnes geeignet ist.

      Ich habe schon jeher ein schwieriges Verhältnis zu Kurzgeschichten und lese diese auch nicht unbedingt. Die Geschichten müssen schon sehr gut erzählt sein, um mich überzeugen zu können. Aber es gibt natürlich auch wahre Kurzgeschichtenmeister – ich denke dabei beispielsweise an Alice Munro oder auch Tobias Wolff, von denen ich auch gerne Kurzgeschichten gelesen habe.

      Komik und Tragik halten sich die Waage und sind gut verteilt. Ich habe nicht das Gefühl, dass das eine unter dem anderen leiden würde … ich hätte nur gut auf das ein oder andere Tischgespräch verzichten können und dafür lieber meine Lieblingsgeschichten um ein paar Seiten verlängert 😉

      Ich bin gespannt, ob du zum dem Buch greifen wirst und wie es dir gefallen mag.
      Mara

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