Peehs Liebe – Norbert Scheuer

Norbert Scheuer wurde 1951 geboren und hat physikalische Technik und Philosophie studiert. Heutzutage lebt er in der Eifel und arbeitet als Systemprogrammierer. 2010 stand er mit seinem Roman “Überm Rauschen” auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis. Für seine bisherigen Veröffentlichungen hat Norbert Scheuer bereits zahlreiche Preise erhalten.

“Peehs Liebe” ist ein ungewöhnlicher Roman, der sich aus unterschiedlichen Zeit- und Erzählebenen zusammensetzt. Im Mittelpunkt steht die Lebensgeschichte von Rosarius Delamot. Rosarius wurde 1938 geboren, kurz vor dem Krieg.

“Mein Name ist Rosarius Delamot. Ich bin mit dem Delamot verwandt, der in Kall ein Friseurgeschäft hatte. Kathy, meine Mutter, schickte mich alle zwei Monate zu ihm in den Salon.”

Rosarius hat fuchsrote Haare und weiß nicht, wer sein leiblicher Vater ist, aber er glaubt, dass dieser als Archäologe gearbeitet hat und die Familie verließ, weil er nach einer noch unentdeckten Straße suchte. Aufgewachsen ist Rosarius mit seiner Mutter Kathy.

“Kathy hatte mir den ausgefallenen Vornamen Rosarius gegeben, weil ihr Ururgroßonkel so geheißen hatte. Sie war stolz auf diesen Vorfahren gewesen, der Anfang des 19. Jahrhunderts durch die Eifel gezogen war, um Mausefallen und andere Haushaltsgegenstände zu verkaufen.”

In seiner Jugend ist Rosarius nicht nur kleinwüchsig, sondern kann auch nicht sprechen. Es dauert bis zu seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr, bis er sein erstes Wort spricht. Das einzige, was er kann, ist summen. Als Rosarius sein erstes wirkliches Wort spricht, beginnt er gleichzeitig auf magische Weise auch damit, weiterzuwachsen. Seine Sprachlosigkeit führte dazu, dass er von seinem Umfeld häufig als der Doofe abgestempelt wurde. Als der, der nichts kann, nichts mitbekommt und nichts versteht. Doch Rosarius versteht viel mehr, als alle glauben wollen: er nimmt wahr, was um ihn herum passiert, macht sich Gedanken und scheint sehr viel intensiver zu fühlen, als viele seiner Mitmenschen. In seiner Kindheit verliebt sich Rosarius in Petra, die er immer nur Peeh nennen kann. Es ist faszinierend, wie Rosarius seine Zuneigung zu Peeh selbst wahrnimmt: er möchte Peeh mit allen Sinnen der Wahrnehmung erleben und in sich aufnehmen.

“Ich wusste plötzlich, dass alle Dinge, die ganze Welt, Peeh und ich zusammengehörten. Ich bemerkte verwundert, wie schön sie war, und verliebte mich in sie. Sie war das, was mir immer gefehlt hatte, um all die verwirrenden Dinge auf der Welt besser zu ertragen.”

Die Handlung springt zwischen unterschiedlichen Ebenen hin und her: in der Gegenwart befindet sich Rosarius mit seinen vierundsechzig Jahren in einem Altersheim, in dem er liebevoll von Annie gepflegt wird, die ihn an seine große Liebe Peeh erinnert. Annie lässt diese Verwechslung zu und Rosarius damit in dem Glauben, dass sie Peeh sei. Rosarius hatte einen Schlaganfall und infolgedessen eine halbseitige Lähmung und kleinere Verletzungen des Gehirns,

“[…] weshalb Rosarius oft verwirrt war. Er schien dann nicht zu wissen, wo er sich befand, redete sehr langsam und leise, machte lange Pausen, schien nachzudenken, versuchte sich offenbar zu erinnern, wartete auf Wörter und Gedanken, die vielleicht in seinem Kopf wimmelten wie Millionen winzige blinde Tierchen, er summte dabei und murmelte, kaum hörbar, im Rollstuhl sitzend, vor sich hin.”

Er erinnert sich immer wieder zurück an seine Kindheit, erinnert sich daran, wie er aufgewachsen ist, erinnert sich an die Ausflüge mit seinem Stiefvater Vincentini, mit dem er umherreiste. Damals bereisten sie lediglich die Eifel, doch in seinen Träumen war Rosarius schon überall auf der Welt. Zusammengehalten werden die einzelnen Ebenen durch den Hyperion von Hölderlin, den Rosarius nicht nur liest und zitiert, sondern mit dem es ihm auch gelingt, seine Gefühle und Emotionen auszudrücken.

Norbert Scheuers Roman “Peehs Liebe” zeichnet sich durch eine unheimlich lyrische und poetische Sprache aus, die dieses schmale Bändchen zu einem reichhaltigen Leseerlebnis werden lässt. Handlungsort ist, wie in vielen seiner anderen Romane, die Stadt Kall in der Eifel. Der Ort, in dem Norbert Scheuer auch heutzutage lebt. Kall ist wie ein Mikrouniversum voller seltsamer und skurriler aber auch liebenswerter Charaktere, die wie aus der Zeit gefallen wirken.

Zu Beginn des Romans fiel es mir schwer, mich bei den vielen unterschiedlichen Ebenen und zeitlichen Sprüngen zurechtzufinden, doch mit der Zeit fügten sich die einzelnen Stränge und Puzzleteilchen dann zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Der Roman überzeugt beinahe ausschließlich durch seine Sprache und seine punktgenaue Poetik, ohne größere Handlungshöhepunkte zu benötigen.

“Peehs Liebe” ist ein unaufgeregter und ruhiger Roman, der Gefahr läuft in der laut schreienden Masse an Neuerscheinungen fast schon übersehen zu werden. Ich kann nur dagegen anschreien und mit Vehemenz darauf hinweisen, dass es sich bei “Peehs Liebe” um ein wahres Kleinod handelt, um eine literarische Perle, die entdeckt und wie ein Schatz gehütet werden sollte.

10 Comments

  • Reply
    Karthause
    January 31, 2013 at 1:06 pm

    Das hört sich nach einem Roman an, der meinen Geschmack trifft. Der Autor ist mir allerdings unbekannt, ich glaube, das sollte ich ändern.

    Ich sehe, du liest gerade “Wer wir sind”. Darum schleiche ich schon lange herum. Deine Meinung dazu interessiert mich sehr.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      January 31, 2013 at 1:15 pm

      Liebe Karthause,

      ich kannte Norbert Scheuer zunächst auch nicht, werde nach dieser Lektüre aber sicherlich auch noch einige seiner anderen Bücher entdecken. Es freut mich auf jeden Fall, dass die Besprechung dich angesprochen hat. Ich finde es manchmal schade, dass solche eher ruhigen Bücher ein bisschen untergehen bei all den lauten Neuerscheinungen.

      “Wer wir sind” lese ich seit Dezember und habe bisher knappe 500 Seiten geschafft. Es dauer also noch ein bisschen. Bisher lese ich es aber sehr gerne! 🙂

  • Reply
    Frau Blau
    January 31, 2013 at 2:20 pm

    das macht mich sehr neugierig! vielen Dank für die Vorstellung, ich kenne Norbert Scheuer (noch) nicht!
    herzliche Grüße Ulli

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 2, 2013 at 3:02 pm

      Dann solltest du ihn bald kennenlernen, liebe Ulli! 🙂 Ich bin sehr gespannt, wie dir sein Buch gefallen wird, falls du es lesen solltest.

  • Reply
    Eva Jancak
    February 1, 2013 at 5:26 pm

    So unbekannt gar nicht, 2006 Preis beim Bachmannlesen, 2009 mit “Überm Rauschen” für den dBp nomiert, gelesen habe ich außer der Leseprobe in dem dBP-Büchlein allerdings auch noch nicht von ihm

  • Reply
    Eva Jancak
    February 1, 2013 at 5:28 pm

    So unbekannt gar nicht 2006 Preis beim Bachmannlesen, 2009 mit “Überm Rauschen” für den dBp nominiert. Gelesen habe ich außer der Leseprobe im dBp-Büchlein allerdings auch noch nichts von ihm.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 2, 2013 at 2:58 pm

      “Peehs Liebe” ist mein erstes Buch von ihm. “Überm Rauschen” steht aber schon auf der Wunschliste, ich möchte es mir sobald wie möglich kaufen. Wenn ich das richtig verstehe, spielen alle seine Bücher in Kall, mit demselben Figurenensemble, vielleicht ist das auf die Dauer auch ein wenig eintönig …

  • Reply
    flattersatz
    February 1, 2013 at 5:50 pm

    Gut gebrüllt, nein geschreit, Löwin! 🙂

  • Reply
    flattersatz
    February 1, 2013 at 5:52 pm

    noch mal ich… der roman heißt ja “Peehs Liebe”, tut also vom titel her so, als sei diese peeh die hauptperson, oder ist es ein etwas um die ecke gedachter titel?

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 2, 2013 at 2:50 pm

      Der Titel ist in der Tat dann doch eher um die Ecke gedacht, da Peeh ganz und gar nicht die Hauptperson des Romans ist. Es geht viel mehr um die Liebe von Rosarius zu Peeh und das Wiederaufkommen dieser Gefühle und Erinnerungen, als er seine Pflegerin begegnet.

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