Onno Viets und der Irre vom Kiez – Frank Schulz

Der Autor Frank Schulz ist Jahrgang 1957 und lebt als freier Schriftsteller in Hamburg. Für seine bisherigen Veröffentlichungen wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm “Mehr Liebe. Heikle Geschichten”. Mit seiner neuesten Veröffentlichung “Onno Viets und der Irre vom Kiez” stand er im vergangenen Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreis.

“Denn wenn es überhaupt irgend etwas gab, das ein Onno Viets konnte – das ein Onno Viets gar besser konnte als viele andere -, dann war es: sitzen.”

“Onno Viets und der Irre vom Kiez” erzählt die Geschichte von Onno “Noppe” Viets. Onno ist Mitte 50, Hartz-IV-Empfänger und Langzeitarbeitsloser. Alles, was er angefangen hat, hat er kurzerhand auch wieder abgebrochen. So liest sich dann auch sein Lebenslauf.

“Denn Onnos Laufbahn war so voller Stolpersteine, Schlaglöcher und Erdrutsche nicht wegen Faulheit. Nicht, daß er nicht faul wäre. Onno war faul. Verglichen mit Onno war Aas emsig. Doch war das nicht die Ursache für seine illustre Erwerbsbiographie. Er kämpfte ja stets gegen seine Trägheit an. Ausdauernd war er. Ausdauer hatte er wie eine Frau. Nein, begraben lag der Hund in dem sauren Grund, daß er einfach nichts so richtig konnte, unser Onno.” 

Onno kann mit seiner Lebenssituation aber im Grunde ganz gut leben, denn er besitzt etwas, das seine Freunde als “Charisma für Arme” bezeichnen. Doch dann sitzt ihm plötzlich nicht nur das Finanzamt im Nacken, sondern seine Frau Edda hat auch noch Geburtstag und wünscht sich doch schon so lange ein Fahrrad. Onno braucht also schnellstens eine Finanzspritze. Die Lösung für seine Probleme entdeckt er zufällig in einer Fernsehreportage: er wird Privatdetektiv!

“So, Sportsfreunde. Achtung, Achtung. Ich glaub’, ich werd’ Privatdetektiv. Öff, Öff.”

Von seinem Plan erfahren als erstes seine langjährigen Freunde vom Tischtennisverein, wo Onno den Ruf eines exzentrischen Spielers hat, der Noppensocken trägt und alles nicht so ernst nimmt, aber meistens nicht zu schlagen ist. Seiner Idee stehen sie zunächst skeptisch gegenüber:

“Einem Dreikäsehoch ließe man so was durchgehen, aber einem dreiundfünfzigjährigen Greis? Der in seinem Leben zudem bereits mit zahllosen Ausbildungen, Studiengängen und Erwerbstätigkeiten gescheitert war, sowie zweimal Konkurs gegangen?”

Aber Christopher Dannewitz, Erzähler des Romans und Onnos zweitältester Freund, verhilft ihm schließlich zu seinem ersten Auftrag: Nick Dolan, Sänger anzüglicher Schlager und Jurymitglied einer Porno-Casting-Show hat den Verdacht, dass sein Popsternchen Fiona fremdgeht. Onnos Auftrag ist es, Fiona mit ihrer möglichen Affäre auf einem Beweisfoto abzulichten. Obwohl dies Onnos erster Auftrag als Privatdetektiv ist, hat er schon bald Erfolg, doch dann kommt ihm Fionas Affäre, genannt “Händchen”, in die Quere. “Händchen” ist zwei Meter groß, wiegt 130 Kilo und auf dem Kiez gefürchtet wie kein zweiter. Sein erster Auftrag als Detektiv führt Onno am Ende sogar bis nach Mallorca, wo das Drama erst richtig beginnt und die Handlung sich rasant zuspitzt.

“Onno Viets und der Irre vom Kiez” wird als Krimi beworben, der Klappentext spricht sogar von der “spannungsgeladenen Handlung eines Thrillers”. Ich habe die Lektüre jedoch anders empfunden, das Buch war vieles für mich – aber eindeutig kein Krimi. Es ist sprachgewandt, satirisch, humoristisch und ein Roman über großartige Männerfreundschaften. Grundlage der Handlung sind natürlich Onnos Ermittlungen als Privatdetektiv und dennoch standen diese Kriminalromanelemente für mich bei der Lektüre des Romans nicht im Vordergrund.

Mit seinen Tischtenniskumpels hat Onno, der ewige Verlierer, enge Freunde, die trotz aller Frotzelein mit ihm durch dick und dünn gehen. Auch die Freundschaft, die sich zwischen ihm, Fiona und “Händchen” entwickelt, ist ungewöhnlich, da sie sich über jeglichen sozialen Status, jede Herkunft und alle Grenzen hinwegsetzt. Neben diesen wunderbar skurrilen Freundschaften, erzählt der Roman aber auch die Lebensgeschichte eines Mannes, der sich selbst bereits als gescheitert sah, denn Onno Viets hatte für sich schon lange keine Zukunft mehr gesehen. Das Abenteuer, in das er sich als Privatdetektiv stürzt, befreit Onno zum ersten Mal von einer erdrückenden Lethargie, sie sich im Laufe der Jahre des Scheiterns und Arbeitslosigkeit wie Blei über ihn ergoßen hat.

“Was aber ganz gewiß eine Rolle gespielt hatte, war, daß Onno seit langem mal wieder überhaupt eine Rolle gespielt hatte – jenseits der des Hartz-IV-Empfängers.”

Frank Schulz macht es dem Leser seines Buches nicht einfach, zu abgedreht erscheint die Handlung und ihre Wendungen an einigen Stellen. Und doch, abseits der Romanhandlung, die für mich nicht im Vordergrund steht bei dieser Lektüre, habe ich das Leseerlebnis genossen. Auf seine ganz eigene Art und Weise besticht das Buch durch eine ungeheure Sprachgewalt, die sich vor allem in Sprach- und Wortspielen zeigt. Frank Schulz erzählt eine skurrile Geschichte, voller absurder Charaktere und komischen Dialogen. Spielend wechselt der Autor dabei zwischen humoristischen Elementen und ernsten Passagen, die es vor allem dann gibt, wenn die Vergangenheit der Charaktere beschrieben wird.

“Onno Viets und der Irre vom Kiez” ist mehr als ein herkömmlicher Kriminalroman. Frank Schulz ist eine skurrile und lesenswerte Geschichte über Männerfreundschaften gelungen, die von einer Hauptfigur getragen wird, in die man sich verlieben könnte. Angereichert werden diese Zutaten mit einer amüsanten Gesellschafts- und Medienkritik, sowie einigen Ostfriesenwitzen. Prädikat: unbedingt lesenswert!

Wer noch nicht überzeugt ist, sollte vielleicht mal einen Blick in den Buchtrailer werfen:

10 Comments

  • Reply
    lme
    February 16, 2013 at 6:07 pm

    Danke! Das macht definitiv Lust das Buch zu lesen. Ich fühle mich ein bißchen an “Herr Lehmann” erinnert.
    Viele Grüße
    Laura von den Seitenspinnern

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 17, 2013 at 4:13 pm

      Liebe Laura,
      ich freue mich, dass dir meine Rezension und vielleicht ja auch der Buchtrailer Lust machen konnten! 🙂 “Herr Lehmann” habe ich seit Jahren im Regal stehen, bisher aber noch ungelesen. Kannst du es empfehlen?

  • Reply
    privatkino
    February 16, 2013 at 7:00 pm

    Ich habe das Buch mal geschenkt bekommen und es zur Seite gelegt, weil es eben als Kriminalroman beworben wird und es eigentlich eines der wenigen Genre ist, die ich überhaupt nicht lese. Thriller sind spannend, Krimis empfinde ich meist als zäh und langweilig, aber hier scheine ich mich dann ja wohl mal getäuscht zu haben. Rutscht jetzt ein großes Stück weiter vor auf der Leseliste!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 17, 2013 at 4:15 pm

      Ich lese eigentlich auch keine Kriminalromane, obwohl ich da in den letzten Wochen ein paar Ausnahmen gemacht habe. 😉 Mir war vor der Lektüre um ehrlich zu sein aber auch gar nicht so klar, dass es sich um einen Kriminalroman handeln soll, sonst hätte ich das Buch womöglich vielleicht gar nicht in Angriff genommen. Die Lektüre hat wirklich Spaß gemacht und ich kann diesen ungewöhnlichen Roman nur empfehlen. Ich wäre sehr gespannt, wie er dir gefallen wird, falls du ihn liest.

  • Reply
    Der Mann fur den Text
    February 16, 2013 at 8:43 pm

    Reblogged this on Der Bär liest.

  • Reply
    kommentarblog
    February 17, 2013 at 10:38 am

    Du könntest Dich in Onno verlieben, Mara, im Ernst? Wenn man von Tolkiens Orks, Melvilles Moby Dick und dem Personal eher ungewaschener Abenteuerromane absieht, fällt mir auf die Schnelle keine Romanfigur ein, die so stark riecht. Neben den Männerfreundschaften fand ich auch Onnos Beziehung zu seiner Edda ernsthaft berührend. Schöne Rezension jedenfalls. Ich schließe mich Deiner unbedingten Leseempfehlung an und erlaube mir, an dieser Stelle noch auf meine kleine Hommage an Onno & Co. zu verweisen:
    http://kommentarblog.wordpress.com/2012/11/16/hommage-an-frank-bodo-viets/

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 17, 2013 at 4:24 pm

      Das ist mir wohl im Überschwang meiner gestrigen Gefühle herausgerutscht. 😉 Verlieben trifft es sicherlich nicht ganz und doch hat mich Onno mit seiner liebenswerten Art sehr berührt. Du erwähnst ja auch bereits seine Beziehung zu Edda, genauso wie seine Männerfreundschaften mit den Tischtenniskumpels. Onno ist mir einfach bei der Lektüre des Buches unheimlich ans Herz gewachsen. Danke auch für deinen Hinweis auf deine kleine Hommage, da werde ich gleich mal schauen gehen.

      • Reply
        kommentarblog
        February 18, 2013 at 3:16 pm

        Aber ob Onno wirklich stark transpiriert oder ich mir das nur so vorstelle, würde mich ernsthaft interessieren? Ich habe den Eindruck, Literatur hält sich sehr zurück, wenn es um Gerüche geht? Von expliziten Ausnahmen wie “Das Parfüm” mal abgesehen. Dabei hängt doch so viel daran, denke ich jetzt – gerade im Zusammenhang mit deinem Interview mit Marica Bodrožić – welche Erinnerungen oft gerade an Gerüchen kleben? Literatur konzentriert sich oft auf Handlung, Gedanken und Geräusche, oder?

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          February 18, 2013 at 7:45 pm

          Lieber Kommentarblog,
          in der Tat, ich gebe dir Recht, können auch Gerüche und die Erinnerungen an Gerüche eine wichtige Rolle spielen. In der Literatur scheinen Gerüche – zumindest in den heutigen Veröffentlichungen – aber eher etwas Unangenehmes zu sein. Onno habe ich beim Lesen nicht mit mangelnder Hygiene verknüpft, da war ich aber vielleicht auch vor lauter Liebe etwas verblendet.
          Bei der Beschäftigung mit Gerüchen in der Literatur fällt mir aber natürlich der große Marcel Proust ein, oder auch Charles Baudelaire. Vielleicht sollte man mal wieder eine Renaissance der Gerüche anregen. 😉

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          February 18, 2013 at 7:49 pm

          P.S.: Bei Geruch fällt mir noch dieses Buch ein, das vor kurzem als Taschenbuch erschienen ist und das hier schon steht und darauf wartet gelesen zu werden. Ich werde berichten: http://www.keinundaber.ch/buecher_und_records/buecher/birnbaum_der_geruch_der_erinnerung/index.html

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