Marica Bodrožić – kirschholz und alte gefühle

Marica Bodrožić wurde 1973 in Dalmatien, dem heutigen Kroatien, geboren. Mit zehn Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Über ihre “Ankunft in Worten” hat sie in dem schmalen Bändchen “Sterne erben, Sterne färben” geschrieben. Heutzutage lebt Marica Bodrožić als freie Schriftstellerin in Berlin, zuletzt erschien von ihr der Roman „kirschholz und alte gefühle“, der zweite Teil einer Trilogie, deren Auftakt “Das Gedächtnis der Libellen” ist.

In “kirschholz und alte gefühle” erzählt Marica Bodrožić die Geschichte von Arjeta Filipo. Arjeta ist gerade in eine neue Wohnung gezogen. Es ist die dritte Wohnung, die sie in Berlin bezieht. Der Roman beginnt mit ihrem ersten Tag in ihrem neuen Zuhause.

“Ich wünsche mir plötzlich, dass alles immer so leer bleibt und alles Überflüssige verschwindet, sich nie bei mir einnistet. Was brauche ich wirklich? Welche Farben machen mich glücklich? Und warum? Den Dingen auf den Grund gehen, das will ich tun, nicht einfach immer nur alles sammeln und ablegen.”

In ihrer neuen Wohnung sitzt sie am Tisch ihrer Großmutter, einem Tisch aus Kirschholz, von dem sie sich nicht trennen kann. Sie sortiert Fotos, die ihr während ihres Umzugs von ihrer Mutter in Plastiktüten vor die Tür gestellt wurden. Fotos aus Kindertagen. Fotos aus Istrien, vom Meer. Die Fotos zwingen Arjeta in eine “Verlangsamung”. Sie erinnert sich. Erinnert sich zurück an ihre Kindheit und an die Vergangenheit.

“Ich gehe in die Küche und setze mich an Großmutters alten Kirschholztisch. Ich betrachte ihn. Er macht mich glücklich. Wenn er ein Gedächtnis hat und meine Theorie aus der Kindheit stimmt, muss ich ihn nur an einer Stelle mit dem Messer anritzen. Dann wird das Kirschholz bluten und erzählen, wird mit allem herausrücken, mit allem, was der Baum in den letzten hundert Jahren gehört und gesehen hat.”

Sieben Tage umfasst das Zurückblicken und Erinnern von Arjeta. Sieben Tage lang taucht sie ab in die Vergangenheit. Plötzlich befindet sie sich wieder am Meer, wo sie als Kind ihre Urlaube verbracht hat. Sie erlebt die Augusttage in Istrien. Sie ist wieder in Paris, wo sie zum Studium an der Philosophischen Fakultät hinzieht und auf ihre erste große Liebe Arik trifft. Sie erinnert sich, wie sie dort einen Freund fürs Leben findet, den Vogelkundler Mischa Weisband, der ihr die Maulbeerbäume und Blauglockenbäume zeigt. Sie sitzt wieder in der kleinen Wohnung ihrer Freundin Nadeshda, die ihr das Handwerk des Nähens beibringt. Im Zentrum der Erinnerung steht immer wieder die belagerte Stadt, die im Roman namenlos bleibt, bei der es sich aber wohl um Sarajewo handelt – die Stadt, in der Arjeta ihre beiden Brüder durch eine Mine verliert und in der sie ihre Eltern zurücklässt, als sie zum Studium nach Paris geht.

Erinnerungen und  das Gedächtnis spielen in dem Roman von Marica Bodrožić eine zentrale Rolle. Arjeta hat “kleine Risse im Bewusstsein”, “Lücken” in ihrer Erinnerung, “Pausen” im Gedächtnis.

“Es geschah zum ersten Mal, als ich sechs Jahre alt war. 1978. Onkel Milan und Tante Sofija verschwanden mitten im Sommer aus unserem Leben. […] Ich erlebte zum ersten Mal die beunruhigenden Absencen, die mich später mehr als alles andere zu mir selbst führten. Aber damals gab es mich nicht in den Lücken, und alles, was ich mit meinen Gedanken berührte, war ein schwarzes Nichts. Ich hatte immer gedacht, dass ich über die Lücken einfach hinweggehen könnte, langsamen Schrittes, wie über einen zugefrorenen See. Aber ich habe nicht gewusst, dass die Lücken irgendwann schmelzen, dass man einbrechen kann.”

Die belagerte Stadt, die in Arjetas Erinnerungen immer wieder eine zentrale Rolle spielt, ist ein Ort des Schreckens, der Bomben, der Gefahr. Eine der beeindruckendsten und berührendsten Passagen des Romans beschäftigt sich mit der belagerten Stadt und mit den Eltern, die Arjeta dort zurückgelassen hat. Sie musste sich selbst retten, aber das Leben, was sie nun in Paris führt, trennt sie von den Zurückgebliebenen, da es ihr Erfahrungen bietet, die sie mit ihren Angehörigen nicht mehr teilen kann. Es war vor allem die folgende Passage, die sich mir ins Hirn eingebrannt und ins Gedächtnis geschrieben hat, da dort ein Prozess angeklingt, den wahrscheinlich jedes Kind an einem Punkt in seinem Leben durchleben muss: irgendwann muss man loslassen, irgendwann ist das Leben, das die Kinder leben nicht mehr mit den Eltern teilbar.

“Meine Mutter und mein Vater sind in der Stadt geblieben. Keller. Ängste. Granaten. Hunger. Feuer. Flammen. Überall Flammen. Fensterlose Häuser. Ich hingegen darf in Paris spazieren gehen, kann auf das Konto bei der Crédit Lyonnais zurückgreifen. Ich habe mein Leben. Ich habe ein Stipendium. Ich bekomme, Geld, weil die Kommission offensichtlich jemanden retten wollte, aber ich wäre ohnehin nach Paris gekommen, um das zu tun, was ich tat: zu studieren, Bücher zu lesen. Kurz, ich habe überlebt. Während die zu Hause Gebliebenen hungern. Und leiden. Und um ihr Leben bangen. Sie zählen hauptsächlich Granaten und sind mit dem Auflisten von Toten beschäftigt. Ich esse Crossaints. Sie schmecken gut. Ich kann sie nicht mit Mutter und Vater teilen. Noch lebt mein Vater. Noch könnte ich ihn sehen und wenigstens zum Abschied umarmen. Aber das wird mir, das wird uns beiden nicht gewährt. Nicht kann ich mehr mit meinem Vater, nichts mit meine Mutter teilen.”

In “kirschholz und alte gefühle” erzählt Marica Bodrožić vom Erinnern und Bewahren. Vom Gedächtnis und der Vergangenheit. Sie erzählt aber auch vom Vergessen und davon, warum es manchmal besser sein kann, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, denn “alle Bilder sind überholt”.

“Ich werde die Fotos nicht behalten. Weiter, ins Jetzt. Ich packe sie in eine große Kiste wie in ein Grab. Ich bestatte sie. Für immer. Sie sind die Oberfläche, die Rinde, unter der unser wahres Leben wohnt, die Summer unserer Tage.”

Marica Bodrožić ist mit “kirchholz und alte gefühle” ein beeindruckender Roman gelungen. Sie entfaltet in ihrem Text eine Sprachmelodie, die mich beim Lesen verzaubert hat. Ich habe mich wie auf sanften Wellen gefühlt, schaukelnd auf dem Fluss der Erinnerung. Jedes Wort stimmt. Jeder Satz passt. Alles fühlt sich unheimlich stimmig an. Manche Passagen sind so schön, das ich sie mir laut vorlesen musste, um sie noch besser genießen zu können und um die Worte in mich aufzunehmen, sie einzusaugen, für immer bewahren zu können. Ich glaube, dass Marica Bodrožić eine der wichtigsten Stimmen deutscher Literatur werden kann, wenn sie es nicht schon ist, denn neben der sprachlichen Schönheit des Textes widmet sie sich auch einem wichtigen gesellschaftspolitischen Thema. Sie schreibt über den Bürgerkrieg in Jugoslawien. Sie schreibt über einen Krieg, der Arjeta ihrer Heimat und ihrer Familie beraubt. Ihr traumatisches Schicksal ist kein Einzelschicksal, sondern das Schicksal vieler Kriegsflüchtlinge. Umso wichtiger empfinde ich es, dass Marica Bodrožić diesen Opfern des Krieges eine Stimme gibt und damit den literarischen Blick auf einen Krieg richtet, der ganz in unserer Nähe existierte und von dem man dennoch kaum etwas wahrgenommen hat.  

10 Comments

  • Reply
    literaturen
    February 18, 2013 at 11:46 am

    Eine beeindruckende Besprechung und offensichtlich ein beeindruckendes Buch. Erinnerung (oder das Fehlen selbiger) ist in meinem Leben ein sehr zentrales Thema. Danke für diesen Tipp! Ich habe gerade gesehen, dass Marica Bodrožić auch hier gelesen hat. Leider zu spät. Das Buch wandert dennoch auf die niemals endende Liste der beachtenswerten Bücher.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 18, 2013 at 7:26 pm

      Schade, dass du die Lesung von Marica Bodrožić verpasst hast – wobei ich mir auch nicht sicher bin, ob sie wirklich viel lesen konnte, denn sie war ja schon in Bremen unheimlich erkältet. Ich wäre sehr gespannt darauf zu erfahren, wie dir das Buch gefällt. Ich selbst habe es kurz nach meiner Lektüre von “Das Buch des Vergessens” gelesen und war erstaunt darüber, wie stark auch bei Bodrožić die Themen Erinnerung und Gedächtnis eine Rolle spielen. Eine wirklich sehr lohnenswerte und lesenswerte Lektüre. 🙂

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    Eva Jancak
    February 18, 2013 at 2:58 pm

    Sehr schön, bin gespannt, um an die Diskussion von vorletzter Woche anzuknüpfen, ob ich das Buch jemals in einen der Bücherkästen oder Kisten finde, was dann meine Lesezahl wieder hinaufsetzen würde, wenn nicht, werde ich etwas anderes finden und derzeit grüble ich gerade an der Frage, ob ich am Abend in die Alte Schmiede gehen soll, denn da ist Anna Weidenholzer mit “Der Winter tut den Fischen gut”, in den Textvorstellungen, aber ich habe das Buch ja schon gelesen und betone immer, nicht zu Lesungen zu gehen, wo ich das Buch schon kenne und habe auch ein ganz interessantes Schmankerl aus dem Jahr 1949 über das Wien um 1900 an dem ich gerade lese und “Kerstins Achterln” sollte ich auch noch einmal korrigieren.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 18, 2013 at 7:40 pm

      Liebe Eva,
      ich drücke dir die Daumen, dass dir dieses oder eines der anderen Bücher von Marica Bodrožić über den Weg laufen mag. Berichte doch bitte, falls dies der Fall ist. 🙂 Über deine Haltung, nicht zu Lesungen zu gehen, deren Bücher du bereits kennst, hattest du bereits an anderer Stelle berichtet – ich finde das sehr spannend, da ich häufig Lesungen besuche, deren Bücher ich schon kenne und kaum mal eine, bei der ich das Buch noch nicht kenne. Gibt es einen bestimmten Grund für deine Haltung? Eine Lesung von Anna Weidenholzer in Bremen würde ich mir auf jeden Fall nicht entgehen lassen. 😉

      • Reply
        Eva Jancak
        February 18, 2013 at 9:17 pm

        Ja, natürlich, Zeitgründe, der Tag hat vierundzwanzig Stunden und wenn man eine Praxis, Familie hat, derzeit drei Schreibprojekte, ein paar hundert ungelesene Bücher, ist es vielleicht gut, sich den Tag zeitökonomisch einzuteilen und da bin ich ganz gut darin. Obwohl es sonst kein Argument dafür gibt, denn man versäumt natürlich immer etwas. Gehe ich zu Lesungen, habe ich einen Ausschnitt, aber die Diskussion und den persönlichen Kontakt. Lese ich dann das Buch, habe ich einen ganz anderen Eindruck und höre ich bei einer Lesung das Ganze wieder, erlebe ich auch wieder etwas ganz anderes, die Journalistin Gabi Madeja, neben der ich bei der Krechel-Lesung gesessen bin, hat mir von der interessanten Stimme vorgeschwärmt, warum sie wiedergekommen ist. Aber wenn ich es so mache, glaube ich, daß ich es mir am besten eingeteilt habe. So bin ich heute nicht in die alte Schmiede gegangen, obwohl dort auch eine Autorin gelesen habe, die ich noch nicht kannte, habe meinen Text korrigiert und das Buch gelesen und zum Glück gibt es in Wien immer noch so viele Lesungen, daß man sich das leisten kann und Anna Weidenholzers Aufstieg habe ich auch ganz gut verfolgten können.

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          buzzaldrinsblog
          February 21, 2013 at 7:43 pm

          Liebe Eva,
          natürlich kann ich verstehen, dass du dich auch zeitökonomisch orientieren musst bei all deinen Interessen und Aufgaben, dass ergeht mir ja nicht anders und aus diesem Grund konnte ich diese Woche auch leider nicht die Lesung mit Ursula Krechel in Bremen besuchen worüber ich sehr traurig gewesen bin. Ich habe aber das Gefühl, dass es in Wien ein sehr breites kulturelles und literarisches Angebot gibt. In Bremen finden zwar auch einige Lesungen statt, aber leider auch nicht so viele. Deshalb versuche ich immer zu so vielen wie möglich zu gehen, natürlich, um auch Kontakte zu knüpfen, aber auch um die Autoren und Autorinnen live beim Lesen zu erleben und auch im anschließenden Gespräch. So etwas finde ich immer sehr interessant.

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    lesesilly
    February 19, 2013 at 6:02 am

    Liebe Mara,
    Deine Rezension macht wirklich Lust auf das Buch. Die Sprache der Autorin scheint beeindruckend zu sein. Es ist wahrscheinlich ein Buch, für das man sich viel Zeit nehmen muss. Ist es eigentlich empfehlenswert, zuerst den ersten Teil zu lesen oder sind die Bücher unabhängig voneinander?
    LG
    lesesilly

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      buzzaldrinsblog
      February 20, 2013 at 2:00 pm

      Liebe Lesesilly,
      um die Sprache der Autorin wirklich genießen zu können, braucht man in der Tat ein wenig Zeit und Ruhe. Besonders beeindruckend war auch die Lesung, da die Autorin selbst nicht lesen konnte, hat ein Zuschauer und der Moderator gelesen – beides Männer. Unheimlich faszinierend, wie anders ein Text auf einen wirken kann, wenn er von einem Mann gelesen wird. In meinem Kopf habe ich verständlicherweise beim Lesen immer eine Frauenstimme gehabt.
      Ich kenne den ersten Teil noch nicht, möchte ihn aber bald lesen. Ich hatte aber auch ohne das Vorwissen von Teil eins keine Probleme bei der Lektüre des Romans, die Bücher scheinen auch unabhängig voneinander lesbar zu sein.
      Liebe Grüße
      Mara

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    Ein Jahr in Büchern … | buzzaldrins Bücher
    December 29, 2013 at 1:04 pm

    […] “Ich wünsche mir plötzlich, dass alles immer so leer bleibt und alles Überflüssige verschwindet, sich nie bei mir einnistet. Was brauche ich wirklich? Welche Farben machen mich glücklich? Und warum? Den Dingen auf den Grund gehen, das will ich tun, nicht einfach immer nur alles sammeln und ablegen.” (aus: Marica Bodrožić – kirschholz und alte gefühle) […]

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    Mein weißer Frieden - Marica Bodrožić - Buzzaldrins Bücher
    April 7, 2015 at 5:21 pm

    […] Marica Bodrožić: Mein weißer Frieden. Roman. Luchterhand Verlag, München 2014. 336 Seiten. €19,99. Auf diesem Blog gab es bereits ein Interview mit der Autorin und eine Besprechung ihres Romans kirschholz und alte gefühle. […]

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