Sommertöchter – Lisa-Maria Seydlitz

Lisa-Maria Seydlitz wurde 1985 in Mannheim geboren. Nach ihrem Abitur zog sie nach Hildesheim, wo sie an der Universität Literarisches Schreiben studierte. Es folgte ein Frankreichaufenthalt an der Université de Provence Aix-Marseille. Trotz ihres jungen Alters war sie bereits als Herausgeberin der Literaturzeitschrift BELLA triste tätig und Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses. Der Roman “Sommertöchter”, der im vergangenen Jahr erschien, ist ihr Debüt als Schriftstellerin.

In “Sommertöchter” erzählt Lisa-Maria Seydlitz die Geschichte von Juno. Acht Jahre nach dem Tod ihres Vaters erhält sie ganz unerwartet Post, die sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert: in einem anonymen Brief erfährt sie davon, dass sie ein Fischerhaus in der Bretagne erbt. Juno macht sich auf zu einer Reise nach Frankreich, zu einer Reise in die Vergangenheit, die sie glaubte, schon lange hinter sich gelassen zu haben. Diese Reise wird ihren Blick zurück auf das was war für immer verändern, denn sie erfährt Dinge über ihren Vater und dessen Leben, von denen sie zuvor nichts wusste. Juno ist nicht die einzige, die Interesse an dem Fischerhaus hat – da gibt es auch noch die französische Kellnerin Julie und den Architekten Jan aus Deutschland.

“‘Liebe Juno, das Haus steht schon so lange leer’, so beginnt der Brief, geschwungene Buchstaben, kaum eine Seite lang. Außerdem liegt ein Polaroidfoto im Umschlag, es zeigt ein weißes Fischerhaus mit Fensterläden aus braunem Holz und einem roten Dach, davor steht ein Apfelbaum. Am weißen Bildrand ist eine französische Adresse notiert und der Name des Dorfs: Coulard.”

Für Juno eröffnen sich viele Fragen als sie diesen Brief erhält: wer ist der Verfasser und woher weiß dieser von Juno? Die Schrift ist ihr unbekannt und ihre Mutter weigert sich, ihr zu helfen. Junos Kindheit wurde überschattet vom Tod des Vaters, der alles veränderte. Ihre Mutter hat sich danach entschieden ein neues Leben zu beginnen, mit einem neuen Partner und einem zweiten Kind. Juno ist mitgekommen in dieses neue Leben und dennoch gibt es immer noch Fäden, die sie mit der Vergangenheit verbinden. Sie ist das Kind eines Vaters, den es nicht mehr gibt, der sich langsam fort geschlichen hat aus dem gemeinsamen Familienleben.

“Nachts liege ich wach im Bett, ich finde keinen Schlaf. In den Häusern gegenüber brennt noch vereinzelt Licht. Die Digitalanzeige des Radioweckers zeigt rot leuchtend 3:17 Uhr an. Ich stehe auf und gehe ins Badezimmer. Ich lasse kaltes Wasser in die Wanne und steige hinein, ich tauche so lange unter, bis ich keine Luft mehr habe und mich japsend wieder aufrichte.”

Gemeinsam mit Juno habe ich mich als Leser aufgemacht zu einer Reise in die französische Bretagne, aber auch zu einer Reise zurück zu den Erinnerungen an den verstorbenen Vater. Die Erinnerungen an den Vater sind zunächst überwiegend bruchstückhaft, Fetzen der Vergangenheit, die einer kindlichen Perspektive geschuldet sind, die im Laufe des Romans bis zur Auflösung am Ende jedoch ein immer genaueres Gesamtbild ergeben.

“Ich steige aus und bin nervös, als erwarte mich jemand, als säße jemand in der Bar, der mir meine Geschichte erzählen, meine Erinnerungen mit seinem Wissen auffüllen und so die Lücken schließen wolle, von denen ich erst seit ein paar Tagen vermute, dass es sie geben muss.”

“Sommertöchter” überzeugt mich vor allem mit einer wunderschönen und poetischen Sprache, mit kurzen und prägnanten Sätzen, die beim Lesen eine ungeheure Wucht und Sogkraft entwickeln. Die Beschreibungen der Gegenwart, des Aufenthalts von Juno in Frankreich, habe ich als sehr stimmig und authentisch empfunden. Vor meinem inneren Auge habe ich beinahe schon ein Bild dieses Ferienhauses gesehen und dort mit Juno, Julie und Jan gelebt – als so lebensnah und echt habe ich die Beschreibungen empfunden, als würde mir die französische Sonne beim Lesen auf die nackte Haut strahlen. Persönlich noch stärker berührt haben mich jedoch die Blicke zurück in Junos Vergangenheit, die stellenweise wie Schlaglichter aufleuchten und mir beim Lesen manchmal die Luft zum Atmen geraubt haben. Trotz ihres jungen Alters merkt Juno früh, dass etwas mit ihrem Vater nicht stimmt, ohne genau einordnen zu können, warum er manchmal morgens nicht aufsteht, häufig bei der Arbeit fehlt und die meiste Zeit vor dem Fernseher sitzt.

“Ich will nicht darüber nachdenken müssen, ob mein Vater heute wieder zu Hause geblieben ist, will nicht die Haustür hektisch aufschließen, ins Bad rennen und die Tablettenschachteln in einer Schublade oder unter einem Tuch verstecken.” 

Das Wort Depression fällt an keiner Stelle im Buch und doch glaube ich, dass Junos Vater am Leben krankte. Junos Mutter schließt mit dem Tod des Vaters gleichzeitig auch dieses Kapitel ihres Lebens, wie eine Tür, deren Schlüssel sie wegwirft.

“Es sei vorbei, sagt sie, es sei Vergangenheit, wir müssten in die Zukunft schauen.”

Lisa-Maria Seydlitz ist mit ihrem Roman “Sommertöchter” ein ungewöhnliches aber dennoch unheimlich eindrückliches Debüt gelungen. “Sommertöchter” erzählt eine Familiengeschichte, erzählt aber gleichzeitig auch die Geschichte eines Endes und eines Neuanfangs und davon, warum es manchmal wichtig sein kann, von vorne zu beginnen und sich aus der Vergangenheit zu lösen. Trotz der französischen Sonne liegt auch viel Schwermut und Traurigkeit in diesem Buch, das mich sehr tief berührt hat. Lisa-Maria Seydlitz ist eine junge Schriftstellerin, von der ich mir noch viel erhoffe und erwarte!

10 Comments

  • Reply
    lme
    February 20, 2013 at 1:35 pm

    Vielen Dank hierfür. Der Roman kommt gleich auf meinen Wunschzettel!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 20, 2013 at 1:52 pm

      Freut mich, dass dich meine Besprechung überzeugen konnte. Ich wünsche dir ganz viel Spaß bei der Lektüre! 😀

  • Reply
    lesesilly
    February 21, 2013 at 5:45 am

    Liebe Mara,
    dieses Buch habe ich im letzten Sommer “gefressen”. Die Geschichte und die Schreibweise der Autorin haben mich sehr beeindruckt. Ein wahres “Schmankerl”.
    LG
    lesesilly

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      February 21, 2013 at 2:37 pm

      Liebe lesesilly,
      es freut mich, dass dir das Buch ähnlich gut gefallen hat, wie mir. Auch ich habe es “gefressen”, die knappen 200 Seiten hatte ich in kürzester Zeit ausgelesen, weil ich den Roman einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte. Das Buch ist sicherlich ein perfektes Sommerbuch, ich habe beim Lesen unheimlich Lust auf einen Abstecher in die Bretagne bekommen.
      🙂

  • Reply
    Eva Jancak
    April 18, 2013 at 3:49 pm

    Das gabs jetzt auch beim Buchhändler für einen Euro, mal sehen ob ich es in diesen Jahr noch zu lesen schaffen, so prägen sich die Bücher aber wahrscheinlich ein

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 19, 2013 at 12:06 pm

      Ich bin gespannt darauf, liebe Eva, wann du das Buch lesen wirst und ob es dir ähnlich gut gefallen wird, wie mir. 🙂

  • Reply
    Sommertöchter | Literaturgefluester
    July 25, 2013 at 11:08 pm

    […] “Sommertöchter”, 2012 bei Dumont, der 1985 geborenen Lisa-Maria Seydlitz, den Buzzaldrin, glaube ich, im Februar auf ihren Blog besprochen habe, im März oder so, kurz nachdem ich mir […]

  • Reply
    DuMont-Verlag lud zum Bloggertreffen! | buzzaldrins Bücher
    August 25, 2013 at 4:41 pm

    […] “Sommertöchter”, der Roman, der uns allen geschenkt wurde, gehörte auch für mich, zu einem der ganz besonderen Bücher, die ich in letzter Zeit verschlungen habe. Ihr könnt das Buch bei mir gewinnen, wenn ihr mir bis zum 3.9.2013 verraten mögt, wie euch das Herbsprogramm des DuMont Buchverlags gefällt, welches der neuen Bücher ihr auf jeden Fall lesen wollt oder auch zu welchem Buch ihr euch von mir eine Rezension wünscht. Ich bin gespannt und freue mich auf eure Kommentare! […]

  • Reply
    Annegret
    August 28, 2013 at 7:56 am

    Hallo Mara,

    Deine Rezension hat mich neugierig gemacht. “Sommertöchter” – ein Buch, das ich unbedingt auch lesen muß!

    Danke.

    LG
    Annegret

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 30, 2013 at 5:22 pm

      Liebe Annegret,

      oh, das freut mich sehr – vielleicht hast du ja Losglück und ansonsten wünsche ich dir trotzdem schon einmal viel Spaß bei der Lektüre, ich habe das Buch nämlich wirklich gerne gelesen. 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

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