Bist du noch wach? – Elisabeth Rank

Elisabeth Rank wurde 1984 in Berlin geboren. Sie hat Publizistik, Kommunikationswissenschaften und Europäische Ethnologie studiert. Seit einigen Jahren arbeitet sie als freie Autorin für unterschiedliche Magazine, außerdem ist sie im Bereich Digitale Markenführung tätig. Ihr Debütroman “Und im Zweifel für dich selbst” erschien im Jahr 2010. Lesenswert sind bereits die Texte, die man auf ihrem Blog findet – doch Vorsicht, wenn man erst mal anfängt dort zu lesen, läuft man Gefahr, nicht mehr aufhören zu können. Ich freue mich, dass ich der Autorin fünf Fragen stellen durfte.

“Aber wenn wir dann alt sind, Konrad, und auf diese Tage zurückschauen, werde ich dasitzen und sagen, mit dir habe ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht. Das wird sich nicht ändern, das nicht.”

Das Zitat auf der ersten Seite, ein Ausschnitt aus dem Lied “Sunset” von The XX, fasst das zentrale Thema des Romans in wenigen Worten zusammen: “When I see you again / And I’m greeted as a friend / It is understood / That we did all we could.” In Elizabeth Ranks mittlerweile zweiten Roman “Bist du noch wach?” geht es um Freundschaft, Abschied und vielleicht, möglicherweise, wenn alles gut läuft, auch um Neuanfänge.

Elisabeth Rank erzählt die Geschichte einer Freundschaft: Rea und Konrad sind Mitbewohner und die allerbesten Freunde. Ihre Tage verbringen sie gemeinsam, häufig verstehen sie sich blind und kennen die Wünsche und Bedürfnisse des anderen ohne viele Worte. Doch dieses Vertrauen, diese tiefe Freundschaft, die Rea den sicheren Boden unter ihren Füßen garantiert, wird langsam brüchig und porös, als Konrad eine Frau kennen lernt. Rea, die bald dreißig wird, muss feststellen, dass sich das Leben manchmal verändert, dass Dinge sich manchmal wandeln und Menschen Abschied nehmen und getrennte Wege gehen – auch wenn man das eigentlich gar nicht möchte.  Doch es ist nicht nur Konrad, der Rea verlässt, auch ihr Vater, liegt erneut im Krankenhaus und die aufgelöste Mutter ist Rea keine Hilfe dabei, den drohenden Verlust des Vaters verarbeiten zu können.

“Ich legte den Kopf auf die Tischplatte, die Wange aufs Papier, ich sah ihn an, wie er dort saß, und dachte, wir sind doch auch nicht mehr das, was wir mal waren, Konrad, wo sind wir denn hin, du bist gealtert, und ich habe es nicht mitbekommen.”

Konrad ist der Mensch, mit dem Rea ihr Leben freiwillig teilt. Sie hat ihn sich ausgesucht. Konrad ist derjenige, in dessen Bett sie manchmal kriecht, ohne, dass er nervige Fragen stellt. Konrad ist immer da, wie eine unverrückbare Konstante in Reas Leben. Es gibt natürlich auch noch andere Männer in Reas Leben, doch keiner hält ihren Erwartungen stand – auch wenn sie immer wieder betont, dass sie doch eigentlich gar keine Erwartungen hat. Und doch beschleicht einen beim Lesen das Gefühl, dass sie jeden Mann an dem misst, was sie mit Konrad hat.

“[…] es war Albert, der von Anfang an nicht gewesen war, was ich mir versprochen hatte, und ich war von Anfang an nicht gewesen, was ich ihm versprochen hatte, nicht einmal ansatzweise.”

Auf knapp 250 Seiten wird die Geschichte von Rea und Konrad von vorn erzählt, von dort, wo sie ihren Anfang genommen hat. Bis zu dem Moment, wo sich alles zwischen ihnen verändert. Bis zu dem Moment, wo Rea in die gemeinsame Wohnung zurückkehrt und ihr bewusst wird , dass sich zwischen ihnen etwas verschoben hat. Dieser Prozess war langsam, aber die Lücke die dort nun klafft, ist kaum noch zu überbrücken.

“[…] ich sah ihn an und erkannte ihn nicht wieder, das gehörte wohl dazu, dachte ich, so ist das eben gerade, aber ich vermisste ihn so sehr, er musste doch da irgendwo noch sein, das hier war schließlich mein zweites Zuhause, und ich ging hin zu dem Fremden, und ich nahm die Entfernung zwischen ihm und mir mit beiden Händen und schaufelte mich hindurch, und dann legte ich meinen Kopf an seine Brust, und er umarmte mich mit den Birnen in der Hand, zwei davon lagen auf meinem Schulterblatt, und dann weinte ich einfach, ich konnte gar nichts machen, es lief einfach so aus mir heraus.”

Elisabeth Rank ist mit “Bist du noch wach?” ein sensibler und feinfühliger Roman gelungen, der von Freundschaft, Abschieden und Anfängen erzählt. Überzeugend ist der Roman vor allem sprachlich. Der Text liest sich wie in einem Fluss, in gewißerweise unheimlich poetisch und doch gleichzeitig wie von leichter Hand erzählt. Die Autorin trifft dabei einen eingängigen und ganz eigenen Ton, der direkt vom Ohr in Herz und Hirn geht und sich dort fest setzt. Elisabeth Rank erschafft wunderschöne Sprachbilder, die aber auch gleichzeitig herzzerreißend sein können. Einige von ihnen haben sich bei mir ins Gedächtnis eingenistet, so dass ich sie auch nach dem Zuklappen des Buches immer noch im Herzen trage. Ich denke dabei an die Hornhaut auf der Seele oder Sätze wie diese: “Abends am Küchentisch saß ich wie an einer fremden Küste angespült.” “Ich hab immer gedacht, Konrad wäre mein Zuhause. Aber ich glaube, ich bin ausgezogen.” “[…] und dann heule ich doch, weil er immer noch Konrad ist und weil ich noch Rea bin, wir aber nicht mehr wir sind.”

“Weißt du, ich hör ja schon auf […], ich hör schon auf zu glauben, dass immer alles gleich bleiben kann und sofort passieren muss, aber manchmal frage ich mich, ob manches überhaupt noch irgendwann passiert. Oder bleibt. Einfach nur mal so bleibt, wie es ist. Ein paar Sekunden lang.”

Ich könnte immer so weiter machen und Stellen aus dem Roman zitieren, doch eigentlich bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sagen: lest dieses Buch! Lest diesen zarten Roman, der dennoch so viel Kraft hat. Ein bisschen so, wie seine Hauptfigur Rea. Ein Buch über das Zerbrechen einer außergewöhnlichen Freundschaft, ein Buch über das Abschiednehmen und darüber, dass man im Leben manchmal getrennte Wege gehen muss. Ach ja, sagte ich schon lesen? Lesen! So schnell wie möglich!

14 Comments

  • Reply
    sommerdiebe
    March 12, 2013 at 11:08 am

    Schöne Rezension. Macht neugierig 😉

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 12, 2013 at 4:07 pm

      Freut mich! 🙂 Ich kann dir das Buch nur ans Herz legen, es ist was ganz Besonderes! 🙂

  • Reply
    caterina
    March 12, 2013 at 11:42 am

    Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieses Buch das Zeug zum “Bloggerbuch des Jahres” hat, wenn es eine solche Auszeichnung tatsächlich gäbe. Wie letztes Jahr Ich nannte ihn Krawatte. Mal sehen. Ich will es auf jeden Fall lesen und bin nach deiner Besprechung sehr gespannt darauf!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 12, 2013 at 4:06 pm

      Vielleicht sollten wir für dieses Jahr eine solche Auszeichnung mal einführen, wäre das nicht eine Idee wert? 🙂 Dein Gefühl teile ich aber, ich glaube auch, dass der Roman das Zeug dazu hätte – ich habe ihn auf jeden Fall sehr gerne gelesen und hatte vor allem an der Sprache viel Freude. Das Romandebüt der Autorin “Und im Zweifel für dich selbst” liegt hier schon bereit, um gelesen zu werden. 🙂

  • Reply
    lesesilly
    March 12, 2013 at 12:05 pm

    Das klingt ja wieder sehr verlockend. Wandert auf alle Fälle auf meinen Wunschzettel, der aber bereits soooo lang ist. Wo soll ich nur anfangen?
    Auf alle Fälle vielen Dank für die tolle Rezension und das interessante Interview mit der Autorin.
    LG
    lesesilly

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 12, 2013 at 4:05 pm

      Liebe lesesilly,
      ich habe heute Mittag die Literaturbeilage der Süddeutschen Zeitung zur diesjährigen Leipziger Buchmesse verschlungen und stelle mir nun eine ähnliche Frage: wann soll ich das nur alles lesen und wo soll ich anfangen? 🙂
      Ich freue mich auf jeden Fall sehr darüber, dass dir die Besprechung gefallen hat. Zum Glück läuft das Buch ja nicht weg – wenn du dich entscheiden solltest, es zu lesen, wünsche ich dir ganz viel Spaß und Freude dabei.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Wortgalerie
    March 12, 2013 at 1:10 pm

    Eine schöne Besprechung und ich bin mir sicher, dass du mit keinem Wort übertrieben hast 🙂 Den Roman werde ich auf jeden Fall lesen!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 12, 2013 at 4:02 pm

      Liebe Wortgalerie,
      danke für deinen Kommentar. 🙂 Ich freue mich, dass ich dich mit meiner Besprechung überzeugen konnte. Wenn du dich entscheiden solltest, den Roman zu lesen, wirst du es auf gar keinen Fall bereuen. “Bist du noch wach?” ist ein wirklich ganz tolles Buch.

  • Reply
    elfboxbuecher
    March 12, 2013 at 8:16 pm

    Nach deiner wunderbaren Besprechung empfehle ich dir ein nahtloses Übergleiten in “Und im Zweifel für dich selbst” von Elisabeth Rank. Ich habe es vor längerer Zeit gelesen und bin noch immer geplättet davon. Hier der Link direkt zum Buch http://www.suhrkamp.de/buecher/und_im_zweifel_fuer_dich_selbst-elisabeth_rank_46143.html

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 14, 2013 at 7:58 pm

      Liebe Claudia,
      ganz lieben Dank für deinen Kommentar. “Und im Zweifel für dich selbst” liegt hier schon bereit und wartet nur noch darauf gelesen zu werden. Ich freue mich schon sehr auf die Lektüre. 🙂

  • Reply
    Tanja
    March 13, 2013 at 9:26 pm

    “…lest dieses Buch! Lest diesen zarten Roman, der dennoch so viel Kraft hat.” Liebe Mara, mir reicht das schon wieder mit Ihnen da hinten. Deine Besprechung hat mich gepackt und deine letzten Zeilen verheißen nichts Gutes für mich. Oder doch? Ich muss das Buch jetzt haben. Koste es, was es wolle! Vielen herzlichen Dank auch! 😉

    Liebe Grüße,
    Tanja

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 14, 2013 at 6:13 pm

      Liebe Tanja,

      freut mich sehr, dass ich dich überzeugen konnte, auch wenn deine Geldbörse wahrscheinlich darunter leiden wird. “Bist du noch wach?”, das heute übrigens auch im ZEIT Literaturmagazin besprochen wurde, ist ein wirklich wunderbarer Roman, den ich nur jedem ans Herz legen kann. Da lohnt sich jeder investierter Euro. Ich freue mich schon darauf zu erfahren, wie es dir gefallen hat. 🙂

  • Reply
    Tanja
    March 15, 2013 at 4:55 pm

    Der Besuch im Zeit Literaturmagazin erübrigt sich mit deiner tollen Buchbesprechung. Ich habe mich entschieden und werde dich informieren, sobald ich das Buch in meinen Händen halte. Ich kann es kaum erwarten! Bin gespannt!

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.

    LG
    Tanja

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 17, 2013 at 7:56 pm

      Liebe Tanja,

      ich freue mich sehr darüber und bin schon total gespannt auf deine Eindrücke zu dem Buch! 😀

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