Goldmacher – Gisela Stelly

Gisela Stelly ist nicht nur Schriftstellerin, sondern arbeitet auch als Filmerin. Sie ist in den fünfziger und sechziger Jahren in Berlin aufgewachsen und hat als Autorin bei Die Zeit begonnen. In den siebziger und achtziger Jahren hat sie einige Dokumentar- und Spielfilme gedreht, Anfang der neunziger wurde schließlich ihr erster Roman veröffentlicht. 2005 erschien ihre letzte Veröffentlichung, der Roman “Moby”. “Goldmacher” ist ihr neuester Roman, er wurde im vergangenen Jahr im Arche Verlag veröffentlicht.

“Wir müssen zusammenhalten, Anton. […] Wir müssen einfach nur zusammenhalten, dann werden wir das alles eines Tages auch verstehen können.”

“Goldmacher” ist ein breit angelegter Familienroman, der eine Zeitspanne von insgesamt 77 Jahren erzählt. Die Geschichte, die Gisela Stelly erzählt, beginnt im Jahr 1924 und endet im Jahr 2001. Im Mittelpunkt des Romans stehen Franz Münzer und Anton Bluhm. Beide kommen 1924, im Jahr nach der großen Inflation zur Welt. Der eine in München, der andere in der Nähe von Hannover. Die Verbindung zwischen den beiden Familien ist beinahe schon schicksalhaft und liegt in dem Handwerk eines betrügerischen Goldmachers begründet. In einer Zeit, in der viele Menschen darauf gehofft haben, dass es endlich wieder aufwärts gehen würde, gab es Menschen, die so sehr hofften, dass sie sogar an Wunder glauben wollten und andere, die diesen Wunderglauben ausnützten. Der Glaube daran, Gold herstellen zu können, war natürlich ein Schwindel, der das Schicksal vieler Familien beeinflussen sollte. Während Franz in einem Umfeld von Wunderglauben und Okkultismus aufwächst, das in Form seines Vaters in den Schwindel des Goldmachers verwickelt ist, verliert Antons Familie alles, was sie besessen hat. Infolge des Goldmacherbetrugs geht die Papierfabrik von Antons Vater bankrott. Beeinflusst von diesen Entwicklungen, lernt Anton früh, den Wunderglauben zu verteufeln – er eifert seinem großen Vorbild Thukydides nach und möchte genauso wie der antike Historiker eine Chronik der Wahrheit verfassen.

 “In seiner aufrechten Kinderseele hatte sich der Plan eingenistet, der Familie eines Tages alles, was der Goldmacher ihr genommen hatte, wieder zurückzuholen und seinen gutgläubigen Vater zu rächen.”

Anton und Franz begegnen sich mehrmals im Leben: wirklich näher kommen sie sich zum ersten Mal in der Hitlerjugend. Anton, der blasse Bücherwurm, der Moby Dick verschlingt und der draufgängerische und wundergläubige Franz. Sie sollten ihr Leben lang ein ungleiches Paar bleiben. Danach verläuft sich der Kontakt, doch 1957 treffen sie sich zufällig in Rom wieder. Anton hat mittlerweile Karriere gemacht und gehört zu einem der erfolgreichsten Zeitungsmacher Hamburgs. Franz konnte sich dagegen aus den Fängen seines Vaters noch immer nicht lösen.  Beide lassen ihre ambivalente Freundschaft wieder aufleben. Maßgeblich beeinflusst wird diese von Hans-Ulrich Hacker, der die beiden in der Hitlerjugend kennengelernt. Er ist der dritte im Bunde und sorgt immer wieder für Rivalität, Geheimnisse und Unstimmigkeiten.

“Was, wenn sich die Tinte zu einem Lichtstrahl wandeln würde, in eine Lichtwaffe, mit der die wieder zunehmende oder immer noch anhaltende Dunkelheit aus den Köpfen vertrieben werden könnte?”

In “Goldmacher” wird jedoch nicht nur die Geschichte von Anton und Franz erzählt, es wird viel mehr ein breit angelegter Familienroman erzählt, der auch die Schicksale der weit verzweigten Familien Münzer und Bluhm mit einbezieht. Daneben ist das Buch auch ein umfangreiches Zeitpanorama, das die politische Situation von mehreren Jahrzehnten einfängt. Gisela Stelly erzählt von der Zeit des Wunderglaubens, einem Weltkrieg und von den sechziger Jahren, die geprägt waren von der RAF und dem Wunsch nach Emanzipation. Der Roman beginnt mit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und endet mit der Katastrophe unserer heutigen Zeit: dem Anschlag auf das World Trade Center. Die Autorin erzählt viel, sie thematisiert einen Zeitraum von beinahe achtzig Jahren und doch hatte ich beim Lesen nie ein Gefühl des Zuviels. Es wird auch die Frage nach einer möglichen Generationenschuld gestellt und wie man mit einer solchen Schuld umgehen kann. Es ist interessanterweise vor allem die Generation nach Franz und Anton, die die vorherige mit Vorwürfen konfrontiert.

“Wir hätten uns, anstatt uns mit unseren Untaten und vor allem mit denen unserer Eltern zu konfrontieren, in eine manische Aufbauwut gestürzt, behaupten sie.”

Die thematische Grundlage des Romans, der betrügerische Goldhändler, beruht auf wahren Begebenheiten, denn in den zwanziger Jahren gab es am Starnberger See in der Tat Pläne zur industriellen Herstellung von Gold. Auch wenn die Autorin im Bucheinband betont, dass “Goldmacher” ein Werk der Fiktion ist, gibt es doch Ähnlichkeiten zwischen Anton Bluhm und ihrem Mann Rudolf Augstein, der Gründer des Spiegels. Diese beiden Tatsachen machen “Goldmacher” zu einer noch reizvolleren Lektüre.

Gisela Stelly ist mit “Goldmacher” ein zauberhaftes Buch gelungen, das ich förmlich verschlungen habe. “Goldmacher” ist nicht nur ein wunderbarer Familienroman, sondern auch ein fabelhaftes Zeitpanorama Deutschlands der vergangenen achtzig Jahre. Gisela Stelly erzählt unaufgeregt und dennoch mitreißend. Trotz der vielen Handlungsstränge und Personen, gelingt es ihr, die Fäden in der Hand zu halten und gekonnt miteinander zu verweben. Ein Buch, dem ich viele Leser und noch mehr Aufmerksamkeit wünschen würde.

10 Comments

  • Reply
    sawiga
    March 14, 2013 at 6:52 pm

    danke für deine tolle rezension. hab das buch auf dem lesestapel und man möchte es gerade selbst lesen, so begeistert klingst du in deinen worten.
    liebe grüsse sawiga

    • Reply
      Marcus
      March 15, 2013 at 8:35 am

      Mich hat der Roman enttäuscht. Die Handlung wirkt sehr konstruiert und harmlos.
      Mit der Zeit entgleitet ihr der Roman, was sich deutlich an der Sprache feststellen lässt.
      Auf einer Buchseite verwendet sie dreimal den Begriff “glasklar”. An anderer Stelle lesen wir: “Er strich sich seine schwarzen Locken aus dem Gesicht” nachdem wir zwei Sätze zuvor erfahren haben, dass er schwarze Locken hat.
      Die Handlung ist teilweise verwirrend, unfassbare Zufälle häufen sich.
      Für mich hat sich Gisela Stelly in der Gattung vertan.
      Nicht jedem Journalisten liegt es, solch brilliante Romane vorzulegen, wie wir jüngst bei Lanchester und Wolfe erleben durften.

      Ein Lob möchte ich aber auch noch aussprechen für deinen Blog, auf dem ich schon einige mir unbekannte Schriftsteller kennenlernen durfte.

      • Reply
        buzzaldrinsblog
        March 17, 2013 at 8:07 pm

        Lieber Marcus,

        erst einmal freue ich mich unheimlich über deinen Kommentar und darüber, dass du dich als scheinbar “stiller Mitleser” zu Wort meldest. Ich freue mich auch, dass ich dich auf einige tolle Schriftsteller bereits aufmerksam machen konnte.

        Schade, dass dir der Roman nicht ganz so gut gefallen hat, wie dir. Natürlich liegt der Freundschaft zwischen Anton und Franz einige Ereignisse zugrunde, die auf größeren Zufällen beruhen. Mich hat das jedoch nicht unbedingt gestört – die Geschichte hat sich für mein Empfinden dennoch stimmig angefühlt. Auch die sprachlichen Details die du nennst, sind bei mir nicht so ins Gewicht gefallen. Du scheinst doch etwas aufmerksamer zu lesen, als ich.

        Deinem Kommentar entnehme ich, dass dir das Buch von Lanchester nicht gefallen hat? Das steht eigentlich noch auf meiner Wunschliste, aber ich hatte mir sowieso vorgenommen, erst einmal auf das Taschenbuch zu warten.

        Dir ganz herzliche Grüße
        Mara

  • Reply
    elfboxbuecher
    March 15, 2013 at 6:35 am

    “Goldmacher” ist mir wegen des auffälligen Covers auch schon aufgefallen. Deine Rezension macht auf jeden Fall Lust, dieses Buch nicht nur von aussen anzuschauen. Der Arche-Verlag hat mir in der Vergangenheit übrigens schon viele richtig gute Leseerlebnisse geschenkt.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 17, 2013 at 8:08 pm

      Liebe Claudia,
      mir geht es genauso wie dir, auch mir hat der Arche-Verlag in den letzten Monaten einige schöne und vor allen Dingen überraschende Leseerlebnisse verschafft, dabei muss ich vor allen Dingen auch an “Matterhorn” denken. Ich habe “Goldmacher” gerne gelesen und würde mir wünschen, auch noch andere Stimmen und Meinungen zu dem Buch zu erfahren, würde mich also freuen, wenn auch du dazu greifen würdest.

  • Reply
    Mariki
    March 15, 2013 at 8:43 am

    Haben will!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 17, 2013 at 7:56 pm

      Liebe Mareike,
      toll, dass ich dich neugierig machen konnte! 🙂 Ich bin gespannt, wie dir das Buch gefallen wird.

      • Reply
        Mariki
        March 18, 2013 at 12:08 pm

        Momentan liegt es mal auf der Wunschliste herum … aber seine Zeit wird kommen! 😉

  • Reply
    dasgrauesofa
    March 17, 2013 at 11:36 am

    Das ist wieder eine schöne Besprechung, die Lust macht aufs Selberlesen. Dabei finde ich gerade den zeitgeschichtlichen Hintergrund interessant. Und während des Lesens Deiner Besprechung habe ich mich ständig gefragt, ob es einen realen Hintergrund der Geschichte gibt (Stichwort: erfolgreicher Zeitungsmacher aus Hamburg). Das hast Du ja dann auch geklärt.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 17, 2013 at 7:47 pm

      Liebe Claudia,
      ich muss gestehen, dass mir dieser reale Hintergrund erst bei den Recherchen zu meiner Besprechung aufgefallen ist. Sicherlich aufgrund meines Alters kenne ich Rudolf Augstein zwar von seinem Namen her, mehr sagt er mir aber auch nicht. Aus diesem Grund ist mir beim Lesen selbst gar nicht der Gedanke eines realen Hintergrunds gekommen. Um so spannender empfand ich dann die anschließende Recherche zum Roman. 🙂

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