Das geraubte Leben des Waisen Jun Do – Adam Johnson

Adam Johnson wurde 1967 in South Dakota geboren. In Stanford lehrt er Creative Writing und hat im Jahr 2002 einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Nur ein Jahr später erschien bereits sein erster Roman “Parasites Like Us”. Er hat schon eine Vielzahl an Preisen und Stipendien erhalten und in einigen Zeitschriften publiziert. Um für seinen neuesten Roman “Das geraubte Leben des Waisen Jun Do” zu recherchieren reiste Adam Johnson nach Nordkorea.

Bereits der Ort der Handlung von Adam Johnsons Roman “Das geraubte Leben des Waisen Jun Do” hebt sich von vielen anderen zeitgenössischen amerikanischen Romanen ab. Nordkorea ist ein Land, über das man in der westlichen Welt kaum etwas weiß und über das bisher kaum ein Autor geschrieben hat. In dem Nichtwissen und dem Unbekannten liegt natürlich auch eine gewisse Form der Faszination. Wenn man bei der Bildersuche von google  Nordkorea eingibt, erscheinen Bilder von marschierenden Soldaten. In der letzten Woche war Nordkorea mehrmals in den Schlagzeilen, erst drohten sie Amerika mit einem Atomschlag, später kappten sie eine Telefonleitung ins Ausland. Berichte über Nordkorea sind rar gesät, um so spannender ist es, wenn man dann doch Einblicke erhält. Beispielsweise auf dem Instagramaccount von Jean Lee. Auch Adam Johnson hat Nordkorea besucht. In einer aufwendig gestalteten Beilage des Romans gibt der Autor Einblicke in seine Reise. Auf der Webseite des Verlags finden sich weitere Informationen.

“[…] das Lied handelte nicht vom Geliebten Führer oder dem Sieg über die Imperialisten oder der Quotenübererfüllung einer nordkoreanischen Fabrik. Es handelte von einem Mädchen und einem Jungen in einem Boot.”

Der Roman von Adam Johnson wird getragen von seiner Hauptfigur Pak Jun Do, einem Waisenjungen, der sich weigert, sich selbst als Waise zu sehen und der sich furchtlos durchs Leben schlägt und sich dabei in alle möglichen Abenteuer stürzt. Aus dem Waisenhaus Frohe Zukunft kommt er zu einer nordkoreanischen Kampfeinheit und lernt, sich in dunklen Tunneln zu verteidigen. Er ist als Entführer tätig, heuert als Spion auf einem Schiff an, reist in das amerikanische Texas, um einen Senator zu treffen und wird – als er zurückkehrt – in ein nordkoreanisches Gefangenenlager gesteckt. Das ist der erste Teil, die Geschichte von Jun Do, und all das klingt schon verrückt genug, doch im zweiten Teil wird es noch verrückter, denn der Waise Pak Jun Do wechselt seine Identität und verwandelt sich in den Lagerkommandanten Ga.

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Trotz dieser zum Teil sicherlich phantastisch anmutenden Geschichte, gelingt es Adam Johnson dennoch, diese überzeugend und nachvollziehbar zu erzählen. Ausschlaggebend dafür ist die Hauptfigur Pak Jun Do, die liebenswert und sympathisch gezeichnet ist. Der Name der Figur, Jun Do, weist interessanterweise auf einen Menschen ohne Identität hin, denn in Amerika hat man unbekannte Mordopfer häufig als John Doe bezeichnet. Dies könnte darauf hindeuten, dass Adam Johnson nicht nur die Geschichte von Jun Do erzählt, sondern die Geschichte von einer ganzen Generation nordkoreanischer Männer. Männer, die in einer Gesellschaft leben, in der das Kollektiv zählt und über deren Leben so sehr bestimmt wird, dass sie keine Möglichkeit haben, eine eigene Identität auszubilden.

“Es gibt ein Gespräch, das jeder Vater mit seinem Sohn führt, in dem er dem Kind klarmacht, dass es Dinge gibt, die wir tun oder sagen müssen, auch wenn wir trotzdem tief drinnen immer noch wir selbst und eine Familie sind.”

Unterbrochen werden die Kapitel durch Radiomeldungen, die die Bewohner Nordkoreas über Lautsprecher in ihren Wohnungen empfangen. In den Radioübertragungen erfährt der Leser Details über die Lebensbedingungen in Nordkorea, beispielsweise, dass Sternegucken dort untersagt ist. Es sind vor allem diese Radiomeldungen, die mich beeindruckt haben, weil Adam Johnson mit der Stimme aus dem Lautsprecher aufzeigt, wie in Nordkorea für die Menschen eine ganz eigene Wirklichkeit und Realität konstruiert wird.

“Drei Wochen Regen, doch von weggeschwemmten Reisterrassen, von einstürzenden Erdwällen, von ineinanderfließenden Dörfern war aus den Lautsprechern nichts zu hören.”

Pak Jun Do erlebt in seinem Waisenhaus eine Hungersnot, die das Leben von Menschen fordert und andere dazu zwingt, sich von Baumrinde zu ernähern und die vom Lautsprecher lediglich als Beschwerlicher Marsch bezeichnet wird. Aber die Stimme aus dem Lautsprecher kommt auch aus Pjöngjang, vor Ort, da wo die Menschen sterben und das Leid groß ist, ist sie nicht.

Als genauso faszinierend habe ich die Beschreibungen Nordkoreas empfunden, die in die Geschichte mit eingebunden sind. Pak Jun Do ist Teil einer Tunneleinheit, die an der südkoreanischen Grenze operiert. Jun Do und seine Männer haben immer wieder Möglichkeiten, einen Blick auf die andere Seite der Grenze zu werfen.

“Bei ihrer Rückkehr erzählten sie dann von Maschinen, die Geld auswarfen, und Leuten, die Hundekacke aufsammelten und in Plastiktüten steckten. Jun Do sah es sich nie an. Er wusste, dass es dort riesige Fernsehapparate gab und so viel Reis, wie man nur essen konnte. Doch er wollte nichts damit zu tun haben – er hatte Angst, dass sein gesamtes Leben bedeutungslos würde, wenn er all das mit seinen eignen Augen sah. Einem alten, vom Hunger erblindeten Mann Rüben stehlen? Sinnlos wäre es gewesen. Einen anderen Jungen zum Reinigen der Bottiche in die Fischfabrik schicken, statt es selbst zu machen? Sinnlos.”

An einer Stelle im Roman wird Pak Jun Do von jemandem als “Überlebenskünstler” bezeichnet, “der nichts hat, wofür es sich zu leben lohnt”. Doch nach und nach, Seite für Seite, tritt im Leben von Pak Jun Do etwas an die Stelle dieses Nichts. Plötzlich ist da etwas, für das er kämpfen möchte, etwas, für das er nicht nur leben würde, sondern etwas, für das er auch sterben würde. Es ist vor allem seine Reise nach Amerika, die Wünsche und Bedürfnisse in Jun Do weckt, die vorher nicht da gewesen sind.

“Auf einmal überkam ihn Hass auf sein kleines, rückständiges Heimatland mit seinen Geheimnissen und Geistern, seinen vermissten Personen und seinen Menschen ohne Identität.”

Adam Johnson ist mit “Das geraubte Leben des Waisen Jun Do” ein gewichtiges Buch gelungen, da er sich mit einer Thematik auseinandersetzt, die es so zuvor auf der literarischen Landkarte noch nicht gegeben hat. Bei beinahe 700 Seiten, auf denen dieser Roman erzählt wird, ist es nicht erstaunlich, dass es zwischendurch auch einige Länge und zähere Passagen gibt. Diese Tatsache ist aber zu verschmerzen, denn wer durchhält und das Buch zu Ende liest, wird reich beschenkt: mit einer wunderbaren Geschichte, die vor phantastischen Ideen nur so sprüht und mit bedrückenden Einblicken in ein Land, das mir als westliche Leserin unheimlich fern und fremd ist. Chapeau an Adam Johnson, für diesen wunderbaren und großartigen Roman.

15 Comments

  • Reply
    il_libraio
    March 20, 2013 at 12:46 pm

    Und eins mehr. Steht schon eine Weile im Regal – ungelesen. Jetzt hab ich deine Besprechung auch nur überflogen, aber das klingt schon mal besser als der Klappentext, daher kommt es wohl bald zur Lektüre… 😉

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 20, 2013 at 5:53 pm

      Oh, ich freue mich, dass ich dich doch noch von dem Buch überzeugen konnte und wünsche dir auch schöne Lektüre! 🙂 Die Meinungen dazu gehen ja doch etwas auseinander bisher, um so gespannter wäre ich darauf zu erfahren, wie es dir gefallen wird.

  • Reply
    literaturen
    March 20, 2013 at 3:45 pm

    Ich war ja nicht ganz so angetan wie du, aber ich kann völlig nachempfinden, dass dieses Buch für viele beeindruckend ist. Schon, weil es mal einen ganz anderen Ort des Geschehens ausprobiert, eben einen Ort, über den wir alle wenig wissen. (über den man uns so aber andererseits eben auch viel erzählen kann) We hast du denn die Dialoge mit Kim Jong Il empfunden?

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 20, 2013 at 5:57 pm

      Liebe Sophie,
      ich weiß, deine Rezension habe ich auch noch ganz gut im Gedächtnis und kann deine Kritikpunkte auch in Teilen nachvollziehen. Ich muss gestehen, dass ich den ersten Teil auch sehr viel gelungener fand, als den zweiten, der immer noch lesbar war, der von mir aber schon mehr Konzentration erfordert. Die Dialoge mit Kim Jong Il waren für mich etwas schwierig zu lesen, ich weiß auch nicht, ob es eine gute Idee gewesen ist, den Geliebten Führer zu einer Romanfigur zu machen.
      Natürlich kann Adam Johnson uns viel über dieses ferne Land erzählen, über das kaum jemand etwas weiß – ich fand es jedoch gut, dass er vor Ort war, um für das Buch zu recherchieren.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    dasgrauesofa
    March 20, 2013 at 3:50 pm

    Da ist Dir wieder eine schöne Rezension gelungen. Normalerweise wäre ich an dem Buch ohne weiteren Blick vorbeigelaufen, aber Du hast es, auch durch Deine einführenden Anmerkungen, sehr spannend und interessant vorgestellt. Hört sich wirklich gut an.
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 20, 2013 at 6:01 pm

      Liebe Claudia,
      es freut mich wirklich sehr, dass ich dich durch meine Besprechung auf ein Buch aufmerksam machen konnte, an dem du ansonsten vielleicht vorbei gelaufen wärst. Adam Johnson ist ein ungewöhnlicher, aber dennoch unheimlich lesenswerter Roman gelungen, der mir viel Lesefreude bereitet hat. Ich bin gespannt, wie es dir mit der Lektüre ergehen wird, wenn du dich entscheiden solltest, das Buch zu lesen.

  • Reply
    Dina
    March 20, 2013 at 4:21 pm

    Ganz toll präsentiert, eine feiner Artikel, liebe Mara.
    Herzliche Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer
    Dina

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      March 20, 2013 at 5:59 pm

      Liebe Dina,
      herzlichen Dank für deine lieben Worte, die wirklich gut tun! Ich soll dich auch von Bandit grüßen, der sich gerade mit einem verdorbenen Magen herumschlägt. 😉

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Mariki
    March 27, 2013 at 12:33 pm

    Deine Rezension ist wirklich grandios. Und ich find’s toll, dass du das Buch auch so genossen hast wie ich. Was für ein verrückter Trip! Endlich ist meine Besprechung ebenfalls online: http://buecherwurmloch.wordpress.com/2013/03/27/adam-johnson-das-geraubte-leben-des-waisen-jun-do/

  • Reply
    buechermaniac
    April 1, 2013 at 1:03 pm

    Liebe Mara

    Jetzt endlich habe ich Zeit und Musse, dir zu deiner Rezension zu gratulieren. In einigen Punkten sind wir sicher deckungsgleich mit unserer Meinung über den Roman. Ich musste mir Zeit lassen für diese siebenhundert Seiten, denn sie gehen unter die Haut. Danach habe ich mich schlau über Johnsons Reise gemacht, die er sehr eindrücklich in diversen Interviews beschreibt. Es hätte meiner Meinung nach keine siebenhundert Seiten gebraucht, um diesen grossartigen Roman, der mich in vielen Szenen entsetzt hat, zu vollenden. Auch dann wäre das Buch immer noch faszinierend geworden, denn was wissen wir schon über dieses isolierte Land, als das, was uns die Medien täglich präsentieren? Die Menschen Nordkoreas kommen dabei definitiv zu kurz, denn es sind nicht sie, die negativ sind, sondern das Regime.

    LG buechermaniac

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 2, 2013 at 10:03 am

      Liebe buechermaniac,

      ich danke dir ganz herzlich für deine Gratulation – ich habe soeben auch deine Besprechung mit viel Interesse und Begeisterung gelesen. Schön, dass sich unsere Leseeindrücke zumindest in Teilen doch decken. Was die Länge des Roman betrifft, stimme ich dir zu – in meiner Besprechung schreibe ich ja auch von etwas zäheren Passagen. Man hätte den Roman stellenweise sicherlich kürzen können. Erstaunlicherweise ergeht es mir nun doch auch ähnlich mit meiner aktuellen Lektüre “Bonita Avenue”, die ich zwar gerne lesen, bei der ich jedoch auch denke, dass sie zwischenzeitlich gekürzt und gestrafft werden könnte. Möglicherweise habe ich im Moment aber auch einfach zu wenig Zeit und Ruhe für diese Lektüre.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Pulitzer Preis 2013 | buzzaldrins Bücher
    April 16, 2013 at 11:25 am

    […] “Das geraubte Leben des Waisen Jun do” von Adam Johnson […]

  • Reply
    papercuts1
    April 17, 2013 at 9:01 am

    Na bitte! Ich habe doch gewusst, dass ich auf deinem Blog fündig werde, was Bücher für die #readdifferent-Aktion angeht. Und dann auch noch der neue Pulitzer-Preisträger!

    Ein bisschen beunruhigt es mich zwar, wenn von Längen und zähen Passagen die Rede ist, aber gut – wenn es das wert ist? Und ich werde mal schauen, ob es das nicht vielleicht auch als Hörbuch gibt. 700 Seiten brauchen Zeit zum Hinsetzen, und die fehlt mir ja bekanntlich.

    Jedenfalls stöbere ich jetzt mal bei dir weiter. Da finde ich bestimmt noch mehr für meine ‘anders lesen’-Liste. 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      April 17, 2013 at 1:30 pm

      Ich freue mich sehr über deinen Besuch und darüber, dass du bei mir für deine spannende Read Different Aktion fündig geworden bist. Mit dem neuen Pulitzer-Preisträger hast du auf jeden Fall eine gute Wahl getroffen, ich glaube, dass dir das Buch gefallen könnte. 🙂

      Für 700 Seiten braucht man natürlich Zeit, vielleicht wirst du ja in punkto Hörbuch fündig – das stelle ich mir auch als eine sehr interessante Hörerfahrung vor.

      Berichte doch bitte, falls du noch bei weiteren Büchern fündig wirst – ich bin sehr gespannt!

  • Reply
    Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do
    May 16, 2020 at 11:43 am

    […] Buzzaldrins Bücher […]

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