Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte – Peter Heller

c58750a1ed14135ea76f93c8edf73854_1370028823Peter Heller ist in New York geboren und aufgewachsen und lebt heutzutage in Denver, Colorado. Er hat sich auf Extremexpeditionen spezialisiert, die ihn bereits durch das Pamir-Gebirge und von Kalifornien nach Mexiko führten. Im Kampf gegen den Walfang hat Peter Heller den Walschützer und Umweltaktivisten Paul Watson begleitet, daraus entstand das gemeinsam Buch “Wir schreiten ein”, das 2008 in deutscher Übersetzung erschienen ist. “Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte” ist sein Debüt als literarischer Schriftsteller. Eine weitere schöne Besprechung findet sich auch auf dem Blog Literatwo.

In seinem Debütroman “Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte”, erzählt Peter Heller eine Geschichte vom Ende der Menschheit. Eine ungewöhnlich aggressive Form der Grippe hat sich wie eine Epidemie ausgebreitet und fast die gesamte Menschheit getötet. Die Großteil der Überlebenden wurden danach von einer Blutkrankheit dahingerafft. Mittlerweile gibt es nur noch vereinzelt Menschen, die all das lebend überstanden haben. Big Hig hat überlebt: “Mein Name ist Hig, nur ein Wort. Big Hig, wenn Sie zwei brauchen.” Doch was bedeutet es in einer Welt zu überleben, in der alles andere, was man zuvor geliebt hat, verschwunden ist? Higs Frau Melissa ist gestorben, gemeinsam mit dem ungeborenen Kind. Und auch die Lachsfische, die Hig früher so gerne geangelt hat,  sind verschwunden, genauso wie andere tierische Bewohner.

“Neun Jahre sind vergangenen, seit die Grippe fast alle Menschen getötet hat. Danach kam die Blutkrankheit und tötete noch ein paar mehr. Die Übriggebliebenen sind alles andere als angenehme Zeitgenossen, nur deswegen leben wir hier in der Ebene, nur deswegen fliege ich jeden Tag Streife.”

In dieser neuen Welt lebt Hig auf dem Gelände eines ehemaligen Provinzflughafens. Er lebt dort gemeinsam mit seinem Nachbarn Bruce Bangley, einem menschenhassenden Waffennarr.

“Wenn Bangley in der Nähe ist, denke ich die Hälfte der Zeit über all das nach, was ich nicht aussprechen kann.”

Auch wenn Hig und Bangley sich nicht wirklich verstehen, sind sie ein eingespieltes Team – seit neun Jahren verteidigen sie ihren Flughafen gemeinsam gegen mögliche Eindringlinge. Hig, der sich scheut, Waffen zu benutzen, fliegt stattdessen das großflächige Areal mit einer alten Cessna ab. Bangley, der kein Flugzeug fliegen kann, sorgt dafür, dass kein Eindringling ihr Haus lebend betreten kann. Gezwungenermaßen ergänzen die beiden sich gegenseitig. Fünfzehn Kilometer entfernt von Hig und Bangley leben ein paar Familien – man lässt sich jedoch gegenseitig in Ruhe.

“Angeblich sind wir, von den Familien im Süden abgesehen, die einzigen Menschen in einem Umkreis von mehreren hundert Quadratkilometern, die einzigen Überlebenden.”

Immer dabei ist Higs Hund Jasper, ein “australischer Schäferhundmischling mit feiner Nase”. Gemeinsam wandern sie durch die nahe gelegenen Wälder und erkunden die Umgebung. Auf diesen Wanderungen wird das ganze Ausmaß der Epidemie deutlich: die Natur hat sich ganze Straßenzüge zurückerobert und doch gibt es kaum noch Lebewesen, die in dieser leben: Wildgänse, Forellen, Vögel – alles ist verschwunden. Nur die Hirsche, Kaninchen und Ratten haben durchgehalten. Es sind jedoch nicht nur die Tiere, die verschwunden sind – plötzlich gibt es auch keinen Krach mehr, keinen Lärm.

“Neun Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Wenn man Bangley ertragen muss. Wenn man die provisorische Grippestation nicht vergessen kann und. Wenn man seine Frau vermisst. Wenn man angeln gehen möchte und nicht kann. Solche Sachen halt.”

Doch plötzlich, nach neun Jahren , empfängt Big Hig plötzlich einen fremden Funkspruch und macht sich auf die Suche danach, ob es nicht doch noch mehr Überlebende gibt, als er für möglich gehalten hat …

Peter Heller fokussiert sich in seinem außergewöhnlichen Debütroman vor allem auf eine Betrachtung der Welt, wie sie aussehen könnte, wenn sie zu Ende geht. Naturbilder und philosophische Beschreibungen stehen dabei im Mittelpunkt. Wie fühlt es sich an, zu den wenigen Überleben einer solchen Katastrophe zu gehören? Ist ein Leben noch lebenswert, wenn niemand von denen, die man geliebt hat, mehr da ist? Was braucht man, um ein glückliches Leben zu führen? Bangley ist ein Mensch, der keine Gande kennt, der auf alles schießt, von dem er sich bedroht fühlt. Hig jedoch ist viel weicher, sanfter und auch in dieser außergewöhnlichen Situation nur selten dazu in der Lage, zur Waffe zu greifen und auf Menschen zu schießen. Er wünscht sich viel mehr menschlichen Kontakt, Wärme, Nähe, Dankbarkeit. Wo bleiben solche Empfindungen, wenn es niemanden mehr gibt, außer dir selbst?

Das Szenario, das Peter Heller entwirft, zeigt aber auch auf, wie schnell sich in einem solchen Vakuum moralische Grenzen auflösen und Konventionen verschwinden. Sinnbildlich dafür steht ein Getränkelaster, dessen Inhalt einigen der verbliebenen Menschen das Leben kosten soll. Die Moral: wenn die Ressourcen knapp werden, denkt jeder nur noch an sich selbst.

“Mein Name ist Hig. Ich wurde im Jahr der Ratte geboren. Ich habe keine Seriennummer, aber meine Pilotenlizenz trägt die Nummer 135-271. Ich bin Wassermann.”

Die Sprache des Romans, der aus der Perspektive von Big Hig erzählt wird, ist atemlos. Hig, der viele seiner Gedanken seit neun Jahren mit niemandem mehr teilen konnte, erzählt rasant – vieles sprudelt aus ihm heraus, unvollständig, abgehakt und doch gerade deshalb völlig authentisch. In einer Welt, deren Menschen sich nach der Grippeepidemie förmlich selbst zugrunde richten, steht Big Hig für den letzten Rest Menschlichkeit und Nächstenliebe.

“Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte” ist ein großartiges Buch. Ein Buch voller Magie, getragen von einem Helden, der eigentlich keiner sein möchte. Mal mag man das Buch vor lauter Spannung nicht mehr aus der Hand legen, mal muss man es vor lauter Schmerz und Traurigkeit erst einmal zur Seite stellen. Peter Heller hat nicht nur einen Roman über das Ende der Welt geschrieben, sondern gleichzeitig auch einen Abenteuerroman, voller Humor, Schmerz und Traurigkeit.

17 Comments

  • Reply
    Ken Takel
    May 31, 2013 at 10:40 am

    Klingt gut!

  • Reply
    Karthause
    May 31, 2013 at 10:40 am

    Du hast aber auch immer das gewisse Händchen für das besondere Buch. Ich geh’ mal meine Wunschliste erweitern. LG Heike

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 31, 2013 at 4:52 pm

      Liebe Heike,
      ich hoffe, das Buch bleibt nicht all zu lange auf der Wunschliste, sondern wird bald gekauft! 😀 Mir hat es wirklich ausgezeichnet gefallen. Ein “gewisses Händchen” scheine ich schon irgendwie zu haben, zumindest habe ich selten wirkliche Fehlgriffe – bisher. 🙂

  • Reply
    literatwo
    May 31, 2013 at 11:10 am

    Ich war beim Lesen dieser gefühlvollen Rezension sofort wieder in der kleinen Cessna und habe alles neu erleben dürfen….

    Unterschreibe jede einzelne Zeile dieser perfekten Buchvorstellung…. Kompliment!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 31, 2013 at 4:29 pm

      Oh, danke für die lieben Worte, die mich hier vor meinem heimischen Computer erröten ließen und vor allem auch für das Kompliment. Ich hoffe darauf, dass sich noch viele weitere Leser auf diese ganze besondere Abenteuerreise mit einer Cessna begeben wollen und sich trauen, mit Hig und Jasper loszufliegen. Das Buch hat so viele Leser wie möglich verdient. 🙂

      • Reply
        literatwo
        May 31, 2013 at 4:37 pm

        Und vielleicht wird ja irgendwann auch mal ein guter Endzeit-Romantik-Action Film daraus… 😉

  • Reply
    Gaby
    May 31, 2013 at 12:34 pm

    Ach Buzz, was soll ich sagen, deine Rezensionen treffen einen fast immer mitten ins Herz…und schon wieder ein Buch an dem ich wohl nicht vorbeikommen werden… DANKE! 😉

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 31, 2013 at 4:19 pm

      Liebe Gaby,

      danke für deinen netten Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe! 🙂 Das Buch könnte deinen Geschmack treffen, auch wenn mir die Lektüre als Hundeliebhaberin ab und an etwas nahe ing. Ich bin gespannt, wie es dir gefallen wird und ob dir Hig und Jasper auch so ans Herz wachsen werden.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Muromez
    May 31, 2013 at 2:05 pm

    Scheint wohl etwas von “I Am Legend” bzw. Richard Matheson inspiriert worden zu sein. Hund, Flughafen. Nur dass es keine Mutierten gibt… Aber mal im Ernst, die Darstellung von Untergangsszenarien sind meiner Meinung nach mittlerweile absolut unkreativ. Zu häufig wurde dieses Thema schon verarbeitet, als dass es noch interessant für mich wäre – obwohl unsere intolerante Menschheit sich durchaus damit beschäftigen sollte.

    Danke für die Besprechung, aber trifft wohl nicht meinen Geschmack! 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 31, 2013 at 4:18 pm

      Lieber Muromez,

      danke für deinen interessanten Kommentar. 🙂

      Ich habe zuvor noch nie ein Buch mit Weltuntergangsszenario gelesen, auch “I am legend” sagt mir leider gar nichts (Bildungslücke!). Wenn man häufig in diesem Genre unterwegs ist, kann ich mir aber vorstellen, dass sich Ideen schnell abnutzen, überstrapziert werden und man sich dann irgendwann übersättigt fühlt. Mir geht es wie gesagt (noch) nicht so, da dies der erste Roman dieser Art war. Für mich stand aber auch nicht unbedingt der Untergang im Vordergrund, sondern die Figur Big Hig, seine Beziehung zu Jasper, sein Wunsch nach Nähe, seine Naturbeobachtungen, seine Gedanken. All das habe ich gerne gelesen, ohne, dass ich mich jetzt auf das Szenario “Ende der Welt” fokussiert hätte.

      Geschmäcker sind ja zum Glück unterschiedlich, aber falls du doch zum Buch greifen solltest, sag bitte Bescheid! 🙂

  • Reply
    Petra Wiemann
    May 31, 2013 at 2:21 pm

    Dieses Buch hatte schon vorher meine Neugier geweckt, aber nach deiner schönen Rezension bin ich sicher, dass es mir auch wirklich gefallen wird.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 31, 2013 at 4:13 pm

      Liebe Petra,
      ich hatte das Buch schon lange im Auge, war mir dann jedoch unsicher, wie es mir gefallen wird, da ich eigentlich keine Liebhaberin von Weltuntergangszenarien bin. Nach den ersten Seiten hat mich der Roman aber bereits sofort gefangen genommen und ich konnte ihn kaum noch aus der Hand legen. Ich bin gespannt, ob dir das Buch auch so gut gefallen wird, wie mir. 🙂

  • Reply
    B.ee
    June 2, 2013 at 9:55 am

    Mara!!!!
    Du darfst doch nicht ständig so tolle Bücher vorstellen! Ich habe doch Kaufverbot wegen meine “One year reading from home” – heul. Ich bin ja froh, dass ich den Entschluss zu eben diesem gefasst hatte -NACHDEM- ich mir WEGEN DIR (lächel), “Leben”, “Hier könnte ich zur Welt kommen” und “26a” gekauft habe. Wahahaaaa….

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 3, 2013 at 2:24 pm

      Liebe Bee,
      ich habe ganz doll schmunzeln müssen über deinen Kommentar, ein schlechtes Gewissen habe ich aber nicht, denn die Bücher die du dir gekauft hast, sind großartig. Mein Geldbeutel ächzt aber auch immer, wenn ich andere Blogs besuche, dass ist wirklich fürchterlich. 😉 “Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte” ist aber ein wirklich wirklich tolles Buch, also wenn du mal eine Ausnahme von deinem Kaufverbot machen möchtest, solltest du dir dies hier kaufen.

  • Reply
    Auf zu den Sternen mit Buzz Aldrins Blog | Elementares Lesen
    March 27, 2014 at 4:19 pm

    […] Peter Heller: Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte: ein Buch über die Herausforderung, sich die Menschlichkeit zu bewahren in einer Zeit, in der die Überlebenden einer Epidemie langsam verrohren und nur an sich selbst denken. Big Hig habe ich inzwischen als Hörbuch genossen. ∗∗∗∗∗ […]

  • Reply
    Peter Heller – The dog stars - Kapri-ziösKapri-ziös
    July 5, 2015 at 1:49 pm

    […] auf anderen Blogs Buzzaldrins […]

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