Wünsche – Judith Kuckart

kuckart_wuenscheJudith Kuckart wurde 1959 in Schwelm geboren und lebt heutzutage in Berlin und Zürich. Sie ist als Autorin und Regisseurin tätig. Von Judith Kuckart, die mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, erschien zuletzt der Roman “Die Verdächtige”. Der Roman “Wünsche”, der in diesem Frühjahr im Dumont Verlag erschien, ist ihre neueste Veröffentlichung.

Judith Kuckart erzählt in ihrem Roman “Wünsche” die Geschichte von Vera. Vera arbeitet als Lehrerin und unterrichtet an der Berufsschule die Maler- und Lackiererklasse, manchmal auch die Installateure, Maurer und Schreiner. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann Karatsch und dem gemeinsamen Sohn Jo. Karatsch heißt eigentlich Kreitel, Franz-Josef Kreitel, aber alle nennen ihn Karatsch. Jo ist neunzehn und studiert ab dem kommenden Semester Schiffbautechnik in Kiel. Vera und Karatsch führen auf den ersten Blick eine normale Ehe, erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass Vera zwanzig Jahre jünger ist. Karatsch war ihr Pflegevater, bevor er nach dem Tod seiner Frau Suse zu ihrem Ehemann geworden ist. Eine seltsame Verbindung, ein seltsames Verhältnis; etwas, was jedoch nie thematisiert wird.

“Ja, die Zeit vergeht, der Film bleibt, und Karatsch ist wirklich ein Schwein. Den alten Film schaut er so inbrünstig an, weil er noch immer die Tochter Vera liebt, nicht seine Frau Vera. Wenn er mit ihr schläft, betrügt er Vera mit der Vera von früher, mit jenem mageren, hübschen, räudigen kleine Ding, das sie einmal war.”

Der spürbar feine und geschliffene Ton von Judith Kuckart Erzählstrom setzt am Silvestermorgen ein. An Silvester hat Vera Geburtstag – in diesem Jahr wird sie 46 Jahre alt. An Silvester laden Vera und Karatsch Freunde ein, immer dieselben Menschen, immer derselbe Ablauf, immer der gleiche  Film, den sie sich gemeinsam anschauen. Doch an diesem Silvestermorgen soll alles anders werden; Vera geht schwimmen und kehrt nicht mehr nach Hause zurück.

“Wie man es schaffen kann, dass man gern lebt, bis zum Schluss.”

Vera hat Erwartungen, Vorstellungen, Wünsche – sie möchte nicht immer den gleichen Trott erleben, sie wünscht sich Abwechslung. “So uralt wie das Bild, das Karatsch von ihr hat, kann sie eh nicht mehr werden.” Im Schwimmbad lässt sich Vera den Schrank einer anderen Besucherin aufschließen. Sie schlüpft nicht nur in fremde Kleidung, sondern auch in ein fremdes Leben; zieht dieses über, wie eine zweite Haut. Mit ihrem neuen Namen, Salomé Schreiner, reist Vera nach London. Kann sie in London endlich heraus finden, wer sie eigentlich ist und was sie vom Leben möchte? Kann sie in London endlich wieder anfangen zu leben und aufhören, sich selbst beim Älterwerden zuzuschauen?

“Und ebenfalls ab heute gilt: Es werden keine alten Filme mehr angeschaut, sondern ein neuer wird gedreht. Regie, Kamera, Hauptdarstellerin: ICH. Location: London. Verwendbares Material: das Gefühl des Augenblicks.”

Zeitgleich zu Veras Flucht nach London erfüllt sich Friedrich Wünsche einen Wunschtraum: er wagt mit fünfundvierzig Jahren einen Neuanfang und eröffnet das Warenhaus Wünsche. Seine Geschäftsidee ist es, mit Haus Wünsche zu dem Konzept der alten Tante-Emma-Läden zurückzukehren, doch gleichzeitig modernstes Management zu betreiben. Friedrich Wünsche wagt ein Risiko, denn ein Erfolg ist nicht garantiert.

Judith Kuckart legt mit “Wünsche” einen klug komponierten Roman vor. Insgesamt konzentriert sich die Autorin auf die Lebensverläufe von sechs Figuren, die im ersten und dritten Abschnitt gemeinsam betrachtet werden und denen im Mittelteil – einer Nahaufnahme ähnlich –  jeweils ein eigenes Kapitel geschenkt wird. Die Lebensverläufe der Figuren sind eng verknüpft und stellenweise schon fast auf magische Art und Weise verbunden. Es kommt so Begegnungen und Wiederbegegnungen; die Wege kreuzen sich.

Der Roman widmet sich auf knapp 300 Seiten mehreren Themen. Das Hauptthema klingt bereits im Titel an: es geht um Wünsche, um die Erfüllung von Wünschen und darum, wie sich ein wunschloses Leben anfühlt, in dem die Wünsche unter der Last des Alltags abgestorben sind. Gleichzeitig geht es um das Alter, das Älterwerden und darum, wie man damit umgehen kann. Karatsch resigniert an seinem Alter, das ihn zunehmend einschränkt. Vera möchte nicht alt werden, möchte die Jahre, die ihr verloren gegangen sind wieder einfangen und neu leben können. Doch die Erfüllung von Wünschen bedeutet häufig auch, dass man Mut haben muss, dass man etwas wagen muss, dass man sich trauen muss, etwas zu tun, auch wenn es das Risiko gibt, alles dabei zu verlieren. Das Verfolgen der eigenen Vorstellungen gleicht einem Verzicht auf Sicherheit und Geborgenheit – ist man bereit, dies aufzugeben?

“Denn Geborgenheit war auch Glück. Im Glück oder in der Geborgenheit eines kleines Lebens […].”

Auch das Leben in der Provinz wird in Judith Kuckarts Roman thematisiert. Vera lebt in einer Stadt, die so klein ist, “dass man sich immer zweimal am Tag traf.” Ein Leben in der Provinz führt dazu, dass man sich nicht verstecken kann, man wird  gesehen und nichts bleibt unbeobachtet. Jeder kennt jeden und alles bleibt gleich, in der Provinz kann man nur derjenige sein, der man immer gewesen ist und den alle kennen. Wer versucht, aus diesen Strukturen auszubrechen, bleibt häufig alleine zurück.

“In der Provinz zu leben ist wie Warten. Provinz liegt außerhalb der Zeit, nichts ändert sich, alles bleibt gleich und noch dazu im Schatten.”

Der Erzählton des Romans ist fein und geschliffen. Viele der Sätze von Judith Kuckart sind kleine Miniaturkunstwerke, denen jedoch stellenweise die Verbindung miteinander fehlt. Trotz aller Kunstfertigkeit ist die Sprache nicht unbedingt poetisch, sondern unterkühlt und nüchtern. Die Figurenzeichnung bleibt dabei manchmal auf der Strecke, denn trotz des intensiven Blicks, den Judith Kuckart auf ihre Figuren richtet, bleiben mir diese doch seltsam fremd und konturenlos.

Dennoch habe ich den Roman als lesenswert empfunden, denn die sprachlichen Bilder sind ein Lesegenuss und auch die Motive, die Judith Kuckart in ihrem Roman thematisiert, sind eindrucksvoll und es wert, darüber nachzudenken. Judith Kuckart erinnert in diesem Roman weniger an eine Autorin, als an eine Regisseurin, die Szenen erschafft, die kleinen Kunstwerken gleichen, denen jedoch ein verbindendes Element fehlt. “Wünsche” ist ein Roman, der mich zwiespältig zurückgelassen hat. Es ist ein sperriger Roman, aber es lohnt sich, sich mit diesem Text zu beschäftigen.

22 Comments

  • Reply
    Mariki
    June 12, 2013 at 12:37 pm

    Hm, ich habe das Buch auf der Wunschliste, aber nach deiner Rezension bin ich nun eher abgeschreckt. Ich mag es nicht, wenn die Verbindungen fehlen …

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 12, 2013 at 12:42 pm

      Liebe Mariki,
      unser Geschmack unterscheidet sich ja doch manchmal, also würde ich dir nicht unbedingt abraten. 🙂 Mir hat das Buch aber nicht ganz so zugesagt, auch wenn es viele interessante Aspekte hat. Am Ende bleibt vieles dann doch leider “Stückwerk”, ohne verbindende Elemente.
      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Mariki
        June 12, 2013 at 2:58 pm

        Aber siehst du – meistens findest du die Bücher besser als ich, was sagt uns das, wenn du mal nicht so begeistert bist …? 😉

  • Reply
    wildganss
    June 12, 2013 at 12:50 pm

    Mal sehen. Erst mal lese ich die “Quasikristalle”- da gibt es ja nicht unbedingt zwischen allen Kapiteln innige Verbindungen- von dem her gesehen, was ich bis jetzt so weiß.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 13, 2013 at 1:12 pm

      Die “Quasikristalle” stehen hier auch noch, dazu habe ich bereits einige Besprechung gelesen, in denen darauf hingewiesen wurde, dass es sich wohl eher um “Stückwerk” handelt. Bin auf deine Meinung gespannt, auch und vor allem dann, wenn du dich an “Wünsche” noch heranwagen solltest. 🙂

  • Reply
    dasgrauesofa
    June 13, 2013 at 7:59 am

    Liebe Mara,
    so wie Du den Roman bewertest (unterkühlt, nüchtern, Figuren bleiben fremd und kontruenlos) erinnert mich das daran, wie es mir mit meiner Lektüre des letzten Romans von Judith Kuckardt “Die Verdächtige” ergangen ist. Zwar spielte die Geschichte in Schwelm und Wuppertal, ich bin also hoch motiviert daran gegangen, die Schauplätze wiederzufinden, doch hat mich die Geschichte nicht richtig gepackt, was eben auch an der Skizzierung der Figuren lag. Vielleicht ist es einfach der Erzählton, der nicht so recht mitreißt. Vielleicht soll der aber gerade so sein, um die Vereinsamung und Vereinzelung der Menschen auch mit zu transportieren.
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 13, 2013 at 1:10 pm

      Liebe Claudia,
      für mich war “Wünsche” das erste Buch dieser Autorin, einen Vergleich habe ich also leider noch nicht, mit “Die Verdächtige” scheinst du ja aber zumindest ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben, wie ich. Die Motive und einzelne Sätze in “Wünsche” haben mich auch packen und begeistern können, leider haben sie aber nicht als Gesamtgeschichte funktionieren können. Vielleicht liegt dies in der Tat an Judith Kuckarts Erzählton, ich weiß es nicht. Dennoch habe ich “Wünsche” als Roman empfunden, mit dem man sich beschäftigen kann, der Fragen aufwirft, wachrüttelt, aufrüttelt. Eine klare Empfindung dem Roman gegenüber zu haben fällt mir wirklich schwer, er hat mich alles in allem sehr zwiespältig zurückgelassen.
      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        dasgrauesofa
        June 16, 2013 at 4:33 pm

        Trotz Deiner nicht gar so überschwänglichen Besprechung denke ich die letzten tage immer wieder an das Buch. Ich glaube, ich finde das Thema und die verschiedenen Wünsche-Zutaten ganz interessant. Vielleicht landet es ja doch noch auf dem Sofa. Wennes da landen würde, wäre ich ja auch gar nicht erst zu euphorisch.
        Viiele Grüße, Claudia

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          June 17, 2013 at 2:02 pm

          Liebe Claudia,
          oh, ich freue mich sehr, dass du noch Interesse an dem Roman hast, da ich mich sehr über weitere Stimmen dazu freuen würde. Die Gedanken der Personen zu dem Thema “Wünsche”, zum Älterwerden und zum Leben an sich empfand ich auch als sehr lesenswert und interessant und ich wäre gespannt darauf, ob die Gestaltung des Buchs bei dir funktionieren wird.

          Liebe Grüße
          Mara

  • Reply
    Xeniana
    June 15, 2013 at 4:44 pm

    Ich hab das Buch in der Buchhandlung in der Hand gehalten und es auf Grund des von dir beschriebenen unterkühlten Tones doch dagelassen. Das Thema fand ich eigentlich spannend…Viele Grüße Xeniana

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 16, 2013 at 12:54 pm

      Liebe Xeniana,
      ich freue mich sehr über deinen Besuch auf meinem Blog und deinen Kommentar! 🙂 Vom Thema her hat mich der Roman auch sehr angesprochen, es gab auch Dinge, die mir gut gefallen haben, insgesamt hat das Konzept des Romans für mich aber leider nicht funktioniert. Vielleicht solltest du auf das Taschenbuch warten und dann schauen, wie es dir gefällt – wer weiß, vielleicht habe auch ich nur den Ton als etwas unterkühlt empfunden …

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        Xeniana
        June 17, 2013 at 7:19 pm

        Liebe Mara! Betreten habe ich festgestellt, dass ich gar nicht “Hallo” gesagt habe. Auf das Buch zu warten, bis es als Taschenbuch erscheint halte ich für einen guten Tip. Ich hatte es heute noch mal in der Hand, hab mich dann aber für ein anderes entschieden (“Schneckenmühle) . LG Xeniana

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          June 20, 2013 at 1:25 pm

          Liebe Xeniana,

          kein Grund, um betreten zu sein. 😉 Üer deinen Besuch hatte ich mich dennoch gefreut! “Schneckemühle” liegt hier auch noch, bisher aber leider noch ungelesen … da bin ich schpon gespannt, wer von uns biden vorher fertig werden wird. 😉

          • Xeniana
            June 20, 2013 at 5:06 pm

            Ich bin schon fertig:)

  • Reply
    Deutscher Buchpreis 2013 – Longlist | buzzaldrins Bücher
    August 14, 2013 at 9:27 am

    […] Judith Kuckart: Wünsche (DuMont, März 2013) […]

  • Reply
    5 lesen 20 Romane der Longlist – Deutscher Buchpreis 2013 » Atalantes Historien
    August 26, 2013 at 11:56 am

    […] • Judith Kuck­art: Wün­sche (DuMont, März 2013) (Rezen­sion bei Ata­lante, Buz­zal­d­rins) […]

  • Reply
    literaturen
    August 29, 2013 at 12:37 pm

    Mir erging es bei der Lektüre jetzt ganz ähnlich wie dir. Manche Szenen erschlossen sich mir überhaupt nicht – wie diese sehr kurze Frequenz in der Vera und Meret offensichtlich Kindersind und sich von einem älteren Herrn ansehen und bezahlen lassen (??) -, Vera blieb mir völlig fern, Meret in ihrer gänzlich überdrehten Art und Weise auch .. ich sehe die Qualitäten wirklich darin, welche Diskussionen über die verschiedenen Figuren und diese Frage nach einem besseren Leben entstehen können. Kann man einfach verschwinden? Sollte man das? Schlussendlich kehrt Vera zurück, fast ein bisschen demütig, weil ihr Lebenswandel nicht geglückt ist. Bedeutet das, dass man sich mit dem Leben zufrieden geben sollte, das man führt? Dass man womöglich nur sehr kleine Veränderungen daran vornehmen sollte? Mein Eindruck ist jedenfalls, insgesamt betrachtet, deinem sehr ähnlich geraten.

    • Reply
      literaturen
      August 29, 2013 at 12:37 pm

      SEquenz natürlich, nicht Frequenz. Herrje.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      August 30, 2013 at 12:43 pm

      Liebe Sophie,

      auch ich hatte mit diesem Roman zu kämpfen – inhaltlich, wenn man so will vielleicht philosophisch, hat er mich mit seinen Gedanken angesprochen. Die Frage, ob man ein Leben einfach aufgeben und neubeginnen kann, aber auch die Betrachtung eines Lebens in der Provinz, eines Lebens, das festgefahren ist in Strukturen und Beziehungen … eigentlich bewundernswert, dass Vera aus all dem ausbricht, aber dann kehrt sie ja doch zurück. Ein irgendwie, irgendwo berührendes und nachdenklichmachendes Buch, das aber dennoch in der Gesamtbetrachtung für mich nicht so ganz funktioniert, deshalb war ich auch ganz schön überrascht, dass sich genau dieser Titel auf der Longlist wiederfand.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    [5 lesen 20] Judith Kuckart – Wünsche | Literaturen
    August 29, 2013 at 12:40 pm

    […] Eine weitere lesenswerte Rezension findet ihr bei Mara von Buzzaldrins. […]

  • Reply
    literaturundfeuilletonneu
    September 15, 2013 at 5:42 pm

    Hey,
    wir haben heute die Besprechung von Esra Canpalat veröffentlicht, die ein recht deutliches Urteil über den Roman fällt. Bei Interesse also: http://wp.me/p1TmJy-zN “Wir sind hier nicht bei Wünsch-dir-was” und einer sehr ernüchternden Leseerfahrung.

    Liebe Grüße,
    ^nh von literaturundfeuilleton

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 16, 2013 at 10:47 am

      Hallo Nadine,

      mit der Deutlichkeit hinke ich sicherlich etwas hinterher, begeistern konnte mich “Wünsche” aber leider auch nicht so recht – was ich sehr schade finde, da es doch einige gute Ansätze gibt. Aber ein interessantes Thema macht nun leider noch keinen guten Roman.

      Liebe Grüße und danke für den Link-Hinweis
      Mara

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