Wie keiner sonst – Jonas T. Bengtsson

indexJonas T. Bengtsson wurde 1976 geboren und erhielt für seine erste Romanveröffentlichung den Dänischen Debütantenpreis. “Submarino”, sein zweiter Roman, machte ihn auch in Deutschland bekannt und wurde von Thomas Vinterberg verfilmt. Mit “Wie keiner sonst” hat der Kein & Aber Verlag in diesem Frühjahr Bengtssons dritten Roman veröffentlicht.

In “Wie keiner sonst” erzählt Jonas T. Bengtsson eine Geschichte über einen Vater und seinen Sohn. Der Autor fängt in seinem Roman eine Zeitspanne von insgesamt vierzehn Jahren ein: die Geschichte der beiden namenlosen Figuren beginnt 1986, in dem Jahr, als der Politiker Olof Palme ermordet wird, und endet mit dem Beginn des Jahres 2000.

Vater und Sohn führen ein ungewöhnliches Leben, ein außergewöhnliches Leben. Der Sohn ist gerade sechs Jahre alt geworden und es fällt ihm schwer, das gemeinsame Leben mit seinem Vater zu verstehen. Obwohl er so gerne würde, darf er keine Schule besuchen. Seine Mutter ist verschwunden, der Sohn erinnert sich nur noch daran, dass sie schön gewesen ist. Er ist immer wieder dazu gezwungen, umzuziehen – wie zwei Wandervögel ziehen Vater und Sohn umher, nie lange an einem Ort und ohne die Möglichkeit irgendwo heimisch zu werden. Die Lebenssituation erscheint beim Lesen des Romans bedrückend und belastend, aber der Vater bemüht sich, all das Bedrückende wegzulächeln und wegzuzaubern – aus einem ungewöhnlichen Leben zaubert der Vater für seinen Sohn ein Leben, das einem Märchen entsprungen erscheint. Einem Märchen voller Prinzen, Fröschen und den Weißen Männern. Doch es gibt auch Momente, in denen sich der Sohn schrecklich alleine fühlt, in denen er ein normales Leben vermisst und in denen sein Vater in seine eigene Gedankenwelt verschwindet – in eine Welt, die für den Sohn unerreichbar ist.

“Mit festem Griff hält mich mein Vater am Arm. Er blickt stur geradeaus. Zieht mich hinterher. Ich bin eine Tasche. Ein Koffer mit kleinen Rädern. Ich sage ihm, dass es wehtut. Dass er zu schnell läuft, aber der Wind bläst die Worte weg.”

Beide leben in heruntergekommen Absteigen, in Hinterhöfen. Dem Vater gelingt es an jedem neuen Ort irgendwie an Arbeit zu kommen, der Sohn findet nie heraus wie und die Arbeit hat der Vater dann häufig auch schnell wieder verloren. Es ist vor allem das Zeichnen und das Malen, das den Jungen rettet – es gelingt ihm, die Welt, die er nicht verstehen kann, auf Papier zu bannen. Die Welt eines Jungen, der viel zu schnell erwachsen werden musste.

“Ich nickte, hatte mir selbst versprochen, nicht zu weinen. Ich bin sieben Jahre alt, da weint man nicht mehr.”

Vier Jahre lang begleitet der Leser Vater und Sohn durch dieses Leben ohne ein festes Zuhause, ohne Krankenversicherung und ohne Normalität. 1989 kommt es zu einer Eskalation, die sich von Beginn an angedeutet hat – der Vater verstrickt sich immer tiefer in seine wahnhafte Welt und findet immer seltener daraus zurück. Zehn Jahre später setzt der Roman wieder ein und begleitet den Jungen durch sein neues Leben, in dem er sich nun ohne seinen Vater und mit der Last dessen, was ihm in jungen Jahren passiert ist, zurechtfinden muss. Der zweite Teil des Romans wird wie der erste Teil aus der Sicht des Jungen erzählt, der nun langsam erwachsen wird und auf der Suche nach Erklärungen ist für das, was ihm passiert ist.

“Ich weiß nicht genau, was geschehen ist. Die Erklärung, die ich bekam, war lückenhaft und kindgerecht. Der Rest besteht aus Bruchstücken, aus Wörtern, die ich durch den Türspalt aufgeschnappt habe.”

Jonas T. Bengtsson hat mit “Wie keiner sonst” ein wunderbares und lesenswertes Märchen für Erwachsene vorgelegt. Trotz aller Düsternis und Dunkelheit wirkt das Buch nie schwer, sondern wird schon beinahe von einer Leichtigkeit durchzogen, die sicherlich auch im nüchternen Erzählstil begründet liegt. Trotz der nüchterten Sprache, lassen einen die Worte von Jonas T. Bengtsson nicht kalt, ganz im Gegenteil: gerade im ersten Teil des Romans, der aus der kindlichen Perspektive des Sohnes geschildert wird, entfalten die Worte in all ihrer Kühlheit eine unheimlich Sprachkraft und -macht. Insgesamt hat mir der erste Teil des Romans besser gefallen, als der zweite Teil, der vor allem von der Sinn- und Erklärungssuche des mittlerweile älter gewordenen Sohnes geprägt ist.

“Wie keiner sonst” bleibt an vielen Stellen offen, vieles bleibt nur angedeutet, wird aber nicht ausgeführt – der Leser ist gezwungen, sich Erklärungen und Zusammenhänge selber zu erschließen. Der Autor liefert auf die Fragen, die er durch seinen Roman aufwirft, keine Antworten, auch in dieser Hinsicht ähnelt der Roman einem Märchen. Der Autor verweigert seinem Roman ein klassisches Happy End und doch ermöglicht er dem Leser, das Buch mit einem Hoffnungsschimmer zuzuklappen. Es ist die Hoffnung darauf, auch dunkle und düsterne Momente aus eigener Kraft überleben zu können, wenn auch nie ganz unbeschadet. Im Fall des Sohnes ist es die Kunst, die ihn davor rettet, zu verzweifeln.

Jonas T. Bengtsson legt mit “Wie keiner sonst” ein außergewöhnliches Buch vor, das mit vielen herkömmlichen Elementen von Romanen bricht. In knappen Sätzen und einer nüchternen Sprache erzählt der Autor aus der Perspektive eines Kindes von einer innigen Vater-Sohn-Beziehung und von einem Aufwachsen außerhalb der Gesellschaft. “Wie keiner sonst” ist ein Roman, der sich bei mir ins Gedächtnis eingebrannt hat und dessen Geschichte ich so schnell wohl nicht werde abschütteln können. Großartige Literatur eines vielversprechenden Autors!

In der Bücherblogosphäre hat sich der Roman übrigens schon lange herumgesprochen, Rezensionen findet ihr bei der Klappentexterin, im Bücherwurmloch und bei Literaturen.

19 Comments

  • Reply
    Tanja
    June 26, 2013 at 1:50 pm

    “Der Autor verweigert seinem Roman ein klassisches Happy End und doch ermöglicht er dem Leser, das Buch mit einem Hoffnungsschimmer zuzuklappen. Es ist die Hoffnung darauf, auch dunkle und düsterne Momente aus eigener Kraft überleben zu können,…”

    Das hast du schön geschrieben. 🙂 Schöne Rezension!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 28, 2013 at 1:00 pm

      Liebe Tanja,

      ich danke für das Kompliment – bei so einem schönen und berührenden Buch fällt es leicht, auch schöne Worte zu finden. 🙂

  • Reply
    caterina
    June 26, 2013 at 8:09 pm

    … und ich habe mir das Buch nun auch gekauft. Ich ahne, dass wir einen Kandidaten für das “Bloggerbuch des Jahres” gefunden haben ;).

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 28, 2013 at 12:52 pm

      Liebe Caterina,

      oh ja, deine Ahnung kann ich nur bestätigen – aber mal schauen, was da noch so kommen wird, denn das Jahr ist ja noch jung. Ich glaube aber, dass dir das Buch gefallen wird und bin schon sehr auf deine Eindrücke gespannt. 🙂

      • Reply
        caterina
        June 28, 2013 at 1:02 pm

        Na ja, so jung nun auch nicht mehr. Immerhin ist die Hälfte rum und das richtige “Wow!”-Erlebnis war bei mir bisher noch nicht dabei. Kein Buch, das mich mit Wucht umgehauen hat. Ich habe ja (privat) ein 10-Punkte-System. Bislang habe ich ein paarmal die 7 verteilt, nicht einmal eine 8 oder 9, geschweige denn eine 10. Offenbar muss ich meine Lektüren für die zweite Hälfte gezielter auswählen.

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          June 28, 2013 at 1:06 pm

          Liebe Caterina,

          ich finde es spannend, dass du ein Punktesystem verwendest – aber ja nur privat und nicht auf deinem Blog, oder? 🙂 Ich habe mich die letzten Wochen nämlich auch mit dem Gedanken herumgetragen, so etwas wie ein Punktesystem zu verwenden und z.B. fünf Hundepfoten zu vergeben (Bandit ist ja schließlich mein Lesebegleiter). Ich finde die Umsetzung dieses Punktesystems aber ganz schön schwer, da ein Roman wie der von Monika Held (eines der diesjährigen Highlights für mich) meiner Meinung nach in eine ganz andere Kategorie fällt, als beispielsweise der lockerleichte Urlaubsschmöker “Leichtmatrosen”. Da finde ich es dann schwer, beide Bücher in einem solchen System zu bepunkten. Aber ich arbeite noch daran … 😉

          Liebe Grüße und viel Erfolg bei der Suche nach einem Jahreshighlight
          Mara

      • Reply
        caterina
        June 28, 2013 at 7:10 pm

        Genau, ich benutze dieses System nur privat, nicht auf meinem Blog. Dafür ist es mir zu “instabil”. Häufig schaue ich meine Listen durch und korrigiere die Noten, die Leseeindrücke relativieren sich mit der Zeit. Darum möchte ich so etwas auf meinem Blog zunächst nicht einführen, es wäre mir zu definitiv – da sollen lieber meine Worte sprechen.

        Aber das Problem, das du ansprichst, ist mir natürlich nicht unbekannt. Es ist manchmal unheimlich schwer, die Bücher miteinander zu vergleichen, weil sie so unterschiedlich sind und so unterschiedliche Erwartungen erfüllen. Da muss man einfach nach Gefühl gehen. Und wie gesagt: Für mich hat sich die Methode bewährt, nach einiger Zeit die Benotungen noch mal anzuschauen und ggf. nach oben oder unten zu korrigieren.

  • Reply
    Mariki
    June 27, 2013 at 1:00 pm

    Ach, es ist so ein schmerzhaft schönes Buch!
    Danke für die Verlinkung!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 28, 2013 at 12:42 pm

      Gern geschehen … 🙂 Für dich war das Buch ja sogar eines der Highlights dieses Lesejahr, oder? Mir hat es auch ausgesprochen gut gefallen, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass der erste Teil schon besonders heraussticht. “Schmerzhaft schön” ist übrigens wirklich sehr passend. 🙂

      • Reply
        Mariki
        June 30, 2013 at 1:42 pm

        Ja, das ist immer so – wenn das Kind erwachsen wird, geht der Zauber verloren … schade eigentlich. Bisher ist mir noch kein Buch untergekommen, bei dem das nicht der Fall gewesen wäre. Aber für mich war der Roman trotzdem das bisherige Highlight, ja.

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          July 1, 2013 at 2:14 pm

          Liebe Mariki,
          ich habe jetzt gerade in meinem Gedächtnis gekramt, erinnere mich jedoch gar nicht an so viele Bücher, in denen der Protagonist aus der Kindheit heraus in das Erwachsenenleben begleitet wird. Aber ich stimme dir zu, dass der Zauber wahrscheinlich immer ein Stück weit verloren geht bei diesem Prozess. Ich bin übrigens schon sehr gespannt darauf, weitere Romane von Bengtsson zu entdecken – “Submarino” kenne ich z.B. noch gar nicht.

          Liebe Grüße
          Mara

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    June 29, 2013 at 12:00 am

    Hallo Mara,
    das Buch ist bis jetzt irgendwie an mir vorbeigegangen, so wie es aussieht wird es aber wohl jetzt zur Urlaubslektüre…
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 1, 2013 at 2:23 pm

      Lieber Kai,
      eine schöne Entscheidung, hier findet sich eine ganz ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte und ich bin schon gespannt, wie du diese empfindest (vor allem auch das Ende, über das man in Rezensionen ja leider immer nicht ganz so frei sprechen kann).
      Sonnige Grüße aus Bremen
      Mara

  • Reply
    Klappentexterin
    June 29, 2013 at 7:51 am

    Liebe Mara,

    hach, war das schön, das Buch noch einmal bei dir zu erleben! Hab lieben Dank für die Verlinkung! Ich freue mich natürlich ungemein, dass es dir ebenfalls so sehr gefallen hat. Es könnte wahrlich ein “Bloggerbuch des Jahres” werden. Haben wir eigentlich so einen Preis schon einmal gehabt? Wäre ja mal ganz spannend, so etwas einzuführen, verbunden mit einer Nominierungsliste. Was meinst du? Nein, Finger weg, wir haben schon genug zu tun. 😉 Trotzdem spannend wäre es.

    Ganz liebe Grüße,

    Klappentexterin

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 1, 2013 at 2:22 pm

      Liebe Klappentexterin,

      einen solchen Preis hatten wir bisher nur inoffiziell – im letzten Jahr war es wohl die Krawatte, die Bloggerbuch des Jahres geworden ist. Einen offiziellen Preis einzuführen, mit Nominierungsliste und Preisvergabe finde ich natürlich äußerst spannend, aber wahrscheinlich in der Tat sehr zeitaufwendig. Ich habe erst am Wochenende einen Artikel in der Literarischen Welt zum Thema Literaturpreise gelesen – in Deutschland gibt es ja UNZÄHLIGE und sehr viel mehr, als in anderen Ländern. 😉

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    buechermaniac
    July 1, 2013 at 4:46 pm

    Mir hat der Roman sehr gut gefallen und ich habe ihn während der Ferien in Dänemark buchstäblich verschlungen. Mir geht es wie dir: Auch ich fand den ersten Teil um Längen interessanter zu lesen, als den zweiten Teil. Trotzdem kann ich das Buch auch jedem sehr empfehlen, da er wirklich sehr unkonventionell ist. In gewisser Weise erinnert er mich ein wenig an Per Pettersons Roman “Ist schon in Ordnung”.

    LG buechermaniac

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      July 3, 2013 at 11:03 am

      Liebe buechermaniac,

      ich bin erleichtert, dass es dir ähnlich ging damit, dass der erste Teil des Romans schon herausragt. Dennoch geht es mir so wie dir: der Roman bleibt empfehlenswert und eine großartige Lektüre. Ich habe ihn übrigens auch innerhalb kürzester Zeit verschlungen. Ein Dänemark-Urlaub ist bestimmt das richtige Ambiente für diese Lektüre – warst du denn in der Nähe der Schauplätze des Romans? Danke auch für die Erwähnung von Per Petterson und die damit verbundene Erinnerung daran, dass ich von diesem Autor auch schon so lange mal etwas lesen möchte. 😀

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        buechermaniac
        July 5, 2013 at 1:07 pm

        In der Nähe von Kopenhagen waren wir, ja. Auf welcher Insel der Protagonist seine Grossmutter besuchte, das steht im Roman nicht geschrieben. Wir waren eh nur in Regionen, wo man ohne Fähre hinkommt. Und übrigens, Per Petterson wird dir ganz sicher gefallen 🙂

        Schönes Wochenende
        buechermaniac

        • Reply
          buzzaldrinsblog
          July 8, 2013 at 9:26 am

          Liebe buechermaniac,

          von Per Petterson steht sogar schon etwas hier im Regal – bisher aber noch ungelesen. Ich freue mich nun noch mehr auf die Lektüre! 😀

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